Wissenschaftlerinnen haben im Regenwald auf Borneo ein für Orang-Utans außergewöhnliches Verhalten beobachtet und dokumentiert: Nach dem Tod der Mutter hat ein junges Orang-Utan-Weibchen sein Geschwisterchen angenommen und großgezogen.
Auf den ersten Blick sah das Orang-Utan-Weibchen wie eine ganz normale Mutter aus, als Evolutionsbiologin Amy Scott ihr das erste Mal im Regenwald von Borneo begegnet ist. Das Rossa genannte Weibchen trug ein etwa fünfjähriges Jungtier von Baum zu Baum. Und als das Kleine – Ronnie genannt – ihr ein Obststück aus der Hand nahm, ließ sie es gutmütig gewähren.
Doch dann wurde die Wissenschaftlerin stutzig: Rossa sah viel zu jung aus, um bereits Mutter zu sein. Darauf deutete die weiße Färbung um ihre Augen und die hellere Fellfarbe an ihrer Schnauze hin, berichtet Scott. Sie fragte sich: Wie kann ein so junges Tier bereits Nachwuchs haben?
Mutter und Tochter sind in Wirklichkeit Schwestern
Eine genetische Analyse der beiden Orang-Utans brachte die überraschende Antwort: Rossa und Ronnie sind Schwestern! Die Entdeckung des wissenschaftlichen Teams von der Boston University im Regenwald von Borneo ist die erste dokumentierte Beobachtung einer Adoption unter Primaten in Freiheit. Im September 2025 wurde sie in „Ethology – international journal of behavioural biology“ veröffentlicht.

Scott fühlte sich wie eine Detektivin, die die einzelnen Indizien zusammenfügt: „Es hat wirklich Spaß gemacht“, berichtet sie, „und plötzlich hat alles Sinn ergeben.“ Nur was der Mutter zugestoßen ist, konnten die Wissenschaftlerinnen nicht zweifelsfrei herausfinden. „Obwohl wir das Verhalten wilder Orang-Utans schon seit so vielen Jahren erforschen, gibt es immer noch so viel, das wir nicht wissen“, zeigt sich Scott begeistert.
Worin sich Orang-Utans unterscheiden
Alle Primatenarten haben eines gemeinsam: Die Mütter sind dafür verantwortlich, dass der Nachwuchs gesund und sicher aufwächst und auf das Leben im Dschungel vorbereitet wird. In einem entscheidenden Detail unterscheiden sich Orang-Utans jedoch von Schimpansen, Bonobos und Gorillas: Während letztere in Gruppen leben, ziehen Orang-Utan-Mütter ihre Kinder allein auf.
Der Tod der Mutter bringt den Nachwuchs in tödliche Gefahr
Bis zu acht Jahre lang bleiben die Orang-Utan-Mütter unzertrennlich mit ihrem Nachwuchs zusammen. Erst dann ist dieser bereit für ein eigenständiges Leben. Während all dieser Zeit sind die Mütter allein mit ihrem Kind im Regenwald unterwegs. Für eine kurze Übergangsphase – zwischen der Geburt des nächsten Babys und der Unabhängigkeit des älteren Geschwisters – können sie sich auch um zwei Kinder gleichzeitig kümmern.
Adoption im Regenwald von Borneo
Als die Wissenschaftler im Gunung Palung Nationalpark auf Borneo Mama Veli das letzte Mal beobachten konnten, war ihre Tochter Ronnie etwa vier Jahre alt. Das war im Jahr 2016. Im Folgejahr kreuzte Ronnie abermals Wege mit dem Forschungsteam, doch nicht in Begleitung ihrer Mutter, sondern ihrer älteren Schwester — weshalb die Forscherinnen das Jungtier auch nicht sofort identifizieren und zuordnen konnten.
Rossa war zum Zeitpunkt dieser Sichtung etwa zwölf Jahre alt. Durchschnittlich bekommen wild lebende Orang-Utans im Alter von 14,8 Jahren erstmals Nachwuchs.
„Die Schwestern haben sich mit etwas mehr Abstand durch den Wald bewegt, als es bei Müttern und ihren Kindern üblich ist“, berichtet Wissenschaftlerin Amy Scott. „Aber Rossa hat sich mütterlich um ihre kleine Schwester gekümmert und für sie gesorgt, etwa indem sie ihr Futter mit ihr geteilt hat.“
Rossa bekommt selbst ein Baby
Dass Rossa ihre Schwester großzog, hatte keinen negativen Einfluss auf ihre eigene Entwicklung. Im Jahr 2019 wurde sie selbst Mutter. Die Wissenschaftlerinnen beobachteten, dass Rossa nun ihr Schlafnest mit ihrem Baby teilte, während Ronnie sich ein eigenes Nest baute – so wie auch ein leibliches älteres Geschwister Platz machen würde, sobald die Mutter erneut ein Baby bekommt.
Schwesterchen Ronnie überflügelt gleichaltrige Orang-Utans
Rossa kümmerte sich nun vor allem um ihren Säugling, hatte jedoch nichts dagegen, dass Ronnie weiterhin in der Nähe blieb. In den folgenden Monaten dokumentierten die Forscherinnen, dass Ronnie nun schnell erwachsen wurde. Früher als andere gleichaltrige Orang-Utans derselben Population bewegte sie sich allein durch den Regenwald. Anfang 2020 verließ Ronnie schließlich ihre Schwester und ihre kleine Nichte, um ihr eigenes unabhängiges Leben im Dschungel von Gunung Palung zu beginnen.
Wäre die große Schwester nicht gewesen, die Überlebenschancen für das junge Orang-Utan-Kind wären äußerst gering gewesen. „Glücklicher Zufall spielte hier ebenfalls eine Rolle“, sagt Wissenschaftlerin Amy Scott und ergänzt: „Unsere Beobachtungen werfen die Frage auf, wie häufig so etwas wohl passiert, ohne dass wir Menschen davon wissen.“

Eines hat die langjährige Forschung des Forscherteams in der Orang-Utan-Population von Gunung Palung bewiesen: Die intelligenten, semisolitär im Regenwald lebenden Primaten kennen mehr Formen von Familie und Fürsorge als wir Menschen bislang ahnten.
Unser Team im Rettungszentrum Nyaru Menteng kann das bestätigen. Im letzten Jahr durften wir dort eine ähnlich berührende Adoption miterleben als Orang-Utan-Mutter Du das Baby ihrer Freundin Melata adoptierte, die plötzlich verschwunden war.
Ihre Spende hilft den vom Aussterben bedrohten Menschenaffen.
