Unser Post-Release Monitoring (PRM) Team konnte Orang-Utan-Mutter Manggo mit ihrem Nachwuchs Melki drei Tage im Schutzwald Bukit Batikap beobachten. Was auf den ersten Blick nach Alltag aussieht, gibt den Orang-Utan-Experten tiefe Einblicke in das soziale Lernen der Waldmenschen – und wertvolles Wissen für die künftige Rehabilitation, Auswilderung und Schutzarbeit.
Oft erzählt der Regenwald von Borneo seine Geschichten ganz leise. Man muss genau hinschauen und hinhören. Etwa wenn eine Orang-Utan-Mutter nahezu unsichtbar in den Baumkronen sitzt, mit leisem Rascheln eine Frucht pflückt, von jungen Blättern nascht oder Termiten aus einem morschen Baumstamm sammelt. Dazwischen immer wieder ruhig und sicher von Ast zu Ast klettert. Und dabei ganz dicht von ihrem Jungtier begleitet wird, das jede Bewegung beobachtet.
Im Schutzwald Bukit Batikap in Zentral-Kalimantan auf Borneo hat unser PRM-Team drei Tage lang eine solche Geschichte beobachtet: die von Manggo und ihrem Kind Melki.
Warum das Monitoring ausgewilderter Orang-Utans so wichtig ist
Als das PRM-Team die beiden während einer Monitoring-Patrouille entdeckte, saßen sie auf einem Sangkuang-Baum (Dracontomelon dao) und futterten Früchte. Das Jungtier Melki wurde erstmals 2019 von unserem Team gesichtet und ist inzwischen rund sieben Jahre alt. Mama Manggo lebt seit mittlerweile 13 Jahren wild und frei im Regenwald von Bukit Batikap. Sie wurde im Februar 2013 gemeinsam mit ihrer Mutter Markisa der jüngeren Schwester Uli ausgewildert.

Manggos Start ins Leben war alles andere als gewöhnlich: Obwohl sie ihre ersten Lebensjahre bei BOS verbrachte, hatte sie das große Glück, gemeinsam mit ihrer Mutter aufwachsen zu können. Denn Manggo wurde auf einer der Vorauswilderungsinseln geboren. Von Mutter Markisa lernte sie, sicher zu klettern, Schlafnester zu bauen und essbare Früchte und Blätter im Regenwald zu erkennen.
Vom Rettungszentrum in die Freiheit: Manggos Weg zurück in den Regenwald
Schon vor ihrer Auswilderung fiel Manggo dem BOS-Team als neugierig, aktiv und wissbegierig auf. Jeden Tag erkundete sie den Wald aufs Neue. Sie galt als wenig dominant und äußerst anpassungsfähig. Ein Orang-Utan, der Situationen gut einschätzen kann.
Heute bekommen diese Eigenschaften eine neue Bedeutung: Manggo gibt ihr Wissen als Mutter an Melki weiter. In den drei Tagen der Beobachtung bewies die Orang-Utan-Dame dem PRM-Team, dass sie ganz genau weiß, was sie tut — wie sicher sie sich im Wald bewegt, Nahrung findet und ihr Jungtier anleitet.
Was junge Orang-Utans von ihren Müttern lernen
Die erste Beobachtung der BOS-Ranger begann um die Mittagszeit. Manggo und Melki saßen im Sangkuang-Baum und futterten genüsslich dessen Früchte. Das PRM-Team konnte die Beobachtung bis zum Einbruch der Dunkelheit fortsetzen, als sich die beiden ein Schlafnest für die Nacht bauten. Der Tag der beiden Orang-Utans war vor allem von der Nahrungssuche bestimmt. Melki blieb dabei immer dicht bei der Mutter und imitierte ihr Fressverhalten.

Am zweiten und dritten Tag begleitete das Team Manggo und Melki vom Verlassen des Morgennestes bis zum Bau des neuen Nachtquartiers. Der wissenschaftliche Begriff dafür ist die Nest-zu-Nest-Methode.
Wieder dominierte das Fressen den Tagesablauf. Manggo suchte und fraß Sangkuang-Früchte, Hampaning-Früchte, Umbut (junge Palmtriebe), junge Lunuk-Blätter und Termiten. Wieder bewegte sich Melki an der Seite ihrer Mutter. So zeigte sich drei Tage lang ein ruhiges, stetiges Bild: eine Mutter, die ihren Alltag im Wald meistert, und ein Jungtier, das Schritt für Schritt begreift, wie dieser Alltag funktioniert.

Dabei bewiesen die beiden, wie vielfältig der Speiseplan eines Orang-Utans im Regenwald sein kann. Für die Rehabilitation eines geretteten Orang-Utans sind diese Kenntnisse einer der Indikatoren, ob der Primat bereit ist für die Auswilderung. Manggo hat diese Kenntnisse zwar direkt von ihrer Mutter erlernt, diese jedoch war selbst erst als Vierjährige aus illegaler Haustierhaltung gerettet worden. In der BOS-Waldschule wurde sie während zahlreicher Lektionen auf ihr Leben als wilder, freier Orang-Utan vorbereitet.
Nahrungssuche als Überlebenstraining für junge Orang-Utans
Beobachtungen wie diese sind für das Monitoring nach einer Orang-Utan-Auswilderung besonders wertvoll: Sie zeigen nicht nur, wo sich einzelne Tiere aufhalten. Sie geben darüber hinaus wichtige Hinweise auf Aktivitätsmuster, Ernährung, Gesundheitszustand und darauf, wie gut der rehabilitierte Orang-Utan an seinen Lebensraum angepasst ist.
Bei Mutter-Kind-Paaren kommt ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: das soziale Lernen der nächsten Generation.


Drei Tage mit Manggo und Melki zeigen deshalb mehr als einen Ausschnitt aus dem Leben zweier freilebender Orang-Utans im Regenwald von Borneo. Sie zeigen, warum Orang-Utan-Rettung, Rehabilitation, Auswilderung, Monitoring und Waldschutz zusammengehören. Nur wenn ihr Lebensraum geschützt bleibt, kann die Geschichte von Manggo und Melki weitergehen – von einer Orang-Utan-Generation zur nächsten.
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