19. Mai 2026
Orang-Utan-Mutter und Orang-Utan-Baby Sisi und Sijalu

Vom Waisen­kind zur Mutter: Sisis Geschichte zeigt, wie Orang-Utan-Schutz wirkt

Es ist spät am Nach­mittag im Bukit Batikap Schutz­wald. Mit einem Lang­boot fährt ein Team von Post-Release Moni­to­ring (PRM) Rangern den Joloi Fluss hinunter, zurück ins Camp. Sie haben den Tag damit verbracht, ausge­wil­derte Orang-Utans zu tracken und beob­achten. Der Tag hat für sie vor Sonnen­auf­gang begonnen, für heute ist die Arbeit getan.


Doch dann entscheiden sie, vom Camp aus noch ein Stück Fluss abwärts zu fahren.
Solche Entschei­dungen gehören zum Alltag der BOS-Ranger. Denn wer Orang-Utans im dichten Regen­wald folgt, weiß: Die wich­tigsten Momente lassen sich nicht planen.
Am Vortag hatten sie kurz das Signal des Senders eines ausge­wil­derten Orang-Utans fluss­ab­wärts empfangen, ihn jedoch wieder verloren. Nun hoffen sie auf eine erneute Begegnung.

Feld­for­schung im Regen­wald: BOS-Ranger beob­achten Orang-Utan-Mutter mit Baby


Und tatsäch­lich entde­cken sie nach kurzer Zeit am Fluss­ufer eine Bewe­gung hoch oben im Blät­ter­dach. Sie dros­seln den Boots­motor, nehmen die Fern­gläser an die Augen, suchen die Bäume am Ufer ab – und entde­cken einen Orang-Utan, der sich ruhig von Ast zu Ast bewegt.

Orang-Utan-Mutter und Orang-Utan-Baby Sisi und Sijalu
Sisi ist Mama geworden! Die Ranger nennen das Baby Sijalu


Erst auf den zweiten Blick machen die Ranger eine aufre­gende weitere Entde­ckung: Ein Baby klam­mert sich in das Fell des Orang-Utans! Es ist noch sehr jung, höchs­tens ein Jahr alt.
Und wer ist die Orang-Utan-Dame? Die Ranger glei­chen die körper­li­chen Charak­te­ris­tika des Tieres und seine Gesichts­züge mit der digi­talen Kartei der ausge­wil­derten Tiere ab und können sie zwei­fels­frei als Sisi identifizieren.

Orang-Utan-Waise wird selbst Mutter: Sisis Geschichte bei BOS Deutschland


Sisi kam im Alter von etwa zwei­ein­halb Jahren in das BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng, nachdem sie mutterlos in der Nähe einer Stadt in Südka­li­mantan, Borneo, aufge­funden worden war. Das war Ende des Jahres 2003. Im Oktober 2019, nach 16-jähriger Reha­bi­li­ta­tion, war sie bereit für die Auswil­de­rung im Bukit Batikap Schutzwald.

Orang-Utan Sisi
Sisi kurz vor der Auswil­de­rung im Oktober 2019


Und allem Anschein nach hat sie sich seitdem bestens in ihr neues, freies Leben einge­wöhnt.
Doch wird sie auch in der Lage sein, ihre im Rettungs­zen­trum erlernten Fähig­keiten an ihr Baby weiter­zu­geben – so wie es die Natur eigent­lich vorge­sehen hat, wie es Sisi selbst jedoch verwehrt blieb?

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Genau um diese Frage zu beant­worten, beob­achten die BOS-Ranger Sisi und ihr Baby, dem sie den Namen Sijalu gegeben haben, drei Tage lang. Sie sind die ganze Zeit dabei: Von Sonnen­auf­gang, wenn die beiden ihr Schlaf­nest verlassen, bis zum Sonnen­un­ter­gang, wenn Sisi für sich und ihr Kleines an einem neuen Ort ein frisches, gut gepols­tertes Schlaf­nest baut.

Orang-Utan-Mamy Sisi
Sisis Spei­se­plan ist viel­seitig – sie hat sich bestens an ihr Leben in Frei­heit gewöhnt


Die Ranger bleiben dabei auf Abstand. Sie beob­achten und doku­men­tieren, was sie sehen, jedoch ohne zu stören. Es sind drei faszi­nie­rende Tage, die tiefe Einblicke geben in das beson­dere Verhältnis von Mutter und Kind.

Wie Orang-Utan-Babys im Regen­wald über­leben lernen


Für Sisis Baby ist die Welt noch klein. Sie besteht aus warmem Fell und sicheren Armen, der schüt­zenden Nähe der Mutter. Doch während das Kleine aus dieser Sicher­heit heraus die Welt um es herum beob­achtet, beginnt bereits der wich­tigste Lern­pro­zess seines Lebens. Denn alles, was Sisi tut, ist eine Lektion für Sijalu. Welche Pflanzen sind essbar? Wann ist etwas reif? Wie erreicht man die besten Stellen im dichten Blät­ter­dach?
Auch die Ranger sehen genau hin. Wie verhält sich Sisi? Womit verbringt die Orang-Utan-Mutter den Tag? Was frisst sie? Wie groß ist die Viel­falt ihres Spei­se­plans?
Am Joloi-Fluss findet die Orang-Utan-Mutter beson­ders viele Nahrungs­quellen. Die Nähe zum Wasser sorgt für eine große Viel­falt an Pflanzen und diese kostet Sisi aus. Ein deut­li­ches Zeichen dafür, dass sie sich gut in freier Wild­bahn zurecht findet.


Während sie in einem ruhigen Tempo durch die Baum­wipfel klet­tert und immer wieder inne hält, um Früchte zu pflü­cken und zu fressen, bleibt Sijalu in das Fell der Mutter geklam­mert. Am ersten Beob­ach­tungstag ist Mutter­milch die einzige Nahrung, die das Baby immer wieder trinkt.
Am zweiten Tag jedoch löst sich Sijalu ab und zu aus der sicheren Umar­mung, um selb­stän­dige erste kleine Klet­ter­ver­suche zu unter­nehmen. Das Jung­tier ahmt dabei auch seine Mutter nach und probiert einige Bissen wilder Früchte wie Saluoi, Sang­kuang und Lisum.

Ein Moment, der zeigt, was Arten­schutz bewirken kann


Was hier vor den Augen des PRM-Teams geschieht, wirkt ganz ruhig und selbst­ver­ständ­lich. Doch was am Ende eines langen Arbeits­tages als Begeg­nung am Joloi Fluss begann, ist mehr als nur ein schöner Moment:
Es das Ergebnis jahre­langer Arbeit.
Es ist der Beweis dafür, dass Auswil­de­rung funk­tio­nieren kann.
Und dafür, dass ein geret­tetes Indi­vi­duum Hoff­nung für eine weitere Gene­ra­tion Orang-Utans im Regen­wald bedeutet.

Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Sisi und Sijalu unter­stützen. Jeder Beitrag hilft.