4. März 2026
Hannah Emde hilft mit ihrer tiermedizinischer Expertise bei der Vorbereitung der Auswilderungskandidaten

„Ein magi­scher Moment“ – Hannah Emde über die Frei­heit der Orang-Utans

Im November 2025 hatte die BOS Foun­da­tion ganz beson­deren Besuch auf Borneo: Hannah Emde, Tier­ärztin, Arten­schüt­zerin und Vorsit­zende von Nepada Wild­life e.V., ein Verein, der sich leiden­schaft­lich für den Schutz und die Wieder­her­stel­lung der Biodi­ver­sität einsetzt – zum Wohle von Natur und Mensch.
Der Grund für ihre Reise war eine Produk­tion für die ZDF-Reihe “Terra X: Faszi­na­tion Erde”, die sich unter anderem mit dem welt­weiten Wild­tier­handel beschäf­tigt. Im Zuge der Dreh­ar­beiten durfte Hannah Emde an der außer­ge­wöhn­li­chen Auswil­de­rung von Orang-Utan-Weib­chen Kapuan teil­nehmen.
Kapuan war eines von 48 Tieren, die nach jahre­langem Miss­brauch in Thai­land 2006 nach Indo­ne­sien zurück­ge­holt wurden. Nach fast 20 Jahren Reha­bi­li­ta­tion im BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng und einer Zeit auf der Voraus­wil­de­rungs­insel Badak Kecil war es endlich so weit: Mit 25 Jahren kehrte Kapuan im November 2025 in den Regen­wald des Natio­nal­parks Bukit Baka Bukit Raya zurück.

Wir haben Hannah Emde in Berlin getroffen, um über diese bewe­gende Reise zu sprechen.

BOS: Hannah, was war für Dich das Beson­dere an dieser Reise zu den Orang-Utans?
Hannah Emde: Das Beson­dere war, den gesamten Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess hautnah mitzu­er­leben. Es geht ja nicht nur um diesen einen Moment, in dem man den Käfig öffnet und der Orang-Utan in die Frei­heit klettert.

Hannah Emde hilft mit ihrer tiermedizinischer Expertise bei der Vorbereitung der Auswilderungskandidaten

Dahinter stecken fast 20 Jahre Vorbe­rei­tung! Ich habe von den Mitar­bei­tenden gelernt, was es wirk­lich bedeutet, ein Tier zu retten, es aufzu­nehmen und Schritt für Schritt zu reha­bi­li­tieren. Der krönende Abschluss war dieser 30-stün­dige Trip tief in den Dschungel, um die „fertigen“ Kandi­daten zu entlassen. Das war magisch – ein für mich einma­liges Erlebnis.

BOS: Was war der schönste und was der trau­rigste Moment Deiner Reise?
Hannah Emde: Das ist schwierig zu trennen. Der trau­rigste Moment war defi­nitiv, als ich Kapuans Geschichte hörte. Zu erfahren, was sie durch­ge­macht hat – wie sie in Thai­land unter furcht­baren Bedin­gungen zur Schau gestellt wurde –, das war abartig. Als ich das hörte, kamen mir die Tränen. Umso schöner war es dann, mit ihr gemeinsam auf dem kleinen Boot Rich­tung Regen­wald zu fahren. Zu wissen: Kapuan ahnt noch nichts von ihrem Glück, aber in wenigen Minuten lässt sie all das Leid hinter sich und beginnt ihre zweite Chance in Frei­heit. Dieser Gedanke war wunderschön.



Unser TV Tipp für Sie:


Sie können die komplette Doku­men­ta­tion mit Hannah Emde ab sofort in der ZDF-Media­thek ansehen. Die TV-Ausstrah­lung erfolgt am Sonntag, 29.03.2026, 19:30 Uhr im ZDF.


BOS: Wie hast Du die lange Reise in den Dschungel erlebt?
Hannah Emde: Die Reise war eine echte Heraus­for­de­rung. Nachdem die Tiere verladen waren, lagen zwölf Stunden Auto­fahrt über holp­rige Pisten vor uns. Wir sind bewusst nachts gefahren, um kein Aufsehen in den Dörfern zu erregen. Kapuan war hinten auf dem Pick-up – eine völlig absurde Vorstel­lung, wenn man bedenkt, dass man da gerade mit drei Orang-Utans durch die Zivi­li­sa­tion fährt.

Hannah Emde bei der Bootsfahrt zur Orang-Utan-Auswilderungsstelle

Wir waren alle todmüde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Das Tier­ärzte-Team war rund um die Uhr im Einsatz, wir hielten alle paar Stunden, um die Tiere zu füttern und zu tränken. Nach der Auto­fahrt ging es acht Stunden mit kleinen Booten den Fluss hinauf. Es war laut, heiß, es regnete anfangs – unfassbar anstren­gend. Aber der Primär­wald im Natio­nal­park ist umwer­fend: Uralte, riesige Bäume, die über den Fluss ragen. Ich hatte das Gefühl, dass auch Kapuan in ihrer Trans­portbox merkte, dass wir dem Ziel näher­kamen. Die Anspan­nung in mir stieg, und dann waren alle Stra­pazen plötz­lich vergessen.

BOS: Welchen Eindruck hattest Du vom Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng?

Hannah Emde: Was mir sofort auffiel: Man sieht dort erst einmal keinen einzigen Orang-Utan. Und genau so soll es in einer profes­sio­nellen Station sein! Die Bereiche sind streng abge­schirmt und liegen verteilt in den Wäldern: der Kinder­garten, die Wald­schule und die „Uni“ auf der Auswil­de­rungs­insel sind räum­lich getrennt.

Das Team vor Ort hat mich als Kollegin mit offenen Armen empfangen. Man merkt sofort, dass die Menschen dort für den Schutz der Tiere leben. Es herrscht eine unglaub­lich herz­liche Atmo­sphäre. Ein unbe­zahl­barer Moment war es, morgens bei der Wald­schule dabei zu sein: Wenn die Tür aufgeht und die Kleinen losstürmen, jeder auf seine eigene Art: Manche gehen zu dritt einge­hakt, andere laufen an der Hand der Pfleger. Das war einfach nur witzig und berührend.

Hannah Emde mit BOSF Team im Regenwald

BOS: Baby­sit­terin bei BOS – für viele ein abso­luter Traumjob. Auch für Dich?

Hannah Emde: Ich verstehe den Reiz, aber ich glaube, es ist ein knall­harter Job. Ich habe selbst gesehen, was es bedeutet, die kleinen Orang-Utans zu betreuen und ihnen alles beizu­bringen. Die können auch mal rabiat sein, beißen oder verstehen nicht sofort, dass sie vorsichtig sein müssen. Es bleiben wilde Tiere. Man muss 24/7 unter harten klima­ti­schen Bedin­gungen – 30 Grad und extreme Luft­feuch­tig­keit – für sie da sein. Und das Schlimmste ist die emotio­nale Belas­tung: Es bricht einem das Herz, wenn man merkt, dass ein Tier sich zu sehr an Menschen gewöhnt hat und viel­leicht nie ausge­wil­dert werden kann. Denn das größte Ziel ist eigent­lich, sie nie wieder­sehen zu müssen, weil sie in die Frei­heit gehören.

BOS: Wo siehst Du die größte Heraus­for­de­rung bei der Arbeit von BOS?
Hannah Emde: Genau in dieser Ambi­va­lenz: Die Kleinen brau­chen die Nähe und die Bezugs­per­sonen, um zu lernen. Gleich­zeitig sollen sie später in der Wildnis den Menschen meiden, weil wir für Wild­tiere meis­tens eine Gefahr darstellen. Diesen schmalen Grat zu wandern, ist eine enorme Leis­tung des Perso­nals. Auch für mich als Tier­ärztin war es oberste Prio­rität, Distanz zu wahren. So nied­lich sie auch sind: Ich durfte nie aktiv auf sie zugehen, sondern musste immer meinen Abstand wahren, um ihre natür­liche Scheu nicht zu gefährden.