Der Moment, wenn sich die Klappe des Transportkäfigs öffnet und ein Orang-Utan die ersten Schritte in sein neues, freies Leben unternimmt: Er ist jedes Mal wieder hochemotional für unser Team, der Höhepunkt einer langen gemeinsamen Geschichte. Denn dieses Individuum konnte von BOS gerettet und erfolgreich rehabilitiert werden. Die Auswilderung ist ein Meilenstein.
Doch der Weg dahin ist nicht nur lang – er nimmt oft auch Umwege.
Heute möchten wir daher nicht von den 561 Orang-Utans erzählen, denen wir bereits die Freiheit schenken konnten. Sondern von der weitaus komplexeren Realität, die zu den 561 glücklichen Momenten der Käfigöffnung eben auch gehört.
Die Gesundheitsprüfung und übertragbare Krankheiten bei Orang-Utans
Bevor ein Orang-Utan ausgewildert werden darf, wird er vom BOS-Veterinärteam gründlich untersucht, um eventuelle Verletzungen oder Erkrankungen auszuschließen. Besonders wichtig sind übertragbare Krankheiten. Das schlimmstmögliche Szenario, dass man sich vorstellen könnte, wäre eine unkontrollierte Ausbreitung einer Krankheit unter der bereits freilebenden Orang-Utan-Population.

Nächtliche Fahrt auf schwierigen Pisten
Ist die Gesundheitsprüfung bestanden, wird die Reise in den Auswilderungswald vorbereitet. Diese beginnt immer kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Das mag angesichts der Tatsache, dass nur unbefestigte Pisten in den Regenwald führen, zunächst überraschen. Unser Team nimmt die Nachtfahrt dennoch in Kauf, denn nachts sind Orang-Utans üblicherweise im Ruhemodus. Während dieser Zeit fühlen sie sich durch den Transport weniger gestört, den sie in einer zwar speziell angefertigten, aber dennoch beengten Kiste erleben.

Während der gesamten Fahrt hält das Fahrzeug alle zwei Stunden an. Dabei geht es weniger um Ruhepausen für die Fahrer der Autos als um das Wohlbefinden und die Sicherheit der Orang-Utans. Bei jeder Pause überprüft unser Team, ob die Tiere entspannt und stabil sind und versorgt sie mit Wasser und Obst.
Kein GPS im Regenwald: Als das Team sich verirrte
Bei einer Auswilderung verirrte sich unser Team tief im nächtlichen Wald – wie sich später herausstellte, waren sie etwa 40 Kilometer vom vorgesehenen Ort entfernt. Eine Internetverbindung, die ihnen bei der Orientierung hätte helfen können, gab es nicht.
Schließlich kehrte der Konvoi um und fuhr zu einem markanten Punkt zurück, um von dort aus die richtige Route zu finden. Dabei erlebten sie die nächste Herausforderung: Bei einem der Fahrzeuge platzte ein Reifen, der gewechselt werden musste, ehe die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

So fand sich die Auswilderungsmannschaft schließlich in einem Wettlauf gegen die Zeit, denn je länger sich die Reise verzögerte, desto länger mussten die Orang-Utans auf ihre Freilassung warten – und desto unruhiger und angespannter wurden sie. Als der Konvoi endlich den Umladepunkt erreichte, beeilte sich das Team, alle Transportkisten von den Jeeps auf die Boote zu verladen, um die Reise auf dem Fluss fortzusetzen.
Nichts wie weg: Begegnung mit einem dominanten Orang-Utan
Schließlich erreichte das Team den Auswilderungsort. Der große Moment war gekommen. Als Erstes öffneten sich die Käfigtüren für zwei Orang-Utans namens Semeru und Farida. Im Anschluss sollten Himba, Lyke und Nett freigelassen werden.
Da ertönte plötzlich der laute Ruf eines dominanten Orang-Utan-Männchens. Dominante Männchen sind an ihren breiten Backenwülsten und ihrem kräftigen Körperbau zu erkennen. Es dauerte nicht lange, da tauchte der Verursacher des Rufes auch schon in voller Pracht aus dem Blätterdach des Waldes auf.


Das Team erkannte ihn als Franky: ein Orang-Utan-Männchen, das BOS bereits 2019 ausgewildert hatte. Eigentlich an einer weit entfernten Stelle im Regenwald. Doch offensichtlich hatte er sein Streifgebiet inzwischen bis zu diesem neuen Auswilderungsort ausgedehnt.
Die Sicherheit der Orang-Utans hat oberste Priorität
Das Team reagierte sofort und gab den Orang-Utans ausreichend Raum, damit sie möglichst ruhig und ungestört bleiben konnten. Wie sich herausstellte, fühlte sich Franky von einer der beiden, inzwischen leeren, Transportkisten angezogen. Vielleicht, weil sie für ihn ein vertrauter Gegenstand war, der mit seinem eigenen Weg in die Freiheit verbunden war. Solche Momente sind äußerst selten, und das gesamte Team hielt den Atem an, während Franky die Kiste untersuchte.

Da das Orang-Utan-Männchen eindeutig als dominantes Tier in diesem Gebiet auftrat, musste das Team eine Entscheidung für die Sicherheit der verbleibenden drei Orang-Utans treffen. Ein neuer, sicherer Ort für die Auswilderung musste festgelegt werden.
Warum die Wahl des richtigen Auswilderungsortes entscheidend ist
Die Begegnung mit Franky zeigte etwas, das die Öffentlichkeit nur selten zu sehen bekommt: Den richtigen Ort für eine Auswilderung zu finden, gehört zu den komplexesten Phasen des gesamten Rehabilitationsprozesses. Und sie beginnt lange bevor die eigentliche Reise überhaupt angetreten wird.
Denn ein Gebiet kann nicht einfach als Auswilderungsort bestimmt werden. Es muss zunächst zahlreiche Voraussetzungen erfüllen:
- Die Höhenlage des Gebietes muss als Lebensraum für Orang-Utans geeignet sein.
- Natürliche Nahrungsquellen müssen im Wald vorhanden sein.
- Der Auswilderungswald muss langfristig geschützt sein vor künftigen Erschließungs- und Nutzungsmaßnahmen.
- Es darf dort noch keine – oder nur eine möglichst kleine – Population wilder Orang-Utans leben.
- Es muss weit genug entfernt sein von menschlichen Siedlungen.
Selbst wenn bestätigt wurde, dass ein Gebiet all diese Kriterien erfüllt, muss das Team noch eine weitere wichtige Voraussetzung überprüfen: Ist das vorhandene Nahrungsangebot tatsächlich ausreichend? Diese Aufgabe fällt dem Post-Release Monitoring (PRM) Team zu, das nicht nur die bereits ausgewilderten Orang-Utans beobachtet, sondern auch die Biodiversität der BOS-Auswilderungswälder erforscht. Unter anderem erfasst und kartiert das PRM-Team durch regelmäßige phänologische Untersuchungen die Arten und Mengen der im Gebiet vorhandenen Nahrungsbäume.
Die genetische Herkunft ist bei Orang-Utans entscheidend
Und schließlich gibt es ein letztes Kriterium, das überprüft werden muss, um für ein bestimmtes Individuum den geeigneten Auswilderungswald zu bestimmen: die genetische Herkunft des Orang-Utans. Jedes Tier muss in einem Gebiet ausgewildert werden, das seiner jeweiligen Unterart entspricht. Ein Orang-Utan aus Ost-Kalimantan beispielsweise darf nur in Ost-Kalimantan ausgewildert werden. Dasselbe gilt für Zentral-Kalimantan und West-Kalimantan.
In der Geschichte von BOS ist es tatsächlich schon vorgekommen, dass ein Orang-Utan in einer bestimmten Region gerettet und auch dort rehabilitiert wurde – und dass sich beim DNA-Test vor der Auswilderung herausstellte, dass die Unterart dieses Individuums einer anderen Region zugeordnet wird. In diesem Fall musste der gesamte Auswilderungsplan von Grund auf überarbeitet werden.
Monitoring in den Auswilderungswäldern ist wichtiger Teil der Rehabilitation
Vom Auftreten eines dominanten Tieres wie Franky bis hin zu Veränderungen in der Biodiversität eines Waldes: Die Bedingungen vor Ort können sich jederzeit verändern. Auch nachdem ein Standort sämtliche Auswahlkriterien erfüllt hat und sorgsam ausgewählt wurde.
Genau deshalb endet die Arbeit von BOS nicht in jenem magischen Moment, in dem die Transportbox geöffnet wird und wir einem weiteren Orang-Utan die Freiheit schenken.

Unsere PRM-Teams verfolgen in der ersten Zeit die Bewegungen der neuen Wilden in ihrem neuen Lebensraum per GPS-Tracking. So wird sichergestellt, dass die Orang-Utans sich gut an ihre neue Umgebung anpassen, selbstständig Nahrungsquellen finden und Konflikten mit anderen Orang-Utans oder Menschen in der Umgebung aus dem Weg gehen. Nach einer gewissen Zeit sendet der Peilsender nicht mehr, das Monitoring endet jedoch auch dann nicht. Die Beobachtungen sind nur weniger planbar und werden seltener.
Der magische Moment der Auswilderung ist nicht das Ende unserer Arbeit
Eine Orang-Utan-Auswilderung ist deshalb nicht mit jenem wunderschönen Moment abgeschlossen, wenn der Orang-Utan in die Freiheit entlassen wird. Es ist der Startpunkt für das nächste, ebenso wichtige Kapitel.
Aber der magische Moment ist und bleibt ein wichtiger Meilenstein, der uns stolz und glücklich macht. Denn das ist es schließlich, was hinter all unseren Anstrengungen steht: Jeden Orang-Utan wieder nach Hause zu bringen.
Unterstützen Sie uns dabei, Orang-Utans eine zweite Chance auf ein Leben in Freiheit zu schenken.
