Jeden Abend, und manchmal zusätzlich während des Tages, bauen Orang-Utans ein neues Schlafnest – eine stabile Konstruktion aus Ästen, Blättern und sogar „Komfortelementen“ wie einer Art Kissen. Für Jungtiere ist der Nestbau eine zentrale Fähigkeit, die sie über viele Jahre hinweg erlernen müssen. Doch wie genau findet dieses Lernen statt? Eine in der Fachzeitschrift „Communications Biology“ veröffentlichte Studie liefert nun aufschlussreiche Antworten.
Über 17 Jahre hinweg begleiteten die Forschenden 44 Sumatra-Orang-Utans einer Population, die dafür bekannt ist, temporäre soziale Gruppen zu bilden. In diesem Setting konnten sie Jungtiere und ältere Orang-Utans in immer neuen Gruppierungen gemeinsam beobachten und tausende Momente des Nestbaus dokumentieren. Sie hielten fest, wie oft Jungtiere selbst üben und wann und auf welche Weise sie ihren Müttern oder anderen Orang-Utans dabei zusehen.
Wichtige Erkenntnis: Nur wer wirklich zuschaut, lernt
Ein zentrales Element des Lernprozesses, so die Erkenntnis der Forschenden, ist das sogenannte Peering: Damit gemeint ist ein aufmerksames, fokussiertes Beobachten. Junge Orang-Utans übten den Nestbau deutlich häufiger in der Stunde, nachdem sie anderen beim Bauen zugesehen hatten. War ein Jungtier hingegen in der Nähe seiner Mutter, blickte aber nicht gezielt zu ihr hin, zeigte sich dieser Lerneffekt nicht. Das spricht klar für Beobachtungslernen und nicht für bloßes Lernen durch Nähe.
Kluge Orang-Utans: Bei schwierigen Handgriffen steigt die Aufmerksamkeit
Außerdem zeigt die Studie, dass junge Tiere sehr selektiv beobachten. Sie richten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die anspruchsvollsten Teile eines Nestes: den Bau stabiler Nacht-Nester, Konstruktionen aus mehreren Bäumen oder das Hinzufügen von Komfortdetails wie etwa einem Kissen.

Einfache Tag-Nester hingegen lösen deutlich weniger Beobachtungsverhalten aus. Offenbar wollen junge Orang-Utans besonders jene Abläufe verstehen, die aus vielen Schritten bestehen.
Die Orang-Utan-Mutter ist die erste Lehrerin
Mit zunehmendem Alter verändert sich außerdem, von wem sie lernen. Während kleine Orang-Utans fast ausschließlich ihren Müttern zuschauen, wenden sich ältere Jungtiere immer häufiger auch anderen erwachsenen Tieren oder Gleichaltrigen zu. So erweitern sie ihr Repertoire und lernen zusätzliche Techniken und Varianten.
Bemerkenswert ist zudem, dass Orang-Utans nicht nur lernen, wie man ein Nest baut, sondern auch was man dafür benutzt. Die Studie zeigt: Jungtiere wählen anfangs dieselben Baumarten wie ihre Mutter. Sobald sie unabhängiger werden und anderen Individuen zuschauen, verschiebt sich ihre Auswahl. Dann übernehmen sie die Baumarten derjenigen, die sie beobachten. Das spricht für eine soziale Weitergabe von „Know-what“-Informationen, also Wissen über geeignete Materialien.
Nestbau als kulturelle Tradition der Orang-Utans
Im Erwachsenenalter nähern sich die Tiere schließlich wieder den Baumarten an, die sie von ihren Müttern kennen. Gleichzeitig zeigt sich, dass verwandte Weibchen ähnliche Baumarten nutzen – ein Hinweis darauf, dass diese Vorlieben über Generationen weitergegeben werden und Teil einer kulturellen Tradition sein könnten.

Ein spannendes Detail, das auf die hohe Intelligenz und Fähigkeit zu kognitiven Entscheidungen der Primaten hinweist: Bei der Auswahl der Bäume achten Orang-Utans darauf, dass ihre Beschaffenheit für den Nestbau geeignet ist. Dass sie also über gut formbare Zweige und komfortable Blätter verfügen und teilweise sogar pflanzliche Eigenschaften besitzen, die stechende Insekten abwehren. Dabei steht die Wahl des Baumes in keiner Relation dazu, wie häufig diese Baumart im Lebensraum vorkommt. Sie ist also eine bewusst und aufgrund von erworbenem Wissen getroffene Entscheidung.
So versuchen sich in der BOS-Waldschule die jüngsten Waisen am Nestbau
Insgesamt belegt die Studie eindrucksvoll, dass junge Orang-Utans den Nestbau nicht bloß durch Ausprobieren lernen, sondern in hohem Maße durch gezielte Beobachtung. Dabei wählen sie aufmerksam aus, wen sie beobachten, welche Elemente sie studieren und behalten dieses Wissen ein Leben lang. Damit zeigt sich einmal mehr, wie stark Kultur und Lernen auch im Leben unserer nächsten Verwandten verankert sind.
Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Ausbildung geretteter Orang-Utan-Waisen in der Waldschule.
