1. September 2025
Orang-Utan-Männchen Sie-Sie

Was nach der Auswil­de­rung von Sie-Sie geschah

Erin­nern Sie sich an das Orang-Utan-Männ­chen Sie-Sie, den wir im April 2025 im Kehje Sewen Wald ausge­wil­dert haben? Anders als die meisten anderen Orang-Utans, ist Sie-Sie nach der Käfig­öff­nung nicht sofort auf einen Baum geklet­tert und hat sich von den Menschen entfernt. Statt dessen blieb er auf dem Wald­boden und verhielt sich aggressiv.

Auch diese Reak­tion ist nicht unüb­lich bei einer Auswil­de­rung, insbe­son­dere wenn es sich um domi­nante Männ­chen handelt so wie Sie-Sie eines ist. Eine Verän­de­rung des Lebens­um­feldes, die Unter­bre­chung der gewohnten Abläufe und natür­lich die anstren­gende Reise können Stress auslösen und starke Reak­tionen trig­gern.
Obwohl sich Sie-Sie aggressiv zeigte, konnte unser Team die Auswil­de­rung erfolg­reich beenden, indem sie den Kontakt mit dem Orang-Utan-Männ­chen mini­mierten und sich möglichst schnell nach der Käfig­öff­nung aus seinem Sicht­feld entfernten.

Doch damit hatte Sie-Sies Reise in die Frei­heit gerade erst begonnen

Wie immer nach einer Auswil­de­rung, bleibt unser Post-Release Moni­to­ring (PRM) Team in den ersten Wochen in der Nähe und beob­achtet, wie sich die “neuen Wilden” in der neuge­won­nenen Frei­heit zurecht­finden. Diese Beob­ach­tungen sind extrem wichtig für die Arbeit von BOS und die erfolg­reiche Reha­bi­li­ta­tion künf­tiger Orang-Utans.

Orang-Utan-Männchen Sie-Sie mit einem Hut aus Blättern
In den ersten Wochen nach der Auswil­de­rung bleibt Sie-Sie vor allem auf dem Waldboden

Die Beob­ach­tung von Sie-Sie war beson­ders aufschluss­reich, denn er blieb in der Nähe der Auswil­de­rungs­stelle und verbrachte dort die meiste Zeit auf dem Wald­boden. Selbst zum Schlafen begab sich das Orang-Utan-Männ­chen nicht in die Baum­wipfel, um dort ein Schlaf­nest zu bauen, sondern formte ein einfa­ches Nest aus Zweigen und Blät­tern zwischen den Wurzeln eines Baumes. Er aß sogar zunächst das übrig geblie­bene Futter von der Auswilderung.

Sie-Sie schläft auf dem Wald­boden, klet­tert kaum auf Bäume

Es gab jedoch auch erste Anzei­chen, dass Sie-Sie sich seiner neuen Umge­bung anpasst – die unbe­dingte Voraus­set­zung dafür, dass er in der Wildnis über­leben kann. Obwohl er weiterhin nicht klet­tern wollte, suchte und fand das Orang-Utan-Männ­chen Futter­quellen in seiner Umge­bung: So wurde er von unserem PRM-Team dabei beob­achtet, wie er Palm­herzen, Termiten und junge Blätter aß.
Am Ende des ersten Monats begann Sie-Sie, sich langsam weiter von der Auswil­de­rungs­stelle zu entfernen. Nicht weit, aber seine Komfort­zone wurde sicht­lich größer. Unser PRM-Team konnte ihn des öfteren in der Nähe eines Flusses beob­achten, wo er sich entspannt aufhielt, trank oder einfach am Ufer saß und auf das flie­ßende Wasser schaute.

Die Aggres­sion lässt nach, am Fluss­ufer ist Sie-Sie entspannt

Obwohl der gele­gent­lich auf einen Baum klet­terte, um dort Zweige für sein Schlaf­nest zu sammeln, bevor­zugte es Sie-Sie weiterhin auf dem Boden zu bleiben. Dabei wirkte er entspannt und blieb zugleich wachsam.

Orang-Utan Sie-Sie liegt am Flussufer
Sie-Sie sitzt entspannt, aber zugleich wachsam am Flussufer

Das aggres­sive Verhalten des domi­nanten Männ­chens, das auch eine ganze Weile nach der Frei­las­sung noch andau­erte, wurde langsam weniger. Anfangs reagierte Sie-Sie sehr heftig, sobald sich das PRM- Team vorsichtig näherte. Nach einigen Wochen änderte sich seine Reak­tion und er suchte lieber das Weite, hielt von sich aus eine gewisse Distanz zu den Menschen. Ein viel­ver­spre­chendes Zeichen!
Auch das Futter­ver­halten stabi­li­sierte sich: Sie-Sie vergrö­ßerte seinen Radius der Futter­suche, wenn auch immer noch in rela­tiver Nähe zur Auswil­de­rungs­stätte, und entwi­ckelte dabei offen­sicht­liche Vorlieben. So pflückte er regel­mäßig Früchte eines Ficus und sammelte Palm­herzen. Auch darüber hinaus entwi­ckelte Sie-Sie gewisse Routinen: Er baute sich Schlaf­nester auf dem Wald­boden und besuchte gerne das Fluss­ufer, um sich dort auszuruhen.

Orang-Utan-Männchen Sie-Sie hängt an einem Baum
Natür­lich kann Sie-Sie klet­tern, wenn er es für notwendig hält


Obwohl Sie-Sie ein domi­nantes Männ­chen ist, zeigt er sich zurück­hal­tend bei der Erfor­schung seines neuen Lebens­raumes. Am Ende der Beob­ach­tungs­pe­riode war es für unser PRM-Team jedoch zuneh­mend schwierig geworden, Sie-Sies Bewe­gungen zu verfolgen. Obwohl es Anzei­chen gab, dass er sich noch immer in der Nähe aufhielt, besuchte das Orang-Utan-Männ­chen nur noch selten die Lieb­lings­orte der ersten Zeit. Offen­sicht­lich bevor­zugt er es inzwi­schen, sich vor unserem Team zu verbergen.

Jeder Orang-Utan hat sein eigenes Tempo

Sie-Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Auswil­de­rungen ein langer Prozess sind. Obwohl die Orang-Utans nach dem erfolg­rei­chen Abschluss der BOS-Wald­schule zuerst auf die Voraus­wil­de­rungs­insel umziehen, um dort ihre erwor­benen Fähig­keiten zu erproben, markiert die Auswil­de­rung einen weiteren Meilen­stein. Jetzt müssen die geret­teten und reha­bi­li­tierten Primaten sich wirk­lich ganz und gar alleine zurecht­finden. Und das braucht seine Zeit: Bei manchen Orang-Utans kürzer, und bei anderen, wie Sie-Sie, länger.
Jedes Tier hat sein eigenes Tempo und seine eigenen Stra­te­gien, um in der neuen Frei­heit anzu­kommen. Sie-Sie hat einen ruhi­geren, lang­sa­meren Weg gewählt. Doch auch dieser führt ihn Schritt für Schritt in die rich­tige Rich­tung: Zu einem wirk­lich wilden Leben in der Frei­heit des Kehje Sewen Waldes. Wir wünschen Dir alles Gute, Sie-Sie!

Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Sie-Sie unter­stützen. Jeder Beitrag hilft.