Orang-Utan, Mensch und der Kulturbegriff

Datum

Mittwoch, 12. Juli 2017 - 9:00

Die letzten Tage auf Borneo waren sehr regnerisch. Viele Bäche sind zu reißenden Strömen geworden und überall hat sich Wasser gesammelt. Ein Orang-Utan Weibchen trägt ihr wenige Wochen altes Baby.  Sie stillt es seit seiner Geburt mit voller Hingabe – eine kräftezehrende Aufgabe. Da erblickt die durstige Mutter einen schmalen Hohlraum in einem Baumstamm. Über die letzten Regenfälle hat er sich mit Wasser gefüllt, vielleicht ein halber Liter. Flink greift sie sich ein großes Blatt und rollt es zusammen.

Nun sieht es aus wie ein halb abgeschnittenes Rohr. Die Orang-Utan Dame geht erfahren mit diesem Werkzeug um. Routiniert löffelt sie den kleinen See im Hohlraum des Stammes leer. Einige hundert Kilometer weiter sitzt ein anderer Orang-Utan auf einer Lichtung. Auch hier regnet es. Und auch er weiß sich zu helfen: Er schnappt sich ein großes Blatt, das er zu einem Schirm umfunktioniert. Orang-Utans benutzen also Werkzeuge und scheinen dieses Wissen auch irgendwie weitergeben zu können. Sonst würde es verloren gehen. Haben also Orang-Utans Kultur.

Das lateinische „Cultura“ bedeutet so viel wie „Pflege, Bearbeitung, Ackerbau“. „Cultura“ grenzt sich somit von „natura“ ab, einem ursprünglichen, unberührten Ort, der ohne den Einfluss des Menschen oder eines anderen menschlichen Lebewesens funktioniert. Kultur prägt also Räume. Orte, die nicht mehr ursprünglich sind, sondern bearbeitet wurden. Bewohner dieser Räume entwickeln Regeln für das Zusammenleben, ein System zur Nahrungssuche bzw. -anbau und geben dieses Wissen innerhalb ihrer Gruppe und an die Nachkommen weiter. Durch dieses soziale Lernen geben auch Orang-Utans ihr Wissen an die nächste Generation. Streng genommen besitzen sie also eine rudimentäre Tradition. Schließlich wird Kultur über Tradition, also der Weitergabe von Wissen, überhaupt zu etwas Überdauerndem und entwickelbar. Folgende Generationen können somit auch Blätter als Löffel oder Schirme verwenden. Kultur kann sich also entwickeln, doch gibt es auch unterschiedliche Ausprägungen von Kulturen. Vor einigen Jahren sagte einmal der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen: „Die Annahme, jede Kultur sei homogen, ist ein großer Fehler. Einen „Kampf der Kulturen“ zu konstatieren, ist ebenso ein großer Fehler.“

 

Geographische Unterschiede und kulturelle Unterschiede beim Menschen

Kulturen sind also keine homogene Masse. Es gibt verschiedene Ausprägungen menschlicher Kultur. Schaut man nur einmal auf die Heimat Amartya Sens Indien. Über 100 verschiedene Sprachen werden in den unterschiedlichen Regionen Indiens gesprochen. Der geographische Punkt des Aufwachsens kann somit entscheidend die kulturelle Prägung eines Menschen bestimmen. Doch ist dies auch bei Orang-Utans so? Wird in einigen Regionen Indonesiens ein Blatt als Schirm benutzt, in anderen wiederum nicht? Wird in einer Ecke des Landes ein Stock benutzt um an Samen zu kommen und in anderen Gebieten wiederum Steine für denselben Zweck bei derselben Frucht.

 

Und wie ist es beim Orang-Utan?

Ja! Zu diesem Ergebnis kommt der Anthropologe Carel van Schaik, der schon seit vielen Jahren die Orang-Utans erforscht, um somit Wissensgewinne über die Herkunft des Menschen zu erhalten. Dazu wurden vierräumlich getrennt Orang-Utan Populationen auf Borneo und zwei auf Sumatra untersucht. Carel van Schaik und sein Forschungsteam stellten nämlich die Hypothese auf, dass es einen Zusammenhang zwischen der geographischen Entfernung und den jeweiligen Verhaltensunterschieden zwischen den Populationen gebe. Besonders Ökologen kritisierten zunächst diese These, da sie vor allem ökologische Faktoren für die unterschiedlichen kulturellen Verhaltensweisen verantwortlich machten. Ökologische Faktoren wären z.B., dass Orang-Utans in bestimmen Regionen aufgrund von Umweltgegebenheiten gar nicht in der Lage seien, gewisse Verhaltensweisen zu lernen.

Vielleicht gibt es an einigen Plätzen gar keine harten Stöcke, um damit Früchte aufknacken zu können. Daher mussten die Orang-Utans vor Ort zu Steinen greifen. Um also einwandfrei über diese Forschungsfrage berichten zu können, hat Carel van Schaik Verhaltensweisen, wie z.B. Blatt als Schirm oder Löffel zu benutzen kategorisiert. Vor allem Verhalten in Gebieten mit ähnlichen ökologischen Bedingungen stand somit im Vordergrund. Daraus erhoffte er Erkenntnisse über geographische Unterschiede in Verhaltensweisen gewinne zu können.

 

Geographische Variationen hängen mit kulturellen Variationen zusammen

Und in der Tat! Carel van Schaiks Hypothese konnte bestätigt werden. Je weiter Orang-Utan-Populationen voneinander entfernt leben, desto unterschiedlicher ist ihre Kultur. Zum Beispiel haben Orang-Utans in Suaq Balimbing (Sumatra) eine Werkzeugtechnik mit der sie an die verborgenen Samen der Neesia-Frucht kommen können, andere Populationen haben diese Technik nicht entwickelt. Auch machen Orang-Utans in Suaq Balimbing langsame, lange sowie symmetrische Kratzbewegungen. Bei der anderen Orang-Utan Population (Ketambe) konnte ebenfalls dieses Verhalten beobachtet werden, jedoch nur selten. Orang-Utans auf Borneo zeigen dieses Verhalten nicht. Insgesamt konnten in seinen Beobachtungsstudien 36 unterschiedliche Verhaltensweisen auf geographische Variationen untersucht werden. Der Großteil waren weitere technische Verhaltensweisen, wie z.B. das Brechen von abgestorbene Ästen, um an Ameisen im Inneren des toten Holzes zu gelangen. Dies konnten auch nicht alle Populationen in der gleichen Intensität vorzeigen. Aber beide Populationen auf Sumatra sowie die Orang-Utans an der Südküste Borneos in Tanjung Puting zeigten dieses Verhalten flächendeckend. Die drei restlichen Orang-Utan-Gruppen waren hingegen nicht in der Lage, Äste zu brechen, um an Nahrung zu kommen.

Orang-Utan Nest

Zusätzlich wurden auch soziale Verhaltensweisen verglichen. Die Orang-Utans in Gunung Paung (Borneo), Tanjung Puting (Borneo) und Leuser Ketampe (Sumatra) bauten extra Nester zum sozialen Spielen und konnten diese von Unterschlüpfen unterscheiden. In Kutai (Borneo) konnte dieses Verhalten nur unregelmäßig beobachtet werden und in Lower Kinabatangan (Borneo) gar nicht.

Gleichzeitig konnte aber ein Effekt des Habitats auf das individuelle Lernen nicht nachgewiesen werden. Verschiedene Orang-Utan-Populationen, die mehr im Landesinneren leben, haben nicht mehr gemeinsame Verhaltensweisen, als eine Orang-Utan-Gruppe im Inneren und eine an der Küste. Somit ist der unterschiedliche Lebensraum nicht entscheidend. Dies entkräftet wesentlich die Kritik, die von manchen Ökologen angeführt wurde. Dadurch wird die Verwandtschaft zum Menschen viel deutlicher. Auch auf die Verhaltensweisen des Menschen gibt es keinen Habitat-Effekt. Menschen, die an der Küste leben, haben grundlegend dieselben Verhaltensmuster, wie z.B. Menschen, welche im Gebirge aufgewachsen. Auch in einer nicht globalisierten Welt. Zwar gibt es Unterschiede im Nahrungsangebot oder unterschiedliche Sprachen. Unsere Grundmechanismen sind hingegen nicht ans Habitat geknüpft. Vielmehr ist die geographische Entfernung ausschlaggebend für kulturelle Verhaltensunterschiede, z.B. wie verwandt unsere Sprachen sind. Doch dies scheint für beide gleichermaßen zu gelten, für Orang-Utans und Menschen. Interessant wäre es in der Zukunft zu schauen, inwieweit sich vielleicht bei den Orang-Utans Sprachfamilien finden würden und inwieweit diese miteinander verwandt sind. Dank den Erkenntnissen Carel van Schaiks hat sich ein großes, neues und interessantes Forschungsfeld eröffnet, von dem wir bestimmt bald mehr hören werden.

 


Wir danken Jan Mücher für diesen Beitrag


Literaturverzeichnis:

Schaik, C. P. Van, Ancrenaz, M., Borgen, G., Suzuki, A., Utami, S. S., & Merrill, M. (2003). Orangutan Cultures and the. Science, 299(January), 102–106. doi: 10.1126/science.1078004
Mensch und Affe teilen kulturelle Wurzeln. (2011). Scinexx.

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