18. Juni 2026
Orang-Utan-Männchen auf BOS-Vorauswilderungsinsel spritzt Wasser

Vom Feuer gezeichnet: Himbas unglaub­liche Geschichte

Als Orang-Utan-Baby verliert Himba seine Mutter bei einem Wald­brand. Schwer verbrannt und dem Tod näher als dem Leben wird er in das BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng gebracht. Fast 15 Jahre später kann er als starker, selbst­stän­diger Orang-Utan in die Frei­heit zurück­kehren. Seine Geschichte ist eine Geschichte von Hoff­nung, Durch­hal­te­ver­mögen und dem uner­müd­li­chen Einsatz vieler Menschen.

Als der Holz­sammler Pendi Amat am 2. Oktober 2011 mit einem Papp­karton das BOS-Orang-Utan-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng in Zentral-Kali­mantan erreicht, bietet sich den Mitar­bei­tenden ein erschüt­ternder Anblick. In der schmut­zigen Kiste liegt auf einer alten Decke ein hilf­loses Orang-Utan-Baby. Seine Haut ist von schweren Brand­wunden gezeichnet, seine vor Erschöp­fung nur noch halb geöff­neten Augen spie­geln seine Verzweif­lung wider.

schwer verletztes Orang-Utan-Baby mit Brandwunden bei Übergabe an BOSF in Pappkarton
Mehr tot als lebendig: Himba bei seiner Ankunft im BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng am 2. Oktober 2011

Rettung in letzter Minute

Gefunden wurde das Jung­tier von Pendis Freund Chen am Rand des Dorfes Takaras, einige Kilo­meter nörd­lich von Palang­ka­raya. In den umlie­genden Wäldern wütete ein Feuer, das sich bedroh­lich dem Dorf näherte. Chen beob­ach­tete, wie ein Hund mit einer Orang-Utan-Mutter kämpfte. Das Weib­chen war bereits schwer verbrannt und viel zu schwach, um sich zu vertei­digen. Es starb während des Kampfes und hinter­ließ sein Junges allein.
Erschüt­tert nahm Chen das Baby mit nach Hause. Drei Tage später entdeckte Pendi den kleinen Orang-Utan in Chens Hütte. Sofort erkannte er, wie kritisch dessen Zustand war, und über­zeugte seinen Freund, das Tier in die Obhut von BOS zu geben.

Ein Kampf ums Überleben

Im Rettungs­zen­trum begann sofort der Wett­lauf gegen die Zeit. Der dienst­ha­bende Tier­arzt Dr. Agus Fahroni brachte den kleinen Pati­enten direkt in die Klinik.
Das Team gab dem kleinen Orang-Utan-Baby den Namen Himba. Er war damals schät­zungs­weise sechs Monate alt, wog gerade einmal 3,3 Kilo­gramm und litt unter hohem Fieber sowie schweren Verbren­nungen an Händen, Füßen, Gesicht und Kopf. Teile seiner verbrannten Haut lösten sich bereits ab.

schwer verletztes Orang-Utan-Baby mit Brandwunden nach Erstversorgung bei BOS Foundation
Erste Hilfe: Sofort begannen die BOS-Tier­ärzte mit der medi­zi­ni­schen Versorgung


„Zwei Finger an seiner rechten Hand haben uns beson­ders beun­ru­higt“, erin­nert sich Dr. Agus Fahroni. „Sie waren schwer verletzt und mussten operiert werden. Doch zunächst mussten wir Himba stabi­li­sieren. Andern­falls hätte er die Opera­tion nicht über­lebt.“
Tag und Nacht versorgte das Team den kleinen Orang-Utan mit Flüs­sig­keiten, Sauer­stoff, Anti­bio­tika, Schmerz­mit­teln und Vitaminen. Mit großer Hingabe kämpften die Tier­ärzte, Pfleger und Baby­sit­te­rinnen um sein Leben.

Wenn Feuer den Regen­wald verschlingt

Wald- und Torf­moor­brände sind auf Borneo in der Trocken­zeit keine Selten­heit und bedrohen Jahr für Jahr Orang-Utans und ihren Lebens­raum. Beson­ders in trocken­ge­legten Torf­moor­ge­bieten können sich Feuer über Wochen unter­ir­disch ausbreiten und sind kaum zu kontrol­lieren. Hinzu kommen Brand­ro­dungen, bei denen Wald­flä­chen für land­wirt­schaft­liche Nutzung zerstört werden.

Waldbrand Luftaufnahme Borneo
Kata­strophe: Wald­brände bedrohen Jahr für Jahr das Leben der Orang-Utans

Ob der Brand, der Himbas Mutter das Leben kostete, natür­li­chen Ursprungs war oder durch mensch­li­ches Handeln ausge­löst wurde, ist unbe­kannt. Sicher ist jedoch: Der Verlust ihres Lebens­raums gehört zu den Haupt­gründen dafür, dass Orang-Utans heute vom Aussterben bedroht sind.
Gerade mit Blick auf den erwar­teten Super-El-Niño wächst die Sorge um die Regen­wälder Borneos und ihre tieri­schen Bewohner. Gleich­zeitig zeigt BOS seit Jahren, wie wichtig vorbeu­gender Wald- und Brand­schutz für den Erhalt dieser einzig­ar­tigen Ökosys­teme ist.

Mariana wurde Himbas Ersatzmutter

Neben der medi­zi­ni­schen Versor­gung brauchte der trau­ma­ti­sierte Himba vor allem Nähe, Gebor­gen­heit und Vertrauen. Von Anfang an war Baby­sit­terin Mariana an seiner Seite. Die heute 50-Jährige, selbst Mutter und Groß­mutter, über­nahm die Rolle seiner mensch­li­chen Ersatz­mutter.
„Ich war vom ersten Moment an für Himba da und wir wurden unzer­trenn­lich“, erin­nert sie sich. „Ich konnte nicht einmal allein auf die Toilette gehen, weil er sich nicht von mir lösen wollte.“

Babysitterin Mariana kümmert sich bei BOS um Orang-Utan-Waisen
Ersatz­mutter: Baby­sit­terin Mariana war von Anfang an an Himbas Seite, schenkte ihm Trost, Liebe und Zuversicht

Für trau­ma­ti­sierte Orang-Utan-Babys ist diese enge Bindung über­le­bens­wichtig. In der Wildnis verbringen Orang-Utan-Kinder die ersten sechs bis acht Lebens­jahre nahezu unun­ter­bro­chen an der Seite ihrer Mutter. Nach deren Verlust müssen die Pfle­ge­rinnen bei BOS diese Fürsorge so gut wie möglich ersetzen.

Ein kleines Wunder

Was zunächst nahezu unmög­lich erschien, wurde dank des Einsatzes der Tier­ärzte und Baby­sitter Wirk­lich­keit: Himba erholte sich.

Orang-Utan-Waise Himba in BOS-Rettungszentrum
Himbas neues Leben: Wenige Monate nach seiner Rettung ist Himba nicht wiederzuerkennen

Bereits wenige Monate nach seiner Rettung waren die schweren Brand­ver­let­zungen weit­ge­hend verheilt. Neue, gesunde Haut hatte die Wunden ersetzt. Himbas Vorliebe für Milch und Obst hatten ihn zwei Kilo­gramm Gewicht zulegen lassen. Und mit jedem Tag wuchs auch sein Selbst­be­wusst­sein, so dass er sich auch mal einen Meter von Mariana weg wagte und begann, seine Umge­bung eigen­ständig zu erkunden.

Lernen für das Leben im Wald

Nachdem sich Himba voll­ständig erholt hatte, durfte er sich den anderen Orang-Utan-Waisen im Wald­kin­der­garten von Nyaru Menteng anschließen. Dort lernte er die ersten Grund­lagen für ein Leben in Frei­heit: klet­tern, hangeln und natür­liche Nahrung erkennen.
Drei Jahre später schließ­lich, am 5. März 2014, kam Himba in die Wald­schule. Hier lernte er Schlaf­nester zu bauen, welche Gefahren im Regen­wald lauern können, welche Wald­früchte essbar sind und wie man sie sich zugäng­lich macht sowie das 1x1 der Orang-Utan-Etikette. Alles das, was ihm sonst seine Mutter im Regen­wald beigebracht hätte.

Die Wald­uni­ver­sität

Den nächsten großen Schritt seiner Reha­bi­li­ta­tion machte Himba am 18. Februar 2019: Er zog auf die Voraus­wil­de­rungs­insel Bangamat um – der Wald­uni­ver­sität. Hier leben die Orang-Utans weit­ge­hend selbst­ständig und müssen beweisen, dass sie für die Frei­heit bereit sind. Die Insel ist die letzte Station vor der Auswilderung.

Himba meis­terte diese Heraus­for­de­rung mit Bravour. Er entwi­ckelte sich zu einem geschickten Nahrungs­su­cher und unab­hän­gigen Wald­be­wohner. Menschen gegen­über blieb er zuneh­mend distan­ziert – ein wich­tiges Zeichen für eine erfolg­reiche Reha­bi­li­ta­tion. Auch zu anderen Orang-Utans hielt er zuneh­mend Abstand. Wie viele erwach­sene Männ­chen entwi­ckelte er sich zu einem Einzelgänger.

Endlich frei

Heute ist Himba 15 Jahre alt. Und jetzt beginnt für ihn ein völlig neues Kapitel: Im Natio­nal­park Bukit Baka Bukit Raya darf er endlich das Leben führen, das für jeden Orang-Utan vorge­sehen ist – frei in den Regen­wäl­dern Borneos.
Für Mariana ist dieser Moment ebenso bewe­gend wie erfül­lend: „Himba auf seinem Weg vom hilf­losen, schwer verletzten Orang-Utan-Baby zu einem starken, gesunden und unab­hän­gigen jungen Orang-Utan zu begleiten, war eine ganz beson­dere Erfah­rung. Schon von Anfang an zeich­nete sich Himba durch seine neugie­rige Art und sein sanftes Wesen aus – Eigen­schaften, die mir immer in liebe­voller Erin­ne­rung bleiben werden.“

Ein Hoff­nungs­träger für seine Art

Mit Himbas Auswil­de­rung kehrt nicht nur ein weiterer Orang-Utan dorthin zurück, wo er hinge­hört. Seine Geschichte steht stell­ver­tre­tend für das, was möglich ist, wenn Menschen handeln, anstatt wegzu­sehen. Vom Dorf­be­wohner, der Hilfe suchte, über die Tier­ärzte und Baby­sit­te­rinnen bis hin zu den vielen Unter­stüt­ze­rinnen und Unter­stüt­zern von BOS – sie alle haben dazu beigetragen, dass aus einem schwer verletzten Baby ein freier Orang-Utan werden konnte.

Jede erfolg­reiche Auswil­de­rung stärkt die wilden Orang-Utan-Popu­la­tionen Borneos und gibt Hoff­nung für die Zukunft einer vom Aussterben bedrohten Art. Himbas Geschichte erin­nert uns daran, dass selbst nach den schwersten Schick­sals­schlägen ein Neuan­fang möglich ist.

Auch Sie können solche Neuan­fänge mit Ihrer Spende möglich machen.