Orang-Utans: Werkzeugbauer, Erfinder und planvolle Denker

Ein Beitrag von Dr. Isabelle Laumer

Datum

Dienstag, 24. November 2020 - 15:30

Wussten Sie, dass auch Orang-Utans Werkzeuge verwenden? Folgen Sie uns in den Regenwald und finden Sie heraus, was den Werkzeuggebrauch bei Menschenaffen so besonders macht.

Der Gebrauch von Werkzeugen, und vor allem auch ihre Herstellung, ist im Tierreich extrem selten, und mancher Werkzeuggebrauch wird oft fälschlicherweise pauschal als intelligent bewertet. Beispielsweise werfen Ameisenlöwen – das sind die räuberischen Insektenlarven der Ameisenjungfern – kleine Steine auf ihre potenzielle Beute. Oder Schützenfische, die ihre Beutetiere außerhalb des Wassers mit einem gezielten Wasserstrahl jagen. Das sind Beispiele für einen angeborenen, schematischen Gebrauch von Werkzeugen, die typischerweise immer gleichbleibend in nur einer bestimmten Situation eingesetzt werden. Im Gegensatz dazu erfordert intelligenter Werkzeuggebrauch die Fähigkeit, mehrere Informationsebenen zu integrieren und das Verhalten schnell und flexibel an wechselnde Situationen anzupassen.


Dieser Stamm wird bearbeitet wie ein Kunstwerk

Dieser Stamm wird bearbeitet wie ein Kunstwerk

Orang-Utans verwenden in der freien Wildbahn nicht nur routinemäßig Werkzeuge, sie stellen diese sogar selbst her. Wenn sie vor einer neuen Aufgabe stehen, können sie neue Werkzeuge sogar spontan erfinden (1). Darüber hinaus hat man festgestellt, dass die Menschenaffen auch ökonomische, zielorientierte Entscheidungen über den Gebrauch von Werkzeugen treffen (2). In der freien Wildbahn konnte man bisher knapp 40 verschiedene Arten von Werkzeuggebrauch feststellen (3). Ein paar Beispiele gefällig?

 

Werkzeugeinsatz zur effizienten Nahrungsbeschaffung

Um an nährstoffreiches Futter heranzukommen, verwenden Orang-Utans bis zu sieben verschiedene Varianten von Werkzeugen (3). So entfernen sie zum Beispiel sehr geschickt die äußere ungenießbare Hülle von Früchten mit Hilfe von kurzen Ästen, um an die wohlschmeckenden Samen heranzukommen. Andere Früchte, wie etwa die von Neesia-Bäumen, benötigen noch mehr Arbeitseinsatz – und Geduld: Entweder müssen die Menschenaffen warten, bis die hartschalige große Frucht des Neesia-Baums heranreift und von selbst aufplatzt. Oder, falls das  zu lange dauert, werden die Früchte auch schon mal vorsichtig aufgebissen. Um an die leckeren Samen zu kommen, brechen die Orang-Utans Stöckchen vom Baum, entfernen die Seitentriebe und zum Teil auch die Rinde und kürzen das Stöckchen auf die gewünschte Länge (4). Anschließend bearbeiten sie damit das Innere der Frucht, um den Inhalt der Fruchtkapsel herauszuschälen. Hier müssen sie allerdings sehr vorsichtig agieren, da die nährstoffreichen Samen von einer dichten Schicht stacheliger Brennhaare umgeben sind.


 die Neesia-Frucht - hier mit Werkzeug, um an das Innere zu gelangen

Ein echter Leckerbissen: die Neesia-Frucht - hier mit Werkzeug, um an das Innere zu gelangen

Um in Baumhöhlen oder Totholz nach Termiten und anderen Insekten zu angeln, aber auch um an leckeren Honig zu gelangen, nutzen die Orang-Utans speziell angefertigte Zweige, bei denen sie manchmal die Enden aufbeißen. Das macht das Werkzeug vermutlich effizienter, da es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich Larven darin verbeißen und durch die vergrößerte Oberfläche mehr Honig aufgenommen werden kann.

Gegen stechende Insekten verwenden sie manchmal Blätter als Schutzhandschuh oder ganze Äste als Körperschutz. Sogar die Nutzung von natürlichen Strohhalmen, um Regenwasser aus Baumlöchern zu trinken, wurde schon beobachtet (3). Manchmal brechen sie auch längere Äste vom Baum ab, um damit nach schwer erreichbaren Früchten zu angeln oder um die Wassertiefe festzustellen (5).

Während langanhaltender Dürreperioden, verursacht durch das El Niño Klimaphänomen, wird oft die Nahrung knapp. Dann kommt es vor, dass Orang-Utans mit größeren Holzpflöcken die Rinde von Bäumen entfernen, um an das Baumkambrium, die nahrhafte Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holz, heranzukommen. Es erfordert viel Erfahrung, die richtige Technik und Geschick, um in großen Höhen solche kraftvollen, zielgerichteten Bewegungen sicher auszuführen.

 

Körperhygiene und Wohlbefinden

Genau wie wir Menschen, legen Orang-Utans großen Wert auf Körperpflege. So verwenden sie beispielsweise kurze Äste als Zahnstocher oder als Nagelschaber und mit längeren Ästen kratzen sie sich gern den Rücken. Große Blätter nutzen sie als Sonnenschutz oder Regenschirm und manchmal auch als Fächer, um sich kühlende Luft zuzufächeln. Offenbar wissen diese schlauen Tiere auch um die wohltuende Wirkung mancher Pflanzen: Es ist schon beobachtet worden, dass sie Heilpflanzen zerkauen und den entzündungshemmenden Nahrungsbrei an Armen und Beinen verteilen (6).


Das tut gut - der Ast als Rückenkratzer

Das tut gut - der Ast als Rückenkratzer

 

Werkzeuge, um Laute zu erzeugen

Orang-Utans haben ein breitgefächertes Lautrepertoire. Bei dem sogenannten `kiss-squeak´ wird die Luft durch die vorgespitzten Lippen scharf eingesogen, was einen stimmlosen Kusslaut erzeugt (7). Orang-Utans jeden Geschlechts und Alters verwenden diesen Laut als Alarmruf, wenn sie sich gestört oder bedroht fühlen. Der kiss-squeak kann entweder ohne oder mit Hilfe von Blättern, die dabei an die Lippen gehalten werden, erzeugt werden.  Jungtiere müssen diese Form der Lautproduktion üben, bis es endlich klappt.

Orang-Utans bekommen nur alle sechs bis neun Jahre Nachwuchs und haben so innerhalb der Menschenaffen das mit Abstand längste Geburtenintervall (8). Diese lange Zeitspanne wird benötigt, damit der junge Orang-Utan all die überlebenswichtigen Werkzeugtechniken und sozialen Fähigkeiten erlernen kann. Experten vermuten, dass viele Formen des Werkzeuggebrauchs kulturell von einer Generation an die Nächste weitergegeben werden, und dass daher soziales Lernen eine große Rolle spielt (3).


Hier lernt einer vom anderen, wie man mit einem Stöckchen an den Honig in einem Stamm kommt

Hier lernt einer vom anderen, wie man mit einem Stöckchen an den Honig im Stamm kommt

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Referenzen:

1. Laumer I.B., Call J., Bugnyar T., Auersperg A.M.I. (2018) Spontaneous innovation of hook-bending and unbending in orangutans (Pongo abelii). Scientific Reports 8:16518

2. Laumer I.B., Auersperg A.M.I., Bugnyar T., Call J. (2019) Orangutans (Pongo abelii) make flexible decisions relative to reward quality and tool functionality in a multi-dimensional tool-use task. PLoS One 14(2): e0211031.

3. Meulmann EJM, van Schaik CP (2013) Orangutan tool use and the evolution of technology. In: Sanz, C M; Call, J; Boesch, C. Tool Use in Animals. Cognition and Ecology. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 176-202.

4. Forss S (2009) Social Learning and Independent Exploration in immature Sumatran Orangutans, Pongo abelii. Additional comparative study between two populations; Suaq Balimbing, Sumatra and Tuanan, Borneo. Master thesis supervised by van Schaik CP

5. Shumaker R.W., Walkup K.R. & Beck B.B. (2011) Animal tool behaviour: The use and manufacture of tools by animals. Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press.

6. Morrogh-Bernard, H.C., Foitová, I., Yeen, Z. et al. (2017) Self-medication by orang-utans (Pongo pygmaeus) using bioactive properties of Dracaena cantleyi . Sci Rep 7, 16653.

7. Lameira AR, Hardus ME, Nouwen KJJM, Topelberg E, Delgado RA, et al. (2013) Population-specific use of the same tool-assisted alarm call between two wild orangutan populations (pongopygmaeus wurmbii) indicates functional arbitrariness. PLoS ONE 8(7): e69749.

8. Wich, S. A., H. de Vries, et al. (2009). Orangutan life History variation. Orangutans Geographic Variation in Behavioral Ecology and Conservation. S. A. Wich, A. S. S. Utami, T. Mitra Setia and C. P. van Schaik, Oxford University Press.

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