Erinnern Sie sich an das Orang-Utan-Männchen Sie-Sie, den wir im April 2025 im Kehje Sewen Wald ausgewildert haben? Anders als die meisten anderen Orang-Utans, ist Sie-Sie nach der Käfigöffnung nicht sofort auf einen Baum geklettert und hat sich von den Menschen entfernt. Statt dessen blieb er auf dem Waldboden und verhielt sich aggressiv.
Auch diese Reaktion ist nicht unüblich bei einer Auswilderung, insbesondere wenn es sich um dominante Männchen handelt so wie Sie-Sie eines ist. Eine Veränderung des Lebensumfeldes, die Unterbrechung der gewohnten Abläufe und natürlich die anstrengende Reise können Stress auslösen und starke Reaktionen triggern.
Obwohl sich Sie-Sie aggressiv zeigte, konnte unser Team die Auswilderung erfolgreich beenden, indem sie den Kontakt mit dem Orang-Utan-Männchen minimierten und sich möglichst schnell nach der Käfigöffnung aus seinem Sichtfeld entfernten.
Doch damit hatte Sie-Sies Reise in die Freiheit gerade erst begonnen
Wie immer nach einer Auswilderung, bleibt unser Post-Release Monitoring (PRM) Team in den ersten Wochen in der Nähe und beobachtet, wie sich die “neuen Wilden” in der neugewonnenen Freiheit zurechtfinden. Diese Beobachtungen sind extrem wichtig für die Arbeit von BOS und die erfolgreiche Rehabilitation künftiger Orang-Utans.

Die Beobachtung von Sie-Sie war besonders aufschlussreich, denn er blieb in der Nähe der Auswilderungsstelle und verbrachte dort die meiste Zeit auf dem Waldboden. Selbst zum Schlafen begab sich das Orang-Utan-Männchen nicht in die Baumwipfel, um dort ein Schlafnest zu bauen, sondern formte ein einfaches Nest aus Zweigen und Blättern zwischen den Wurzeln eines Baumes. Er aß sogar zunächst das übrig gebliebene Futter von der Auswilderung.
Sie-Sie schläft auf dem Waldboden, klettert kaum auf Bäume
Es gab jedoch auch erste Anzeichen, dass Sie-Sie sich seiner neuen Umgebung anpasst – die unbedingte Voraussetzung dafür, dass er in der Wildnis überleben kann. Obwohl er weiterhin nicht klettern wollte, suchte und fand das Orang-Utan-Männchen Futterquellen in seiner Umgebung: So wurde er von unserem PRM-Team dabei beobachtet, wie er Palmherzen, Termiten und junge Blätter aß.
Am Ende des ersten Monats begann Sie-Sie, sich langsam weiter von der Auswilderungsstelle zu entfernen. Nicht weit, aber seine Komfortzone wurde sichtlich größer. Unser PRM-Team konnte ihn des öfteren in der Nähe eines Flusses beobachten, wo er sich entspannt aufhielt, trank oder einfach am Ufer saß und auf das fließende Wasser schaute.
Die Aggression lässt nach, am Flussufer ist Sie-Sie entspannt
Obwohl der gelegentlich auf einen Baum kletterte, um dort Zweige für sein Schlafnest zu sammeln, bevorzugte es Sie-Sie weiterhin auf dem Boden zu bleiben. Dabei wirkte er entspannt und blieb zugleich wachsam.

Das aggressive Verhalten des dominanten Männchens, das auch eine ganze Weile nach der Freilassung noch andauerte, wurde langsam weniger. Anfangs reagierte Sie-Sie sehr heftig, sobald sich das PRM- Team vorsichtig näherte. Nach einigen Wochen änderte sich seine Reaktion und er suchte lieber das Weite, hielt von sich aus eine gewisse Distanz zu den Menschen. Ein vielversprechendes Zeichen!
Auch das Futterverhalten stabilisierte sich: Sie-Sie vergrößerte seinen Radius der Futtersuche, wenn auch immer noch in relativer Nähe zur Auswilderungsstätte, und entwickelte dabei offensichtliche Vorlieben. So pflückte er regelmäßig Früchte eines Ficus und sammelte Palmherzen. Auch darüber hinaus entwickelte Sie-Sie gewisse Routinen: Er baute sich Schlafnester auf dem Waldboden und besuchte gerne das Flussufer, um sich dort auszuruhen.

Obwohl Sie-Sie ein dominantes Männchen ist, zeigt er sich zurückhaltend bei der Erforschung seines neuen Lebensraumes. Am Ende der Beobachtungsperiode war es für unser PRM-Team jedoch zunehmend schwierig geworden, Sie-Sies Bewegungen zu verfolgen. Obwohl es Anzeichen gab, dass er sich noch immer in der Nähe aufhielt, besuchte das Orang-Utan-Männchen nur noch selten die Lieblingsorte der ersten Zeit. Offensichtlich bevorzugt er es inzwischen, sich vor unserem Team zu verbergen.
Jeder Orang-Utan hat sein eigenes Tempo
Sie-Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Auswilderungen ein langer Prozess sind. Obwohl die Orang-Utans nach dem erfolgreichen Abschluss der BOS-Waldschule zuerst auf die Vorauswilderungsinsel umziehen, um dort ihre erworbenen Fähigkeiten zu erproben, markiert die Auswilderung einen weiteren Meilenstein. Jetzt müssen die geretteten und rehabilitierten Primaten sich wirklich ganz und gar alleine zurechtfinden. Und das braucht seine Zeit: Bei manchen Orang-Utans kürzer, und bei anderen, wie Sie-Sie, länger.
Jedes Tier hat sein eigenes Tempo und seine eigenen Strategien, um in der neuen Freiheit anzukommen. Sie-Sie hat einen ruhigeren, langsameren Weg gewählt. Doch auch dieser führt ihn Schritt für Schritt in die richtige Richtung: Zu einem wirklich wilden Leben in der Freiheit des Kehje Sewen Waldes. Wir wünschen Dir alles Gute, Sie-Sie!
Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Sie-Sie unterstützen. Jeder Beitrag hilft.
