Gerade noch war unser Geschäftsführer Daniel Merdes Zeuge der Auswilderung von Kapuan. Ein Orang-Utan-Weibchen, das wir 2006 aus dem Freizeitpark Safari World in Bangkok befreit hatten. Nach langen Jahren der Rehabilitation war sie die 14. der damals zurückgeholten 48 Orang-Utans, die es bis zur Auswilderung geschafft haben. Seine Asienreise wollte Daniel Merdes jetzt nutzen, um sich selbst ein Bild der berüchtigten Orang-Utan-Shows zu machen, aus denen Kapuan gerettet wurde. Hier berichtet er aus Phnom Penh Safari, einem Zoo in Kambodscha.
An einem sonnigen Freitag machte ich mich auf die Suche nach den boxenden Orang-Utans, von denen ich schon so viel hören konnte.
Vorsicht vor der Tierhandel-Mafia
Vorausgegangen waren langjährige tiefe Recherchen und einige Besuche bei Organisationen in Bangkok, Singapur und Phnom Penh. Sie alle rieten mir zur Vorsicht, denn wer sich mit der Tierhandel-Mafia anlegt, der bekommt schnell Schwierigkeiten. Und für mich als Westler sind die kriminellen Verbindungen in Politik, Militär und Polizei unmöglich zu durchblicken. In Deutschland ist der Gang zur Polizei der Versuch einer Lösung, hier kann es der Anfang vom Ende sein.
Deswegen verkleidete ich mich als sensationsgieriger Tourist und benutzte eine möglichst unauffällige Kamera. Leider auf Kosten der Qualität, aber ich wollte das Risiko so gering wie möglich halten.
Der Phnom Penh Safari Zoo ist eine halbe Stunde außerhalb der Stadt, in einem neu erschlossenen Gebiet. Hier ist der Focus klar auf Unterhaltung für die gehobene Mittelschicht aufwärts. Gegenüber ist ein Wasserpark mit einem angeschlossenem Hotelkomplex. Aber insbesondere mit dem Safari-Park Konzept werden auch Touristinnen und Touristen aus aller Welt angezogen. Jede volle Stunde gibt es eine neue Liveshow: Tiger, die durch brennende Reifen springen, Elefanten, die Fußball spielen und Orang-Utans, die Einrad fahren. Das Motto ist grenzenloser Spaß für die ganze Familie.

Für mich ging es bereits verstört nach der Elefantenshow hinter einer riesigen Gruppe von Privatschülern der Cambridge International School Phnom Penh zum Höhepunkt des Tages – der Orang-Utan-Show. Auf dem Weg versuchte ich mit den britischen Lehrern ins Gespräch zu kommen. Sie fanden den Schulausflug gelungen und aufgrund mangelnder Alternativen für Kinder in der Hauptstadt auch eine hervorragende Idee. An einer von mir angebotenen Veranstaltung zu wilden Orang-Utans waren sie ebenso interessiert. Auch hier erlebte ich das gleiche wie im Zoo in Dubai: Es fehlte schlichtweg jegliches Wissen und Grundbildung zu ihren wildlebenden Verwandten. Aber auch dieses letzte Quäntchen Empathie, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Diese negative Aura des Zwangs, die ich als junger Mann spürte, dem ein Elefantenritt in Thailand spendiert wurde.
Orang-Utans machen sexualisierende Popobewegungen
Die Show war vor allem eines: Laut. Ohrenbetäubende Musik, oftmals rhythmisch, damit die weiblichen Orang-Utans sexualisierende Popobewegungen machen konnten/mussten. Das Publikum tobte, darunter nicht wenige westliche Touristen. Ich hörte viel Russisch und Englisch und auch bei den anschließenden – bezahlten – Fotomöglichkeiten mit „lustigen“ Affengrimassen waren die Touristen weit vorne. Leider ergaben sich hier keine Gespräche, da gleich weitergeeilt wurde.


Dafür konnte ich mit den kambodschanischen Orang-Utan-Pflegern kurz sprechen. „Warum es denn die Box-Shows nicht mehr gäbe?“ Verlegenes Lächeln und vorsichte Erklärungsversuche, aus denen ich heraushören konnte, dass gerade die Box-Shows Probleme machen würden. D.h. es gab zumindest diesen Hoffnungsschimmer, dass unsere Aufklärungsarbeit nicht vergebens ist und der Protest doch Spuren hinterlassen hat. So sind auch die Orang-Utan-Shows in Bangkok für Jahre komplett eingestellt worden. Nur leider wurde aktuell berichtet, dass sie wieder stattfinden. Es gibt also noch viel zu tun.
Und ging die Tarnung auf? Anfangs noch sehr gut, aber als ich nach der Orang-Utan-Show als letzter Besucher immer noch filmte und versuchte in Gespräche zu kommen, schloss sich hinter mir langsam ein Halbkreis von kambodschanischen Männern in Safari-Shirts, die immer weniger freundlich blickten. Ich versuchte mit schlechten Witzen die Stimmung ins Komische abzugraden, was mir sogar teilweise gelang. Es ist immer besser dümmlich zu wirken als gefährlich. Apropos, es wurde nun auch schlagartig dunkel und ich quetschte mich zwischen den Männern im Laufschritt zum Ausgang. Die Kamera fest an mich gedrückt – sollte ich etwas abbekommen, so musste ich doch um jeden Preis die Aufnahmen in die Stadt retten. Aber unerwarteterweise flog mir nichts hinterher und ich sprang ins wartende TukTuk, das ich am Morgen bereits bestellt hatte. Ein letzter Blick zurück in diesen dunklen Ort lies mich erschauern: Ich konnte ihn verlassen, aber traurige Affen lies ich zurück.
