Im Gegensatz zu anderen, in Gruppen lebenden, Primaten, durchstreifen Orang-Utans den Regenwald die meiste Zeit ihres Lebens alleine. Neue wissenschaftliche Beobachtungen zeigen nun: Orang-Utan-Mütter nehmen zusätzliche Wege in Kauf und verzichten auf Zeit zur Futtersuche, damit ihre Kinder mit Gleichaltrigen spielen können. Auch die Post-Release Monitoring-Teams von BOS beobachten immer wieder solche Spieltreffen zwischen ausgewilderten Orang-Utans.
In den Baumkronen des Regenwaldes von Borneo begegnen sich zwei Orang-Utan-Weibchen. Ihre Kinder lösen sich von den Müttern und nähern sich einander an. Sie beginnen miteinander zu spielen, hangeln und klettern gemeinsam, testen dabei ihre Kraft und Geschicklichkeit.
Für die Jungtiere ist die Begegnung eine besondere Gelegenheit, denn Orang-Utan-Mütter bringen jeweils nur ein Junges zur Welt und ziehen es sechs bis acht Jahre lang alleine auf. In dieser Zeit versorgt und schützt die Mutter ihren Nachwuchs und vermittelt ihm all die Fähigkeiten, die er für ein selbstständiges Leben im Regenwald benötigt.
Warum Spieltreffen für junge Orang-Utans so wichtig sind
Gemeinsames Spiel ist für die Entwicklung junger Menschenaffen wichtig: Es trainiert ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten und hilft ihnen, soziale Beziehungen aufzubauen. Orang-Utan-Mütter scheinen deshalb aktiv dafür zu sorgen, dass ihre Kinder andere junge Orang-Utans treffen können.
Darauf deutet eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie unter Leitung des Wildtierökologen Odd T. Jacobson vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie hin, die noch den Peer-Review-Prozess durchlaufen soll. An der Untersuchung beteiligt waren Forschende aus Deutschland, der Schweiz, Indonesien und den USA, deren Expertise Bewegungsökologie, Verhaltensbiologie, Primatologie, Kognitionsforschung, Ernährungsökologie und Orang-Utan-Langzeitforschung verbindet.
Weibliche Orang-Utans suchen der Studie zufolge gezielt Gebiete auf, in denen andere Mütter mit ähnlich altem Nachwuchs leben. Dabei zeigte sich den Forschenden ein deutliches Muster: Bereits vor den späteren Spielbegegnungen bewegten sich die Mütter in Richtung bestimmter Nachbarinnen. Anschließend führten ihre Wege wieder zurück. Das spricht dagegen, dass sich die Primaten lediglich zufällig begegneten.
Studie zeigt: Orang-Utan-Mütter planen Wege für Playdates
Auch das jeweilige Nahrungsangebot erklärte diese Bewegungen nicht. Die Mütter suchten die Nähe anderer Mutter-Kind-Paare unabhängig davon, wie viele Früchte gerade verfügbar waren. Für die zusätzlichen Wege mussten sie zudem einen Preis zahlen: Sie verbrachten weniger Zeit mit der eigenen Nahrungsaufnahme.
Die Forschenden sehen darin einen starken Hinweis darauf, dass Orang-Utan-Mütter bei ihren täglichen Entscheidungen nicht nur Schutz und Ernährung, sondern auch die sozialen Bedürfnisse ihrer Kinder berücksichtigen.
BOS Ranger beobachten Orang-Utan-Party im Kehje Sewen Wald
Von solchen Begegnungen berichten auch die Post-Release Monitoring (PRM) Teams von BOS. Ihre Aufgabe ist es, das Leben der rehabilitierten Orang-Utans nach der Auswilderung zu beobachten und unter anderem ihre Wege, ihre Nahrungssuche und ihr Sozialverhalten zu dokumentieren.

Einer Gruppe von drei Mutter-Kind-Paaren sind die PRM-Teams im Auswilderungswald Kehje Sewen sogar mehr als einmal begegnet: Lesan, Sayang und Teresa mit ihren Kids Ayu, Padma und Berani scheinen sich regelmäßig zur „Spielparty“ zu treffen.
Bei einer Gelegenheit konnten die BOS-Ranger beobachten, wie die drei Mütter gemeinsam in einem großen Feigenbaum saßen, während der Nachwuchs durch das Geäst um sie herum kletterte und hangelte, eine Art freundschaftliches Tauziehen miteinander spielte und sich gegenseitig das Fell pflegte.
Was Spieltreffen über das Sozialverhalten von Orang-Utans verraten
Die sechsjährige Ayu bewegte sich einmal sogar mit Orang-Utan-Weibchen Sayang und ihrer etwa vierjährigen Tochter Padma ein Stück von ihrer eigenen Mutter weg zu einem benachbarten Baum, während diese ihr nur mit den Blicken folgte. Ayu verfolgte daraufhin mit großem Interesse, wie sich Sayang und Padma junge Blätter des Goldpflaumenbaumes schmecken ließen.
Padma und Ayu bei der Spiele-Party im Kehje Sewen Wald

Einige Monate später begegnete das PRM-Team dem „Club der Mütter“ erneut und konnten beobachten, wie Padma den etwa gleichaltrigen Berani umarmte, während sie zusammen auf einem Ast saßen. Die Orang-Utan-Kinder schienen sich in der Gesellschaft der anderen während des Zusammentreffens sehr zufrieden und entspannt zu fühlen.
Orang-Utans leben einzelgängerisch – aber keineswegs unsozial
Die neuen Forschungsergebnisse und auch die Erfahrungen der BOS-Teams zeichnen ein immer differenzierteres Bild vom Leben der Orang-Utans. Die Menschenaffen leben zwar semi-solitär, sind jedoch keine ungeselligen Einzelgänger.
Die nun vorgelegte Studie – eine Analyse von 15 Jahren Felddaten zu 31 Mutter-Kind-Paaren – macht deutlich, dass auch bei einer überwiegend einzelgängerisch lebenden Menschenaffenart soziale Kontakte die alltäglichen Entscheidungen prägen können. Orang-Utan-Mütter schaffen ihrem Nachwuchs offenbar gezielt Gelegenheiten zum gemeinsamen Spiel mit Gleichaltrigen und wägen dabei dessen Entwicklungsbedürfnisse gegen den eigenen Zeit- und Energieaufwand ab. Die Forschenden sehen darin einen bislang wenig beachteten Aspekt mütterlicher Fürsorge: Sie besteht nicht nur darin, Nahrung, Schutz und überlebenswichtiges Wissen zu vermitteln, sondern kann auch bedeuten, soziale Erfahrungen aktiv zu ermöglichen.
Orang-Utans sind faszinierende, hoch entwickelte Lebewesen, über deren Verhalten und Zusammenleben wir noch längst nicht alles wissen. Umso wichtiger ist es, sie und ihren Lebensraum zu schützen – damit wir auch künftig von ihnen lernen können.
