Im November 2025 hatte die BOS Foundation ganz besonderen Besuch auf Borneo: Hannah Emde, Tierärztin, Artenschützerin und Vorsitzende von Nepada Wildlife e.V., ein Verein, der sich leidenschaftlich für den Schutz und die Wiederherstellung der Biodiversität einsetzt – zum Wohle von Natur und Mensch.
Der Grund für ihre Reise war eine Produktion für die ZDF-Reihe “Terra X: Faszination Erde”, die sich unter anderem mit dem weltweiten Wildtierhandel beschäftigt. Im Zuge der Dreharbeiten durfte Hannah Emde an der außergewöhnlichen Auswilderung von Orang-Utan-Weibchen Kapuan teilnehmen.
Kapuan war eines von 48 Tieren, die nach jahrelangem Missbrauch in Thailand 2006 nach Indonesien zurückgeholt wurden. Nach fast 20 Jahren Rehabilitation im BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng und einer Zeit auf der Vorauswilderungsinsel Badak Kecil war es endlich so weit: Mit 25 Jahren kehrte Kapuan im November 2025 in den Regenwald des Nationalparks Bukit Baka Bukit Raya zurück.
Wir haben Hannah Emde in Berlin getroffen, um über diese bewegende Reise zu sprechen.
BOS: Hannah, was war für Dich das Besondere an dieser Reise zu den Orang-Utans?
Hannah Emde: Das Besondere war, den gesamten Rehabilitationsprozess hautnah mitzuerleben. Es geht ja nicht nur um diesen einen Moment, in dem man den Käfig öffnet und der Orang-Utan in die Freiheit klettert.

Dahinter stecken fast 20 Jahre Vorbereitung! Ich habe von den Mitarbeitenden gelernt, was es wirklich bedeutet, ein Tier zu retten, es aufzunehmen und Schritt für Schritt zu rehabilitieren. Der krönende Abschluss war dieser 30-stündige Trip tief in den Dschungel, um die „fertigen“ Kandidaten zu entlassen. Das war magisch – ein für mich einmaliges Erlebnis.
BOS: Was war der schönste und was der traurigste Moment Deiner Reise?
Hannah Emde: Das ist schwierig zu trennen. Der traurigste Moment war definitiv, als ich Kapuans Geschichte hörte. Zu erfahren, was sie durchgemacht hat – wie sie in Thailand unter furchtbaren Bedingungen zur Schau gestellt wurde –, das war abartig. Als ich das hörte, kamen mir die Tränen. Umso schöner war es dann, mit ihr gemeinsam auf dem kleinen Boot Richtung Regenwald zu fahren. Zu wissen: Kapuan ahnt noch nichts von ihrem Glück, aber in wenigen Minuten lässt sie all das Leid hinter sich und beginnt ihre zweite Chance in Freiheit. Dieser Gedanke war wunderschön.
Unser TV Tipp für Sie:
Sie können die komplette Dokumentation mit Hannah Emde ab sofort in der ZDF-Mediathek ansehen. Die TV-Ausstrahlung erfolgt am Sonntag, 29.03.2026, 19:30 Uhr im ZDF.
BOS: Wie hast Du die lange Reise in den Dschungel erlebt?
Hannah Emde: Die Reise war eine echte Herausforderung. Nachdem die Tiere verladen waren, lagen zwölf Stunden Autofahrt über holprige Pisten vor uns. Wir sind bewusst nachts gefahren, um kein Aufsehen in den Dörfern zu erregen. Kapuan war hinten auf dem Pick-up – eine völlig absurde Vorstellung, wenn man bedenkt, dass man da gerade mit drei Orang-Utans durch die Zivilisation fährt.

Wir waren alle todmüde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Das Tierärzte-Team war rund um die Uhr im Einsatz, wir hielten alle paar Stunden, um die Tiere zu füttern und zu tränken. Nach der Autofahrt ging es acht Stunden mit kleinen Booten den Fluss hinauf. Es war laut, heiß, es regnete anfangs – unfassbar anstrengend. Aber der Primärwald im Nationalpark ist umwerfend: Uralte, riesige Bäume, die über den Fluss ragen. Ich hatte das Gefühl, dass auch Kapuan in ihrer Transportbox merkte, dass wir dem Ziel näherkamen. Die Anspannung in mir stieg, und dann waren alle Strapazen plötzlich vergessen.
BOS: Welchen Eindruck hattest Du vom Rettungszentrum Nyaru Menteng?
Hannah Emde: Was mir sofort auffiel: Man sieht dort erst einmal keinen einzigen Orang-Utan. Und genau so soll es in einer professionellen Station sein! Die Bereiche sind streng abgeschirmt und liegen verteilt in den Wäldern: der Kindergarten, die Waldschule und die „Uni“ auf der Auswilderungsinsel sind räumlich getrennt.
Das Team vor Ort hat mich als Kollegin mit offenen Armen empfangen. Man merkt sofort, dass die Menschen dort für den Schutz der Tiere leben. Es herrscht eine unglaublich herzliche Atmosphäre. Ein unbezahlbarer Moment war es, morgens bei der Waldschule dabei zu sein: Wenn die Tür aufgeht und die Kleinen losstürmen, jeder auf seine eigene Art: Manche gehen zu dritt eingehakt, andere laufen an der Hand der Pfleger. Das war einfach nur witzig und berührend.

BOS: Babysitterin bei BOS – für viele ein absoluter Traumjob. Auch für Dich?
Hannah Emde: Ich verstehe den Reiz, aber ich glaube, es ist ein knallharter Job. Ich habe selbst gesehen, was es bedeutet, die kleinen Orang-Utans zu betreuen und ihnen alles beizubringen. Die können auch mal rabiat sein, beißen oder verstehen nicht sofort, dass sie vorsichtig sein müssen. Es bleiben wilde Tiere. Man muss 24/7 unter harten klimatischen Bedingungen – 30 Grad und extreme Luftfeuchtigkeit – für sie da sein. Und das Schlimmste ist die emotionale Belastung: Es bricht einem das Herz, wenn man merkt, dass ein Tier sich zu sehr an Menschen gewöhnt hat und vielleicht nie ausgewildert werden kann. Denn das größte Ziel ist eigentlich, sie nie wiedersehen zu müssen, weil sie in die Freiheit gehören.
BOS: Wo siehst Du die größte Herausforderung bei der Arbeit von BOS?
Hannah Emde: Genau in dieser Ambivalenz: Die Kleinen brauchen die Nähe und die Bezugspersonen, um zu lernen. Gleichzeitig sollen sie später in der Wildnis den Menschen meiden, weil wir für Wildtiere meistens eine Gefahr darstellen. Diesen schmalen Grat zu wandern, ist eine enorme Leistung des Personals. Auch für mich als Tierärztin war es oberste Priorität, Distanz zu wahren. So niedlich sie auch sind: Ich durfte nie aktiv auf sie zugehen, sondern musste immer meinen Abstand wahren, um ihre natürliche Scheu nicht zu gefährden.
