16. Januar 2026
Orang-Utan Sally mit ihrem kleinen Freund

Eine beson­dere Freund­schaft: Das Orang-Utan-Weib­chen Sally und die kleine Raupe

Auf der Voraus­wil­de­rungs­insel erprobt Orang-Utan Sally seit einigen Wochen das Leben in Quasi-Frei­heit. Und findet bei einem ihrer Insel­streif­züge eine unge­wöhn­liche Freundin, die zu ihrer festen Beglei­terin wird.

Wir nennen unsere Voraus­wil­de­rungs­insel auch Wald­uni­ver­sität. Hier erproben unsere Schütz­linge unter beinahe wilden Bedin­gungen das Leben in Frei­heit und all die über­le­bens­wich­tigen Fähig­keiten, die sie in der Wald­schule und von ihren Ersatz­müt­tern gelernt haben – vom Schlaf­nestbau über das Suchen und Finden von Futter bis zum Erkennen mögli­cher Gefahren.
Ein Mal täglich steuern unsere Ranger die Auswil­de­rungs­insel in einem kleinen Boot an und hinter­lassen etwas Obst und Gemüse auf einer Fütte­rungs­platt­form. Das ist nötig, weil die Insel aufgrund ihrer Größe nicht genü­gend Futter für ihre Bewohner bietet. Dabei halten die Ranger Ausschau nach den Orang-Utans und even­tu­ellen Anzei­chen für Probleme. Wenn die Tiere jedoch nicht ans Ufer kommen, bleiben sie vor den mensch­li­chen Augen verborgen. Genau wie in freier Wild­bahn auch.

Orang-Utan-Sally
Sally darf ihre Fähig­keiten als wilder, freier Orang-Utan auf der Voraus­wil­de­rungs­insel erproben

Was hat Sally da an ihrer Lippe?


Einige Wochen nach ihrem Umzug bekamen unsere Ranger Sally zu Gesicht. Es ging der Orang-Utan-Dame augen­schein­lich sehr gut. Sie hatte sich in ihrem neuen Lebens­raum einge­lebt, wirkte gelassen, zufrieden und gesund. Nur etwas in Sallys Gesicht ließ die Ranger stutzen. Was war denn das an ihrer Lippe?
Ein Fern­glas und eine Kamera mit Tele­ob­jektiv lösten das Rätsel – zumin­dest teil­weise: Auf Sallys Lippe saß eine Raupe. Und das wie sich zeigen sollte nicht zufällig. Das kleine, pelzige Lebe­wesen störte die Orang-Utan-Dame auch gar nicht. Im Gegenteil.


Ein Freund wie kein andere


Als sich Sally der Fütte­rungs­platt­form näherte, nahm sie die finger­große Raupe vorsichtig von ihrer Lippe und setzte sie auf den Boden. Nachdem sie fertig gefressen hatte, nahm sie das Tier wieder auf und setzte es zurück, diesmal auf ihre Wange. Dann schlen­derte sie am Ufer entlang, nahm die Raupe zwischen­durch ab, betrach­tete sie, und setzte sie jedes Mal wieder zurück.
Einige Tage später wieder­holte sich das Schau­spiel. Unser Team hatte die Raupe inzwi­schen bestimmt: Es handelt sich um die Larve eines Nacht­fal­ters aus der Klasse der Lepi­dop­tera Schmet­ter­linge. Und sie war für Sally offen­sicht­lich zu einer lieb gewon­nenen Beglei­terin geworden, die sie liebe­voll und achtsam bei ihren Streif­zügen über die Insel bei sich trug. Als die Raupe einmal zu Boden fiel, stoppte Sally sofort, bückte sich und sammelte sie vorsichtig vom Boden auf.

Orang-Utan Sally mit ihrer Raupen-Freundin
Selbst­ge­wählte Symbiose: Orang-Utan Sally mit ihrer Raupen-Freundin


Tatsäch­lich ist Sallys Umgang mit der kleinen Raupe nichts ganz und gar Unge­wöhn­li­ches. Ein ähnli­ches Verhalten konnte unser Team hier und da schon bei anderen Orang-Utans beob­achten. Es ist jedoch ein Beweis dafür, dass Sally sich sehr aufmerksam in ihrem neuen Lebens­raum bewegt. Was wiederum eine wich­tige Voraus­set­zung für ihre tatsäch­liche Auswil­de­rung und das Leben im Regen­wald, fernab mensch­li­cher Zivi­li­sa­tion, ist. Und es ist ein schönes Bild für die üppige Biodi­ver­sität des Regen­waldes und wie alles Leben darin mitein­ander verbunden ist.


Lassen Sie uns dazu beitragen, dass es so bleibt! Unter­stützen Sie unsere Arbeit zum Schutz der letzten Orang-Utans und ihres Lebens­raumes auf der Insel Borneo mit einer Spende. Jeder Euro hilft.