Es ist spät am Nachmittag im Bukit Batikap Schutzwald. Mit einem Langboot fährt ein Team von Post-Release Monitoring (PRM) Rangern den Joloi Fluss hinunter, zurück ins Camp. Sie haben den Tag damit verbracht, ausgewilderte Orang-Utans zu tracken und beobachten. Der Tag hat für sie vor Sonnenaufgang begonnen, für heute ist die Arbeit getan.
Doch dann entscheiden sie, vom Camp aus noch ein Stück Fluss abwärts zu fahren.
Solche Entscheidungen gehören zum Alltag der BOS-Ranger. Denn wer Orang-Utans im dichten Regenwald folgt, weiß: Die wichtigsten Momente lassen sich nicht planen.
Am Vortag hatten sie kurz das Signal des Senders eines ausgewilderten Orang-Utans flussabwärts empfangen, ihn jedoch wieder verloren. Nun hoffen sie auf eine erneute Begegnung.
Feldforschung im Regenwald: BOS-Ranger beobachten Orang-Utan-Mutter mit Baby
Und tatsächlich entdecken sie nach kurzer Zeit am Flussufer eine Bewegung hoch oben im Blätterdach. Sie drosseln den Bootsmotor, nehmen die Ferngläser an die Augen, suchen die Bäume am Ufer ab – und entdecken einen Orang-Utan, der sich ruhig von Ast zu Ast bewegt.

Erst auf den zweiten Blick machen die Ranger eine aufregende weitere Entdeckung: Ein Baby klammert sich in das Fell des Orang-Utans! Es ist noch sehr jung, höchstens ein Jahr alt.
Und wer ist die Orang-Utan-Dame? Die Ranger gleichen die körperlichen Charakteristika des Tieres und seine Gesichtszüge mit der digitalen Kartei der ausgewilderten Tiere ab und können sie zweifelsfrei als Sisi identifizieren.
Orang-Utan-Waise wird selbst Mutter: Sisis Geschichte bei BOS Deutschland
Sisi kam im Alter von etwa zweieinhalb Jahren in das BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng, nachdem sie mutterlos in der Nähe einer Stadt in Südkalimantan, Borneo, aufgefunden worden war. Das war Ende des Jahres 2003. Im Oktober 2019, nach 16-jähriger Rehabilitation, war sie bereit für die Auswilderung im Bukit Batikap Schutzwald.

Und allem Anschein nach hat sie sich seitdem bestens in ihr neues, freies Leben eingewöhnt.
Doch wird sie auch in der Lage sein, ihre im Rettungszentrum erlernten Fähigkeiten an ihr Baby weiterzugeben – so wie es die Natur eigentlich vorgesehen hat, wie es Sisi selbst jedoch verwehrt blieb?
Post-Release Monitoring: Wie BOS Deutschland ausgewilderte Orang-Utans begleitet
Genau um diese Frage zu beantworten, beobachten die BOS-Ranger Sisi und ihr Baby, dem sie den Namen Sijalu gegeben haben, drei Tage lang. Sie sind die ganze Zeit dabei: Von Sonnenaufgang, wenn die beiden ihr Schlafnest verlassen, bis zum Sonnenuntergang, wenn Sisi für sich und ihr Kleines an einem neuen Ort ein frisches, gut gepolstertes Schlafnest baut.

Die Ranger bleiben dabei auf Abstand. Sie beobachten und dokumentieren, was sie sehen, jedoch ohne zu stören. Es sind drei faszinierende Tage, die tiefe Einblicke geben in das besondere Verhältnis von Mutter und Kind.
Wie Orang-Utan-Babys im Regenwald überleben lernen
Für Sisis Baby ist die Welt noch klein. Sie besteht aus warmem Fell und sicheren Armen, der schützenden Nähe der Mutter. Doch während das Kleine aus dieser Sicherheit heraus die Welt um es herum beobachtet, beginnt bereits der wichtigste Lernprozess seines Lebens. Denn alles, was Sisi tut, ist eine Lektion für Sijalu. Welche Pflanzen sind essbar? Wann ist etwas reif? Wie erreicht man die besten Stellen im dichten Blätterdach?
Auch die Ranger sehen genau hin. Wie verhält sich Sisi? Womit verbringt die Orang-Utan-Mutter den Tag? Was frisst sie? Wie groß ist die Vielfalt ihres Speiseplans?
Am Joloi-Fluss findet die Orang-Utan-Mutter besonders viele Nahrungsquellen. Die Nähe zum Wasser sorgt für eine große Vielfalt an Pflanzen und diese kostet Sisi aus. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich gut in freier Wildbahn zurecht findet.
Während sie in einem ruhigen Tempo durch die Baumwipfel klettert und immer wieder inne hält, um Früchte zu pflücken und zu fressen, bleibt Sijalu in das Fell der Mutter geklammert. Am ersten Beobachtungstag ist Muttermilch die einzige Nahrung, die das Baby immer wieder trinkt.
Am zweiten Tag jedoch löst sich Sijalu ab und zu aus der sicheren Umarmung, um selbständige erste kleine Kletterversuche zu unternehmen. Das Jungtier ahmt dabei auch seine Mutter nach und probiert einige Bissen wilder Früchte wie Saluoi, Sangkuang und Lisum.
Ein Moment, der zeigt, was Artenschutz bewirken kann
Was hier vor den Augen des PRM-Teams geschieht, wirkt ganz ruhig und selbstverständlich. Doch was am Ende eines langen Arbeitstages als Begegnung am Joloi Fluss begann, ist mehr als nur ein schöner Moment:
Es das Ergebnis jahrelanger Arbeit.
Es ist der Beweis dafür, dass Auswilderung funktionieren kann.
Und dafür, dass ein gerettetes Individuum Hoffnung für eine weitere Generation Orang-Utans im Regenwald bedeutet.
Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Sisi und Sijalu unterstützen. Jeder Beitrag hilft.
