8. September 2025
Orang-Utan Mutter mit ihrem Baby Bruni und Bemban

Über­leben im Dschungel: Haben reha­bi­li­tierte Orang-Utans schlech­tere Karten?

Wilde Orang-Utans und ihre Artge­nossen, die in Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren auf ein Leben in der Wildnis vorbe­reitet wurden, weisen wich­tige Verhal­tens­un­ter­schiede auf. Diese Unter­schiede zu verstehen, ist der Schlüssel für eine bessere Gestal­tung unserer Auswil­de­rungs- und Post-Moni­to­ring-Programme. Solche Erkennt­nisse helfen auch bei der Verbes­se­rung der exis­tie­renden Orang-Utan-Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­gramme. Unsere bishe­rigen Beob­ach­tungen zeigen, dass Orang-Utans, die durch Menschen reha­bi­li­tiert wurden, größeren Heraus­for­de­rungen in der Wildnis gegen­über­stehen und oft auch nach der Auswil­de­rung Unter­stüt­zung brau­chen – etwa bei Mensch-Tier-Konflikten. Daher soll das ulti­ma­tive Ziel sein, den bestehenden Orang-Utan-Habitat und seine Bewohner zu schützen, sodass immer weniger Tiere eine mensch­liche Reha­bi­li­ta­tion brauchen.

Lesans Geschichte


Lesan lebt seit 2012 im Auswil­de­rungs­wald von Kehje Sewen und hat mitt­ler­weile zwei Orang-Utan-Kinder geboren und ihnen das Über­leben im Wald beigebracht. Inzwi­schen sind knapp 13 Jahre seit ihrer Auswil­de­rung vergangen. Trotzdem trifft unser Post-Moni­to­ring-Team immer wieder auf die Orang-Utan-Mutter. Dabei ist unseren Rangern etwas Selt­sames aufge­fallen: Lesan und ihre beiden Kinder verhalten sich komplett unter­schied­lich gegen­über unseren Kollegen. Die Orang-Utan-Mutter wirkt gelassen und scheint an die Anwe­sen­heit der Beob­achter gewöhnt zu sein, während ihre Tochter Ayu defen­siver reagiert. In solchen Fällen hält unser Post-Release-Moni­to­ring-Team (PRM) während der Beob­ach­tung einen sicheren Abstand.

Lesan und ihr neuge­bo­renes Baby

Reha­bi­li­tierte Orang-Utans vs. Wilde Orang-Utans


Reha­bi­li­tierte Orang-Utans zeigen deut­lich andere Verhal­tens­weisen als ihre in der Wildnis gebo­renen und aufge­wach­senen Artge­nossen. Ein wesent­li­cher Unter­schied ist ihre größere Tole­ranz gegen­über Menschen – etwas, das bei wilden Orang-Utans nicht zu beob­achten ist. Das liegt daran, dass reha­bi­li­tierte Orang-Utans von klein auf an den Umgang mit Menschen gewöhnt sind, sei es während Rettungs­ein­sätzen, medi­zi­ni­scher Behand­lung oder der tägli­chen Pflege in Rehabilitationszentren.

Zudem verfügen wilde Orang-Utans in der Regel über ein umfas­sen­deres und instink­tives Wissen über natür­liche Nahrungs­quellen im Wald. Im Gegen­satz dazu benö­tigen solche, die in Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren geboren wurden, mehr Zeit und spezi­fi­sches Trai­ning, um ange­mes­sene Nahrungs­such­stra­te­gien zu entwickeln.

Ein weiterer bemer­kens­werter Unter­schied liegt in ihrer Fähig­keit, Nester zu bauen. Wilde Orang-Utans lernen diese Fertig­keit direkt von ihren Müttern. Reha­bi­li­tierte Orang-Utans hingegen tun sich anfangs oft schwer damit. Sie müssen diese Fähig­keit durch Beob­ach­tung in der „Wald­schule“ erlernen. Diese Lern­erfah­rung prägt auch ihr Sozi­al­ver­halten. Während Orang-Utans von Natur aus halb­so­li­taire Tiere sind, zeigen reha­bi­li­tierte Orang-Utans aufgrund ihrer frühen sozialen Prägung oft ein höheres Maß an sozialer Interaktion.

Der Geburtsort entscheidet: Die Wurzeln der Verhaltensunterschiede


Wild gebo­rene Orang-Utans erwerben Über­le­bens­fä­hig­keiten direkt von ihren Müttern in ihrem natür­li­chen Lebens­raum. Orang-Utans aus Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren hingegen wachsen in einer vom Menschen geprägten Umge­bung auf. Dadurch fehlen ihnen frühe Erfah­rungen, die die Komple­xität des wilden Lebens wider­spie­geln. Daher entwi­ckeln sie ihr Verhalten durch struk­tu­rierte Lern­pro­zesse wie die Wald­schule und nicht durch Instinkt oder mütter­liche Aufzucht.

Trotz unter­schied­li­cher Prägung, ähnliche Überlebensfähigkeiten


Trotzdem zeigen reha­bi­li­tierte und wild aufge­wach­sene Orang-Utans relativ ähnliche Über­le­bens­fä­hig­keiten. Neben Lesan machen sich auch andere Wald­schul­ab­sol­venten sehr gut. Beispiele sind die Orang-Utans Indie, Padma und Hiran, Nach­kommen der reha­bi­li­tierten Orang-Utans Inung, Sayang und Hilda. Die Beob­ach­tung dieser jungen Orang-Utans in der Wildnis zeigt, dass reha­bi­li­tierte Mütter durchaus in der Lage sind, ihren Nach­wuchs zu unter­richten – selbst wenn ihre eigenen erlernten Fähig­keiten nicht so instinktiv sind wie die wild gebo­rener Tiere.

Auch Orang-Utan Mardi­anto hat seine Anpas­sungs­fä­hig­keit in der Wildnis bewiesen. Er wurde 2015 ohne Backen­wülste ausge­wil­dert, doch heute ist er zu einem domi­nanten Männ­chen heran­ge­wachsen, das durch die Wälder des Natio­nal­parks Bukit Baka Bukit Raya (TNBBBR) streift.

Die BOS Foun­da­tion betreibt neben der Reha­bi­li­ta­tion und den Auffors­tungs­pro­grammen auch wich­tige Forschung im Bereich Orang-Utan-Verhalten. Durch eine stetige Verbes­se­rung unserer Arbeit können wir stolz sagen, dass wir mitt­ler­weile knapp 550 Orang-Utans zu wilden Orang-Utans reha­bi­li­tiert haben.

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Quel­len­ver­zeichnis:

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