16. Dezember 2025
Orang-Utan-Mutter mit Kind im Regenwald

Orang-Utan adop­tiert kleine Schwester

Wissen­schaft­le­rinnen haben im Regen­wald auf Borneo ein für Orang-Utans außer­ge­wöhn­li­ches Verhalten beob­achtet und doku­men­tiert: Nach dem Tod der Mutter hat ein junges Orang-Utan-Weib­chen sein Geschwis­ter­chen ange­nommen und großgezogen.

Auf den ersten Blick sah das Orang-Utan-Weib­chen wie eine ganz normale Mutter aus, als Evolu­ti­ons­bio­login Amy Scott ihr das erste Mal im Regen­wald von Borneo begegnet ist. Das Rossa genannte Weib­chen trug ein etwa fünf­jäh­riges Jung­tier von Baum zu Baum. Und als das Kleine – Ronnie genannt – ihr ein Obst­stück aus der Hand nahm, ließ sie es gutmütig gewähren.
Doch dann wurde die Wissen­schaft­lerin stutzig: Rossa sah viel zu jung aus, um bereits Mutter zu sein. Darauf deutete die weiße Färbung um ihre Augen und die hellere Fell­farbe an ihrer Schnauze hin, berichtet Scott. Sie fragte sich: Wie kann ein so junges Tier bereits Nach­wuchs haben?

Mutter und Tochter sind in Wirk­lich­keit Schwestern

Eine gene­ti­sche Analyse der beiden Orang-Utans brachte die über­ra­schende Antwort: Rossa und Ronnie sind Schwes­tern! Die Entde­ckung des wissen­schaft­li­chen Teams von der Boston Univer­sity im Regen­wald von Borneo ist die erste doku­men­tierte Beob­ach­tung einer Adop­tion unter Primaten in Frei­heit. Im September 2025 wurde sie in „Etho­logy – inter­na­tional journal of beha­vioural biology“ veröf­fent­licht.

Orang-Utan-Mutter mit 2 Kindern im Regenwald
Auch bei BOS wurden wir Zeuge einer außer­ge­wöhn­li­chen Adoption

Scott fühlte sich wie eine Detek­tivin, die die einzelnen Indi­zien zusam­men­fügt: „Es hat wirk­lich Spaß gemacht“, berichtet sie, „und plötz­lich hat alles Sinn ergeben.“ Nur was der Mutter zuge­stoßen ist, konnten die Wissen­schaft­le­rinnen nicht zwei­fels­frei heraus­finden. „Obwohl wir das Verhalten wilder Orang-Utans schon seit so vielen Jahren erfor­schen, gibt es immer noch so viel, das wir nicht wissen“, zeigt sich Scott begeistert.

Worin sich Orang-Utans unterscheiden

Alle Prima­ten­arten haben eines gemeinsam: Die Mütter sind dafür verant­wort­lich, dass der Nach­wuchs gesund und sicher aufwächst und auf das Leben im Dschungel vorbe­reitet wird. In einem entschei­denden Detail unter­scheiden sich Orang-Utans jedoch von Schim­pansen, Bonobos und Gorillas: Während letz­tere in Gruppen leben, ziehen Orang-Utan-Mütter ihre Kinder allein auf.

Der Tod der Mutter bringt den Nach­wuchs in tödliche Gefahr

Bis zu acht Jahre lang bleiben die Orang-Utan-Mütter unzer­trenn­lich mit ihrem Nach­wuchs zusammen. Erst dann ist dieser bereit für ein eigen­stän­diges Leben. Während all dieser Zeit sind die Mütter allein mit ihrem Kind im Regen­wald unter­wegs. Für eine kurze Über­gangs­phase – zwischen der Geburt des nächsten Babys und der Unab­hän­gig­keit des älteren Geschwis­ters – können sie sich auch um zwei Kinder gleich­zeitig kümmern.

Adop­tion im Regen­wald von Borneo

Als die Wissen­schaftler im Gunung Palung Natio­nal­park auf Borneo Mama Veli das letzte Mal beob­achten konnten, war ihre Tochter Ronnie etwa vier Jahre alt. Das war im Jahr 2016. Im Folge­jahr kreuzte Ronnie aber­mals Wege mit dem Forschungs­team, doch nicht in Beglei­tung ihrer Mutter, sondern ihrer älteren Schwester — weshalb die Forsche­rinnen das Jung­tier auch nicht sofort iden­ti­fi­zieren und zuordnen konnten.
Rossa war zum Zeit­punkt dieser Sich­tung etwa zwölf Jahre alt. Durch­schnitt­lich bekommen wild lebende Orang-Utans im Alter von 14,8 Jahren erst­mals Nachwuchs.

„Die Schwes­tern haben sich mit etwas mehr Abstand durch den Wald bewegt, als es bei Müttern und ihren Kindern üblich ist“, berichtet Wissen­schaft­lerin Amy Scott. „Aber Rossa hat sich mütter­lich um ihre kleine Schwester geküm­mert und für sie gesorgt, etwa indem sie ihr Futter mit ihr geteilt hat.“

Rossa bekommt selbst ein Baby

Dass Rossa ihre Schwester großzog, hatte keinen nega­tiven Einfluss auf ihre eigene Entwick­lung. Im Jahr 2019 wurde sie selbst Mutter. Die Wissen­schaft­le­rinnen beob­ach­teten, dass Rossa nun ihr Schlaf­nest mit ihrem Baby teilte, während Ronnie sich ein eigenes Nest baute – so wie auch ein leib­li­ches älteres Geschwister Platz machen würde, sobald die Mutter erneut ein Baby bekommt.

Schwes­ter­chen Ronnie über­flü­gelt gleich­alt­rige Orang-Utans

Rossa kümmerte sich nun vor allem um ihren Säug­ling, hatte jedoch nichts dagegen, dass Ronnie weiterhin in der Nähe blieb. In den folgenden Monaten doku­men­tierten die Forsche­rinnen, dass Ronnie nun schnell erwachsen wurde. Früher als andere gleich­alt­rige Orang-Utans derselben Popu­la­tion bewegte sie sich allein durch den Regen­wald. Anfang 2020 verließ Ronnie schließ­lich ihre Schwester und ihre kleine Nichte, um ihr eigenes unab­hän­giges Leben im Dschungel von Gunung Palung zu beginnen.
Wäre die große Schwester nicht gewesen, die Über­le­bens­chancen für das junge Orang-Utan-Kind wären äußerst gering gewesen. „Glück­li­cher Zufall spielte hier eben­falls eine Rolle“, sagt Wissen­schaft­lerin Amy Scott und ergänzt: „Unsere Beob­ach­tungen werfen die Frage auf, wie häufig so etwas wohl passiert, ohne dass wir Menschen davon wissen.“

Orang-Utan-Mutter mit Kind im Regenwald
Baby Dumel mit ihrer Mutter Melata. Als die spurlos verschwand, adop­tierte ihre Freundin Du das Kind

Eines hat die lang­jäh­rige Forschung des Forscher­teams in der Orang-Utan-Popu­la­tion von Gunung Palung bewiesen: Die intel­li­genten, semiso­litär im Regen­wald lebenden Primaten kennen mehr Formen von Familie und Fürsorge als wir Menschen bislang ahnten.

Unser Team im Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng kann das bestä­tigen. Im letzten Jahr durften wir dort eine ähnlich berüh­rende Adop­tion miter­leben als Orang-Utan-Mutter Du das Baby ihrer Freundin Melata adop­tierte, die plötz­lich verschwunden war.

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