22. Juli 2026
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Orang-Utan-Mutter mit Orang-Utan-Baby

Orang-Utan-Mütter orga­ni­sieren Spiel­treffen für ihren Nachwuchs

Im Gegen­satz zu anderen, in Gruppen lebenden, Primaten, durch­streifen Orang-Utans den Regen­wald die meiste Zeit ihres Lebens alleine. Neue wissen­schaft­liche Beob­ach­tungen zeigen nun: Orang-Utan-Mütter nehmen zusätz­liche Wege in Kauf und verzichten auf Zeit zur Futter­suche, damit ihre Kinder mit Gleich­alt­rigen spielen können. Auch die Post-Release Moni­to­ring-Teams von BOS beob­achten immer wieder solche Spiel­treffen zwischen ausge­wil­derten Orang-Utans.

In den Baum­kronen des Regen­waldes von Borneo begegnen sich zwei Orang-Utan-Weib­chen. Ihre Kinder lösen sich von den Müttern und nähern sich einander an. Sie beginnen mitein­ander zu spielen, hangeln und klet­tern gemeinsam, testen dabei ihre Kraft und Geschicklichkeit.

Für die Jung­tiere ist die Begeg­nung eine beson­dere Gele­gen­heit, denn Orang-Utan-Mütter bringen jeweils nur ein Junges zur Welt und ziehen es sechs bis acht Jahre lang alleine auf. In dieser Zeit versorgt und schützt die Mutter ihren Nach­wuchs und vermit­telt ihm all die Fähig­keiten, die er für ein selbst­stän­diges Leben im Regen­wald benötigt.

Warum Spiel­treffen für junge Orang-Utans so wichtig sind

Gemein­sames Spiel ist für die Entwick­lung junger Menschen­affen wichtig: Es trai­niert ihre moto­ri­schen und kogni­tiven Fähig­keiten und hilft ihnen, soziale Bezie­hungen aufzu­bauen. Orang-Utan-Mütter scheinen deshalb aktiv dafür zu sorgen, dass ihre Kinder andere junge Orang-Utans treffen können.

Darauf deutet eine im Juni 2026 veröf­fent­lichte Studie unter Leitung des Wild­tier­öko­logen Odd T. Jacobson vom Max-Planck-Institut für Verhal­tens­bio­logie hin, die noch den Peer-Review-Prozess durch­laufen soll. An der Unter­su­chung betei­ligt waren Forschende aus Deutsch­land, der Schweiz, Indo­ne­sien und den USA, deren Exper­tise Bewe­gungs­öko­logie, Verhal­tens­bio­logie, Prima­to­logie, Kogni­ti­ons­for­schung, Ernäh­rungs­öko­logie und Orang-Utan-Lang­zeit­for­schung verbindet.

Weib­liche Orang-Utans suchen der Studie zufolge gezielt Gebiete auf, in denen andere Mütter mit ähnlich altem Nach­wuchs leben. Dabei zeigte sich den Forschenden ein deut­li­ches Muster: Bereits vor den späteren Spiel­be­geg­nungen bewegten sich die Mütter in Rich­tung bestimmter Nach­ba­rinnen. Anschlie­ßend führten ihre Wege wieder zurück. Das spricht dagegen, dass sich die Primaten ledig­lich zufällig begegneten.

Studie zeigt: Orang-Utan-Mütter planen Wege für Playdates

Auch das jewei­lige Nahrungs­an­gebot erklärte diese Bewe­gungen nicht. Die Mütter suchten die Nähe anderer Mutter-Kind-Paare unab­hängig davon, wie viele Früchte gerade verfügbar waren. Für die zusätz­li­chen Wege mussten sie zudem einen Preis zahlen: Sie verbrachten weniger Zeit mit der eigenen Nahrungsaufnahme.

Die Forschenden sehen darin einen starken Hinweis darauf, dass Orang-Utan-Mütter bei ihren tägli­chen Entschei­dungen nicht nur Schutz und Ernäh­rung, sondern auch die sozialen Bedürf­nisse ihrer Kinder berücksichtigen.

BOS Ranger beob­achten Orang-Utan-Party im Kehje Sewen Wald

Von solchen Begeg­nungen berichten auch die Post-Release Moni­to­ring (PRM) Teams von BOS. Ihre Aufgabe ist es, das Leben der reha­bi­li­tierten Orang-Utans nach der Auswil­de­rung zu beob­achten und unter anderem ihre Wege, ihre Nahrungs­suche und ihr Sozi­al­ver­halten zu dokumentieren.

Orang-Utan-Teenagers spielen im Wald
Der „Mütter-Club“ trifft sich zum Spielen: Lesan, Sayang und Teresa mit ihren drei Jungtieren

Einer Gruppe von drei Mutter-Kind-Paaren sind die PRM-Teams im Auswil­de­rungs­wald Kehje Sewen sogar mehr als einmal begegnet: Lesan, Sayang und Teresa mit ihren Kids Ayu, Padma und Berani scheinen sich regel­mäßig zur „Spiel­party“ zu treffen.

Bei einer Gele­gen­heit konnten die BOS-Ranger beob­achten, wie die drei Mütter gemeinsam in einem großen Feigen­baum saßen, während der Nach­wuchs durch das Geäst um sie herum klet­terte und hangelte, eine Art freund­schaft­li­ches Tauziehen mitein­ander spielte und sich gegen­seitig das Fell pflegte.

Was Spiel­treffen über das Sozi­al­ver­halten von Orang-Utans verraten

Die sechs­jäh­rige Ayu bewegte sich einmal sogar mit Orang-Utan-Weib­chen Sayang und ihrer etwa vier­jäh­rigen Tochter Padma ein Stück von ihrer eigenen Mutter weg zu einem benach­barten Baum, während diese ihr nur mit den Blicken folgte. Ayu verfolgte daraufhin mit großem Inter­esse, wie sich Sayang und Padma junge Blätter des Gold­pflau­men­baumes schme­cken ließen.

Padma und Ayu bei der Spiele-Party im Kehje Sewen Wald

Orang-Utan -Teenages spielen im Regenwald
Padma und Ayu bei der Spiele-Party im Kehje Sewen Wald

Einige Monate später begeg­nete das PRM-Team dem „Club der Mütter“ erneut und konnten beob­achten, wie Padma den etwa gleich­alt­rigen Berani umarmte, während sie zusammen auf einem Ast saßen. Die Orang-Utan-Kinder schienen sich in der Gesell­schaft der anderen während des Zusam­men­tref­fens sehr zufrieden und entspannt zu fühlen.

Orang-Utans leben einzel­gän­ge­risch – aber keines­wegs unsozial

Die neuen Forschungs­er­geb­nisse und auch die Erfah­rungen der BOS-Teams zeichnen ein immer diffe­ren­zier­teres Bild vom Leben der Orang-Utans. Die Menschen­affen leben zwar semi-solitär, sind jedoch keine unge­sel­ligen Einzelgänger.

Die nun vorge­legte Studie – eine Analyse von 15 Jahren Feld­daten zu 31 Mutter-Kind-Paaren – macht deut­lich, dass auch bei einer über­wie­gend einzel­gän­ge­risch lebenden Menschen­af­fenart soziale Kontakte die alltäg­li­chen Entschei­dungen prägen können. Orang-Utan-Mütter schaffen ihrem Nach­wuchs offenbar gezielt Gele­gen­heiten zum gemein­samen Spiel mit Gleich­alt­rigen und wägen dabei dessen Entwick­lungs­be­dürf­nisse gegen den eigenen Zeit- und Ener­gie­auf­wand ab. Die Forschenden sehen darin einen bislang wenig beach­teten Aspekt mütter­li­cher Fürsorge: Sie besteht nicht nur darin, Nahrung, Schutz und über­le­bens­wich­tiges Wissen zu vermit­teln, sondern kann auch bedeuten, soziale Erfah­rungen aktiv zu ermöglichen.

Orang-Utans sind faszi­nie­rende, hoch entwi­ckelte Lebe­wesen, über deren Verhalten und Zusam­men­leben wir noch längst nicht alles wissen. Umso wich­tiger ist es, sie und ihren Lebens­raum zu schützen – damit wir auch künftig von ihnen lernen können.