Als Orang-Utan-Baby verliert Himba seine Mutter bei einem Waldbrand. Schwer verbrannt und dem Tod näher als dem Leben wird er in das BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng gebracht. Fast 15 Jahre später kann er als starker, selbstständiger Orang-Utan in die Freiheit zurückkehren. Seine Geschichte ist eine Geschichte von Hoffnung, Durchhaltevermögen und dem unermüdlichen Einsatz vieler Menschen.
Als der Holzsammler Pendi Amat am 2. Oktober 2011 mit einem Pappkarton das BOS-Orang-Utan-Rettungszentrum Nyaru Menteng in Zentral-Kalimantan erreicht, bietet sich den Mitarbeitenden ein erschütternder Anblick. In der schmutzigen Kiste liegt auf einer alten Decke ein hilfloses Orang-Utan-Baby. Seine Haut ist von schweren Brandwunden gezeichnet, seine vor Erschöpfung nur noch halb geöffneten Augen spiegeln seine Verzweiflung wider.

Rettung in letzter Minute
Gefunden wurde das Jungtier von Pendis Freund Chen am Rand des Dorfes Takaras, einige Kilometer nördlich von Palangkaraya. In den umliegenden Wäldern wütete ein Feuer, das sich bedrohlich dem Dorf näherte. Chen beobachtete, wie ein Hund mit einer Orang-Utan-Mutter kämpfte. Das Weibchen war bereits schwer verbrannt und viel zu schwach, um sich zu verteidigen. Es starb während des Kampfes und hinterließ sein Junges allein.
Erschüttert nahm Chen das Baby mit nach Hause. Drei Tage später entdeckte Pendi den kleinen Orang-Utan in Chens Hütte. Sofort erkannte er, wie kritisch dessen Zustand war, und überzeugte seinen Freund, das Tier in die Obhut von BOS zu geben.
Ein Kampf ums Überleben
Im Rettungszentrum begann sofort der Wettlauf gegen die Zeit. Der diensthabende Tierarzt Dr. Agus Fahroni brachte den kleinen Patienten direkt in die Klinik.
Das Team gab dem kleinen Orang-Utan-Baby den Namen Himba. Er war damals schätzungsweise sechs Monate alt, wog gerade einmal 3,3 Kilogramm und litt unter hohem Fieber sowie schweren Verbrennungen an Händen, Füßen, Gesicht und Kopf. Teile seiner verbrannten Haut lösten sich bereits ab.

„Zwei Finger an seiner rechten Hand haben uns besonders beunruhigt“, erinnert sich Dr. Agus Fahroni. „Sie waren schwer verletzt und mussten operiert werden. Doch zunächst mussten wir Himba stabilisieren. Andernfalls hätte er die Operation nicht überlebt.“
Tag und Nacht versorgte das Team den kleinen Orang-Utan mit Flüssigkeiten, Sauerstoff, Antibiotika, Schmerzmitteln und Vitaminen. Mit großer Hingabe kämpften die Tierärzte, Pfleger und Babysitterinnen um sein Leben.
Wenn Feuer den Regenwald verschlingt
Wald- und Torfmoorbrände sind auf Borneo in der Trockenzeit keine Seltenheit und bedrohen Jahr für Jahr Orang-Utans und ihren Lebensraum. Besonders in trockengelegten Torfmoorgebieten können sich Feuer über Wochen unterirdisch ausbreiten und sind kaum zu kontrollieren. Hinzu kommen Brandrodungen, bei denen Waldflächen für landwirtschaftliche Nutzung zerstört werden.

Ob der Brand, der Himbas Mutter das Leben kostete, natürlichen Ursprungs war oder durch menschliches Handeln ausgelöst wurde, ist unbekannt. Sicher ist jedoch: Der Verlust ihres Lebensraums gehört zu den Hauptgründen dafür, dass Orang-Utans heute vom Aussterben bedroht sind.
Gerade mit Blick auf den erwarteten Super-El-Niño wächst die Sorge um die Regenwälder Borneos und ihre tierischen Bewohner. Gleichzeitig zeigt BOS seit Jahren, wie wichtig vorbeugender Wald- und Brandschutz für den Erhalt dieser einzigartigen Ökosysteme ist.
Mariana wurde Himbas Ersatzmutter
Neben der medizinischen Versorgung brauchte der traumatisierte Himba vor allem Nähe, Geborgenheit und Vertrauen. Von Anfang an war Babysitterin Mariana an seiner Seite. Die heute 50-Jährige, selbst Mutter und Großmutter, übernahm die Rolle seiner menschlichen Ersatzmutter.
„Ich war vom ersten Moment an für Himba da und wir wurden unzertrennlich“, erinnert sie sich. „Ich konnte nicht einmal allein auf die Toilette gehen, weil er sich nicht von mir lösen wollte.“

Für traumatisierte Orang-Utan-Babys ist diese enge Bindung überlebenswichtig. In der Wildnis verbringen Orang-Utan-Kinder die ersten sechs bis acht Lebensjahre nahezu ununterbrochen an der Seite ihrer Mutter. Nach deren Verlust müssen die Pflegerinnen bei BOS diese Fürsorge so gut wie möglich ersetzen.
Ein kleines Wunder
Was zunächst nahezu unmöglich erschien, wurde dank des Einsatzes der Tierärzte und Babysitter Wirklichkeit: Himba erholte sich.

Bereits wenige Monate nach seiner Rettung waren die schweren Brandverletzungen weitgehend verheilt. Neue, gesunde Haut hatte die Wunden ersetzt. Himbas Vorliebe für Milch und Obst hatten ihn zwei Kilogramm Gewicht zulegen lassen. Und mit jedem Tag wuchs auch sein Selbstbewusstsein, so dass er sich auch mal einen Meter von Mariana weg wagte und begann, seine Umgebung eigenständig zu erkunden.
Lernen für das Leben im Wald
Nachdem sich Himba vollständig erholt hatte, durfte er sich den anderen Orang-Utan-Waisen im Waldkindergarten von Nyaru Menteng anschließen. Dort lernte er die ersten Grundlagen für ein Leben in Freiheit: klettern, hangeln und natürliche Nahrung erkennen.
Drei Jahre später schließlich, am 5. März 2014, kam Himba in die Waldschule. Hier lernte er Schlafnester zu bauen, welche Gefahren im Regenwald lauern können, welche Waldfrüchte essbar sind und wie man sie sich zugänglich macht sowie das 1x1 der Orang-Utan-Etikette. Alles das, was ihm sonst seine Mutter im Regenwald beigebracht hätte.
Die Walduniversität
Den nächsten großen Schritt seiner Rehabilitation machte Himba am 18. Februar 2019: Er zog auf die Vorauswilderungsinsel Bangamat um – der Walduniversität. Hier leben die Orang-Utans weitgehend selbstständig und müssen beweisen, dass sie für die Freiheit bereit sind. Die Insel ist die letzte Station vor der Auswilderung.



Himba meisterte diese Herausforderung mit Bravour. Er entwickelte sich zu einem geschickten Nahrungssucher und unabhängigen Waldbewohner. Menschen gegenüber blieb er zunehmend distanziert – ein wichtiges Zeichen für eine erfolgreiche Rehabilitation. Auch zu anderen Orang-Utans hielt er zunehmend Abstand. Wie viele erwachsene Männchen entwickelte er sich zu einem Einzelgänger.
Endlich frei
Heute ist Himba 15 Jahre alt. Und jetzt beginnt für ihn ein völlig neues Kapitel: Im Nationalpark Bukit Baka Bukit Raya darf er endlich das Leben führen, das für jeden Orang-Utan vorgesehen ist – frei in den Regenwäldern Borneos.
Für Mariana ist dieser Moment ebenso bewegend wie erfüllend: „Himba auf seinem Weg vom hilflosen, schwer verletzten Orang-Utan-Baby zu einem starken, gesunden und unabhängigen jungen Orang-Utan zu begleiten, war eine ganz besondere Erfahrung. Schon von Anfang an zeichnete sich Himba durch seine neugierige Art und sein sanftes Wesen aus – Eigenschaften, die mir immer in liebevoller Erinnerung bleiben werden.“
Ein Hoffnungsträger für seine Art
Mit Himbas Auswilderung kehrt nicht nur ein weiterer Orang-Utan dorthin zurück, wo er hingehört. Seine Geschichte steht stellvertretend für das, was möglich ist, wenn Menschen handeln, anstatt wegzusehen. Vom Dorfbewohner, der Hilfe suchte, über die Tierärzte und Babysitterinnen bis hin zu den vielen Unterstützerinnen und Unterstützern von BOS – sie alle haben dazu beigetragen, dass aus einem schwer verletzten Baby ein freier Orang-Utan werden konnte.
Jede erfolgreiche Auswilderung stärkt die wilden Orang-Utan-Populationen Borneos und gibt Hoffnung für die Zukunft einer vom Aussterben bedrohten Art. Himbas Geschichte erinnert uns daran, dass selbst nach den schwersten Schicksalsschlägen ein Neuanfang möglich ist.
Auch Sie können solche Neuanfänge mit Ihrer Spende möglich machen.
