Genau wie Menschen durchlaufen Orang-Utans verschiedene Lebensphasen: von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenalter. Das Erwachsenwerden kann bis zu acht Jahre dauern. Wie bei Menschen ist auch bei Orang-Utans jede Phase durch besondere Verhaltensmerkmale geprägt.
Die Adoleszenz ist eine der faszinierendsten Phasen, denn die Orang-Utans beginnen hier, selbstständig zu leben – sie lösen sich allmählich von ihren Müttern und erkunden auf eigene Faust den Wald, erproben dabei ihr erlerntes Wissen.
Gestern noch ein Baby, heute ein cleverer Teenager
Indie kam im Jahr 2020 im Schutzwald von Bukit Batikap auf die Welt. Sie ist die dritte Tochter von Inung, einer Langzeit-Bewohnerin des Schutzwaldes, in den sie im November 2013 ausgewildert wurde. Indie ist außerdem die ältere Schwester von Indro, der im Sommer 2024 als erster Sohn von Inung das Licht der Welt erblickte.

Im Schutzwald von Bukit Batikap in Zentralkalimantan ist unser Post-Release-Monitoring-Team (PRM) kürzlich Inung mit ihren beiden Sprösslingen begegnet. Die Ranger schätzen ihre Tochter Indie auf mittlerweile etwa sechs Jahre. Es ist ein spannendes Alter, das den Beginn der Adoleszenz markiert. Nun beginnen die jungen Orang-Utans, ihre Unabhängigkeit zu entwickeln.
Mit ihrer noch geringen Körpergröße bewegte sich Indie vor den Augen der Ranger äußerst wendig und blitzschnell von Ast zu Ast. Ihre Geschwindigkeit war dabei oft so hoch, dass das PRM-Team Mühe hatte, den jungen Orang-Utan im dichten Blätterdach zu verfolgen. Um Indies Verhalten genauer beobachten zu können, waren sie daher auf Ferngläser und Kameraausrüstung angewiesen.
Anzeichen beginnender Autonomie


Bei den Beobachtungen wurden verschiedene natürliche Verhaltensweisen dokumentiert. So fraß Teenager Indie mit Begeisterung junge Blätter, Blüten und sogar Baumrinde. Sie bewegte sich zwischen den Bäumen fort, indem sie äußerst agil mit allen vier Gliedmaßen schwang und kletterte. Dabei zeigte sie die klassischen Baumbewohner-Fähigkeiten ihrer Art.
Interessant war für das PRM-Team auch die Beobachtung, dass Indie sich getrennt von Mama Inung und Bruder Indro, wenn auch in ihrer Nähe, ein eigenes Schlafnest baute.
Teenager in freier Wildbahn
Als wild geborenes Individuum zeigt Orang-Utan-Teenager In die geradezu idealtypische Verhaltensweisen. Während ihres Aufwachsens erlebte sie keinerlei menschliche Eingriffe, sodass sie ihre Überlebensfähigkeiten instinktiv in ihrem natürlichen Lebensraum entwickeln konnte. Wie es die Natur vorgesehen hat, hat Indie all ihre Fähigkeiten direkt von ihrer Mutter Inung gelernt – durch Nachahmung und Beobachtung ihrer Umgebung.
Inung jedoch ist im BOS Rettungszentrum aufgewachsen, wo sie im Alter von zwei Jahren aufgenommen wurde. Sie hat den größten Teil ihrer Fähigkeiten wie Nahrungssuche, Nestbau und Schutz vor Gefahren in der BOS Waldschule gelernt.

Die Beobachtung von Tieren wie Indie ist essenziell für die Orang-Utan-Forschung wie auch für die Rehabilitationsarbeit BOS Foundation.
Denn der aktuelle Forschungsstand zeigt wichtige Verhaltensunterschiede zwischen wild geborenen und aufgewachsenen Orang-Utans auf der einen Seite und mutterlosen, geretteten Tieren, die in Rehabilitationszentren auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet werden, auf der anderen.
Eine wichtige Aufgabe der PRM-Teams ist es, diese Unterschiede zu beobachten, zu dokumentieren und erforschen. So verbessert die BOS Foundation den Rehabilitationsprozess für verwaiste Orang-Utans in ihren beiden Rettungszentren kontinuierlich. Das Ziel: ausgewilderten Orang-Utans die bestmöglichen Überlebenschancen mit auf den Weg zu geben.
Ein Symbol der Hoffnung in einem geschützten Wald
Teenager Indie und all ihre erlernten Kompetenzen sind ein Beweis, dass Orang-Utan-Schutz trotz aller Widrigkeiten eine Erfolgsgeschichte sein kann. Sie beweist: Wenn Wälder geschützt und Lebensräume intakt bleiben, können Orang-Utans gesund heranwachsen, auf natürliche Weise lernen und eine neue Generation widerstandsfähiger wilder Tiere hervorbringen.
Jede ihrer Bewegungen in den Wipfeln spiegelt eine Zukunft wider, die durch Naturschutz möglich wird. Eine Zukunft, in der Mensch und Natur im Gleichgewicht miteinander leben.
Jede Spende hilft. Den Orang-Utans und dem Regenwald.
