5. Januar 2026
Orang-Utan in Schlafnest

Aktu­elle Studie: Wie lernen junge Orang-Utans das komplexe Hand­werk des Nestbaus

Jeden Abend, und manchmal zusätz­lich während des Tages, bauen Orang-Utans ein neues Schlaf­nest – eine stabile Konstruk­tion aus Ästen, Blät­tern und sogar „Komfort­ele­menten“ wie einer Art Kissen. Für Jung­tiere ist der Nestbau eine zentrale Fähig­keit, die sie über viele Jahre hinweg erlernen müssen. Doch wie genau findet dieses Lernen statt? Eine in der Fach­zeit­schrift „Commu­ni­ca­tions Biology“ veröf­fent­lichte Studie liefert nun aufschluss­reiche Antworten.

Über 17 Jahre hinweg beglei­teten die Forschenden 44 Sumatra-Orang-Utans einer Popu­la­tion, die dafür bekannt ist, tempo­räre soziale Gruppen zu bilden. In diesem Setting konnten sie Jung­tiere und ältere Orang-Utans in immer neuen Grup­pie­rungen gemeinsam beob­achten und tausende Momente des Nest­baus doku­men­tieren. Sie hielten fest, wie oft Jung­tiere selbst üben und wann und auf welche Weise sie ihren Müttern oder anderen Orang-Utans dabei zusehen.

Wich­tige Erkenntnis: Nur wer wirk­lich zuschaut, lernt

Ein zentrales Element des Lern­pro­zesses, so die Erkenntnis der Forschenden, ist das soge­nannte Peering: Damit gemeint ist ein aufmerk­sames, fokus­siertes Beob­achten. Junge Orang-Utans übten den Nestbau deut­lich häufiger in der Stunde, nachdem sie anderen beim Bauen zuge­sehen hatten. War ein Jung­tier hingegen in der Nähe seiner Mutter, blickte aber nicht gezielt zu ihr hin, zeigte sich dieser Lern­ef­fekt nicht. Das spricht klar für Beob­ach­tungs­lernen und nicht für bloßes Lernen durch Nähe.

Kluge Orang-Utans: Bei schwie­rigen Hand­griffen steigt die Aufmerksamkeit

Außerdem zeigt die Studie, dass junge Tiere sehr selektiv beob­achten. Sie richten ihre Aufmerk­sam­keit vor allem auf die anspruchs­vollsten Teile eines Nestes: den Bau stabiler Nacht-Nester, Konstruk­tionen aus mehreren Bäumen oder das Hinzu­fügen von Komfort­de­tails wie etwa einem Kissen.

Orang-Utan in Schlafnest
Nestbau ist ein über­le­bens­wich­tiges Hand­werk für Orang-Utans 

Einfache Tag-Nester hingegen lösen deut­lich weniger Beob­ach­tungs­ver­halten aus. Offenbar wollen junge Orang-Utans beson­ders jene Abläufe verstehen, die aus vielen Schritten bestehen.

Die Orang-Utan-Mutter ist die erste Lehrerin

Mit zuneh­mendem Alter verän­dert sich außerdem, von wem sie lernen. Während kleine Orang-Utans fast ausschließ­lich ihren Müttern zuschauen, wenden sich ältere Jung­tiere immer häufiger auch anderen erwach­senen Tieren oder Gleich­alt­rigen zu. So erwei­tern sie ihr Reper­toire und lernen zusätz­liche Tech­niken und Varianten.

Bemer­kens­wert ist zudem, dass Orang-Utans nicht nur lernen, wie man ein Nest baut, sondern auch was man dafür benutzt. Die Studie zeigt: Jung­tiere wählen anfangs dieselben Baum­arten wie ihre Mutter. Sobald sie unab­hän­giger werden und anderen Indi­vi­duen zuschauen, verschiebt sich ihre Auswahl. Dann über­nehmen sie die Baum­arten derje­nigen, die sie beob­achten. Das spricht für eine soziale Weiter­gabe von „Know-what“-Informationen, also Wissen über geeig­nete Materialien.

Nestbau als kultu­relle Tradi­tion der Orang-Utans

Im Erwach­se­nen­alter nähern sich die Tiere schließ­lich wieder den Baum­arten an, die sie von ihren Müttern kennen. Gleich­zeitig zeigt sich, dass verwandte Weib­chen ähnliche Baum­arten nutzen – ein Hinweis darauf, dass diese Vorlieben über Gene­ra­tionen weiter­ge­geben werden und Teil einer kultu­rellen Tradi­tion sein könnten.

Orang-Utan-Waisen lernen im BOS-Rettungszentrum den Schlafnestbau
In der BOS-Wald­schule lernen die jungen Orang-Utans den Nestbau von ihren mensch­li­chen Ersatz­müt­tern | Foto: BPI / Björn Vaughn

Ein span­nendes Detail, das auf die hohe Intel­li­genz und Fähig­keit zu kogni­tiven Entschei­dungen der Primaten hinweist: Bei der Auswahl der Bäume achten Orang-Utans darauf, dass ihre Beschaf­fen­heit für den Nestbau geeignet ist. Dass sie also über gut form­bare Zweige und komfor­table Blätter verfügen und teil­weise sogar pflanz­liche Eigen­schaften besitzen, die stechende Insekten abwehren. Dabei steht die Wahl des Baumes in keiner Rela­tion dazu, wie häufig diese Baumart im Lebens­raum vorkommt. Sie ist also eine bewusst und aufgrund von erwor­benem Wissen getrof­fene Entscheidung.

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Mehr Infor­ma­tionen

So versu­chen sich in der BOS-Wald­schule die jüngsten Waisen am Nestbau

Insge­samt belegt die Studie eindrucks­voll, dass junge Orang-Utans den Nestbau nicht bloß durch Auspro­bieren lernen, sondern in hohem Maße durch gezielte Beob­ach­tung. Dabei wählen sie aufmerksam aus, wen sie beob­achten, welche Elemente sie studieren und behalten dieses Wissen ein Leben lang. Damit zeigt sich einmal mehr, wie stark Kultur und Lernen auch im Leben unserer nächsten Verwandten veran­kert sind.

Mit Ihrer Spende unter­stützen Sie die Ausbil­dung geret­teter Orang-Utan-Waisen in der Waldschule.

Quelle: Permana, A.L., Permana, J.J., Nellissen, L. et al. Obser­va­tional social lear­ning of “know-how” and “know-what” in wild oran­gutans: evidence from nest-buil­ding skill acqui­si­tion. Commun Biol 8, 890 (2025).