Wilde Orang-Utans und ihre Artgenossen, die in Rehabilitationszentren auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet wurden, weisen wichtige Verhaltensunterschiede auf. Diese Unterschiede zu verstehen, ist der Schlüssel für eine bessere Gestaltung unserer Auswilderungs- und Post-Monitoring-Programme. Solche Erkenntnisse helfen auch bei der Verbesserung der existierenden Orang-Utan-Rehabilitationsprogramme. Unsere bisherigen Beobachtungen zeigen, dass Orang-Utans, die durch Menschen rehabilitiert wurden, größeren Herausforderungen in der Wildnis gegenüberstehen und oft auch nach der Auswilderung Unterstützung brauchen – etwa bei Mensch-Tier-Konflikten. Daher soll das ultimative Ziel sein, den bestehenden Orang-Utan-Habitat und seine Bewohner zu schützen, sodass immer weniger Tiere eine menschliche Rehabilitation brauchen.
Lesans Geschichte
Lesan lebt seit 2012 im Auswilderungswald von Kehje Sewen und hat mittlerweile zwei Orang-Utan-Kinder geboren und ihnen das Überleben im Wald beigebracht. Inzwischen sind knapp 13 Jahre seit ihrer Auswilderung vergangen. Trotzdem trifft unser Post-Monitoring-Team immer wieder auf die Orang-Utan-Mutter. Dabei ist unseren Rangern etwas Seltsames aufgefallen: Lesan und ihre beiden Kinder verhalten sich komplett unterschiedlich gegenüber unseren Kollegen. Die Orang-Utan-Mutter wirkt gelassen und scheint an die Anwesenheit der Beobachter gewöhnt zu sein, während ihre Tochter Ayu defensiver reagiert. In solchen Fällen hält unser Post-Release-Monitoring-Team (PRM) während der Beobachtung einen sicheren Abstand.

Rehabilitierte Orang-Utans vs. Wilde Orang-Utans
Rehabilitierte Orang-Utans zeigen deutlich andere Verhaltensweisen als ihre in der Wildnis geborenen und aufgewachsenen Artgenossen. Ein wesentlicher Unterschied ist ihre größere Toleranz gegenüber Menschen – etwas, das bei wilden Orang-Utans nicht zu beobachten ist. Das liegt daran, dass rehabilitierte Orang-Utans von klein auf an den Umgang mit Menschen gewöhnt sind, sei es während Rettungseinsätzen, medizinischer Behandlung oder der täglichen Pflege in Rehabilitationszentren.
Zudem verfügen wilde Orang-Utans in der Regel über ein umfassenderes und instinktives Wissen über natürliche Nahrungsquellen im Wald. Im Gegensatz dazu benötigen solche, die in Rehabilitationszentren geboren wurden, mehr Zeit und spezifisches Training, um angemessene Nahrungssuchstrategien zu entwickeln.
Ein weiterer bemerkenswerter Unterschied liegt in ihrer Fähigkeit, Nester zu bauen. Wilde Orang-Utans lernen diese Fertigkeit direkt von ihren Müttern. Rehabilitierte Orang-Utans hingegen tun sich anfangs oft schwer damit. Sie müssen diese Fähigkeit durch Beobachtung in der „Waldschule“ erlernen. Diese Lernerfahrung prägt auch ihr Sozialverhalten. Während Orang-Utans von Natur aus halbsolitaire Tiere sind, zeigen rehabilitierte Orang-Utans aufgrund ihrer frühen sozialen Prägung oft ein höheres Maß an sozialer Interaktion.
Der Geburtsort entscheidet: Die Wurzeln der Verhaltensunterschiede
Wild geborene Orang-Utans erwerben Überlebensfähigkeiten direkt von ihren Müttern in ihrem natürlichen Lebensraum. Orang-Utans aus Rehabilitationszentren hingegen wachsen in einer vom Menschen geprägten Umgebung auf. Dadurch fehlen ihnen frühe Erfahrungen, die die Komplexität des wilden Lebens widerspiegeln. Daher entwickeln sie ihr Verhalten durch strukturierte Lernprozesse wie die Waldschule und nicht durch Instinkt oder mütterliche Aufzucht.


Trotz unterschiedlicher Prägung, ähnliche Überlebensfähigkeiten
Trotzdem zeigen rehabilitierte und wild aufgewachsene Orang-Utans relativ ähnliche Überlebensfähigkeiten. Neben Lesan machen sich auch andere Waldschulabsolventen sehr gut. Beispiele sind die Orang-Utans Indie, Padma und Hiran, Nachkommen der rehabilitierten Orang-Utans Inung, Sayang und Hilda. Die Beobachtung dieser jungen Orang-Utans in der Wildnis zeigt, dass rehabilitierte Mütter durchaus in der Lage sind, ihren Nachwuchs zu unterrichten – selbst wenn ihre eigenen erlernten Fähigkeiten nicht so instinktiv sind wie die wild geborener Tiere.


Auch Orang-Utan Mardianto hat seine Anpassungsfähigkeit in der Wildnis bewiesen. Er wurde 2015 ohne Backenwülste ausgewildert, doch heute ist er zu einem dominanten Männchen herangewachsen, das durch die Wälder des Nationalparks Bukit Baka Bukit Raya (TNBBBR) streift.
Die BOS Foundation betreibt neben der Rehabilitation und den Aufforstungsprogrammen auch wichtige Forschung im Bereich Orang-Utan-Verhalten. Durch eine stetige Verbesserung unserer Arbeit können wir stolz sagen, dass wir mittlerweile knapp 550 Orang-Utans zu wilden Orang-Utans rehabilitiert haben.
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Quellenverzeichnis:
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