Orang-Utans und Großkatzen rücken zusammen - mit Folgen

Der Lebensraum im Ökosystem Regenwald wird knapp

Datum

Montag, 31. August 2020 - 8:00

Nur sehr wenige Tiere können Orang-Utans gefährlich werden. Hier berichten wir von Angriffen des seltenen Sunda-Nebelparders auf Olbert und Olivia, zwei von der BOS Foundation ausgewilderte Orang-Utans. Dank unseres erfahrenen Tierärzteteams sind beide Tiere bereits wieder auf freiem Fuß in unserem Schutzwald Bukit Batikap unterwegs. Der starke Rückgang des natürlichen Regenwaldes und die damit verbundenen Ressourcenknappheit macht sich leider auch auf diese Weise bemerkbar.

Das war knapp. Nach über zweimonatiger Behandlung waren Olberts tiefe, dolchzahnartige Bisswunden an Rücken und Kopf endlich verheilt. Wenn unser Team ihn nicht gefunden und behandelt hätte, wäre er vermutlich an der Infektion seiner Wunden gestorben. Auch Orang-Utan Weibchen Olivia wurde, ebenfalls drei Jahre nach ihrer erfolgreichen Auswilderung, wegen infizierter Bisswunden in unsere Schutzstation zurückgebracht und behandelt. Derartige Verletzungen können, laut Aussage unserer erfahrenen Tierärzte, nur von einer großen Katze, dem Sunda-Nebelparder stammen. All jene, die den Anblick offener Wunden wegstecken können, finden Bilder in der Galerie unter diesem Text (Spoiler-Alarm: die Wunden schauen wirklich nicht schön aus).

Seltene Schönheiten

Sunda-Nebelparder sind selten gewordene, wahre Schönheiten, die vor allem nachts, manchmal aber auch am Tag im Regenwald aktiv sind. Mit Schwanz einberechnet, erreicht die Großkatze eine Länge von bis zu knapp zwei Metern. Ihr Fell weist die artspezifische Wolkenzeichnung auf und mit ihren perfekt ans Dämmerlicht angepassten, scharfen Augen, ihrem wendigen, grazilen Körperbau, langen, dolchartigen Eckzähnen und scharfen Krallen sind sie Meister der Jagd.

Wie auch manch andere Feliden, können auch Nebelparder gut klettern und nutzen Bäume als Ruheplätze, sowie manchmal auch um ihre Beute für ein späteres Mahl zu verstecken (1). Dennoch ist ein Angriff hoch oben in den Bäumen eher unwahrscheinlich. Ein ausgewachsener Orang-Utan, immerhin das größte baumbewohnende Säugetier der Welt, ist mit seinem perfekt ans Klettern angepassten Körper und starken, langgliedrigen Greifhänden, vermutlich einer noch so gut kletternden Großkatze überlegen.

Passt nicht ganz ins Beuteschema

Angriffe von Nebelpardern sind selten. Zum natürlichen Beutespektrum der Großkatze gehören bodenbewohnende Vögel, Hirscharten, kleine Primaten, Nagetiere und gelegentlich auch Fische und Schlangen (1). Bisher sind nur drei Fälle außerhalb unserer Schutzwälder dokumentiert (2,3,4), in denen Orang-Utans von Nebelpardern angegriffen wurden. Nur ein Einziger davon endete in Folge tödlich. Bei Olivia und Olbert wird auf Grund der Rückenverletzungen vermutet, dass die Angriffe von hinten am Boden erfolgt sind. Beide Tiere waren dafür bekannt, mehr Zeit als andere ausgewilderte Orang-Utans am Boden zu verbringen – dies hat sich inzwischen glücklicherweise geändert. Neueste Beobachtungen zeigen, dass Olbert nun vorsichtiger geworden ist, er verbringt seit seiner erneuten Auswilderung nur noch insgesamt 5 % seiner Zeit am Boden (5). Auch Olivia wird hoffentlich in Zukunft wachsamer sein.


Olbert im sicheren Baum

Olbert im sicheren Baum

Unter Beobachtung

Bisher haben wir 183 Orang-Utans in unserem Schutzwald Bukit Batikap erfolgreich in die lang ersehnte Freiheit entlassen. Nach der Auswilderung werden die Tiere von unserem Team mit Hilfe von Sendern geortet und ihr Gesundheitszustand auf Sichtkontakt überprüft. Dazu gehört, neben der Evaluierung ihres Zustands, auch, ob sie natürlich vorkommende Futterressourcen wie Früchte und Pflanzenmaterial suchen und verzehren (das ist einer der Indikatoren dafür, dass sie ein selbstständiges Leben in der freien Wildbahn führen können), sich Schlafnester bauen und diese auch am Tag verlassen (denn wenn es ihnen schlecht geht, bleiben sie manchmal sogar im Nest), und wie viel Zeit sie am Boden oder in den Bäumen verbringen (denn kranke Tiere sind im extremsten Fall manchmal sogar zu schwach zum Klettern).


Orang-Utan in der Kamerafalle

Orang-Utan in der Kamerafalle

Die größte Gefahr

Für Orang-Utans stellt die durch den Menschen verursachte Abholzung des Regenwaldes die größte Bedrohung dar. Nur sehr wenige Tiere können Orang-Utans in freier Wildbahn gefährlich werden, dazu gehören neben dem Sunda-Nebelparder, Schlangen, wie zum Beispiel Pythons, und Krokodile (ja auch die gibt es auf Borneo!). Andere große Säugetiere, wie Malaienbären, sind nicht bekannt dafür Orang-Utans anzugreifen. Sie fressen hauptsächlich Früchte und eher selten kleine Säugetiere, Insekten und Honig (3).
Auch der Sunda-Nebelparder ist durch den stetig voranschreitende Lebensraumverlust gefährdet (6,7). Zudem ist die illegale Jagd, um Körperteile wie Fell und Knochen für große Geldsummen am Schwarzmarkt zu verkaufen, ein großes Problem. Dies geschieht nicht nur unter teilweise katastrophalen hygienischen Verhältnissen, die eine potentielle Gefahr für die Entstehung von Zoonosen wie COVID-19 darstellen, sondern auch für einen dubiosen Zweck: die Tierteile finden Verwendung in der traditionellen chinesischen Medizin.

Der tropische Regenwald, die sogenannte grüne Lunge der Erde, ist eine der letzten Zufluchtsstätten der Artenvielfalt und spielt eine zentrale Rolle für das Ökosystem und unser Klima. Beim Wachstum binden die Bäume und andere Pflanzen große Mengen an Kohlenstoff aus der Atmosphäre, speichern ihn in ihrer Biomasse und produzieren Sauerstoff. Ein gesunder Wald bietet Zuflucht, Lebensraum und genügend verfügbare, natürliche Ressourcen für alle darin lebenden Tiere – für Pflanzenfresser, sowie Beutegreifer. Durch das faszinierende Zusammenspiel jedes einzelnen Teiles, von der kleinsten Mikrobe bis zu den größten Tieren, wie Orang-Utan und Nebelparder, wird ein empfindliches Gleichgewicht hergestellt. Jedes Glied im Ökosystem Wald ist wichtig, um die natürliche Balance zu erhalten.

Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, mehr Regenwaldflächen zu erwerben und zu Schutzwald für unsere Orang-Utans und andere wilde Tiere umzuwandeln. Helfen auch Sie diesen faszinierenden Lebensraum und seine gewaltige Artenvielfalt zu erhalten und zu schützen. Werden auch Sie zum BOS-Unterstützer. Mit ihrer Spende helfen sie den Orang-Utans und dem Regenwald, der Heimat dieser und anderer besonderer Tiere! Jeder Beitrag hilft.

Text:
Dr. Isabelle Laumer / Bilder und Inhalte stammen von einem gemeinsamen Projekt von BOSF, University of British Columbia (UBC) und Bogor Agricultural University Institut Pertanian Bogor (IPB).


Referenzen:

1.    Chiang PJ, Allen ML (2017) A review of our current knowledge of clouded leopards (Neofelis nebulosa). Int J Avian Wildl Biol 2:148–154.

2.    Marzec AM, Kunz JA, Falkner A, Utami Atmoko SS, Alavi SE, Moldawer AM, Vogel ER, Schupplil C, van Schaik CP, van Noordwijk MA (2016) The dark side of the red ape: malemediated lethal female competition in Bornean orangutans. Behav Ecol Sociobiol 70:459–466.

3.    Kanamori T, Kuze N, Bernard H, Malim TP, Kohshima S (2012) Fatality of a wild Bornean orangutan (Pongo pygmaeus morio): behaviour and death of a wounded juvenile in Danum Valley, North Borneo. Primates 53:221–226.

4.    van Noordwijk MA, Utami Atmoko SS, Knott CD, Kuze N, Morrogh-Bernard HC, Oram F, Schuppli C, van Schaik CP, Willems EP (2018) The slow ape: high infant survival and long interbirth intervals in wild orangutans. J Hum Evol 125:38–49.

5.    Sunderland-Groves, J.L., Tandang, M.V., Patispathika, F.H. et al. (2020) Suspected Sunda clouded leopard (Neofelis diardi) predation attempts on two reintroduced Bornean orangutans (Pongo pygmaeus wurmbii) in Bukit Batikap Protection Forest, Central Kalimantan, Indonesia. Primates.

6.    Hearn, A., Ross, J., Brodie, J., Cheyne, S., Haidir, I.A., Loken, B., Mathai, J., Wilting, A. & McCarthy, J. (2015). Neofelis diardi. The IUCN Red List of Threatened Species 2015:
       e.T136603A97212874.

7.    Hearn, A., Sanderson, J., Ross, J., Wilting, A. & Sunarto, S. (2008). Neofelis diardi ssp.
borneensis. The IUCN Red List of Threatened Species 2008: e.T136945A4351615.

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