Der Fund muss ihm einen großen Schrecken eingejagt haben. Doch Mr. Pandi aus der Ortschaft Lebakhulak in Ost-Kalimantan zögerte keine Sekunde, um Hilfe für das schwer verletzte Malaienbären-Weibchen zu holen. Die Bärin war in eine Schlingfalle geraten. Und was sie durchlebt haben muss, lässt sich nur erahnen. Die Spuren an ihrem Körper erzählten jedenfalls eine grausame Geschichte – und sie zeigten deutlich, welchen Gefahren Malaienbären in ihrem Lebensraum Regenwald ausgesetzt sind.
Es war Ende März 2026, als Mitarbeitende der Naturschutzbehörde BKSDA durch den Dorfbewohner alarmiert und zur Hilfe gerufen wurden. Als sie vor Ort eintrafen, fanden sie ein ausgewachsenes Malaienbären-Weibchen in äußerst kritischem Zustand vor.
Rettung eines verletzten Malaienbären auf Borneo
Das Tier war so geschwächt, dass es sich kaum noch bewegen konnte. Verletzungen an der Schulter und bereits verschorfte Wunden am Vorderbein deuteten darauf hin, dass sie schon vor einiger Zeit in die Falle geraten sein musste. Zudem waren drei Zehen ihres rechten Vorderfußes ausgekugelt, vermutlich beim verzweifelten Versuch, sich zu befreien.
Die verletzte Pfote der geretteten Malaienbärin
Nach einer ersten Versorgung mit Honig und Zuckerwasser wurde die Bärin tierärztlich untersucht und stabilisiert. Den Ersthelfern war klar: Sie brauchte intensive medizinische Betreuung. Die Behörden informierten daher unser Malaienbären-Team im BOS-Rettungszentrum Samboja Lestari und brachten die verletzte Bärin zu uns.
Die Malaienbärin bei ihrer Ankunft im BOS-Rettungszentrum Samboja Lestari. Jetzt ist sie in Sicherheit
Im Rettungszentrum kümmerte sich das BOS-Veterinärteam sofort um das schwer verletzte Tier und untersuchte sie umfassend. Das Ergebnis war alarmierend.
Die dramatische Diagnose
Bei den Untersuchungen im Rettungszentrum entdeckten die Tierärzte weitere Hinweise auf die Leidensgeschichte der Bärin. Röntgenaufnahmen zeigten Metallfragmente im linken Vorderbein. Die Tierärzte vermuten, dass es sich um Geschosse eines Luftgewehrs handelt. Auch ihr fortgeschrittenes Alter wurde durch die Untersuchungen deutlich: Trübungen der Augen, zahlreiche fehlende Zähne und grau werdendes Fell deuteten darauf hin, dass die Bärin bereits über 30 Jahre alt sein könnte – ein hohes Alter für einen Malaienbären. Mit nur 23 Kilogramm Körpergewicht wog sie außerdem deutlich weniger als ein gesunder erwachsener Malaienbär.
Nach ihrer Rettung wird die schwer geschwächte Malaienbärin zunächst medizinisch untersucht und stabilisiertIhr Körper ist von Wunden übersät. In ihrem Vorderbein werden Metallfragmente entdecktDie BOS-Tierärzte kümmern sich intensiv um die verletzte, völlig entkräftete und abgemagerte Malaienbärin
Samboja Lestari ist vor allem als Rettungs- und Rehabilitationszentrum für Orang-Utans bekannt. Doch auch Malaienbären finden hier Schutz: Verletzte, verwaiste und dauerhaft nicht auswilderungsfähige Malaienbären erhalten im Bärenrefugium medizinische Versorgung und ein sicheres Zuhause. Für die alte Bärin kommt eine Rückkehr in den Wald auf absehbare Zeit nicht infrage. Doch in Samboja Lestari bekommt die Bärin genau das, was sie jetzt braucht: medizinische Versorgung, Ruhe, eine angepasste Ernährung und intensive Betreuung.
Wie BOS verletzte Sonnenbären pflegt und versorgt
Das Team beobachtet ihren Zustand engmaschig und passt die Behandlung an ihre Bedürfnisse an. Schritt für Schritt zeigt die Bärin erste Anzeichen einer Besserung. Ihr Weg zurück zu Kräften wird vermutlich langsam sein. Aber langsam bedeutet nicht hoffnungslos. Eines nämlich hat die Bären, obwohl sie noch immer geschwächt ist und sich nicht wie ihre Artgenossen im Refugium bewegen kann, bereits am Tag ihrer Ankunft gewonnen. Etwas, das ihr lange Zeit gefehlt hat. Im BOS-Rettungszentrum ist sie in Sicherheit.
Malaienbären im BOS-Rettungszentrum Samboja Lestari
Im Sun Bear Sanctuary leben gerettete Malaienbären, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in die Freiheit zurückkehren können. Anders als bei Orang-Utans ist eine Auswilderung von Malaienbären nach engem Kontakt mit Menschen in den meisten Fällen nicht mehr möglich. Deshalb ist es umso wichtiger, ihnen langfristig ein sicheres, möglichst artgerechtes Zuhause zu bieten.
Schlingfallen werden vielen Wildtieren zum Verhängnis
Der Fall dieser Malaienbärin ist leider kein Einzelfall. Schlingfallen gehören zu den großen Gefahren für Wildtiere – nicht nur auf Borneo. Die Fallen werden häufig aufgestellt, um Tiere von Plantagen fernzuhalten oder bestimmte Bereiche abzugrenzen. Sie unterscheiden dabei jedoch nicht zwischen sogenannten „Schädlingen“ und geschützten Wildtieren. Malaienbären geraten immer wieder in die Fallen – obwohl sie gar nicht das Ziel der Fallensteller sind.
Besonders tückisch: Eine Schlingfalle führt nicht zwangsläufig sofort zum Tod. Stattdessen können die Tiere über Tage oder sogar längere Zeit schwer verletzt gefangen bleiben. Wunden entzünden sich, Gliedmaßen werden dauerhaft geschädigt und die Tiere können kaum noch Nahrung suchen. Die Folge ist häufig eine langsame, qualvolle Schwächung des gesamten Körpers.
Auch der Malaienbär Azim wurde Opfer einer solchen Falle. Er war im Gunung-Tarak-Schutzwald in West-Kalimantan mit einem Draht um das Vorderbein entdeckt worden. Eine Kamerafalle hatte ihn erstmals im November 2024 aufgenommen. Der Draht hatte sich so eng um sein Bein gelegt, dass er sich nur noch unter großen Schwierigkeiten fortbewegen konnte.
Malaienbären sind gefährdet
Schlingfallen sind dabei nur eine von vielen Gefahren für die kleinste Bärenart der Welt. Der Malaienbär (Helarctos malayanus) ist laut Weltnaturschutzunion IUCN als gefährdet (vulnerable) eingestuft. Lebensraumverlust, Wilderei und der illegale Handel mit Körperteilen setzen den Tieren zusätzlich zu.
Besonders problematisch ist der Handel mit Gallenblasen und Galle, die trotz fehlender wissenschaftlicher Grundlage in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) Verwendung finden. Der internationale Handel mit Malaienbären und ihren Körperteilen ist bereits seit Jahrzehnten streng reguliert: Die Art ist seit 1979 im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES gelistet.
Wie wichtig Schutz und Rettung für diese außergewöhnlichen Bären sind, zeigt auch ein Blick auf unsere Arbeit in Samboja Lestari. Dort leben zahlreiche gerettete Malaienbären in großzügigen Gehegen, die ihnen möglichst natürliche Beschäftigung und Nahrungssuche ermöglichen.
Ein sicherer Ort
Die Geschichte der geretteten Bärin macht deutlich, wie viel Leid hinter einem einzelnen Rettungsfall stecken kann. Verletzungen, Hunger und möglicherweise sogar frühere Gewalterfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen.
Nun ist sie in Sicherheit. In Samboja Lestari bekommt sie die Zeit, die ihr Körper braucht, um sich zu erholen. Und sie bekommt etwas, das für ein Tier mit einer solchen Vergangenheit besonders wertvoll ist: einen geschützten Ort, an dem sie nicht mehr um ihr Überleben kämpfen muss. Auch für alte Malaienbären gibt es Hoffnung. Sie verdienen ein Leben in Würde, mit guter medizinischer Versorgung, artgerechter Ernährung und der Möglichkeit, ihren Lebensabend in einer möglichst natürlichen Umgebung zu verbringen. Das BOS-Team wird die Bärin auf ihrem weiteren Weg begleiten und alles dafür tun, dass sie sich so gut wie möglich erholt.
Der erwartete Super-El Niño stellt Borneo vor besondere Herausforderungen. Für BOS bedeutet das: auf die erwarteten Feuer vorbereitet sein. Denn die Erfahrungen aus der verheerenden Brandsaison 2015/16 haben gezeigt, wie schnell Waldbrände zu einer Gefahr für Orang-Utans, ihre Lebensräume und die gesamte Naturschutzarbeit werden können.
2015/16: Eine Brandsaison, die alles verändert hat
Wie wichtig eine gute Vorbereitung ist, weiß BOS aus eigener Erfahrung. Die Brandsaison 2015/16 gehört zu den schwersten Feuerkatastrophen, die Indonesien in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Im Gebiet des BOS-Rettungszentrums Samboja Lestari in Ost-Kalimantan zerstörten die Feuer damals rund 266 Hektar wiederaufgeforstete Fläche. Im Mawas-Schutzgebiet in Zentral-Kalimantan wurden etwa 15.442 Hektar Orang-Utan-Lebensraum durch die Brände geschädigt. Landesweit waren mehr als zwei Millionen Hektar Wald und Torflandschaften betroffen. Doch die Folgen waren nicht auf verbrannten Regenwald beschränkt. In Zentral-Kalimantan war die Luftqualität über zwei Monate lang so schlecht, dass die Waldschule im BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng vorübergehend geschlossen werden musste. Die Brände kamen gefährlich nah an das Rettungszentrum heran und konnten erst durch den gemeinsamen Einsatz von Feuerwehr- und BOS-Teams unter Kontrolle gebracht werden.
Dichte Rauchschwaden hingen während der Brände 2015 über Nyaru MentengDie Orang-Utans konnten daher zeitweise nicht die Waldschule besuchen
Wenn Orang-Utans durch Brände ihren Lebensraum verlieren, scheint eine Umsiedlung zunächst eine naheliegende Lösung zu sein. Doch so einfach ist es nicht. Ein Orang-Utan kann nicht einfach in einem anderen Wald ausgesetzt werden. Vor jeder Umsiedlung muss unter anderem geprüft werden, ob der neue Lebensraum genügend Nahrung bietet, wie viele Orang-Utans dort bereits leben und ob es zu Konkurrenz um Ressourcen kommen könnte. Auch die Anpassungsfähigkeit und die langfristigen Überlebenschancen der Tiere müssen berücksichtigt werden.
Eine Rettung ist deshalb immer nur der erste Schritt. Im Idealfall sorgt der Schutz des Lebensraums dafür, dass Orang-Utans gar nicht erst vor Feuer fliehen oder gerettet werden müssen. Die Erfahrungen von 2015/16 haben die Arbeit von BOS deshalb nachhaltig verändert. Heute geht es nicht mehr nur darum, im Notfall möglichst schnell zu reagieren. Es geht darum, Brände möglichst früh zu erkennen, ihre Entstehung zu verhindern und die Voraussetzungen zu schaffen, um sie schnell bekämpfen zu können.
Feuerschutztürme gewähren einen weiten Blick über das Land. So können Brandherde frühzeitig lokalisiert werden
Vorbereitung beginnt lange vor den ersten Bränden
Mit Blick auf die weitere El-Niño-Entwicklung 2026 hat BOS deshalb seine Maßnahmen zur Brandprävention und ‑bekämpfung verstärkt. Dabei setzen wir auf mehrere miteinander verbundene Säulen: Überwachung, Infrastruktur, gut ausgebildete Einsatzteams und die enge Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort.
Feuer erkennen, bevor es sich ausbreitet
Je früher ein Brand entdeckt wird, desto größer sind die Chancen, ihn unter Kontrolle zu bringen. Deshalb überwacht BOS seine Schutz- und Auswilderungsgebiete auf unterschiedliche Weise. Dazu gehören regelmäßige Patrouillen am Boden, die Beobachtung von Feuerwachtürmen sowie der Einsatz von Drohnen in besonders gefährdeten Gebieten.
Regelmäßige Patrouillen – auch per Boot – gehören zu unseren Feuerschutzmaßnahmen
Hinzu kommt die tägliche Auswertung von Satellitendaten. Dafür nutzt BOS unter anderem die Systeme NASA FIRMS, SIPONGI und das Global Wildfire Information System (GWIS). Sie liefern Informationen über sogenannte Hotspots – also Stellen, an denen Satelliten erhöhte Temperaturen registrieren. Die verschiedenen Informationsquellen werden miteinander kombiniert. So können mögliche Brandherde möglichst früh erkannt und Einsatzteams gezielt dorthin geschickt werden. Aus der Satellitenaufnahme wird im besten Fall innerhalb kürzester Zeit ein konkreter Einsatz vor Ort.
Wasser muss im Ernstfall schnell verfügbar sein
Genauso wichtig wie die Früherkennung ist die Frage: Wie kommt das Löschwasser dorthin, wo es gebraucht wird? Deshalb überprüft BOS regelmäßig Brunnen, Wasserreservoirs, Kanäle und Pumpen. Auch die Wege zu den Wasserstellen werden kontrolliert und dort verbessert, wo sie für Einsatzfahrzeuge oder schwere Feuerwehrausrüstung schwer zugänglich sind.
In den zurückliegenden Jahren haben wir zahlreiche Hydranten in unseren Projektgebieten installiert, um im Notfall die Versorgung mit Löschwasser zu gewährleisten
Denn bei einem Brand zählt jede Minute. Wenn Pumpen, Schläuche und andere Ausrüstung erst über lange oder schlecht befahrbare Wege transportiert werden müssen, kann sich ein zunächst kleiner Brand schnell zu einer größeren Gefahr entwickeln. Die Vorbereitung bedeutet deshalb auch ganz praktische Arbeit: Technik überprüfen, Wasserstellen sichern, Wege zugänglich halten und sicherstellen, dass die Ausrüstung im entscheidenden Moment funktioniert.
Die Menschen vor Ort sind ein entscheidender Teil des Brandschutzes
Waldbrandschutz funktioniert nicht allein aus der Luft oder vom Computer aus. Gerade in den weitläufigen Landschaften Borneos spielen die Menschen in den umliegenden Gemeinden eine zentrale Rolle. BOS unterstützt deshalb lokale Feuerwehreinheiten bei Schulungen und Auffrischungstrainings und stellt Partnergemeinden Feuerwehrausrüstung zur Verfügung. Gemeinsam mit lokalen Behörden, den Katastrophenschutzbehörden und weiteren Partnern werden Maßnahmen zur Brandprävention und zur Vorbereitung auf mögliche Notfälle abgestimmt.
Im Notfall wissen, was zu tun ist: Brandschutzübung der BOS Foundation
Denn die Menschen, die in und rund um die Schutzgebiete leben, kennen die Landschaft und ihre Besonderheiten besonders gut. Sie können Brände früh entdecken, schnell reagieren und damit einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass aus einem kleinen Feuer keine Katastrophe wird.
Neue regionale Einsatzteams für die Brandsaison 2026
Für die kommende Brandsaison geht BOS noch einen Schritt weiter: An den verschiedenen Standorten in Ost- und Zentral-Kalimantan werden regionale Wildfire Preparedness Task Forces aufgebaut. Diese Teams sollen die Maßnahmen vor Ort besser miteinander vernetzen. Dazu gehören die Überwachung von Brandherden, eine schnellere Weitergabe wichtiger Informationen, klarere Abläufe bei der Eskalation eines Notfalls, eine bessere Koordination verschiedener Einsatzkräfte und schnellere Entscheidungen auf Grundlage aktueller Daten. Gerade bei großflächigen Bränden ist Koordination entscheidend. Feuerwehrteams, BOS-Mitarbeiter, lokale Gemeinden und Behörden müssen möglichst schnell dieselben Informationen erhalten und wissen, wer welche Aufgabe übernimmt.
Auch neue Technologien sollen helfen
BOS arbeitet außerdem gemeinsam mit verschiedenen Partnern daran, neue Systeme zur automatischen Branderkennung einzusetzen. Solche Technologien könnten künftig dabei helfen, Feuer noch schneller zu erkennen und Einsatzkräfte gezielt zu alarmieren. Damit ergänzt die BOS Foundation ihre bisherigen Maßnahmen um eine weitere wichtige Ebene: Neben Satellitendaten, Patrouillen, Feuerwachtürmen und Drohnen sollen zusätzliche technische Systeme dabei helfen, potenzielle Brände so früh wie möglich aufzuspüren.
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Wenn der Wald brennt, verlieren Orang-Utans mehr als nur Bäume
Die unmittelbare Gefahr eines Feuers liegt auf der Hand: Flammen zerstören Bäume und andere Pflanzen, verbrennen Nahrungsquellen und können Orang-Utans direkt gefährden. Doch die Folgen reichen viel weiter. Nach einer langen Trockenperiode kann sich die Qualität eines Lebensraums erheblich verschlechtern. Nahrung wird knapp, Wälder werden fragmentiert und Orang-Utans können gezwungen sein, auf der Suche nach Nahrung und Sicherheit in die Nähe menschlicher Siedlungen zu kommen. Damit steigt auch das Risiko von Mensch-Orang-Utan-Konflikten. Gleichzeitig bedeutet ein Verlust von Lebensraum häufig mehr Arbeit für die Rettungszentren: Je mehr Orang-Utans gerettet werden müssen, desto mehr Tiere benötigen medizinische Versorgung, Nahrung, Betreuung und jahrelange Rehabilitation. Und genau hier zeigt sich, warum Waldbrandschutz ein so wichtiger Teil des Orang-Utan-Schutzes ist. Jeder verhinderte Brand schützt nicht nur Wald. Er kann auch verhindern, dass ein Orang-Utan seine Heimat verliert.
Aus den Erfahrungen von 2015 für die Zukunft lernen
Die Feuer von 2015/16 haben BOS eine wichtige Lektion gelehrt: Wenn ein Großbrand erst einmal außer Kontrolle geraten ist, ist es zu spät, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Auch die Wiederherstellung zerstörter Lebensräume braucht sehr viel länger als ihre Zerstörung. In den von den Bränden betroffenen Gebieten von Samboja Lestari und Mawas begann BOS deshalb gemeinsam mit zahlreichen Partnern langfristige Wiederaufforstungs- und Renaturierungsmaßnahmen. Diese Arbeit dauert bis heute an. Umso wichtiger ist es, die Wälder zu schützen, die noch intakt sind – und gleichzeitig die Landschaft widerstandsfähiger gegen die Folgen von Trockenheit und Feuer zu machen.
Gemeinsam gegen die nächste Brandsaison
Wie stark sich das El-Niño-Phänomen 2026 entwickeln wird, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Was sich aber vorbereiten lässt, sind die Maßnahmen für den Fall, dass die Trockenheit und damit die Brandgefahr tatsächlich deutlich zunimmt. BOS setzt dabei auf mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung im Orang-Utan-Schutz – und auf die Lehren aus einer der schlimmsten Brandsaisons ihrer Geschichte. Denn einen Waldbrand zu bekämpfen, wenn er bereits außer Kontrolle geraten ist, ist ungleich schwieriger, als seine Ausbreitung von Anfang an zu verhindern.
Es gibt Geschichten von Orang-Utans, die sich für immer in unsere Herzen eingebrannt haben. Die uns immer wieder von neuem im Innersten berühren. Eine davon ist die von Clara und ihrer unerschütterlichen Liebe zu ihrer Tochter Clarita.
Diese Geschichte hat unser Team im BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng auf Borneo erlebt. Die Berliner Künstlerin Elena Bianco hat die Erlebnisse von Clara und Clarita mit ihren bezaubernden Illustrationen verewigt.
Im Sommer 2017 bringt Clara ihr erstes Baby zur Welt
Die herzergreifende Geschichte beginnt im Juli 2017 mit einem glücklichen Ereignis: Auf der Vorauswilderungsinsel Salat Island schenkt Clara ihrer entzückenden Tochter Clarita das Leben.
Clara ist damals elf Jahre alt. Es ist ihr erstes Baby – und sie kümmert sich liebevoll um die Kleine
Doch dann geschieht das Drama: Das neugierige Männchen Rizki entführt die zwei Wochen alte Clarita von ihrer Mutter.
Das neugierige Orang-Utan-Männchen Rizki entführt Claras Baby
Clara bleibt verwirrt und verzweifelt zurück und versteckt sich im Regenwald.
Vom Festland aus setzt ein Suchtrupp auf die Insel über. Fieberhaft suchen unsere Mitarbeiter im dichten Regenwald der Vorauswilderungsinsel nach Clarita. Denn das Baby braucht regelmäßig Muttermilch. Die Trennung von Mama Clara kann schnell lebensbedrohlich für den Orang-Utan-Winzling werden.
Die Vorauswilderungsinsel Salat Island ist zwar ein Stück Wildnis, in ihrem Inneren mit dichtem Regenwald bewachsen. Doch die Größe der Insel ist überschaubar. Zum Glück!
So gelingt es dem Suchtrupp, das Orang-Utan-Männchen Rizki aufzuspüren. Er hält die kleine Clarita im Arm. Schnell greift das BOS-Team ein und es gelingt ihnen, dem Entführer das Baby unbeschadet abnehmen.
Die Rettung gelingt keine Sekunde zu früh!
Clarita ist in Sicherheit – doch es geht ihr nicht gut
Denn Clarita ist dehydriert und hungrig. Und sie leidet unter einem schlimmen Hautausschlag – ausgelöst von einer Pflanze, die auf der Insel wächst und mit der die zarte Babyhaut offenbar in Berührung kam.
Clarita wird im Rettungszentrum sofort von den BOS-Tierärzten versorgt und in die liebevolle Obhut von Babysitterin Ursula gegeben.
Ursula war auch schon Claras Ersatzmama, als diese im Januar 2007 im Alter von gerade mal sechs Monaten gerettet und in das BOS-Rettungszentrum gebracht wurde. Auch während ihrer Zeit in der Waldschule war Ursula Claras engste Bezugsperson.
Babysitterin Ursula päppelt Clarita liebevoll auf
Ursula kümmert sich intensiv um Claras Baby: Sie füttert Clarita mit Säuglingsmilch, schenkt ihr Wärme, Liebe und Geborgenheit, versorgt ihren Hautausschlag und tröstet die Kleine.
Doch wo ist Mama Clara?
Mit wachsender Sorge sucht das BOS-Team auf der Vorauswilderungsinsel nach ihr, durchkämmt den dichten Regenwald im Inselinneren. Doch Clara hat sich in ihrer Angst und Verzweiflung versteckt.
Anfang August, nach Tagen intensiver Suche, finden wir Clara endlich und bringen sie zurück ins Rettungszentrum.
Schon am nächsten Tag versuchen wir, Clara und Clarita wieder zusammenzubringen.
Clara ist in einem Käfig bei der Tierklinik untergebracht. Babysitterin Ursula bringt Clarita zu Clara und zeigt ihr vorsichtig das Baby.
Wird Orang-Utan-Mama Clara ihr Baby nach der gewaltsamen Trennung wieder annehmen?
Das BOS-Team ist voller Sorge: Wird die Wiedervereinigung gut gehen? Wird Clara ihr Baby wieder annehmen? Oder wird sie Clarita ablehnen, die dann als Waise aufwachsen müsste?
Die Sorge ist unbegründet
Clara erkennt ihr Baby sofort. Aufgeregt bewegt sie sich im Käfig, streckt sehnsüchtig die Hand durch das Gitter und versucht ihre Tochter zu berühren.
Ursula zeigt ihr zunächst das Baby, streichelt Claras Hand und spricht beruhigend mit ihr. Dann nähert sie sich mit der Kleinen im Arm dem Käfig. Zärtlich küsst Clara ihr Baby durch die Gitter. Nun ist sich das Team sicher: Sie können Mutter und Tochter wiedervereinen.
Als Ursula Clarita von der Windel befreit und ein Mitarbeiter beginnt, die Schrauben am Käfig aufzudrehen, kann es Clara nicht schnell genug gehen: Sie dreht auch an den Schrauben, damit die Tür schneller aufgeht.
Ursula reicht der ungeduldig wartenden Orang-Utan-Mutter ihr Baby. Clara kann die Augen kaum von Clarita lassen. Nur ein kurzer Blick der Dankbarkeit geht an Ursula. Dann schließt sie ihre Tochter liebevoll in die Arme. Die BOS-Mitarbeitenden stehen atemlos und mit Tränen in den Augen daneben.
Das Team ist erleichtert – die Wiedervereinigung ist gelungen
Clara betrachtet ihre Tochter und schmiegt sie an sich. Das Baby klammert sich sofort in ihrem Fell fest und sucht die Nähe und Wärme ihrer Mutter.
Nur eine bange Frage bleibt: Wird Clara nach der Trennung noch Muttermilch haben?
Doch auch diese Sorge ist unbegründet. Clara kuschelt sich mit ihrem Kind zusammen, legt es auf ihre Brust – und Clarita trinkt. Jetzt endlich können die beiden sich von den Strapazen erholen.
Die zu Herzen gehende Wiedervereinigung von Clara und Clarita haben wir damals auch per Video festgehalten. Achtung: Taschentücher bereithalten!
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Wenn Sie glauben, die berührende Wiedervereinigung von Mutter und Tochter sei schon alles gewesen dann haben Sie sich getäuscht. Die Geschichte ging noch weiter.
Zwei Monate verbringen Clara und Clarita nach ihrer Zusammenführung im Rettungszentrum Nyaru Menteng, um zu Kräften zu kommen und vollkommen gesund zu werden.
Im November 2017 dürfen die beiden dann auf die Vorauswilderungsinsel Bangamat umziehen, wo sich Clara vorbildlich um ihr Tochter kümmert und das wilde Leben im Regenwald übt.
Auf der Vorauswilderungsinsel trainiert Clara mit ihrem Töchterchen das wilde Leben im Regenwald
Knapp ein Jahr später, im September 2018, ist Clara bereit, das freie Leben im Regenwald des Nationalparks Bukit Baka Bukit Raya gemeinsam mit ihrer Tochter zu erleben. Clara ist jetzt zwölf Jahre alt, Clarita ein Jahr.
Es ist Babysitterin Ursula, die den Transportkäfig tief im Regenwald öffnen darf.
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Mit einer Träne im Augenwinkel nimmt sie Abschied – und ist zugleich stolz auf ihre beiden Schützlinge, die nun im geschützten Regenwald des Nationalparks das wilde und freie Leben beginnen dürfen, für das sie schon immer bestimmt waren.
Bitte helfen Sie uns dabei! Jede Spende hilft uns, die letzten ihrer Art zu schützen.
Auf Expedition mit dem Biodiversitäts-Team im Kehje Sewen Wald: Jeder Schritt verfolgt dasselbe Ziel – sicherzustellen, dass der Wald bleibt und alles Leben darin weiterhin einen Ort hat, an den es zurückkehren kann.
Unter dem dichten Blätterdach des Kehje Sewen Waldes beginnt für eine Gruppe von Menschen noch vor Sonnenaufgang der Tag. Sie packen Verpflegung in ihre Rucksäcke, überprüfen ihre Ausrüstung. Wenig später brechen sie auf. Zu Fuß hinein in den Regenwald von Ost Kalimantan auf Borneo – einen Biodiversitäts-Hotspot und wichtigen Lebensraum für Orang-Utans.
Sie sind nicht auf der Suche nach Abenteuern, sondern nach Erkenntnissen. Denn bei der Gruppe handelt es sich um das Biodiversitäts-Team der BOS-Waldschutzfirma Restorasi Habitat Orangutan Indonesia (RHOI). Ihre Aufgabe: Orang-Utans beobachten, Nester dokumentieren und Daten über die Artenvielfalt des Waldes sammeln.
Unter dem dichten Blätterdach des Kehje Sewen Waldes
Dafür unternimmt das Team regelmäßig lange Märsche durch den Regenwald, streift durch unwegsames Gelände, nimmt Regen und schweißtreibende Hitze in Kauf. Denn ihre Arbeit ist entscheidend dafür, ob gerettete und ausgewilderte Orang-Utans langfristig in Freiheit überleben können. Und ob der Kehje Sewen Regenwald ihnen als Lebensraum erhalten bleibt.
Artenschutz auf Borneo: Teamarbeit im Regenwald
Die Expedition beginnt am frühen Morgen. Zunächst macht sich das Team auf den Weg zum Basislager, das im Waldgebiet der PT-RHOI-Konzession liegt. Der Weg dorthin ist lang. Während sie durch den Wald laufen, sprechen die Teammitglieder über andere Kolleginnen und Kollegen, die den Einsatz über Flüsse mit Booten unterstützen. Viele Menschen sind beteiligt, damit Expeditionen sicher durchgeführt werden können und Material zuverlässig ankommt. Natur- und Artenschutz funktioniert nur gemeinsam. Erst am späten Nachmittag erreichen sie den Lagerplatz. Zelte werden aufgebaut, Essen gekocht, die Arbeit für den nächsten Tag besprochen. Acht Personen gehören zur Expedition: vier Beobachter:innen, zwei Navigatoren, die zugleich Wege freischlagen, und zwei Mitarbeitende, die im Camp bleiben und sich um Verpflegung kümmern.
Monitoring von Orang-Utans und Biodiversität
Die Aufgaben sind klar verteilt. Das Post Release Monitoring (PRM) Team dokumentiert Orang-Utan-Nester und erfasst verschiedene Parameter wie Nesthöhe, Baumhöhe, Stammdurchmesser, Umweltbedingungen. Das Research-and-Biodiversity-Team sammelt Daten über Vogelarten an festgelegten Beobachtungspunkten.
Mit Klemmbrett im Regenwald: Das Biodiversitätsteam sammelt Daten
Jede dieser Beobachtungen liefert wichtige Informationen über den Zustand des Waldes und darüber, wie gut sich die ausgewilderten Orang-Utans an ihr Leben in Freiheit angepasst haben. Kehje Sewen ist eines der Schutzgebiete, in denen die BOS Foundation rehabilitierte Orang-Utans auswildert. Gemeinsam mit der Waldschutzfirma RHOI setzt sich die Organisation auch für den Erhalt und die Wiederherstellung von Regenwald – den Lebensraum der Orang-Utans – ein.
Schwierige Wege durch den Regenwald von Ost-Kalimantan
Am nächsten Morgen beginnt für das Team die eigentliche Arbeit. Ihr erstes Ziel ist Transektion L1, eine neue Route für Monitoring-Aktivitäten. Schnell wird klar, dass der Weg schwieriger ist als erwartet. Die Pfade sind sehr schmal, müssen immer wieder zuerst frei gemacht werden. Die Navigatoren gehen voraus und öffnen die Route, während die übrigen Teammitglieder aufmerksam die Umgebung beobachten.
Navigatoren öffnen die Trekkingrouten im unwegsamen Gelände
Das Gelände ist unwegsam, die Gruppe bewegt sich teilweise am Flussufer entlang, dann wieder steigt sie steile Hänge hinauf. Gegen 15 Uhr erreichen sie das Ende der Transektion. Plötzlich verändert sich das Wetter. Starker Wind kommt auf, kurz darauf setzt heftiger Regen ein. Aus Sicherheitsgründen entscheidet das Team, die Beobachtung abzukürzen und zum Camp zurückzukehren.
Ein riesiges Farnfeld wird zur Herausforderung
Auch am folgenden Tag bricht das Team erneut frühmorgens auf, eine andere Beobachtungsroute durch den Kehje Sewen steht auf dem Exkursionsplan. Anfangs wirkt die Strecke einfacher. Doch mitten im Wald stößt das Team auf ein riesiges Farnfeld, eingebettet in steiles Terrain. Kurz halten sie inne und bewundern die außergewöhnliche Szenerie. Dann geht es weiter – nur wie? Das GPS zeigt den Weg direkt durch die dicht an dicht stehenden, meterhohen Farne. Die Navigatoren versuchen, eine alternative Route zu finden, doch das Terrain ringsum ist unwegsam und gefährlich. So entscheidet sich das Team für den Weg durch das Feld. Mit der schweren Ausrüstung auf dem Rücken, müssen sich die Ranger durch schmale Lücken zwischen den Pflanzen schlängeln. Stunden vergehen. Und das Ende des Farnfeldes ist noch immer nicht in Sicht. Als es 15 Uhr wird, steht fest: Die Transektion kann an diesem Tag nicht abgeschlossen werden. Schweren Herzens entscheidet sich das Team zur Umkehr, um das Basislager zu erreichen, bevor es dunkel wird.
Warum Regenwaldschutz und Orang-Utan-Schutz so wichtig sind
Der Tag endet mit Erschöpfung und Enttäuschung. Doch auch das gehört zur Arbeit im Regenwald dazu. Denn Regenwaldschutz und Artenschutz besteht nicht nur aus Erfolgen. Nicht jede Route kann beendet werden, nicht jedes Ziel wird erreicht. Die BOS-Teams sind es gewohnt, sich immer wieder auf schwierige Bedingungen einzustellen: auf Wetterumschwünge und unwegsames Gelände, auf lange Wege und Rückschläge. Trotzdem setzen sie ihre Arbeit fort. Denn jedes erfasste Orang-Utan-Nest, jede Vogelbeobachtung, jede Baumkartierung, kurz: jeder Datensatz, zahlt ein in die Bemühungen, den Wald als Lebensraum zu bewahren.
Die Expedition ist wichtig, um den Lebensraum der Orang-Utans zu schützen
Oder wie das Team selbst es beschreibt: Jeder Schritt im Wald verfolgt dasselbe Ziel – sicherzustellen, dass der Wald bleibt und alles Leben darin weiterhin einen Ort hat, an den es zurückkehren kann.
Jetzt den Schutz der Orang-Utans und ihres Lebensraums unterstützen
Die Arbeit der Teams im Kehje Sewen Regenwald zeigt, wie aufwendig und wichtig der Schutz von Orang-Utans und tropischem Regenwald ist. Jede Unterstützung hilft dabei, Monitoring, Waldschutz und Auswilderungsprogramme langfristig fortzuführen.
Zu einer besonderen Begegnung kam es, als unsere Ranger im Kehje Sewen Wald in Ost-Kalimantan auf Patrouille waren. Während des Einsatzes gelang es dem Team, einen der endemischen Primaten Borneos zu beobachten, der für seine auffallend lange Nase bekannt ist: den Nasenaffen.
Der Nasenaffe (Nasalis larvatus) gehört zu den weltweit am leichtesten wiederzuerkennenden Primaten. Sein auffälligstes Merkmal ist die lange, herabhängende Nase, die besonders bei männlichen Tieren stark ausgeprägt ist. Diese einzigartige Nase spielt eine Rolle bei der Lautkommunikation und soll außerdem dabei helfen, Weibchen anzulocken.
Nasenaffen auf Borneo: eine endemische Primatenart
Das Fell der Nasenaffen ist auf dem Rücken rötlich-braun bis orange gefärbt, während die Bauchseite der Tiere meist heller ist. Ihre hellen Gesichter verleihen ihnen einen charakteristischen Ausdruck. Im Vergleich zu vielen anderen Affenarten sind Nasenaffen relativ groß. Ihre Körperlänge beträgt, ohne den langen Schwanz mit einzuberechnen, bereits 60 bis 75 Zentimeter.
Ein prächtiges Exemplar im Regenwald von Borneo | Foto: Martina Baral
Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal ist ihr großer, rundlicher Bauch. Dabei handelt es sich um eine wichtige Anpassung, die ihnen hilft, Blätter zu verdauen, die einen großen Teil ihrer Nahrung ausmachen.
Lebensraum: Mangroven, Torfsumpfwälder und Flussufer im Regenwald
Als endemische Art kommen Nasenaffen ausschließlich auf der Insel Borneo vor, und zwar in den Regionen Kalimantan, Sabah und Sarawak sowie in einem kleinen Teil Brunei Darussalams.
Nasenaffen leben auf hohen Bäumen in der Nähe von Wasserquellen | Foto: Martina Baral
Dort leben sie typischerweise in Torfsumpfwäldern, Mangrovenwäldern und Flussauenwäldern, denn die Primaten sind angewiesen auf hohe Bäume in der Nähe von Wasserquellen, die ihnen Nahrung, Ruheplätze und Schutz vor Fressfeinden bieten. Gelegentlich kommen die Primaten allerdings auch in Tieflandwäldern vor, wenn dort ausreichend Wasser und dichte Vegetation vorhanden sind.
Nasenaffe, aufgespürt im Wald von Kehje Sewen
Dass auch im Kehje Sewen Nasenaffen heimisch sind, beweist erneut, was für ein Biodiversitäts-Hotspot dieser Wald ist: ein einzigartiges Ökosystem, das nicht nur Orang-Utans, sondern auch anderen, seltenen Primatenarten wie den Nasenaffen Lebensraum bietet.
Ernährung und Verhalten von Nasenaffen im tropischen Regenwald
Nasenaffen sind Pflanzenfresser, wobei junge Blätter den Hauptbestandteil ihrer Nahrung ausmachen. Darüber hinaus fressen sie Früchte, Samen und Blüten verschiedener Waldpflanzen.
Der kugelrunde Bauch ist charakteristisch für Nasenaffen | Foto: Martina Baral
Dass diese Primatenart über ein außergewöhnliches Verdauungssystem verfügt, lässt schon ihr großer, rundlicher Bauch erahnen. Dieser bietet Platz für einen mehrkammerigen Magen, der es ihnen ermöglicht, faserreiche Pflanzennahrung mithilfe mikrobieller Fermentation zu verdauen.
Nasenaffen leben meist in sozialen Gruppen, die typischerweise aus einem erwachsenen Männchen, mehreren Weibchen und deren Nachwuchs bestehen. Sie sind tagaktiv und bewegen sich geschickt durch die Baumkronen des Waldes. Außerdem gelten sie als hervorragende Schwimmer und können Flüsse überqueren, um zwischen verschiedenen Revieren zu wechseln.
Fortpflanzung und Sozialverhalten
Innerhalb der sozialen Gruppen führt in der Regel ein dominantes erwachsenes Männchen mehrere Weibchen an. Die Fortpflanzung ist nicht streng an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Nach einer Tragzeit von etwa 166 Tagen bringt das Weibchen normalerweise ein einzelnes Jungtier zur Welt.
Nasenaffen leben in einem Familienverband | Foto: Martina Baral
Neugeborene Nasenaffen besitzen bläuliche Gesichter und dunkleres Fell als erwachsene Tiere. In den ersten Lebensmonaten sind die Jungtiere stark von ihren Müttern abhängig, bevor sie nach und nach lernen, selbst Nahrung zu suchen und mit anderen Gruppenmitgliedern zu interagieren.
Warum der Schutz der Nasenaffen und ihres Lebensraums so wichtig ist
Die Rote Liste der IUCN stuft den Nasenaffen derzeit als „stark gefährdet“ (Endangered) ein. Hauptursachen für den Rückgang der Art sind der Verlust ihres Lebensraums durch Abholzung, die Umwandlung von Waldflächen in Plantagen sowie die Fragmentierung von Waldlandschaften. Die Begegnung mit einem Nasenaffen im Kehje-Sewen-Wald ist deshalb weit mehr als nur eine Tierbeobachtung. Sie erinnert daran, wie wichtig der Schutz der tropischen Regenwälder Borneos ist. Gemeinsam mit Orang-Utans, Waldvögeln und zahlreichen anderen Säugetieren sind Nasenaffen Teil eines eng miteinander verwobenen Ökosystems.
Im Gegensatz zu anderen, in Gruppen lebenden, Primaten, durchstreifen Orang-Utans den Regenwald die meiste Zeit ihres Lebens alleine. Neue wissenschaftliche Beobachtungen zeigen nun: Orang-Utan-Mütter nehmen zusätzliche Wege in Kauf und verzichten auf Zeit zur Futtersuche, damit ihre Kinder mit Gleichaltrigen spielen können. Auch die Post-Release Monitoring-Teams von BOS beobachten immer wieder solche Spieltreffen zwischen ausgewilderten Orang-Utans.
In den Baumkronen des Regenwaldes von Borneo begegnen sich zwei Orang-Utan-Weibchen. Ihre Kinder lösen sich von den Müttern und nähern sich einander an. Sie beginnen miteinander zu spielen, hangeln und klettern gemeinsam, testen dabei ihre Kraft und Geschicklichkeit.
Für die Jungtiere ist die Begegnung eine besondere Gelegenheit, denn Orang-Utan-Mütter bringen jeweils nur ein Junges zur Welt und ziehen es sechs bis acht Jahre lang alleine auf. In dieser Zeit versorgt und schützt die Mutter ihren Nachwuchs und vermittelt ihm all die Fähigkeiten, die er für ein selbstständiges Leben im Regenwald benötigt.
Warum Spieltreffen für junge Orang-Utans so wichtig sind
Gemeinsames Spiel ist für die Entwicklung junger Menschenaffen wichtig: Es trainiert ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten und hilft ihnen, soziale Beziehungen aufzubauen. Orang-Utan-Mütter scheinen deshalb aktiv dafür zu sorgen, dass ihre Kinder andere junge Orang-Utans treffen können.
Darauf deutet eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie unter Leitung des Wildtierökologen Odd T. Jacobson vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie hin, die noch den Peer-Review-Prozess durchlaufen soll. An der Untersuchung beteiligt waren Forschende aus Deutschland, der Schweiz, Indonesien und den USA, deren Expertise Bewegungsökologie, Verhaltensbiologie, Primatologie, Kognitionsforschung, Ernährungsökologie und Orang-Utan-Langzeitforschung verbindet.
Weibliche Orang-Utans suchen der Studie zufolge gezielt Gebiete auf, in denen andere Mütter mit ähnlich altem Nachwuchs leben. Dabei zeigte sich den Forschenden ein deutliches Muster: Bereits vor den späteren Spielbegegnungen bewegten sich die Mütter in Richtung bestimmter Nachbarinnen. Anschließend führten ihre Wege wieder zurück. Das spricht dagegen, dass sich die Primaten lediglich zufällig begegneten.
Studie zeigt: Orang-Utan-Mütter planen Wege für Playdates
Auch das jeweilige Nahrungsangebot erklärte diese Bewegungen nicht. Die Mütter suchten die Nähe anderer Mutter-Kind-Paare unabhängig davon, wie viele Früchte gerade verfügbar waren. Für die zusätzlichen Wege mussten sie zudem einen Preis zahlen: Sie verbrachten weniger Zeit mit der eigenen Nahrungsaufnahme.
Die Forschenden sehen darin einen starken Hinweis darauf, dass Orang-Utan-Mütter bei ihren täglichen Entscheidungen nicht nur Schutz und Ernährung, sondern auch die sozialen Bedürfnisse ihrer Kinder berücksichtigen.
BOS Ranger beobachten Orang-Utan-Party im Kehje Sewen Wald
Von solchen Begegnungen berichten auch die Post-Release Monitoring (PRM) Teams von BOS. Ihre Aufgabe ist es, das Leben der rehabilitierten Orang-Utans nach der Auswilderung zu beobachten und unter anderem ihre Wege, ihre Nahrungssuche und ihr Sozialverhalten zu dokumentieren.
Der „Mütter-Club“ trifft sich zum Spielen: Lesan, Sayang und Teresa mit ihren drei Jungtieren
Bei einer Gelegenheit konnten die BOS-Ranger beobachten, wie die drei Mütter gemeinsam in einem großen Feigenbaum saßen, während der Nachwuchs durch das Geäst um sie herum kletterte und hangelte, eine Art freundschaftliches Tauziehen miteinander spielte und sich gegenseitig das Fell pflegte.
Was Spieltreffen über das Sozialverhalten von Orang-Utans verraten
Die sechsjährige Ayu bewegte sich einmal sogar mit Orang-Utan-Weibchen Sayang und ihrer etwa vierjährigen Tochter Padma ein Stück von ihrer eigenen Mutter weg zu einem benachbarten Baum, während diese ihr nur mit den Blicken folgte. Ayu verfolgte daraufhin mit großem Interesse, wie sich Sayang und Padma junge Blätter des Goldpflaumenbaumes schmecken ließen.
Padma und Ayu bei der Spiele-Party im Kehje Sewen Wald
Padma und Ayu bei der Spiele-Party im Kehje Sewen Wald
Einige Monate später begegnete das PRM-Team dem „Club der Mütter“ erneut und konnten beobachten, wie Padma den etwa gleichaltrigen Berani umarmte, während sie zusammen auf einem Ast saßen. Die Orang-Utan-Kinder schienen sich in der Gesellschaft der anderen während des Zusammentreffens sehr zufrieden und entspannt zu fühlen.
Orang-Utans leben einzelgängerisch – aber keineswegs unsozial
Die nun vorgelegte Studie – eine Analyse von 15 Jahren Felddaten zu 31 Mutter-Kind-Paaren – macht deutlich, dass auch bei einer überwiegend einzelgängerisch lebenden Menschenaffenart soziale Kontakte die alltäglichen Entscheidungen prägen können. Orang-Utan-Mütter schaffen ihrem Nachwuchs offenbar gezielt Gelegenheiten zum gemeinsamen Spiel mit Gleichaltrigen und wägen dabei dessen Entwicklungsbedürfnisse gegen den eigenen Zeit- und Energieaufwand ab. Die Forschenden sehen darin einen bislang wenig beachteten Aspekt mütterlicher Fürsorge: Sie besteht nicht nur darin, Nahrung, Schutz und überlebenswichtiges Wissen zu vermitteln, sondern kann auch bedeuten, soziale Erfahrungen aktiv zu ermöglichen.
Orang-Utans sind faszinierende, hoch entwickelte Lebewesen, über deren Verhalten und Zusammenleben wir noch längst nicht alles wissen. Umso wichtiger ist es, sie und ihren Lebensraum zu schützen – damit wir auch künftig von ihnen lernen können.
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