Über­leben im Wald: Was Menschen von Orang-Utans lernen

Über­leben im Wald: Was Menschen von Orang-Utans lernen

Die DNA von Orang-Utans und uns Menschen stimmt zu 97 Prozent überein. Tatsäch­lich sind uns diese intel­li­genten Tiere in ihrem Verhalten und ihren Bedürf­nissen sehr ähnlich. Nur deswegen ist es über­haupt möglich, dass unsere „Ersatz­mütter“ den kleinen Orang-Utan-Waisen in der Wald­schule alles das beibringen, was sie sonst von ihren Müttern gelernt hätten. Wieviel wir Menschen umge­kehrt von den Orang-Utans lernen können, erleben unsere Moni­to­ring-Teams immer wieder. Zum Beispiel, wie man im Wald überlebt.

Unsere Post-Release-Moni­to­ring-Teams arbeiten tief im Regen­wald, weitab von jegli­cher Zivi­li­sa­tion. Immer wieder müssen Versor­gungs­trupps neben dem benö­tigten Equip­ment auch Nahrungs­mittel in die Camps liefern. In Schlecht­wetter-Zeiten kann es auch mal länger dauern, bis Nach­schub kommt. Frisch gefan­gener Fisch aus den nahe­ge­le­genen Flüssen ergänzt dann den Speiseplan.

Doch der Regen­wald bietet noch so viel mehr an Nahrung – wenn man weiß, was essbar und was giftig ist. Es gibt unzäh­lige Pflanzen und Früchte, die wir Menschen völlig unbe­denk­lich essen können. Wer sich jedoch nicht auskennt, kann nur schwer unter­scheiden, was gut schmeckt und wovon wir besser die Finger lassen. Orang-Utans kennen den Unter­schied sehr genau. Was liegt da näher, als diese Experten bei ihrer Nahrungs­be­schaf­fung zu beob­achten – und von ihnen zu lernen?

Orang-Utans wissen sehr genau, was essbar ist

Kimi ist ein wildes Orang-Utan-Weibchen
Kimi ist ein wildes Orang-Utan-Weibchen

Vor einiger Zeit entdeckte unser Team auf der Insel Juq Kehje Swen Desi und Kimi. Desi lebt seit Sommer 2019 auf der Voraus­wil­de­rungs­insel. Schon kurz nach ihrer Ankunft hatte sie eine neue Freundin gefunden: Kimi, ein wildes Orang-Utan-Weib­chen, das schon länger auf der Insel lebt. Desi, die viele Jahre im Samboja Lestari Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum auf ein Leben in Frei­heit vorbe­reitet wurde, hat ganz andere Gewohn­heiten und Stra­te­gien zur Futter­suche als die wilde Kimi. Diese ist eindeutig vertrauter mit einer größeren Auswahl an natür­li­chen Nahrungs­quellen im Wald. Indem Desi ihre Freundin sehr genau beob­achtet, lernt sie jeden Tag immer mehr Früchte und Pflanzen kennen, die essbar sind. Und auch unsere Teams lernen, denn sie beob­achten und doku­men­tieren die Akti­vi­täten der beiden Menschen­affen sehr genau.

Die gelbe Loa-Frucht (ficus racemose) schmeckt auch Menschen
Die gelbe Loa-Frucht (ficus race­mose) schmeckt auch Menschen

Das Vertrauen in das Wissen der Orang-Utans geht sogar so weit, dass das Team einige der Lieb­lings­früchte der beiden selbst probiert hat: Zum Beispiel Lunuk, oder auch wilde Feige (Ficus sp.), und Loa (Ficus race­mose), die beide auf der Insel Juq Kehje Swen häufig vorkommen. Und tatsäch­lich – die Früchte schme­cken richtig gut! Anderes Obst ist zwar nicht so lecker, aber dennoch gut bekömm­lich. Zum Beispiel die Früchte von Drewak (Microcos sp.) und Lempaung (Baccaurea lanceo­late). Sie hinter­lassen einen sauren Geschmack auf der Zunge, sind aber essbar. Auch einige Blätter und Kräuter, wie die würzigen Zingi­be­r­aceae-Röhren, sind bei Orang-Utans sehr beliebt und schme­cken auch den Menschen.

Um eine andere Frucht, die als mondo­kaki oder bongang (Taber­na­e­mon­tana macro­carpa) bekannt ist, haben die beiden Orang-Utan-Weib­chen einen weiten Bogen gemacht. Unser Team nahm das als deut­li­chen Hinweis und hat diese roten Früchte nicht einmal ange­fasst. Und tatsäch­lich: Offenbar wird diese Pflanze in einigen Formen als Medizin verwendet aber dient in anderer Form als Pfeil­gift. Also Hände weg!

Achtung gifitg! Die Tabernaemontana macrocarpa
Achtung giftig! Die Taber­na­e­mon­tana macrocarpa

Wir können viel von Orang-Utans lernen

Der tropi­sche Regen­wald, mit seiner unvor­stell­baren Viel­falt an Pflanzen, bietet noch sehr viel mehr. Wussten Sie, dass mehr als die Hälfte aller Wirk­stoffe aus der modernen Medizin von tropi­schen Pflanzen stammen? Der Regen­wald ist eine wahre Apotheke – wenn man weiß, welche Pflanzen heilen und welche giftig sind. Beide Sorten sind reich­lich vorhanden. So gibt es beispiels­weise Blätter gegen Fieber (Durian), Verstop­fung (Papaya) oder Entzün­dungen (Dracaena cant­leyi). Die Orang-Utans machen sich diese Heil­kraft der Pflanzen zunutze. So wurden sie dabei beob­achtet, wie sie die Blätter der Dracaena cant­leyi zerkauten und sich anschlie­ßend den entzün­dungs­hem­menden Spei­chel-Pflanzen-Mix auf ihre Glied­maßen schmierten.

Durch die Beob­ach­tung der Orang-Utans lernen unsere Teams, wie sie im Fall der Fälle im Regen­wald über­leben können. 

Manche Früchte wachsen hoch im Baum
Manche Früchte wachsen hoch im Baum

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Lektion gelernt – Beni musste richtig einstecken

Lektion gelernt – Beni musste richtig einstecken

Char­meur und Bana­nen­lieb­haber Beni hat eine schmerz­hafte, aber wich­tige Lektion gelernt. Im Kampf mit einem anderen Männ­chen zog er eindeutig den Kürzeren und handelte sich ein paar tiefe Wunden im Gesicht ein. Die Verlet­zungen mussten genäht und mehrere Wochen versorgt werden! Mitt­ler­weile ist der TV-Lieb­ling (Oran­gutan Jungle School) wieder gesund und munter zurück auf seiner Insel. Nur ein paar Narben erin­nern noch an den Zwischen­fall. Aber der Reihe nach…

Der Schock war groß

An einem Tag im Dezember kam unser Team wie üblich zur Futter­stelle auf der Voraus­wil­de­rungs­insel Badak Besar im Salat Island Cluster, um Obst und andere Lecke­reien abzu­legen. Nach und nach erschienen viele der Insel­be­wohner, als sie das Geräusch des ankom­menden Boots­mo­tors hörten. Cinta, Meryl und die anderen versam­melten sich an der Platt­form — und dann tauchte auch Beni auf. Er tat so, als sei nichts passiert und wartete geduldig auf sein Essen. Dann sah das Team die Verlet­zungen in seinem Gesicht!

Offenbar war das junge Männ­chen in einen Kampf verwi­ckelt gewesen – und den hatte es eindeutig verloren! Beni hatte kleine Schürf­wunden, eine tiefe Wunde über dem Stirn­kamm und seine Ober­lippe war aufge­rissen. Bei näherer Betrach­tung stellte sich heraus, dass es Biss­wunden waren. Offenbar hatte Beni eine hand­feste Ausein­an­der­set­zung gehabt, aus der er eindeutig als Verlierer hervor­ge­gangen ist. Ein Verdäch­tiger war bald benannt: Petruk.

Wenn aus Freunden Rivalen werden

Das elfjäh­rige Männ­chen Petruk war ein halbes Jahr vor Beni auf die Voraus­wil­de­rungs­insel umge­zogen und lebt jetzt auf der anderen Seite. Die Insel­hälften sind durch einen tiefen Wasser­graben getrennt, so dass es keine Über­schnei­dung der Terri­to­rien gibt. Doch ange­schwemmter Schlamm hatte dafür gesorgt, dass der Graben nicht mehr genug Wasser führte, und auch von einem wasser­scheuen Orang-Utan über­quert werden konnte. 
 
Offen­kundig war Beni in das Revier von Petruk einge­drungen; viel­leicht auf der Suche nach Futter. Die beiden Tiere kannten sich noch aus der Wald­schule, doch da war Petruk noch kein ausge­wach­senes Männ­chen. Und Beni noch kein ernst­zu­neh­mender Rivale. In der Zwischen­zeit hatte Petruk die typi­schen Backen­wülste ausge­bildet und ist somit sichtbar rang­höher als der acht­jäh­rige Beni. Das Versor­gungs­team vermu­tete, dass die beiden Männ­chen sich dann in der Ausein­an­der­set­zung um Futter mächtig in die Haare bekommen haben.

Zu lernen, wie man sich in der sozialen Hier­ar­chie zurecht­findet, ist eine wich­tige Lektion für jeden jungen Orang-Utan. In diesem Fall traf Beni die falsche Entscheidung.

In der Wald­uni­ver­sität sind die Tiere auf sich allein gestellt

Beni im Banenenparadies
Beni im Banenenparadies

Als Beni noch im Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum lebte, fiel er vor allem durch seinen großen Appetit auf. Bananen haben es ihm angetan; am liebsten ganz viele davon. Doch nach fünf Jahren Wald­schule war es für Beni dann an der Zeit, die Annehm­lich­keiten und die Full-Service-Betreuung des Zentrums hinter sich zu lassen. Mitte November wurden er und sieben weitere Orang-Utans auf die Voraus­wil­de­rungs­insel im Salat Island Cluster in Zentral-Kali­mantan gebracht.

Das Moni­to­ring-Team kommt regel­mäßig vorbei, um Futter zu bringen und die Wald­stu­denten zu beob­achten. Die Tiere lebten sich in ihrem neuen Zuhause schnell ein und setzten alles, was sie in der Wald­schule gelernt hatten, in die Tat um. So soll es sein. Doch das Leben auf den Inseln stellt die Orang-Utans auch vor neue Heraus­for­de­rungen: In der Wald­schule werden Gefah­ren­si­tua­tionen gezielt insze­niert, damit die kleinen Orang-Utans lernen, ohne dass sie dabei zu Schaden kommen. Dabei passen die Baby­sit­te­rinnen und Pfleger genau auf und schlichten auch ernst­hafte Konflikte zwischen den Gleich­alt­rigen. So verhin­dern sie Schlimmeres.

Orang-Utans müssen lernen, Konflikte auszutragen

Auf den Voraus­wil­de­rungs­in­seln geht niemand mehr dazwi­schen, wenn es zu einer hand­festen Ausein­an­der­set­zung kommt. Hier lernen die Tiere die harten Lektionen, bevor sie in die unbarm­her­zigen, wilden Wälder Borneos entlassen werden. Manche Lektionen können sehr schmerz­haft sein. So wie jetzt bei Beni. Aber dafür ist die Zeit an der Wald­uni­ver­sität ja da, damit die Orang-Utans weiter lernen und unsere Teams ihnen wieder auf die Beine helfen können, wenn es wirk­lich hart auf hart kommt. So wie an diesem Tag im Dezember, als Beni verletzt an der Futter­sta­tion aufge­taucht war.

Benis Wunden mussten behan­delt werden

Obwohl sich Beni nichts anmerken ließ, entschied das Team, ihn medi­zi­nisch unter­su­chen zu lassen. Unter­stützt von Dr. Greggy Harry Poetra, einem Tier­arzt aus Nyaru Menteng, brachten sie Beni in einen provi­so­ri­schen Behand­lungs­kom­plex in der Nähe der Inseln. Die Haut über der linken Augen­braue war aufge­platzt und die Ober­lippe einge­rissen. Obwohl der Riss sehr lang und breit war, blieb das Muskel­ge­webe glück­li­cher­weise unver­letzt. Auch die Blut­ge­fäße waren unver­sehrt, so dass der Tier­arzt ausschließen konnte, dass Benis Leben in Gefahr war. Doch die Wunde musste unbe­dingt behan­delt werden, um eine Infek­tion zu verhindern.

Beni wurde betäubt, um die Wunden zu nähen
Beni wurde betäubt, um die Wunden zu nähen

Und so wurden die Verlet­zungen genäht, Salbe aufge­tragen und Beni bekam eine Woche lang entzün­dungs­hem­mende Medi­ka­mente und Anti­bio­tika. Obwohl er jung und gesund ist, waren diese zusätz­li­chen Maßnahmen notwendig. Der verspielte und neugie­rige Beni konnte dem Drang nicht wider­stehen, an seinen Nähten zu kratzen und zu picken. Das Tier­ärz­te­team musste ihn sogar ein zweites Mal nähen, als er die Nähte erfolg­reich wieder geöffnet hatte!

Während seiner Gene­sung blieb Beni im Käfig und bekam eine eiweiß- und vitamin­reiche Ernäh­rung: Tempeh, Milch, Eier, Obst und natür­lich Bananen. Da Beni die ganze Zeit in dem provi­so­ri­schen Käfig blieb, konnte er sich nicht ausrei­chend bewegen. Das führte dazu, dass er mal wieder etwas an Gewicht zulegte. Doch Tier­arzt Greggy blieb ganz entspannt: “Für diese Situa­tion ist das völlig normal. Sobald er wieder in den Bäumen unter­wegs ist, regu­liert sich sein Gewicht von ganz allein.“

Jetzt lässt Beni es sich wieder schmecken
Jetzt lässt Beni es sich wieder schmecken

Nach etwa drei Wochen waren Benis Wunden voll­ständig verheilt. Nur ein paar Narben erin­nern jetzt noch an die für ihn wich­tige Lektion. Ende Januar brachte unser Team ihn dann zurück auf seine Insel.  Wir sind froh, dass Beni so tapfer lernt und es ihm wieder gut geht.

Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Beni unter­stützen. Jeder Beitrag hilft.

 

 

Quo Vadis? Ein Ausblick auf die Regen­wälder im Jahr 2022

Quo Vadis? Ein Ausblick auf die Regen­wälder im Jahr 2022

Die Abhol­zung im Amazo­nas­ge­biet ist auf dem höchsten Niveau seit 2015. Rohstoff­preise schnellen in die Höhe und bieten einen verhee­renden Anreiz für den Anbau von Palmöl. Die Ambi­tionen von US-Präsi­dent Joe Biden für eine andere Klima­po­litik drohen an der ameri­ka­ni­schen Realität zu schei­tern. Gleich­zeitig wächst der Druck auf Politik und Wirt­schaft, die tropi­schen Wälder dieser Erde als „grüne Lunge“ zu erhalten. Dabei wird auf „natur­ba­sierte Lösungen“ wie Natur­schutz und Wieder­auf­fors­tung gesetzt. Das zurück­lie­gende Jahr könnte sich als schick­sal­haft für die tropi­schen Regen­wälder der Welt erweisen. Wir wagen einen Rück- und Ausblick.

Hat COVID zu einer Atem­pause für die Wälder geführt?

Manche hatten gehofft, dass die Covid-Pandemie der wirt­schaft­li­chen Ausbeute der Natur eine Atem­pause verschafft. Doch es ist zu befürchten, dass genau das Gegen­teil der Fall ist: Damit die Wirt­schaft während der Pandemie nicht komplett zum Erliegen kommt, wurden beispiels­weise in Ländern wie Indo­ne­sien und Brasi­lien die Umwelt­auf­lagen gelo­ckert, um die Agrar­in­dus­trie zu fördern. Welche Auswir­kungen das mittel­fristig auf die Wälder hat, wird sich noch zeigen.

Die Pflanzenwelt in den tropischen Regenwäldern ist einzigartig
Die Pflan­zen­welt in den tropi­schen Regen­wäl­dern ist einzigartig

Rohstoff­preise entscheiden über die Nutzung von Waldflächen

Die Rohstoff­preise sind seit ihrem Tief­punkt während der ersten Welle der Pandemie im März 2020 stark ange­stiegen. Ende 2021 lag der Preis für Palmöl 109 % über dem Niveau von April 2020, für Soja­bohnen 53 %, für Kautschuk 44 % und für Rind­fleisch 34 %. Stei­gende Rohstoff­preise sind oft der Anreiz dafür, Wälder zu roden und auf den Flächen Nutz­pflanzen anzu­bauen. Es ist zu befürchten, dass dies zu groß­flä­chigen Abhol­zungen führen wird, um beispiels­weise indus­tri­elle Baum­plan­tagen und neue Infra­struk­tur­pro­jekte zu fördern. Manche Regie­rungen, die im letzten Jahr unter gerin­geren Einnahmen und höheren Ausgaben gelitten haben, werden daran inter­es­siert sein, die Produk­tion von export­ori­en­tierten Rohstoffen anzukurbeln.

Drama­ti­sche Abhol­zung im Amazonasgebiet

Brasi­liens Regie­rungs­chef Jair Bolso­naro treibt den Kahl­schlag des Regen­waldes weiter voran. Dafür stellt er sich gegen Umweltschützer:innen, indi­gene Völker und Wissenschaftler:innen. Gesetze, die die Umwelt schützen, werden aufge­weicht und durch solche ersetzt, die die Abhol­zung von Wäldern aktiv fördern. Bolso­naros Regie­rungs­zeit ist geprägt von der konse­quenten und drama­ti­schen Abhol­zung des Regen­waldes im Amazonasgebiet.

Die Regenwälder werden für wirtschaftliche Interessen abgeholzt
Die Regen­wälder werden für wirt­schaft­liche Inter­essen abgeholzt

Im Herbst dieses Jahres wird in Brasi­lien eine neue Regie­rung gewählt. Doch was ist zu erwarten, wenn Bolso­naro dabei nicht als Gewinner hervor­geht? Sein Gegen­kan­didat könnte Luiz Inácio Lula da Silva sein, der in seiner ersten Amts­zeit Anfang der 2000er Jahre extrem hohe Abhol­zungs­raten zu verant­worten hatte. Im Jahr 2004 setzte er dann Reformen in Kraft, die zu einem histo­ri­schen Rück­gang der Abhol­zung bis 2012 beitrugen.
2022 steht eine weitere wich­tige Entschei­dung an, sofern der Oberste Gerichtshof Brasi­liens diesen Fall wieder aufnimmt: die Anhö­rung im Fall „Marco Temporal“. Danach dürfen indi­gene Völker ein Gebiet für sich bean­spru­chen, wenn sie beweisen können, dass sie vor Inkraft­treten der brasi­lia­ni­schen Verfas­sung bereits dort gelebt haben. Eine wegwei­sende Entschei­dung über Land­rechte und für die Zukunft der indi­genen Völker Brasiliens.

Indo­ne­sien zwischen wirt­schaft­li­chen Inter­essen und indi­genen Landrechten

Die Entwal­dung in Indo­ne­sien geht seit 2016 leicht zurück. Doch es ist wahr­schein­lich, dass sich dieser Trend im Jahr 2022 umkehrt. Grund dafür sind einige Entschei­dungen der indo­ne­si­schen Regie­rung. So ist im vergan­genen September das Mora­to­rium ausge­laufen, das die Vergabe neuer Palm­öl­kon­zes­sionen regle­men­tiert hatte. Es sollte dem Regen­wald eine Art Atem­pause verschaffen, um den gesamten Markt zu evalu­ieren und neue Bedin­gungen für den Anbau von Palmöl zu defi­nieren. Mit Ablauf des Mora­to­riums endete auch die Atem­pause. Gleich­zeitig förderte die Regie­rung Maßnahmen, die die Nach­frage nach Biokraft­stoffen und land­wirt­schaft­li­chen Flächen erhöht haben. So hat die indo­ne­si­sche Regie­rung die Beimi­schung von Biodiesel zu fossilem Diesel deut­lich ange­hoben. Dadurch soll die Abhän­gig­keit von Rohöl­im­porten verrin­gert und die wegbre­chende Nach­frage nach Palmöl aus Europa kompen­siert werden. Denn die Förde­rung von Biodiesel aus Palmöl läuft hier bis 2030 aus.

Orang-Utans gehören zu den Leidtragenden, wenn der Regenwald verschwindet
Orang-Utans gehören zu den Leid­tra­genden, wenn der Regen­wald verschwindet

Der Verlust von Regen­wald durch Brände ist in Indo­ne­sien grund­sätz­lich ein immer wieder­keh­rendes großes Problem. Aufgrund der fort­schrei­tenden Degra­die­rung von Torf­ge­bieten und Tief­land­wäl­dern besteht in Indo­ne­sien immer die Gefahr von Feuern. Die Wahr­schein­lich­keit für kata­stro­phale Brände ist in El-Niño-Jahren am größten. Derzeit rechnet die National Oceanic and Atmo­s­pheric Admi­nis­tra­tion (NOAA) aller­dings nicht mit einer Rück­kehr von El Niño im Jahr 2022.

Auch auf dem indo­ne­si­schen Teil der Insel Neuguinea werden wich­tige Weichen gestellt: Die Zentral­re­gie­rung hat für Papua und West-Papua Pläne zum Ausbau von Straßen, Minen und indus­tri­eller Land­wirt­schaft voran­ge­trieben. Doch auf Ebene der Provinz­re­gie­rungen gab es Wider­stand gegen diese Pläne — und damit gegen die Palm­öl­in­dus­trie. So bewirkten eine Reihe von Gerichts­ur­teilen, dass lokale Gemeinden ihr zuvor enteig­netes Land zurück­er­hielten. Es ist zu erwarten, dass die Gemeinden in Papua — und in ganz Indo­ne­sien — weiterhin darauf drängen werden, dass ihre Land­rechte von der Regie­rung offi­ziell aner­kannt werden.

Das größte Bauvor­haben ist jedoch zwei­fels­frei der Umzug der Haupt­stadt Indo­ne­siens auf die Insel Borneo. Nusantra soll die neue Haupt­stadt heißen. Hinter­grund des Umzugs ist, dass die aktu­elle Haupt­stadt Jakarta langsam im Meer versinkt. Rund 35 Millionen Menschen leben in der Metro­pol­re­gion, Staus, Smog sind an der Tages­ord­nung. Und weil Jakarta fast zur Hälfte unterm Meeres­spiegel-Niveau liegt, kommt es immer wieder zu Über­schwem­mungen. Mit dem Umzug nach Borneo müssten rund 6000 Hektar Wald gerodet werden.

17 Prozent aller Vogelarten weltweit leben in Indonesien
17 Prozent aller Vogel­arten welt­weit leben in Indonesien

Wie geht es weiter mit den Verpflich­tungen aus 2021?

Im Jahr 2021 gab es zum Beispiel beim Glas­gower Klima­gipfel (COP26) viel­ver­spre­chende Zusagen in Bezug auf die Wälder. Darunter auch die Zusage, mehr Geld für den Schutz und die Wieder­her­stel­lung der Wälder bereit­zu­stellen. Aller­dings sind solche Verspre­chen in der Vergan­gen­heit immer wieder geschei­tert, wie zum Beispiel die New Yorker Erklä­rung zu den Wäldern aus dem Jahr 2014. Zu einer nennens­werten Redu­zie­rung der Abhol­zung konnte sie nicht beitragen. Wird es dieses Mal anders sein? Zweifel ist berech­tigt. So hat beispiels­weise Indo­ne­sien, das ein Drittel der welt­weiten Regen­wälder beher­bergt, auf dem Klima­gipfel die Verein­ba­rung unter­zeich­netet, die Entwal­dung bis 2030 zu beenden. Doch schon wenige Tage später machte die indo­ne­si­sche Regie­rung einen Rück­zieher und stellte klar, dass die eigene Inter­pre­ta­tion der Zusage weniger absolut sei als „die voll­stän­dige Been­di­gung der Abholzung“.

Diese Verpflich­tungen stehen jetzt im Fokus:

  • Fast 14 Tage lang haben 141 Staaten bei der COP26 um neue Ziele im Kampf gegen die Klima­krise gerungen. Am Ende stand ein Klima­paket, das die Staaten zu deut­lich mehr Ehrgeiz verpflichtet, das 1,5‑Grad-Ziel zu errei­chen. Ein zentraler Aspekt der Verpflich­tung sieht vor, die Zerstö­rung von Wald­ge­bieten zu stoppen. Doch was heißt das genau? Welche Art von Folge­maß­nahmen werden wir im Jahr 2022 tatsäch­lich sehen?
     
  • In der Erklä­rung der Staats- und Regie­rungs­chefs haben sich die Länder zum Schutz und zur Wieder­her­stel­lung von Wäldern und anderen Ökosys­temen verpflichtet. Diese Länder machen mehr als 90 % der welt­weiten Wald­fläche aus. Sie tragen eine große Verant­wor­tung. Wird die Erklä­rung von Glasgow, die recht­lich nicht bindend ist, genauso wenig bewirken wir die New Yorker Erklä­rung? Oder wird es doch sinn­volle Fort­schritte geben?
     
  • Auf der COP26 sagten Geber aus dem privaten und öffent­li­chen Sektor finan­zi­elle Unter­stüt­zung von rund 19,2 Milli­arden Dollar für indi­gene Land­be­sitz- und Wald­be­wirt­schaf­tung zu. Ein Teil davon – 1,7 Milli­arden Dollar – fließen in Bemü­hungen, den Wald­ver­lust umzu­kehren. Einige der indi­genen Führer sind jedoch skep­tisch, wie sich dies auswirken wird. Die meisten früheren Finanz­hilfen gingen nicht an indi­gene Orga­ni­sa­tionen und Gemein­schaften, sondern an zwischen­ge­schal­tete Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen, Regie­rungs­be­hörden und regio­nale Banken. Das minderte die Effi­zienz der Gelder erheb­lich. Auch fehlt es an Trans­pa­renz und der Möglich­keit nach­zu­ver­folgen, was genau mit dem Geld passiert. Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und Jour­na­listen werden sehr genau im Auge behalten, ob das Geld bewegt wird und wohin es fließt. Regie­rungen müssen wissen, dass es eine wach­sende Bewe­gung von Gemein­schaften, Orga­ni­sa­tionen und Akti­visten an vorderster Front für Klima­ge­rech­tig­keit gibt.
     
  • Verschie­dene Konsum­gü­ter­un­ter­nehmen, Super­märkte, Banken und Fonds­ma­nager haben sich verpflichtet, die Entwal­dung in ihren Liefer­ketten und bei ihren Inves­ti­tionen zu berücksichtigen.
Entlang von Flussläufen leben viele Tiere
Entlang von Fluss­läufen leben viele Tiere

Über­ein­kommen über die biolo­gi­sche Vielfalt

Nach mehr­fa­cher Verschie­bung soll die 15. Konfe­renz zur „UN-Konven­tion über die biolo­gi­sche Viel­falt“ (CBD) nun vom 25. April bis 8. Mai 2022 im chine­si­schen Kunming statt­finden. Die Konfe­renzen gehen zurück auf einen völker­recht­li­chen Vertrag von 1992, der regelt, wie die Staaten die biolo­gi­sche Viel­falt unserer Erde erhalten können. Um konkrete Stra­te­gien dafür zu entwi­ckeln, treffen sich die Unter­zeichner der Konven­tion regel­mäßig auf einer Confe­rence of the Parties (COP).

Für die Konfe­renz in diesem Früh­jahr wird erwartet, dass die Vertre­te­rinnen und Vertreter der teil­neh­menden Staaten ein globales Rahmen­werk für die biolo­gi­sche Viel­falt entwerfen und verab­schieden. Dieses Abkommen könnte erheb­liche Auswir­kungen auf die welt­weiten Hotspots der biolo­gi­schen Viel­falt, einschließ­lich der tropi­schen Wälder, haben. Eine wich­tige Rolle wird dabei auch das „30x30“-Konzept spielen: Es sieht vor, dass bis zum Jahr 2030 mindes­tens 30 % der Erde zu Natur­schutz­ge­bieten erklärt werden.

Die giftige "Bornean Keeled Pit Viper"
Die giftige “Bornean Keeled Pit Viper”

Die Ökosys­tem­leis­tungen der Wälder nehmen ab

Jähr­lich erho­bene Daten belegen, dass die Tropen­wälder durch Abhol­zung, Degra­die­rung und Frag­men­tie­rung sowie zuneh­mende Dürren und Brände ihre Fähig­keit verlieren, Kohlen­stoff zu binden. Auch gibt es mehr Anzei­chen für ökolo­gi­sche Verän­de­rungen in den Wäldern — zum Beispiel wandern Arten, die für trocke­nere Über­gangs­wälder charak­te­ris­tisch sind, in tradi­tio­nell tropi­sche Wald­le­bens­räume im südli­chen Amazo­nas­ge­biet ein. Wir können davon ausgehen, dass im Jahr 2022 weitere Forschungs­er­geb­nisse veröf­fent­licht werden, die diese Trends weiter dokumentieren.

Das Torfmoor von Mawas von oben
Das Torf­moor von Mawas von oben

Muss U.S.-Regierung von Klima­zielen abrücken?

Bei den nächsten Zwischen­wahlen in den USA wird erwartet, dass die Repu­bli­kaner mindes­tens eine Kammer des US-Kongresses wieder besetzen. Das könnte die Ambi­tionen der Regie­rung Biden, den Klima­wandel zu bekämpfen und Umwelt­in­itia­tiven im Ausland zu unter­stützen, zunich­te­ma­chen. In der Vergan­gen­heit war der Umwelt­schutz manchmal ein partei­über­grei­fendes Thema, das trotz der Blockade in anderen Berei­chen voran­ge­trieben werden konnte. Aber im gegen­wär­tigen poli­ti­schen Klima in den Verei­nigten Staaten ist die partei­über­grei­fende Zusam­men­ar­beit nicht mehr gefragt.

Kohlen­stoff­märkte zwischen Netto-Null und Kompensation

Um den Klima­wandel zu stoppen und die globalen Tempe­ra­turen zu stabi­li­sieren, müssen die Netto­emis­sionen welt­weit auf Null redu­ziert werden. Im Rahmen des Pariser Abkom­mens haben sich Regie­rungen auf der ganzen Welt darauf geei­nigt, dass sie anstreben, bis 2050 Netto-Null-Emis­sionen zu errei­chen. Heißt: ein Gleich­ge­wicht zwischen der Menge der produ­zierten und der der Atmo­sphäre entzo­genen Emis­sionen zu errei­chen. Dabei lässt das „Netto-Null“-Konzept zu, dass einige Emis­sionen über Null liegen, solange sie an anderer Stelle ausge­gli­chen werden. Es gilt, was unterm Strich dabei rauskommt.

Was Konzerne und große Natur­schutz­un­ter­nehmen „natur­ba­sierte Lösungen“ nennen, ist jedoch in der Realität eher ein bein­hartes Geschäfts­mo­dell als ein sinn­voller Beitrag zum Klima­schutz. Die vermeint­li­chen Lösungen nutzen Lebens­räume von indi­genen Völkern, Bauern und anderen wald­ab­hän­gigen Gemein­schaften für den Ausgleich von Umwelt­ver­schmut­zungen durch Konzerne. Die Inter­essen der Unter­nehmen führen immer wieder zu Enteig­nungen derer, denen das Land gehörte. Ein lukra­tives Geschäft.

Der Regenwald wird wirtschaftlich ausgebeutet
Der Regen­wald wird wirt­schaft­lich ausgebeutet

Dennoch: Das Abkommen hat zu einer Welle von Netto-Null-Verpflich­tungen geführt. Sie haben den Preis für Emis­si­ons­gut­schriften auf den höchsten Stand seit Jahren getrieben und dem Markt für natur­schutz­be­zo­gene Emis­si­ons­gut­schriften neues Leben einge­haucht. Wenn sich dieser Trend fort­setzt, könnte er einen starken wirt­schaft­li­chen Anreiz für Natur­schutz­pro­jekte und Geschäfts­mo­delle bieten, die auf dem Verkauf von Kompen­sa­tionen basieren.

Doch das Konzept des Kohlen­stoff­aus­gleichs sieht sich erheb­li­chem Gegen­wind durch eine wach­sende Zahl von Kriti­kern ausge­setzt. Sie argu­men­tieren, dass der Ansatz nicht genug dazu beiträgt, die übli­chen Geschäfts­prak­tiken zu ändern. Die Debatte über Kompen­sa­tionen wird uns in der nächsten Zeit noch beschäftigen.

Wieder­her­stel­lung von Ökosystemen

Im Juni 2021 riefen das Umwelt­pro­gramm der Vereinten Nationen (UNEP) und die Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­tion (FAO) die UN-Dekade zur Wieder­her­stel­lung von Ökosys­temen aus. Ziel: In den nächsten zehn Jahren mindes­tens eine Milli­arde Hektar geschä­digter Flächen wieder­her­zu­stellen. Der Zeit­punkt war günstig: Das Inter­esse an der Anpflan­zung von Bäumen, der Ökosystem-Wieder­her­stel­lung und der Wieder­be­wal­dung hat in den letzten Jahren stark zuge­nommen. Wenn die Kohlen­stoff­märkte weiterhin in Schwung bleiben (siehe vorhe­rigen Punkt), könnten sie diesen Bemü­hungen in naher Zukunft Auftrieb geben.

Der seltene Nashornvogel lebt u.a. auf Borneo
Der seltene Nashorn­vogel lebt u.a. auf Borneo

Auffors­tungs­pro­jekte von BOS

Mit unseren Auffors­tungs- und Rena­tu­rie­rungs­pro­jekten in Mawas oder der Umwand­lung von Ölpal­men­plan­tagen in Sabah hin zu einem Wild­tier­kor­ridor leistet BOS einen wich­tigen Beitrag im Kampf gegen den Klima­wandel. Machen Sie mit!

BOS baut Staudämme zur Wiedervernässung der Moore
BOS baut Stau­dämme zur Wieder­ver­näs­sung der Moore

 

Quelle: https://news.mongabay.com/2022/01/rainforests-in-2022-a-look-at-the-year-ahead/

Oran­gutan Jungle School — Folge 17

Herz­er­wär­mende Geschichten aus der größten Auffang­sta­tion für Orang-Utans der Welt: Hier tun die Tier­pfleger alles, um die geret­teten jungen Affen auf das Leben in der Wildnis vorzubereiten. 

Wieder­ho­lung:

18.3.2022 — 6:10 Uhr und 14:25 Uhr

Oran­gutan Jungle School — Folge 16

Herz­er­wär­mende Geschichten aus der größten Auffang­sta­tion für Orang-Utans der Welt: Hier tun die Tier­pfleger alles, um die geret­teten jungen Affen auf das Leben in der Wildnis vorzubereiten.

Wieder­ho­lung:

17.3.2022 — 6:10 Uhr und 14:25 Uhr