Es ist ein tragischer und zutiefst besorgniserregender Fund: Fünf Orang-Utan-Jungtiere wurden in Indien entdeckt. Offenbar sind sie Opfer des illegalen Wildtierhandels. Wir haben mit Sagnik Sengupta, Director Wildlife der SAGE Foundation in Indien, über den Fall gesprochen.
Odisha als Drehscheibe für Wildtierschmuggel?
Die fünf Orang-Utans wurden im indischen Bundesstaat Odisha entdeckt. Ist Odisha als Hotspot für illegalen Wildtierhandel bekannt, oder könnte die Region Teil einer etablierten Schmuggelroute sein? Was macht die Region für Wildtierhändler attraktiv?
Odisha hat eine dokumentierte Geschichte des Wildtierschmuggels, insbesondere bei einheimischen Arten wie Schuppentieren, Leoparden und sogar Tigern. Die geografische Lage macht den Bundesstaat zu einem geeigneten Transitstaat für einen überregionalen oder internationalen Schmuggel.
Wie stehen die Chancen auf Aufklärung?
Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Behörden in Odisha die Verantwortlichen identifizieren können? Wie erfahren sind die lokalen Strafverfolgungsbehörden in der Untersuchung von Wildtierschmuggel-Fällen, und wie oft führen solche Ermittlungen zu erfolgreichen Verurteilungen?
Ich bin vorsichtig optimistisch, denn die STF (Special Task Force / Sondereinsatzkommando) von Odisha verfügt über erhebliche Erfahrung bei der Untersuchung von Wildtierkriminalität. Wichtig ist auch, dass nun das WCCB (Wildlife Crime Control Bureau / Behörde zur Bekämpfung von Wildtierkriminalität) eingebunden ist. Es gibt bereits mögliche Spuren, darunter Videoüberwachungs-Aufnahmen. Doch die Person zu finden, die die Orang-Utans transportiert oder ausgesetzt hat, ist nur der erste Schritt. Der eigentliche Erfolg liegt darin, die Kette zurückzuverfolgen – herauszufinden, woher die Tiere stammen, wie sie nach Indien gelangt sind, welches zwischenstaatliche Netzwerk beteiligt war und letztlich, wer die Finanziers und Käufer sind. Verurteilungen im Bereich Wildtierschmuggel bleiben in Indien eine Herausforderung, daher wird eine koordinierte Ermittlung über Bundesstaatsgrenzen hinweg – und falls nötig auch international – entscheidend sein.
Welche Strafen drohen den Tätern?
Falls die Schmuggler gefasst werden, welche rechtlichen Konsequenzen könnten sie nach indischem Recht erwarten? Und sind die bestehenden Strafen abschreckend genug?
Orang-Utans sind im CITES-Anhang I (Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten) gelistet, und der überarbeitete indische Wildlife Protection Act deckt nun ausdrücklich solche international geschützten Arten ab. Bei einer Verurteilung drohen den Tätern drei bis sieben Jahre Haft sowie eine Geldstrafe. Das Gesetz sieht also erhebliche Haftstrafen vor. Doch ich glaube, Abschreckung hängt von mehr als nur dem Strafmaß ab. Wenn organisierter Wildtierschmuggel sehr hohe Gewinne abwirft, müssen auch die Geldstrafen empfindlich sein. Und, was noch wichtiger ist, die Wahrscheinlichkeit von Entdeckung und Verurteilung muss hoch sein.
Wir brauchen Ermittlungen, die über die Festnahme der Schlepper hinausgehen und die Finanziers, Händler und Käufer hinter dem Netzwerk identifizieren. Werden jedoch nur die Täter gefasst, die als Transporteure fungierten, bleiben die eigentliche Quelle und das Zielland unbekannt. Und genau das ist entscheidender für die Eindämmung des Wildtierschmuggels.
Maßnahmen der indischen Regierung gegen Wildtierschmuggel
Was unternimmt die indische Regierung, um Wildtierschmuggel zu bekämpfen? Wir haben gelesen, dass dies kein Einzelfall ist. Wie hoch ist die Aufdeckungsrate bei solchen Schmuggelfällen?
Indien hat seine Reaktion durch das WCCB (Wildlife Crime Control Bureau), den Zoll, die DRI (Directorate of Revenue Intelligence / Behörde für Einnahmenermittlung), die Forstbehörden und die Landespolizei erheblich verstärkt. Mit mehr Geheimdienstaustausch, gemeinsamen Operationen, Überwachung an Flughäfen und Grenzen sowie internationaler Zusammenarbeit über CITES und INTERPOL. Jüngste Beschlagnahmungen zeigen, dass die Behörden erheblichen organisierten Schmuggel aufdecken, auch bei exotischen Tieren, die nach Indien gelangen. Allerdings wäre ich vorsichtig mit einer konkreten Aufdeckungsquote, da es keine verlässliche nationale Zahl gibt, die zeigt, welcher Anteil des Wildtierschmuggels tatsächlich abgefangen wird.
Beschlagnahmungsstatistiken zeigen, was die Behörden fassen – nicht, was durchkommt. Der Fund der fünf Orang-Utans in Odisha zeigt selbst, warum geheimdienstgestützte Ermittlungen die gesamte Kette nachverfolgen müssen – vom Herkunftsland und Einreiseort bis zu Schleppern, Händlern und den beabsichtigten Käufern in Indien.
Zielland Indien – oder nur Durchgangsstation?
Glauben Sie, dass Indien das beabsichtigte Endziel für diese Tiere war, oder nur eine Durchgangsstation? Was sind typische Zielorte oder Routen beim Wildtierschmuggel durch Odisha?
Derzeit können wir nicht abschließend sagen, ob Indien das Endziel war oder ob die Orang-Utans nur durchtransportiert werden sollten. Indien hat tatsächlich einen illegalen Markt für exotische Wildtiere. Ein inländischer Käufer ist also durchaus denkbar. Gleichzeitig bedeutet die Lage Odishas entlang wichtiger östlicher Straßen- und Küstenkorridore, dass die Region auch Teil einer längeren Schmuggelroute gewesen sein könnte.
Besonders interessant an diesem Fall ist die Nähe Balasores zu Westbengalen und zum NH-16-Korridor (National Highway 16). Ermittler müssen daher rückwärts arbeiten – vom Ort, an dem die Tiere ausgesetzt wurden, über die Videoüberwachungs-Aufnahmen und Fahrzeugbewegungen bis nach Kolkata, in den Nordosten Indiens, nach Bangladesch und zu möglichen maritimen Einreisepunkten.
Ich würde Spekulationen über ein konkretes Zielland vermeiden, bis entsprechende Beweise vorliegen. Die Priorität sollte sein, nicht nur herauszufinden, wer die fünf Orang-Utans ausgesetzt hat, sondern auch, woher sie kamen, wie sie nach Indien gelangten, wer ihren Transport finanzierte und – am wichtigsten – wer als Käufer bereitstand.
Zucht in Indien oder Nachbarländern – ist das möglich?
Ist es möglich, dass die Orang-Utan-Babys in Indien, Myanmar oder anderen Nachbarländern gezüchtet worden sind?
Biologisch ist es möglich, dass Orang-Utans in Indien, Myanmar oder einem anderen Land in Gefangenschaft gezüchtet werden, da Zuchtprogramme in zoologischen Einrichtungen existieren. Doch es gibt weder wilde Orang-Utan-Populationen in Indien oder Myanmar noch eine anerkannte kommerzielle Zuchtindustrie, die ohne Weiteres erklären würde, warum fünf Jungtiere gemeinsam auftauchen.
Interessanterweise haben indonesische Behörden mittlerweile erklärt, dass die vorläufige morphologische Untersuchung darauf hindeutet, dass es sich bei den Tieren um Sumatra-Orang-Utans handeln könnte – dies muss jedoch noch durch eine DNA-Analyse bestätigt werden. Ein DNA-Test ist daher äußerst wichtig. Er könnte helfen, die Art, die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den fünf Jungtieren und möglicherweise ihre geografische Herkunft zu klären.
Bis diese Ergebnisse vorliegen, würde ich illegale Zucht in Gefangenschaft nicht ausschließen. Doch Wildfang mit anschließendem internationalem Schmuggel bleibt eine sehr ernstzunehmende Möglichkeit. Ermittler sollten zudem bei jeder Behauptung, die Tiere seien „in Gefangenschaft gezüchtet“ worden, vorsichtig sein, solange diese nicht durch Zuchtunterlagen, Abstammungsnachweise, CITES-Dokumentation und genetische Beweise gestützt wird.
Die Zukunft der fünf geretteten Orang-Utans
Die Orang-Utans werden derzeit im Nandankanan-Zoo betreut. Was können Sie uns über den Zoo und die dortigen Haltungsbedingungen sagen? Was wird in den kommenden Wochen und Monaten wahrscheinlich mit den fünf Orang-Utans geschehen? Wer wird für die Entscheidung über ihre langfristige Zukunft verantwortlich sein?
Derzeit scheint Nandankanan eine intensive und angemessene Notfallversorgung zu bieten. Die Jungtiere befinden sich in Quarantäne, stehen unter tierärztlicher Aufsicht, werden häufig gefüttert und erhalten Beschäftigungsangebote sowie rund um die Uhr Betreuung. Das ist besonders wichtig, da Orang-Utan-Jungtiere normalerweise über mehrere Jahre von ihren Müttern abhängig bleiben.
Ich glaube jedoch nicht, dass wir davon ausgehen sollten, dass Nandankanan zwangsläufig ihr dauerhaftes Zuhause sein wird. Indonesien hat inzwischen offiziell seine Absicht bekundet, ihre Rückführung anzustreben, und vorläufige Einschätzungen deuten darauf hin, dass es sich um Sumatra-Orang-Utans handeln könnte. Ein DNA-Test sollte helfen, ihre Art und Herkunft zweifelsfrei zu klären.
Sollte sich ihre indonesische Herkunft bestätigen, würde ich eine Rückführung an ein akkreditiertes, spezialisiertes Orang-Utan-Rehabilitationsprogramm befürworten. Vorausgesetzt, ihr Gesundheitszustand lässt dies zu und alle CITES- sowie tierärztlichen Anforderungen werden erfüllt. Das oberste Ziel sollte nicht einfach sein, die Tiere in Gefangenschaft am Leben zu erhalten. Wenn möglich, sollte es die Rehabilitation hin zu einem für wilde Orang-Utans angemessenen Leben sein – und, falls sie sich als geeignete Kandidaten erweisen, letztlich die Auswilderung in ihren natürlichen Lebensraum.
Ihre langfristige Zukunft wird daher Zusammenarbeit zwischen indischen und indonesischen Behörden, CITES-Behörden, wissenschaftlichen Experten und spezialisierten Orang-Utan-Rehabilitationsorganisationen erfordern. Das Wohlergehen dieser fünf Tiere sollte dabei die oberste Priorität bleiben.
Rückkehr nach Indonesien
Wenn illegal geschmuggelte Wildtiere in Indien entdeckt werden, strebt das Land in der Regel an, die Tiere in ihre Herkunftsländer zurückzuführen?
Ja, es gibt Präzedenzfälle. Indien hat wiederholt geschmuggelte exotische Wildtiere, die an Flughäfen beschlagnahmt wurden, zurückgeführt – zum Beispiel wurden Primaten, Reptilien und andere exotische Arten, die bei Passagieren aus Thailand und Malaysia abgefangen wurden, abgeschoben oder repatriiert.
Der Orang-Utan-Fall in Odisha unterscheidet sich jedoch, da die Tiere ausgesetzt und nicht an der Grenze abgefangen wurden. Wir müssen daher zunächst ihre tatsächliche Herkunft durch DNA-Analysen und die Untersuchung der Schmuggelroute klären.
Sollte sich bestätigen, dass es sich um indonesische Orang-Utans handelt, und ist Indonesien bereit, sie aufzunehmen, spricht vieles für eine Rückführung an ein akkreditiertes Orang-Utan-Rehabilitationsprogramm dort. Das Ziel sollte dabei nicht bloß sein, die Tiere über eine internationale Grenze zurückzubringen, sondern sie in ein Land und eine Einrichtung zu überführen, die ihnen die bestmögliche Chance auf Rehabilitation und – wo machbar – letztlich auf eine Rückkehr in die Wildnis bietet.
