Die Greenwashing-Woche

Von Daniel Merdes, Geschäftsführer BOS Deutschland

Datum

Donnerstag, 18. März 2021 - 9:15

Aktuell ist für selbst ernannte Klimaretter wieder das Rekordfieber ausgebrochen. Sat.1 möchte Teil der Lösung werden und wirbt, prominent unterstützt, mit der Waldrekordwoche. Was auf den ersten Blick ein gefälliges Nicken à la “viel hilft viel“ auslösen dürfte, hat mich bei näherer Betrachtung doch eher wütend gemacht.

Dabei möchte ich nicht auf den äußerst umstrittenen (Nicht-)Pflanzpartner eingehen, sondern auf das meines Erachtens völlig falsche Bild des Rettungsszenarios, das hier vermittelt wird. Andockend an die deutsche „Geiz ist geil“-Mentalität werden hier angeblich Bäume für einen Euro gepflanzt – ein echtes Schnäppchen. Das gibt dem geneigten Fernsehzuschauer das wohlige Gefühl, mit nur 1.000 Euro bereits einen kleinen Wald gepflanzt zu haben. Nie war die Weltrettung günstiger.


Daniel Merdes, Geschäftsführer von BOS Deutschland

Daniel Merdes, Geschäftsführer von BOS Deutschland

Nun bin ich selbst kein Tropenförster, aber durch die Arbeit mit unseren Partnern in Kalimantan und Sabah wurde mir schnell klar, dass ein Setzling noch keinen Baum bedeutet. Genau genommen braucht ein Setzling mehr als drei Jahre intensiver Pflege, bevor er eine gute Chance hat, zu einem überlebensfähigen Baum heranzuwachsen. Bei einem fairen Lohn für die ihre Familien ernährenden Arbeiterinnen und Arbeiter, ist dies selbst in Indonesien nicht unter fünf Euro pro Baum (nicht Setzling) realisierbar. Für weniger Informierte – und die rufen bei uns täglich an – scheint diese realistische Kalkulation ein schändlich überteuertes Produkt zu sein. Die Vermutung: „Klar, da wird sich wieder irgendwo bereichert.“ Dieses Mindset wäre nicht möglich ohne Kampagnen wie „die Suchmaschinensuche 45 Mal benutzen ergibt einen Baum“, oder auch doch lieber einen Euro bezahlen, weil die Suche über Google praktischer ist.


Ein Baum braucht jahrelange Pflege

Ein Baum braucht jahrelange Pflege

All das nährt den bequemen Trugschluss, dass sich mittels technischer Lösungen und ohne Verzicht (denn das klingt verdächtig nach Öko-Diktatur) das Problem fast von alleine lösen lässt. Dabei zeigen selbst positivste Zahlen der ETH Zürich, dass selbst wenn alle überhaupt noch verfügbaren Flächen auf diesem Planeten aufgeforstet werden würden – immerhin ein Gebiet so groß wie die USA – nur 2/3 des C02 gebunden werden kann. Und das nur bei gleichzeitigem Stopp neuer CO2-Belastungen und jeglicher Waldvernichtung! Wie gesagt: Das wäre noch das denkbar best-mögliche Szenario, um unter dem 1,5-Grad-Ziel zu bleiben.

Kann dies der Grund sein, warum dem Konsumenten jetzt möglichst preiswerte Mitmachangebote angepriesen werden, um von der politischen Verantwortung abzulenken? Ist Klimaschutz nicht die dringlichste politische Aufgabe der heutigen Zeit? Aber wie bereits bei Papier, Holz, Fleisch und Palmöl wird wieder alles auf den Verbraucher abgewälzt, der sich dann am Regal die Augen bei der kleinen Schrift verdirbt. Dabei benötigen wir regulatorische Einflussnahme, denn dieser Markt wird es nicht richten. Schon gar nicht in einer Woche TV.

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