22. Januar 2026
Orang-Utan und Lehrmaterialien

Daten sind das neue Gold – auch im Regenwald

Lesan lebt seit 2012 im Auswil­de­rungs­wald von Kehje Sewen. Mitt­ler­weile hat sie zwei Orang-Utan-Kinder geboren und ihnen erfolg­reich das Über­leben im Wald beigebracht. Inzwi­schen sind knapp 13 Jahre seit ihrer Auswil­de­rung vergangen – und trotzdem trifft unser Post-Release-Moni­to­ring-Team (PRM) immer wieder auf die erfah­rene Mutter. Was hat das mit Orang-Utan-Forschung zu tun?


Dabei ist unseren Rangern etwas Span­nendes aufge­fallen: Lesan und ihre beiden Kinder verhalten sich gegen­über unseren Kollegen völlig unter­schied­lich. Während die Mutter gelassen wirkt und an die Anwe­sen­heit der Beob­achter gewöhnt zu sein scheint, reagiert ihre Tochter Ayu deut­lich defen­siver. Dies sind wert­volle Beob­ach­tungs­daten, die unser PRM-Team gewis­sen­haft sammelt. Der nächste Schritt ist die Daten­aus­wer­tung, um daraus Konse­quenzen für den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess abzuleiten.


Seit 2025 werden unsere Kollegen vor Ort von drei Primaten-Forsche­rinnen unter­stützt. Mit der Grün­dung des Teams ‚Forschung und Tier­wohl‘ hat die BOS Foun­da­tion einen Meilen­stein gesetzt: Das Exper­ten­team begleitet nun regel­mäßig den Arbeits­alltag in den Rettungs­zen­tren und konnte bereits bedeu­tende Verbes­se­rungen im Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess bewirken.


Daten sind das neue Gold


Ein Meilen­stein in der Forschung vor Ort: Das neue Etho­gramm. Mit diesem präzisen Analyse-Tool doku­men­tieren wir jeden Schritt unserer Wald­schüler auf dem Weg in die Frei­heit. Ob Fort­be­we­gung in den Baum­kronen, Nest­bau­technik oder Sozialgefüge.

Orang-Utans in der Waldschule


In einem nächsten Schritt werden Verhal­tens­pro­file erstellt, die regel­mäßig über­prüft werden. Diese spielen eine entschei­dende Rolle bei der Frage, ob ein Orang-Utan in die nächste Wald­schul­gruppe versetzt werden kann oder bereit für die Voraus­wil­de­rungs­insel ist. Je erfolg­rei­cher ein Schütz­ling die verschie­denen Kate­go­rien meis­tert, desto weiter rückt er auf der Warte­liste für die endgül­tige Auswil­de­rung nach oben.


Heraus­for­de­rung: Fort­be­we­gung am Boden


Die aktu­elle Studi­en­lage zeigt, dass reha­bi­li­tierte Tiere zwar gut in der Wildnis über­leben können, ihre Fähig­keiten jedoch selten ganz an die ihrer wild aufge­wach­senen Artge­nossen heran­rei­chen. Nehmen wir die Fort­be­we­gung als Beispiel: Wild­ge­bo­rene Orang-Utans nutzen viel­fäl­tige Bewe­gungs­ab­läufe. Sie schwingen, bilden Brücken von Baum zu Baum, hangeln, steigen und klet­tern. Vor allem halten sie sich fast nie auf dem Wald­boden auf.
Reha­bi­li­tierte Orang-Utans hingegen verweilen häufiger am Boden. Es ist daher essen­ziell, unsere Schüler zu moti­vieren, sich artge­recht hoch oben in den Kronen fort­zu­be­wegen. Das Forschungs­team entwi­ckelte hierfür die Idee eines „Klet­ter­pfads“ auf dem Weg zur Wald­schule. Da sich die neue Wald­schule gerade im Bau befand, hieß es: „Sky is the limit“. Inzwi­schen führt ein Hangel­pfad direkt zum Schul­ge­lände. So werden die Wald­schüler schon vor Unter­richts­be­ginn animiert, sich „wie die Großen“ zu bewegen. Auch die Fütte­rungs­platt­formen wurden höher gebaut, um den Waisen­kin­dern zu zeigen, dass sich ihr Leben hoch über dem Wald­boden abspielt.

Orang-Utans auf dem Weg in die Waldschule
Auf dem Klet­terweg unter­wegs zur Waldschule


Wie kleine Schritte in Orang-Utan-Forschung Großes bewirken


Die wissen­schaft­liche Beglei­tung spie­gelt sich auch in den soge­nannten „Enrich­ments“ (Lehr­ma­te­ria­lien) wider. Diese sind entschei­dend, um die Schütz­linge auf die Selbst­stän­dig­keit vorzu­be­reiten. Wilde Orang-Utans nutzen eine Viel­zahl an Tech­niken und Werk­zeugen zur Nahrungs­suche oder für den Nestbau.

Wussten Sie, dass wilde Orang-Utans jeden Tag einen oder sogar mehrere neue Schlaf­plätze bauen? Diese Nester sind oft deut­lich komplexer und fili­graner als die von reha­bi­li­tierten Tieren. Um die Finger­fer­tig­keit der Schütz­linge zu fördern, wurden spezi­elle Bausätze entwi­ckelt. Diese bestehen aus einem Metall­rahmen mit Ösen sowie sepa­raten Schläu­chen, Seilen, Ästen und Zweigen. Die Orang-Utans lernen so, Mate­ria­lien, um das Gestell zu wickeln und ein stabiles Nest zu konstru­ieren. Diese Bausätze kommen bereits in den Gehegen zum Einsatz, damit die Tiere auch in ihrer „Frei­zeit“ an ihren Wildnis-Fähig­keiten arbeiten können.


Und zurück zu Lesan: Unsere Kolle­ginnen erfor­schen aktuell, ob es neben dem sozialen Verhalten weitere bedeu­tende Unter­schiede zwischen wild­ge­bo­renen und reha­bi­li­tierten Tieren gibt – etwa bei den Nest­bau­tech­niken, der Futter­suche oder der Fort­be­we­gung. Wir freuen uns auf die nächsten span­nenden Ergeb­nisse aus der Orang-Utan-Forschung!

Hier können Sie unsere Arbeit für die Orang-Utans und den Regen­wald unterstützen!