2. Juli 2026
Orang-Utan-Mutter Manggo mit ihrem Kind Melki im Regenwald, aufgenommen mit Wildtierkamera

Drei Tage mit Orang-Utan-Mutter Manggo: Lebens-Lektionen im Regen­wald von Borneo

Unser Post-Release Moni­to­ring (PRM) Team konnte Orang-Utan-Mutter Manggo mit ihrem Nach­wuchs Melki drei Tage im Schutz­wald Bukit Batikap beob­achten. Was auf den ersten Blick nach Alltag aussieht, gibt den Orang-Utan-Experten tiefe Einblicke in das soziale Lernen der Wald­men­schen – und wert­volles Wissen für die künf­tige Reha­bi­li­ta­tion, Auswil­de­rung und Schutzarbeit.

Oft erzählt der Regen­wald von Borneo seine Geschichten ganz leise. Man muss genau hinschauen und hinhören. Etwa wenn eine Orang-Utan-Mutter nahezu unsichtbar in den Baum­kronen sitzt, mit leisem Rascheln eine Frucht pflückt, von jungen Blät­tern nascht oder Termiten aus einem morschen Baum­stamm sammelt. Dazwi­schen immer wieder ruhig und sicher von Ast zu Ast klet­tert. Und dabei ganz dicht von ihrem Jung­tier begleitet wird, das jede Bewe­gung beob­achtet.
Im Schutz­wald Bukit Batikap in Zentral-Kali­mantan auf Borneo hat unser PRM-Team drei Tage lang eine solche Geschichte beob­achtet: die von Manggo und ihrem Kind Melki.

Warum das Moni­to­ring ausge­wil­derter Orang-Utans so wichtig ist

Als das PRM-Team die beiden während einer Moni­to­ring-Patrouille entdeckte, saßen sie auf einem Sang­kuang-Baum (Dracon­to­melon dao) und futterten Früchte. Das Jung­tier Melki wurde erst­mals 2019 von unserem Team gesichtet und ist inzwi­schen rund sieben Jahre alt. Mama Manggo lebt seit mitt­ler­weile 13 Jahren wild und frei im Regen­wald von Bukit Batikap. Sie wurde im Februar 2013 gemeinsam mit ihrer Mutter Markisa der jüngeren Schwester Uli ausge­wil­dert.

Orang-Utan Manggo im Regenwald
Stark und frei: Orang-Utan Manggo lebt seit 2013 im Bukit Batikap Wald

Manggos Start ins Leben war alles andere als gewöhn­lich: Obwohl sie ihre ersten Lebens­jahre bei BOS verbrachte, hatte sie das große Glück, gemeinsam mit ihrer Mutter aufwachsen zu können. Denn Manggo wurde auf einer der Voraus­wil­de­rungs­in­seln geboren. Von Mutter Markisa lernte sie, sicher zu klet­tern, Schlaf­nester zu bauen und essbare Früchte und Blätter im Regen­wald zu erkennen.

Vom Rettungs­zen­trum in die Frei­heit: Manggos Weg zurück in den Regenwald

Schon vor ihrer Auswil­de­rung fiel Manggo dem BOS-Team als neugierig, aktiv und wiss­be­gierig auf. Jeden Tag erkun­dete sie den Wald aufs Neue. Sie galt als wenig domi­nant und äußerst anpas­sungs­fähig. Ein Orang-Utan, der Situa­tionen gut einschätzen kann.
Heute bekommen diese Eigen­schaften eine neue Bedeu­tung: Manggo gibt ihr Wissen als Mutter an Melki weiter. In den drei Tagen der Beob­ach­tung bewies die Orang-Utan-Dame dem PRM-Team, dass sie ganz genau weiß, was sie tut — wie sicher sie sich im Wald bewegt, Nahrung findet und ihr Jung­tier anleitet.

Was junge Orang-Utans von ihren Müttern lernen

Die erste Beob­ach­tung der BOS-Ranger begann um die Mittags­zeit. Manggo und Melki saßen im Sang­kuang-Baum und futterten genüss­lich dessen Früchte. Das PRM-Team konnte die Beob­ach­tung bis zum Einbruch der Dunkel­heit fort­setzen, als sich die beiden ein Schlaf­nest für die Nacht bauten. Der Tag der beiden Orang-Utans war vor allem von der Nahrungs­suche bestimmt. Melki blieb dabei immer dicht bei der Mutter und imitierte ihr Fressverhalten.

Orang-Utan-Kind Melki im Regenwald
Melki ist heute etwa sieben Jahre alt – fast schon bereit für ein eigen­stän­diges Leben

Am zweiten und dritten Tag beglei­tete das Team Manggo und Melki vom Verlassen des Morgen­nestes bis zum Bau des neuen Nacht­quar­tiers. Der wissen­schaft­liche Begriff dafür ist die Nest-zu-Nest-Methode.

Wieder domi­nierte das Fressen den Tages­ab­lauf. Manggo suchte und fraß Sang­kuang-Früchte, Hampa­ning-Früchte, Umbut (junge Palm­triebe), junge Lunuk-Blätter und Termiten. Wieder bewegte sich Melki an der Seite ihrer Mutter. So zeigte sich drei Tage lang ein ruhiges, stetiges Bild: eine Mutter, die ihren Alltag im Wald meis­tert, und ein Jung­tier, das Schritt für Schritt begreift, wie dieser Alltag funktioniert.

Orang-Utan-Manggo im Regenwald
Manggo bedient sich am Regen­wald­buffet. Der Spei­se­plan frei­le­bender Orang-Utans ist äußerst vielseitig

Dabei bewiesen die beiden, wie viel­fältig der Spei­se­plan eines Orang-Utans im Regen­wald sein kann. Für die Reha­bi­li­ta­tion eines geret­teten Orang-Utans sind diese Kennt­nisse einer der Indi­ka­toren, ob der Primat bereit ist für die Auswil­de­rung. Manggo hat diese Kennt­nisse zwar direkt von ihrer Mutter erlernt, diese jedoch war selbst erst als Vier­jäh­rige aus ille­galer Haus­tier­hal­tung gerettet worden. In der BOS-Wald­schule wurde sie während zahl­rei­cher Lektionen auf ihr Leben als wilder, freier Orang-Utan vorbereitet.

Nahrungs­suche als Über­le­bens­trai­ning für junge Orang-Utans

Beob­ach­tungen wie diese sind für das Moni­to­ring nach einer Orang-Utan-Auswil­de­rung beson­ders wert­voll: Sie zeigen nicht nur, wo sich einzelne Tiere aufhalten. Sie geben darüber hinaus wich­tige Hinweise auf Akti­vi­täts­muster, Ernäh­rung, Gesund­heits­zu­stand und darauf, wie gut der reha­bi­li­tierte Orang-Utan an seinen Lebens­raum ange­passt ist.
Bei Mutter-Kind-Paaren kommt ein weiterer wich­tiger Aspekt hinzu: das soziale Lernen der nächsten Generation.

Drei Tage mit Manggo und Melki zeigen deshalb mehr als einen Ausschnitt aus dem Leben zweier frei­le­bender Orang-Utans im Regen­wald von Borneo. Sie zeigen, warum Orang-Utan-Rettung, Reha­bi­li­ta­tion, Auswil­de­rung, Moni­to­ring und Wald­schutz zusam­men­ge­hören. Nur wenn ihr Lebens­raum geschützt bleibt, kann die Geschichte von Manggo und Melki weiter­gehen – von einer Orang-Utan-Gene­ra­tion zur nächsten.

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