Der Fund muss ihm einen großen Schrecken eingejagt haben. Doch Mr. Pandi aus der Ortschaft Lebakhulak in Ost-Kalimantan zögerte keine Sekunde, um Hilfe für das schwer verletzte Malaienbären-Weibchen zu holen. Die Bärin war in eine Schlingfalle geraten. Und was sie durchlebt haben muss, lässt sich nur erahnen. Die Spuren an ihrem Körper erzählten jedenfalls eine grausame Geschichte – und sie zeigten deutlich, welchen Gefahren Malaienbären in ihrem Lebensraum Regenwald ausgesetzt sind.
Es war Ende März 2026, als Mitarbeitende der Naturschutzbehörde BKSDA durch den Dorfbewohner alarmiert und zur Hilfe gerufen wurden. Als sie vor Ort eintrafen, fanden sie ein ausgewachsenes Malaienbären-Weibchen in äußerst kritischem Zustand vor.
Rettung eines verletzten Malaienbären auf Borneo
Das Tier war so geschwächt, dass es sich kaum noch bewegen konnte. Verletzungen an der Schulter und bereits verschorfte Wunden am Vorderbein deuteten darauf hin, dass sie schon vor einiger Zeit in die Falle geraten sein musste. Zudem waren drei Zehen ihres rechten Vorderfußes ausgekugelt, vermutlich beim verzweifelten Versuch, sich zu befreien.

Nach einer ersten Versorgung mit Honig und Zuckerwasser wurde die Bärin tierärztlich untersucht und stabilisiert. Den Ersthelfern war klar: Sie brauchte intensive medizinische Betreuung. Die Behörden informierten daher unser Malaienbären-Team im BOS-Rettungszentrum Samboja Lestari und brachten die verletzte Bärin zu uns.

Im Rettungszentrum kümmerte sich das BOS-Veterinärteam sofort um das schwer verletzte Tier und untersuchte sie umfassend. Das Ergebnis war alarmierend.
Die dramatische Diagnose
Bei den Untersuchungen im Rettungszentrum entdeckten die Tierärzte weitere Hinweise auf die Leidensgeschichte der Bärin. Röntgenaufnahmen zeigten Metallfragmente im linken Vorderbein. Die Tierärzte vermuten, dass es sich um Geschosse eines Luftgewehrs handelt.
Auch ihr fortgeschrittenes Alter wurde durch die Untersuchungen deutlich: Trübungen der Augen, zahlreiche fehlende Zähne und grau werdendes Fell deuteten darauf hin, dass die Bärin bereits über 30 Jahre alt sein könnte – ein hohes Alter für einen Malaienbären. Mit nur 23 Kilogramm Körpergewicht wog sie außerdem deutlich weniger als ein gesunder erwachsener Malaienbär.



Samboja Lestari ist vor allem als Rettungs- und Rehabilitationszentrum für Orang-Utans bekannt. Doch auch Malaienbären finden hier Schutz: Verletzte, verwaiste und dauerhaft nicht auswilderungsfähige Malaienbären erhalten im Bärenrefugium medizinische Versorgung und ein sicheres Zuhause.
Für die alte Bärin kommt eine Rückkehr in den Wald auf absehbare Zeit nicht infrage. Doch in Samboja Lestari bekommt die Bärin genau das, was sie jetzt braucht: medizinische Versorgung, Ruhe, eine angepasste Ernährung und intensive Betreuung.
Wie BOS verletzte Sonnenbären pflegt und versorgt
Das Team beobachtet ihren Zustand engmaschig und passt die Behandlung an ihre Bedürfnisse an. Schritt für Schritt zeigt die Bärin erste Anzeichen einer Besserung.
Ihr Weg zurück zu Kräften wird vermutlich langsam sein. Aber langsam bedeutet nicht hoffnungslos.
Eines nämlich hat die Bären, obwohl sie noch immer geschwächt ist und sich nicht wie ihre Artgenossen im Refugium bewegen kann, bereits am Tag ihrer Ankunft gewonnen. Etwas, das ihr lange Zeit gefehlt hat. Im BOS-Rettungszentrum ist sie in Sicherheit.

Im Sun Bear Sanctuary leben gerettete Malaienbären, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in die Freiheit zurückkehren können. Anders als bei Orang-Utans ist eine Auswilderung von Malaienbären nach engem Kontakt mit Menschen in den meisten Fällen nicht mehr möglich. Deshalb ist es umso wichtiger, ihnen langfristig ein sicheres, möglichst artgerechtes Zuhause zu bieten.
Schlingfallen werden vielen Wildtieren zum Verhängnis
Der Fall dieser Malaienbärin ist leider kein Einzelfall. Schlingfallen gehören zu den großen Gefahren für Wildtiere – nicht nur auf Borneo. Die Fallen werden häufig aufgestellt, um Tiere von Plantagen fernzuhalten oder bestimmte Bereiche abzugrenzen. Sie unterscheiden dabei jedoch nicht zwischen sogenannten „Schädlingen“ und geschützten Wildtieren. Malaienbären geraten immer wieder in die Fallen – obwohl sie gar nicht das Ziel der Fallensteller sind.
Besonders tückisch: Eine Schlingfalle führt nicht zwangsläufig sofort zum Tod. Stattdessen können die Tiere über Tage oder sogar längere Zeit schwer verletzt gefangen bleiben. Wunden entzünden sich, Gliedmaßen werden dauerhaft geschädigt und die Tiere können kaum noch Nahrung suchen. Die Folge ist häufig eine langsame, qualvolle Schwächung des gesamten Körpers.
Auch der Malaienbär Azim wurde Opfer einer solchen Falle. Er war im Gunung-Tarak-Schutzwald in West-Kalimantan mit einem Draht um das Vorderbein entdeckt worden. Eine Kamerafalle hatte ihn erstmals im November 2024 aufgenommen. Der Draht hatte sich so eng um sein Bein gelegt, dass er sich nur noch unter großen Schwierigkeiten fortbewegen konnte.
Malaienbären sind gefährdet
Schlingfallen sind dabei nur eine von vielen Gefahren für die kleinste Bärenart der Welt. Der Malaienbär (Helarctos malayanus) ist laut Weltnaturschutzunion IUCN als gefährdet (vulnerable) eingestuft. Lebensraumverlust, Wilderei und der illegale Handel mit Körperteilen setzen den Tieren zusätzlich zu.
Besonders problematisch ist der Handel mit Gallenblasen und Galle, die trotz fehlender wissenschaftlicher Grundlage in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) Verwendung finden. Der internationale Handel mit Malaienbären und ihren Körperteilen ist bereits seit Jahrzehnten streng reguliert: Die Art ist seit 1979 im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES gelistet.
Wie wichtig Schutz und Rettung für diese außergewöhnlichen Bären sind, zeigt auch ein Blick auf unsere Arbeit in Samboja Lestari. Dort leben zahlreiche gerettete Malaienbären in großzügigen Gehegen, die ihnen möglichst natürliche Beschäftigung und Nahrungssuche ermöglichen.
Ein sicherer Ort
Die Geschichte der geretteten Bärin macht deutlich, wie viel Leid hinter einem einzelnen Rettungsfall stecken kann. Verletzungen, Hunger und möglicherweise sogar frühere Gewalterfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen.
Nun ist sie in Sicherheit. In Samboja Lestari bekommt sie die Zeit, die ihr Körper braucht, um sich zu erholen. Und sie bekommt etwas, das für ein Tier mit einer solchen Vergangenheit besonders wertvoll ist: einen geschützten Ort, an dem sie nicht mehr um ihr Überleben kämpfen muss.
Auch für alte Malaienbären gibt es Hoffnung. Sie verdienen ein Leben in Würde, mit guter medizinischer Versorgung, artgerechter Ernährung und der Möglichkeit, ihren Lebensabend in einer möglichst natürlichen Umgebung zu verbringen.
Das BOS-Team wird die Bärin auf ihrem weiteren Weg begleiten und alles dafür tun, dass sie sich so gut wie möglich erholt.
Helfen Sie geretteten Malaienbären
Rettung, medizinische Versorgung und die langfristige Betreuung eines verletzten Wildtiers sind aufwendig. Gerade Tiere wie diese alte Malaienbärin brauchen intensive Pflege und besondere Aufmerksamkeit.
Mit Ihrer Spende helfen Sie uns, geretteten Malaienbären und Orang-Utans eine zweite Chance zu geben – und ihnen ein sicheres, artgerechtes Leben zu ermöglichen.
