Im geschützten Wald von Tuanan leben noch rund 2.500 wilde Orang-Utans. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Tuanan Orang-Utan Forschungsprogramms beobachten ihr Verhalten, um Erkenntnisse für den Schutz der gefährdeten Spezies sowie auch für die Rehabilitation und Auswilderung geretteter Individuen zu gewinnen. Hier berichten sie von einer aufschlussreichen Begegnung.
Eines Nachmittags im Februar war es wieder einmal so weit: Dayak tauchte ganz in der Nähe der Forschungsstation auf. Mit beeindruckender körperlicher Präsenz bewegte er sich durch die Baumwipfel. Dabei strahlte er Ruhe und Kraft aus, hangelte geschickt und trotz seiner Größe anmutig von Ast zu Ast.
Dayak ist ein dominantes Männchen. Davon zeugen seine prächtigen Backenwülste und der imposante Körperbau. Und das beweist auch die große Narbe, die quer über seine Lippe führt: Sie ist bei Kämpfen mit anderen Männchen um Revier und Weibchen entstanden.
Die Wissenschaftler des Tuanan-Forschungszentrums erkennen das Männchen mit der Narbe jedes Mal sofort wieder. Genauso wie seinen durchdringenden „Long Call“, mit dem er sein Revier markiert, Rivalen warnt und Weibchen anlockt, ist charakteristisch und deutlich zu erkennen.
Orang-Utans werden auch „Gärtner des Waldes“ genannt
An diesem Tag hielt sich Dayak eine lange Zeit in Sichtweite der Forschenden auf und gab ihnen reichlich Zeit, sein Verhalten zu beobachten. Sorgfältig wählte das Männchen seine Nahrung aus dem üppigen Angebot des Regenwaldes aus. Jeden Bissen aß er in Ruhe, ehe er sich zum nächsten oder übernächsten Baum weiter bewegte.

Orang-Utans führen ein semi-solitäres Leben im Regenwald und legen bei ihrer Futtersuche täglich weite Strecken zurück. Das macht sie zu einer Schlüsselspezies, denn sie besuchen eine Vielzahl unterschiedlicher Futterpflanzen und verteilen wiederum Samen dieser Pflanzen auf enormen Flächen. So sorgen sie für eine natürliche Regeneration des Ökosystems.
Orang-Utans sind eine Schlüsselspezies für das Ökosystem Regenwald
An diesem Beobachtungstag überraschte Dayak die Forschenden, denn er begann bereits am Nachmittag mit dem Bau seines Schlafnestes. Eigentlich hätte er noch einige Stunden Zeit gehabt bis zum Einbruch der Dämmerung – jene Zeit des Tages, zu der Orang-Utans normalerweise mit den Vorbereitungen für die Nachtruhe beginnen. Doch statt sie mit Fressen zu verbringen, baute Dayak sein Nest.
Die Forschenden konnten dabei zusehen, wie er geschickt Äste, kleinere Zweige und Blätter miteinander verflocht. Stück für Stück entstand so ein Ruhekissen, auf dem der große und schwere Orang-Utan stabil und sicher liegen konnte.
Spüren Orang-Utans Wetterveränderungen?
Für die Forschenden besonders spannend, neben der frühen Uhrzeit, war das dichte Blätterdach, das Dayak oberhalb seines Nestes baute. Kurz nachdem sich der Orang-Utan in seinem bequemen Nest zur Ruhe gebettet hatte, begann es zu regnen. Könnte es sein, fragten sich die Forschenden, dass der kluge Waldbewohner den nahenden Regen gespürt und seine Nestbauaktivität danach ausgerichtet hatte?
Die Beobachtungen erinnern uns wieder einmal daran, wie tief verbunden das Leben dieser majestätischen Spezies mit ihrem Lebensraum, dem Regenwald, ist. Es macht uns Artenschützer ein ums andere Mal demütig und erinnert uns an unsere wichtige Aufgabe, die letzten Orang-Utans vor dem Aussterben zu bewahren. Denn ohne diese Schlüsselspezies, ohne die „Gärtner des Waldes“ gerät das gesamte Ökosystem Regenwald in Schieflage.
Bitte helfen Sie uns dabei! Jede Spende hilft uns, die letzten ihrer Art zu schützen.
