6. Mai 2026
Orang-Utan-Männchen Dayak in den Nähe vom Forschungszentrum Tuanan

Eine Begeg­nung mit Dayak, dem Orang-Utan-Männ­chen mit der Narbe

Im geschützten Wald von Tuanan leben noch rund 2.500 wilde Orang-Utans. Wissen­schaft­le­rinnen und Wissen­schaft­lern des Tuanan Orang-Utan Forschungs­pro­gramms beob­achten ihr Verhalten, um Erkennt­nisse für den Schutz der gefähr­deten Spezies sowie auch für die Reha­bi­li­ta­tion und Auswil­de­rung geret­teter Indi­vi­duen zu gewinnen. Hier berichten sie von einer aufschluss­rei­chen Begegnung.


Eines Nach­mit­tags im Februar war es wieder einmal so weit: Dayak tauchte ganz in der Nähe der Forschungs­sta­tion auf. Mit beein­dru­ckender körper­li­cher Präsenz bewegte er sich durch die Baum­wipfel. Dabei strahlte er Ruhe und Kraft aus, hangelte geschickt und trotz seiner Größe anmutig von Ast zu Ast.
Dayak ist ein domi­nantes Männ­chen. Davon zeugen seine präch­tigen Backen­wülste und der impo­sante Körperbau. Und das beweist auch die große Narbe, die quer über seine Lippe führt: Sie ist bei Kämpfen mit anderen Männ­chen um Revier und Weib­chen entstanden.
Die Wissen­schaftler des Tuanan-Forschungs­zen­trums erkennen das Männ­chen mit der Narbe jedes Mal sofort wieder. Genauso wie seinen durch­drin­genden „Long Call“, mit dem er sein Revier markiert, Rivalen warnt und Weib­chen anlockt, ist charak­te­ris­tisch und deut­lich zu erkennen.


Orang-Utans werden auch „Gärtner des Waldes“ genannt


An diesem Tag hielt sich Dayak eine lange Zeit in Sicht­weite der Forschenden auf und gab ihnen reich­lich Zeit, sein Verhalten zu beob­achten. Sorg­fältig wählte das Männ­chen seine Nahrung aus dem üppigen Angebot des Regen­waldes aus. Jeden Bissen aß er in Ruhe, ehe er sich zum nächsten oder über­nächsten Baum weiter bewegte.

Orang-Utan-Männchen Dayak in den Nähe vom Forschungszentrum Tuanan
Impo­sante Erschei­nung: das domi­nante Männ­chen Dayak im Wald von Tuanan


Orang-Utans führen ein semi-soli­täres Leben im Regen­wald und legen bei ihrer Futter­suche täglich weite Stre­cken zurück. Das macht sie zu einer Schlüs­sel­spe­zies, denn sie besu­chen eine Viel­zahl unter­schied­li­cher Futter­pflanzen und verteilen wiederum Samen dieser Pflanzen auf enormen Flächen. So sorgen sie für eine natür­liche Rege­ne­ra­tion des Ökosystems.


Orang-Utans sind eine Schlüs­sel­spe­zies für das Ökosystem Regenwald


An diesem Beob­ach­tungstag über­raschte Dayak die Forschenden, denn er begann bereits am Nach­mittag mit dem Bau seines Schlaf­nestes. Eigent­lich hätte er noch einige Stunden Zeit gehabt bis zum Einbruch der Dämme­rung – jene Zeit des Tages, zu der Orang-Utans norma­ler­weise mit den Vorbe­rei­tungen für die Nacht­ruhe beginnen. Doch statt sie mit Fressen zu verbringen, baute Dayak sein Nest.
Die Forschenden konnten dabei zusehen, wie er geschickt Äste, klei­nere Zweige und Blätter mitein­ander verflocht. Stück für Stück entstand so ein Ruhe­kissen, auf dem der große und schwere Orang-Utan stabil und sicher liegen konnte.


Spüren Orang-Utans Wetterveränderungen?


Für die Forschenden beson­ders span­nend, neben der frühen Uhrzeit, war das dichte Blät­ter­dach, das Dayak ober­halb seines Nestes baute. Kurz nachdem sich der Orang-Utan in seinem bequemen Nest zur Ruhe gebettet hatte, begann es zu regnen. Könnte es sein, fragten sich die Forschenden, dass der kluge Wald­be­wohner den nahenden Regen gespürt und seine Nest­bau­ak­ti­vität danach ausge­richtet hatte?
Die Beob­ach­tungen erin­nern uns wieder einmal daran, wie tief verbunden das Leben dieser majes­tä­ti­schen Spezies mit ihrem Lebens­raum, dem Regen­wald, ist. Es macht uns Arten­schützer ein ums andere Mal demütig und erin­nert uns an unsere wich­tige Aufgabe, die letzten Orang-Utans vor dem Aussterben zu bewahren. Denn ohne diese Schlüs­sel­spe­zies, ohne die „Gärtner des Waldes“ gerät das gesamte Ökosystem Regen­wald in Schieflage.


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