28. September 2026
Dominantes Orang-Utan-Männchen im Regenwald mit Transportbox

Der lange Weg zur Auswil­de­rung eines Orang-Utans

Der Moment, wenn sich die Klappe des Trans­port­kä­figs öffnet und ein Orang-Utan die ersten Schritte in sein neues, freies Leben unter­nimmt: Er ist jedes Mal wieder hoch­emo­tional für unser Team, der Höhe­punkt einer langen gemein­samen Geschichte. Denn dieses Indi­vi­duum konnte von BOS gerettet und erfolg­reich reha­bi­li­tiert werden. Die Auswil­de­rung ist ein Meilenstein.

Doch der Weg dahin ist nicht nur lang – er nimmt oft auch Umwege.

Heute möchten wir daher nicht von den 561 Orang-Utans erzählen, denen wir bereits die Frei­heit schenken konnten. Sondern von der weitaus komple­xeren Realität, die zu den 561 glück­li­chen Momenten der Käfig­öff­nung eben auch gehört.

Die Gesund­heits­prü­fung und über­trag­bare Krank­heiten bei Orang-Utans

Bevor ein Orang-Utan ausge­wil­dert werden darf, wird er vom BOS-Vete­ri­när­team gründ­lich unter­sucht, um even­tu­elle Verlet­zungen oder Erkran­kungen auszu­schließen. Beson­ders wichtig sind über­trag­bare Krank­heiten. Das schlimmst­mög­liche Szenario, dass man sich vorstellen könnte, wäre eine unkon­trol­lierte Ausbrei­tung einer Krank­heit unter der bereits frei­le­benden Orang-Utan-Population.

BOS-Tierärzte untersuchen einen Orang-Utan
Die BOS-Vete­ri­näre unter­su­chen die Orang-Utans gründ­lich vor der Auswilderung

Nächt­liche Fahrt auf schwie­rigen Pisten

Ist die Gesund­heits­prü­fung bestanden, wird die Reise in den Auswil­de­rungs­wald vorbe­reitet. Diese beginnt immer kurz vor Einbruch der Dunkel­heit. Das mag ange­sichts der Tatsache, dass nur unbe­fes­tigte Pisten in den Regen­wald führen, zunächst über­ra­schen. Unser Team nimmt die Nacht­fahrt dennoch in Kauf, denn nachts sind Orang-Utans übli­cher­weise im Ruhe­modus. Während dieser Zeit fühlen sie sich durch den Trans­port weniger gestört, den sie in einer zwar speziell ange­fer­tigten, aber dennoch beengten Kiste erleben.

Orang-Utan blickt aus Transportbox
Wert­volle Fracht: Die Trans­port­kisten werden speziell für Orang-Utans angefertigt

Während der gesamten Fahrt hält das Fahr­zeug alle zwei Stunden an. Dabei geht es weniger um Ruhe­pausen für die Fahrer der Autos als um das Wohl­be­finden und die Sicher­heit der Orang-Utans. Bei jeder Pause über­prüft unser Team, ob die Tiere entspannt und stabil sind und versorgt sie mit Wasser und Obst.

Kein GPS im Regen­wald: Als das Team sich verirrte

Bei einer Auswil­de­rung verirrte sich unser Team tief im nächt­li­chen Wald – wie sich später heraus­stellte, waren sie etwa 40 Kilo­meter vom vorge­se­henen Ort entfernt. Eine Inter­net­ver­bin­dung, die ihnen bei der Orien­tie­rung hätte helfen können, gab es nicht.
Schließ­lich kehrte der Konvoi um und fuhr zu einem markanten Punkt zurück, um von dort aus die rich­tige Route zu finden. Dabei erlebten sie die nächste Heraus­for­de­rung: Bei einem der Fahr­zeuge platzte ein Reifen, der gewech­selt werden musste, ehe die Fahrt fort­ge­setzt werden konnte.

Jeep der BOS Foundation im Regenwald auf dem Weg zu einer Auswilderung
Auf dem Weg zur Auswil­de­rung: unvor­her­seh­bare Stra­ßen­ver­hält­nisse und kein Internetempfang

So fand sich die Auswil­de­rungs­mann­schaft schließ­lich in einem Wett­lauf gegen die Zeit, denn je länger sich die Reise verzö­gerte, desto länger mussten die Orang-Utans auf ihre Frei­las­sung warten – und desto unru­higer und ange­spannter wurden sie. Als der Konvoi endlich den Umla­de­punkt erreichte, beeilte sich das Team, alle Trans­port­kisten von den Jeeps auf die Boote zu verladen, um die Reise auf dem Fluss fortzusetzen.

Nichts wie weg: Begeg­nung mit einem domi­nanten Orang-Utan

Schließ­lich erreichte das Team den Auswil­de­rungsort. Der große Moment war gekommen. Als Erstes öffneten sich die Käfig­türen für zwei Orang-Utans namens Semeru und Farida. Im Anschluss sollten Himba, Lyke und Nett frei­ge­lassen werden.

Da ertönte plötz­lich der laute Ruf eines domi­nanten Orang-Utan-Männ­chens. Domi­nante Männ­chen sind an ihren breiten Backen­wülsten und ihrem kräf­tigen Körperbau zu erkennen. Es dauerte nicht lange, da tauchte der Verur­sa­cher des Rufes auch schon in voller Pracht aus dem Blät­ter­dach des Waldes auf.

Das Team erkannte ihn als Franky: ein Orang-Utan-Männ­chen, das BOS bereits 2019 ausge­wil­dert hatte. Eigent­lich an einer weit entfernten Stelle im Regen­wald. Doch offen­sicht­lich hatte er sein Streif­ge­biet inzwi­schen bis zu diesem neuen Auswil­de­rungsort ausgedehnt.

Die Sicher­heit der Orang-Utans hat oberste Priorität

Das Team reagierte sofort und gab den Orang-Utans ausrei­chend Raum, damit sie möglichst ruhig und unge­stört bleiben konnten. Wie sich heraus­stellte, fühlte sich Franky von einer der beiden, inzwi­schen leeren, Trans­port­kisten ange­zogen. Viel­leicht, weil sie für ihn ein vertrauter Gegen­stand war, der mit seinem eigenen Weg in die Frei­heit verbunden war. Solche Momente sind äußerst selten, und das gesamte Team hielt den Atem an, während Franky die Kiste untersuchte.

Dominantes Orang-Utan-Männchen im Regenwald mit Transportbox
Franky nimmt sich die Trans­portbox vor

Da das Orang-Utan-Männ­chen eindeutig als domi­nantes Tier in diesem Gebiet auftrat, musste das Team eine Entschei­dung für die Sicher­heit der verblei­benden drei Orang-Utans treffen. Ein neuer, sicherer Ort für die Auswil­de­rung musste fest­ge­legt werden.

Warum die Wahl des rich­tigen Auswil­de­rungs­ortes entschei­dend ist

Die Begeg­nung mit Franky zeigte etwas, das die Öffent­lich­keit nur selten zu sehen bekommt: Den rich­tigen Ort für eine Auswil­de­rung zu finden, gehört zu den komple­xesten Phasen des gesamten Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zesses. Und sie beginnt lange bevor die eigent­liche Reise über­haupt ange­treten wird.
Denn ein Gebiet kann nicht einfach als Auswil­de­rungsort bestimmt werden. Es muss zunächst zahl­reiche Voraus­set­zungen erfüllen:

  • Die Höhen­lage des Gebietes muss als Lebens­raum für Orang-Utans geeignet sein.
  • Natür­liche Nahrungs­quellen müssen im Wald vorhanden sein.
  • Der Auswil­de­rungs­wald muss lang­fristig geschützt sein vor künf­tigen Erschlie­ßungs- und Nutzungsmaßnahmen.
  • Es darf dort noch keine – oder nur eine möglichst kleine – Popu­la­tion wilder Orang-Utans leben.
  • Es muss weit genug entfernt sein von mensch­li­chen Siedlungen.

Selbst wenn bestä­tigt wurde, dass ein Gebiet all diese Krite­rien erfüllt, muss das Team noch eine weitere wich­tige Voraus­set­zung über­prüfen: Ist das vorhan­dene Nahrungs­an­gebot tatsäch­lich ausrei­chend? Diese Aufgabe fällt dem Post-Release Moni­to­ring (PRM) Team zu, das nicht nur die bereits ausge­wil­derten Orang-Utans beob­achtet, sondern auch die Biodi­ver­sität der BOS-Auswil­de­rungs­wälder erforscht. Unter anderem erfasst und kartiert das PRM-Team durch regel­mä­ßige phäno­lo­gi­sche Unter­su­chungen die Arten und Mengen der im Gebiet vorhan­denen Nahrungsbäume.

Die gene­ti­sche Herkunft ist bei Orang-Utans entscheidend

Und schließ­lich gibt es ein letztes Krite­rium, das über­prüft werden muss, um für ein bestimmtes Indi­vi­duum den geeig­neten Auswil­de­rungs­wald zu bestimmen: die gene­ti­sche Herkunft des Orang-Utans. Jedes Tier muss in einem Gebiet ausge­wil­dert werden, das seiner jewei­ligen Unterart entspricht. Ein Orang-Utan aus Ost-Kali­mantan beispiels­weise darf nur in Ost-Kali­mantan ausge­wil­dert werden. Dasselbe gilt für Zentral-Kali­mantan und West-Kalimantan.

In der Geschichte von BOS ist es tatsäch­lich schon vorge­kommen, dass ein Orang-Utan in einer bestimmten Region gerettet und auch dort reha­bi­li­tiert wurde – und dass sich beim DNA-Test vor der Auswil­de­rung heraus­stellte, dass die Unterart dieses Indi­vi­duums einer anderen Region zuge­ordnet wird. In diesem Fall musste der gesamte Auswil­de­rungs­plan von Grund auf über­ar­beitet werden.

Moni­to­ring in den Auswil­de­rungs­wäl­dern ist wich­tiger Teil der Rehabilitation

Vom Auftreten eines domi­nanten Tieres wie Franky bis hin zu Verän­de­rungen in der Biodi­ver­sität eines Waldes: Die Bedin­gungen vor Ort können sich jeder­zeit verän­dern. Auch nachdem ein Standort sämt­liche Auswahl­kri­te­rien erfüllt hat und sorgsam ausge­wählt wurde.
Genau deshalb endet die Arbeit von BOS nicht in jenem magi­schen Moment, in dem die Trans­portbox geöffnet wird und wir einem weiteren Orang-Utan die Frei­heit schenken.

BOS-Ranger im Regenwald beobachtet Orang-Utans
Die ausge­wil­derten Orang-Utans werden weiterhin beobachtet

Unsere PRM-Teams verfolgen in der ersten Zeit die Bewe­gungen der neuen Wilden in ihrem neuen Lebens­raum per GPS-Tracking. So wird sicher­ge­stellt, dass die Orang-Utans sich gut an ihre neue Umge­bung anpassen, selbst­ständig Nahrungs­quellen finden und Konflikten mit anderen Orang-Utans oder Menschen in der Umge­bung aus dem Weg gehen. Nach einer gewissen Zeit sendet der Peil­sender nicht mehr, das Moni­to­ring endet jedoch auch dann nicht. Die Beob­ach­tungen sind nur weniger planbar und werden seltener.

Der magi­sche Moment der Auswil­de­rung ist nicht das Ende unserer Arbeit

Eine Orang-Utan-Auswil­de­rung ist deshalb nicht mit jenem wunder­schönen Moment abge­schlossen, wenn der Orang-Utan in die Frei­heit entlassen wird. Es ist der Start­punkt für das nächste, ebenso wich­tige Kapitel.
Aber der magi­sche Moment ist und bleibt ein wich­tiger Meilen­stein, der uns stolz und glück­lich macht. Denn das ist es schließ­lich, was hinter all unseren Anstren­gungen steht: Jeden Orang-Utan wieder nach Hause zu bringen.

Unter­stützen Sie uns dabei, Orang-Utans eine zweite Chance auf ein Leben in Frei­heit zu schenken.