Tausende Kilometer von ihrer Heimat Indonesien entfernt, in einem Wald im ostindischen Bundesstaat Odisha, haben Dorfbewohner fünf Orang-Utan-Babys entdeckt. Die Behörden vermuten, dass die Tiere Opfer eines internationalen Schmugglerrings geworden sind. BOS Deutschland verfolgt den Fall aufmerksam. Denn er zeigt einmal mehr, welche Gefahr der illegale Wildtierhandel für die vom Aussterben bedrohten Menschenaffen bedeutet.
Am frühen Morgen des 8. Septembers entdeckten Anwohnende des Dorfes Badapai fünf kleine Orang-Utans auf einer Waldlichtung. Innerhalb kurzer Zeit versammelten sich zahlreiche Schaulustige im Wald, bevor Mitarbeitende der Forstbehörde die Tiere in Sicherheit bringen konnten. Nach Angaben der indischen Behörden handelt es sich um drei Männchen und zwei Weibchen im Alter von etwa sechs bis zwölf Monaten.
Die fünf Jungtiere befinden sich inzwischen in Quarantäne im Nandankanan-Zoo in Bhubaneswar im indischen Bundestaat Odisha. Dort werden sie rund um die Uhr betreut und alle zwei Stunden mit Bananen und Äpfeln gefüttert. Außerdem bietet man ihnen Spielzeug und Klettermöglichkeiten an. Laut ersten Berichten sind die Tiere stabil und werden medizinisch überwacht.
Warum der Fund so spektakulär ist
„Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals fünf anscheinend geschmuggelte Orang-Utan-Babys auf einmal entdeckt worden wären. Diese Dimension macht mir wirklich Angst“, zeigt sich BOS Deutschland-Geschäftsführer Daniel Merdes besorgt.
Aktuell deutet alles darauf hin, dass die fünf Babys ihren Müttern gewaltsam entrissen und vermutlich illegal aus ihrer Heimat Borneo oder Sumatra nach Indien geschmuggelt wurden. Diese Spur verfolgen auch die indischen Ermittlungsbehörden – darunter eine Spezialeinheit der Polizei sowie das Wildlife Crime Control Bureau. Ein möglicher Ermittlungsansatz betrifft einen schwarzen SUV, den Überwachungskameras in der Nacht vor dem Fund in der Nähe des Waldes aufgezeichnet haben sollen. Odishas Umweltminister Ganesh Ram Singhkhuntia sprach von dem Verdacht, dass ein internationales Netzwerk hinter dem Fall stecken könnte. Die Ermittlungen, auch zu möglichen Transportwegen über Flughäfen, Bahnhöfe und Häfen, stehen jedoch noch am Anfang.
Offene Fragen: Herkunft, Art und Rückreise
Noch ist unklar, aus welcher Region Indonesiens die fünf Orang-Utans stammen und ob es sich um Borneo‑, Sumatra- oder womöglich Tapanuli-Orang-Utans handelt. Auch der genaue Schmuggelweg ist bislang nicht bestätigt.
Die BOS Foundation steht bereits im Austausch mit zuständigen Regierungsbehörden in Indonesien und wird alles daransetzen, dass die Orang-Utans so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren können. Klar ist: Der weitere Weg der Tiere hängt auch von diplomatischen Abstimmungen zwischen den beteiligten Ländern. Erfahrungen aus früheren Fällen zeigen, dass eine solche Rückführung Geduld und langwierige politische Verhandlungen erfordert.
Orang-Utan-Waisen als Ware
So schockierend der Fall in Indien auch klingt – er ist kein Einzelfall. Illegaler Wildtierhandel gilt weltweit als eine der größten Bedrohungen für die Artenvielfalt. Ganz besonders für bereits gefährdete Arten wie den Orang-Utan. Obwohl die Bejagung von Orang-Utans in Indonesien gesetzlich verboten ist, werden die Tiere weiterhin getötet, um an ihre auf dem Schwarzmarkt begehrten Babys zu gelangen. Diese werden oft ins Ausland geschmuggelt, landen dort als Attraktionen in Zoos und Vergnügungsparks oder werden illegal als Haustiere gehalten.
Dr. Jamartin Sihite, CEO der BOS Foundation, bringt das Ausmaß dieser Tragödie auf den Punkt: „Jede Orang-Utan-Waise in den Rettungszentren steht stellvertretend für eine tote Orang-Utan-Mutter – denn eine Mutter würde ihr Baby niemals freiwillig zurücklassen.“
Der Handel mit geschützten Tier- und Pflanzenarten rangiert mittlerweile weltweit an vierter Stelle der organisierten Kriminalität, hinter Drogenhandel, Menschenhandel und Produktpiraterie. Der jährliche Umsatz wird auf acht bis 20 Milliarden Euro geschätzt. BOS Deutschland setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, diesem Geschäft mit dem Leid der Tiere entgegenzutreten – durch Aufklärungsarbeit, politischen Druck und die Unterstützung konkreter Rettungs- und Rückführungsaktionen, wie sie nun auch für die fünf Orang-Utans aus Indien angestrebt wird.
