Nur mit jahrelangem Training, viel Geduld und einem sehr guten Gedächtnis lernt ein junger Orang-Utan all die Dinge, die er zum Überleben im Regenwald braucht. Dabei ist das Wissen regional unterschiedlich und wird als kulturelles Erbe von den Müttern an ihre Kinder weitergegeben. Das konnte jetzt eine Studie zeigen.
Orang-Utans gehören zu den intelligentesten und lernfähigsten Tieren der Welt. Sie sind sogar in der Lage, sich Werkzeuge zur Lösung von Problemen selbst auszudenken und herzustellen. Dazu sind nur wenige Tierarten überhaupt in der Lage. Doch junge Orang-Utans lernen das überlebenswichtige Wissen um das Nahrungsangebot in ihrem Lebensraum nicht etwa durch Ausprobieren und Irrtum, sondern in einem langjährigen Ausbildungsprozess. Genaues Beobachten und Nachahmen der Mutter spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Diesen Lernprozess konnte eine Ende November 2025 erschienene Studie nun aufzeigen. Ihr zugrunde liegen Beobachtungsdaten einer wild lebenden Population von Sumatra-Orang-Utans im Gebiet Suaq Balimbing auf Sumatra, die im Zeitraum 2007 bis 2019 erhoben wurden.
Durch soziales Lernen entsteht ein kulturelles Erbe
Die Aneignung von Wissen, welche die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Studie beschreiben, beginnt bereits in den ersten Lebensmonaten. In das Fell der Mutter geklammert und dadurch stets an ihrer Seite, beobachten Orang-Utan-Babys jede Bewegung und jede Geste der Mutter.
Diese Beobachtungen werden nachgeahmt und in der Erinnerung gespeichert. Welche Pflanzen sind essbar und welche giftig? Wann werden bestimmte Früchte reif? Wie lassen sich verborgene Nahrungsquellen wie etwa Termiten oder Honig aufspüren und zugänglich machen?
Über Generationen bauen Orang-Utans regionales Wissen auf
Denn der Regenwald bietet zwar tausende von Möglichkeiten, Nahrung zu finden. Er birgt jedoch auch unzählige Gefahren. Pflanzen können giftig sein, während andere heilende Eigenschaften haben und bei Erkrankungen verwendet werden können. Manche Früchte sind nur in bestimmten Reifestadien essbar, andere Nahrungsquellen müssen mit Werkzeugen geöffnet werden.
Erst nach sechs bis acht Jahren, die das Jungtier unzertrennlich mit seiner Mutter verbracht hat, beginnt der Nachwuchs sein semi-solitäres, unabhängiges Leben im Regenwald. Die außergewöhnlich lange Kindheit eines Orang-Utans ist also entscheidend für sein späteres Leben und Überleben im Regenwald, zeigt die Studie. In dieser Zeit sammelt das Jungtier fast sein gesamtes Wissen. Zum Zeitpunkt der Abnabelung, etwa im Alter von acht Jahren, hat der halbwüchsige Orang-Utan, so die Forschenden, ein Repertoire von rund 250 verschiedenen Nahrungsquellen erworben.

Wichtig für das Überleben und den Artenschutz
Mit ihrer in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour erschienen Studie konnten die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass Orang-Utans über Generationen hinweg Wissen aufbauen. Damit belegten sie abermals eine große Ähnlichkeit zwischen den intelligenten Primaten und uns Menschen. Das internationale Team aus Wissenschaftlern konnten darüber hinaus nachweisen, dass unterschiedliche Orang-Utan-Populationen unterschiedliche Nahrungsquellen nutzen. Nicht aufgrund ihres Instinktes, sondern weil es regional spezifisches Wissen gibt, das diese Populationen besitzen und von Generation zu Generation weitergeben. Damit ähnelt ihre Wissensweitergabe menschlichen Kulturformen.
Das kulturelle Erbe der Orang-Utans muss geschützt werden
Für unsere Arbeit in den BOS-Rettungsstationen bedeuten die Forschungsergebnisse eine Bestätigung unserer Anstrengungen. Alle Jungtiere, die wir aufnehmen, haben ihre Mütter verloren. Sie konnten das kulturelle Wissen ihrer Art noch nicht (ausreichend) erlernen. In freier Wildbahn hätten diese Jungtiere keine Chance zu überleben.
In unseren Rettungszentren durchlaufen die Orang-Utan-Waisen daher eine langjährige Ausbildung in unserer Waldschule und später in der Walduniversität. Begleitet von erfahrenen menschlichen Ersatzmüttern sowie durch Peer-Learning von älteren Artgenossen können die Orang-Utan-Kinder dennoch ihr „kulturelle Menü“ erwerben.

Im Kontext der soeben veröffentlichen Studie bedeutet das: Wir schützen nicht nur einzelne Tiere, sondern wir schützen auch das kulturelle Erbe dieser Orang-Utan-Populationen. Wir schützen eine vom Aussterben bedrohte Art und bewahren Wissen, das über Jahrtausende erworben und weitergegeben wurde.
Gemeinsam können wir Orang-Utans eine Zukunft geben
Um die jungen Orang-Utans auf ihr selbstständiges, wildes Leben im Regenwald vorzubereiten, brauchen Rehabilitationszentren wie die von BOS auf der Insel Borneo ausreichend Zeit, erfahrene Mitarbeitende und große, geschützte Waldareale.
Unterstützen Sie mit Ihrer Spende jetzt die Ausbildung geretteter Orang-Utan-Kinder! Jeder Beitrag zählt.
