Rettungsstationen

In den zwei Stationen der BOS Foundation finden beschlagnahmte und aufgegriffene Orang-Utans Zuflucht. Ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm macht die Primaten fit für die Freiheit.

In den zwei Rettungsstationen der BOS Foundation in Indonesien werden mehr als 700 Orang-Utans versorgt, betreut und auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. Dazu gehört die medizinische Pflege nach der Rettung und während der Rehabilitation, tägliche Fütterungen, die Beschäftigung und Ausbildung in Waldkindergarten, Waldschule und Käfigen und schließlich die Auswilderung in ein geeignetes Schutzgebiet. 

Mindestens zweimal im Monat gibt es bei BOS Neuzugänge verwaister Orang-Utan-Babys. In den meisten Fällen wurden die Mütter von Wilderern oder Plantagenarbeitern getötet. Häufig rückt das Rettungsteam aber auch aus, weil eine Meldung über einen illegal als Haustier gehaltenen Orang-Utan eingegangen ist. Obwohl es in Indonesien verboten ist, einen Orang-Utan privat zu halten, gelten die Tiere als Statussymbol. Von den Behörden beschlagnahmte Tiere werden dann meist an die BOS Foundation übergeben.

Orang-Utans werden auf den Plantagen als Plage betrachtet, da sie auf der Suche nach Nahrung in der Not auch Setzlinge der Ölpalmen fressen. Deshalb gehen bei BOS häufig Bitten ein, Orang-Utans aus Palmölplantagen zu retten. Für die Tiere ist es ein großes Glück, wenn sich die Plantagenarbeiter nicht selbst der ungeliebten Besucher entledigen, sondern BOS alarmieren.

Um ein erwachsenes Tier einzufangen, wird es von einem BOS-Tierarzt betäubt und untersucht. Ist sein gesundheitlicher Zustand stabil, wird es in einem sicheren Waldgebiet wieder freigelassen. Ist der Orang-Utan krank oder verletzt, kommt er zur medizinischen Versorgung in die stationseigene Tierklinik. Dort wird individuell entschieden, wie es mit dem Wildfang weitergeht.

Der Tierhandel und die fortschreitende Ausbreitung von Megaplantagen sind die größten Bedrohungen für die rothaarigen Menschenaffen. Die dramatisch schnelle Zerstörung der indonesischen Regenwälder nimmt den letzten Orang-Utans und auch anderen Tieren ihre Heimat.

Ein Orang-Utan, der als Baby zu BOS kommt, durchläuft in der Regel ein siebenjähriges Rehabilitationsprogramm, in dem er alles lernt, um ein wilder Orang-Utan zu werden. Am Ende ist er in der Lage, allein im Dschungel Borneos zu überleben. Eine Rehabilitation gilt als erfolgreich, wenn das Tier in die Wildnis entlassen wird und in seinem natürlichen Habitat gut zurechtkommt.

Neuzugänge in den BOS-Rettungsstationen werden zunächst zwei Wochen unter Quarantäne gestellt und in der BOS-eigenen Klinik untersucht, geimpft und tierärztlich behandelt. Oft leiden die Tiere an Krankheiten wie Tuberkulose oder Hepatitis, mit denen sie sich auch beim Menschen anstecken können. Viele sind von Parasiten befallen. Manche kommen schwer verletzt zu BOS und müssen rund um die Uhr medizinisch versorgt werden. Sehr häufig leiden die Tiere unter extremen Traumata. Gerade diese Fälle ins Leben zurückzuholen, ist für die BOS-Mitarbeiter eine große Herausforderung.
Grundsätzlich werden von jedem Orang-Utan Fingerabdrücke, Nagel-, Blut- und Haarproben für genetische Tests genommen. Ein Mikrochip wird zur Wiedererkennung unter die Haut gepflanzt.

Sind alle gesundheitlichen Bedenken ausgeräumt, beginnt die Rehabilitation der Menschenaffen. Sie soll die Orang-Utans befähigen, selbständig im Dschungel zu überleben und sich dort auch fortzupflanzen. Die konkreten Maßnahmen der Rehabilitation sind abhängig von Alter, Entwicklungsstand und Gesundheitszustand des einzelnen Tieres.

Orang-Utans, die einige Jahre mit ihrer Mutter verbracht haben, besitzen bereits grundlegende Fertigkeiten für ein Überleben im Wald. Sie müssen lediglich in ihrem natürlichen Verhalten unterstützt werden und können sich meist relativ schnell wieder an ihre natürliche Umgebung gewöhnen. Diese Tiere gehen bei BOS in die Waldschule.

Babys dagegen, die noch völlig von ihrer Mutter abhängig wären, benötigen rund sieben Jahre Training, um auf ein Leben in ihrem natürlichen Habitat vorbereitet zu werden. So lange bleiben Mutter und Kind auch in der Wildnis zusammen. Bei BOS werden sie von menschlichen Pflegemüttern zunächst im Waldkindergarten betreut. Mit ihrer Hilfe entwickeln die Tiere dort die motorischen Fähigkeiten, die sie für das sichere Klettern auf Urwaldriesen benötigen und lernen, was sie für ein unabhängiges Leben als wilde Orang-Utans brauchen.

Tagsüber halten sich die Orang-Utan-Kinder in kleinen Waldstücken bei den Stationen auf. Sie lernen dort, essbare Pflanzen und Früchte zu finden, giftige Tiere und Pflanzen zu erkennen, Schlafnester zu bauen, effizient und sicher in den Baumkronen vorwärtszukommen, sich im dichten Wald zu orientieren, mit Artgenossen zu interagieren und einiges mehr. Eine intensive Pflege und liebevolle Betreuung sind besonders für traumatisierte Waisen gerade am Anfang sehr wichtig.

Die letzte Station vor der Auswilderung sind Flussinseln, auf denen die erwachsenen Tiere fast unter natürlichen Bedingungen leben.

Lediglich Orang-Utans, die chronisch krank sind oder eine Behinderung haben, werden dauerhaft in den Stationen gehalten. Bei allen Übrigen ist es das Ziel von BOS, sie auszuwildern.

Wenn ein Orang-Utan weiß, wo er welche Nahrung findet, wie er essbare von giftigen Pflanzen unterscheidet, stabile Schlafnester baut und sicher klettern kann, ist er bereit, in seine natürliche Umgebung, den Regenwald Borneos zurückzukehren.

Unter strenger Kontrolle eines wissenschaftlichen Teams aus Primatologen, Tierärzten und Biologen wird bestimmt, welche Orang-Utans und wie viele jeweils ausgewildert werden.

Die Auswilderung eines Orang-Utans orientiert sich an den Richtlinien der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) und erfolgt unter strenger veterinärmedizinischer Kontrolle. Die Orang-Utans werden vor der Reise leicht narkotisiert. Per Auto, Boot, einem Flugzeug oder Hubschrauber bringt ein BOS-Team sie in Transport-Boxen in entlegene Auswilderungsgebiete. Oberstes Gebot dabei ist, den Stress für die Orang-Utans so gering wie möglich zu halten und zu verhindern, dass sich die Tiere verletzen oder gar krank werden. Der schönste Moment für alle an der Auswilderung Beteiligte ist immer der, wenn mitten im Regenwald die Klappe der Transportbox geöffnet wird – und der Orang-Utan sein neues Leben in Freiheit beginnt.

Das Monitoring, also die fachgerechte Beobachtung, der ausgewilderten Orang-Utans, ist notwendig, um gegebenenfalls kranke Tiere zurückzuholen und medizinisch zu behandeln oder um zu erkennen, wenn das Nahrungsangebot nicht ausreicht. Direkt nach der Auswilderung werden die Tiere mindestens zwei Wochen engmaschig beobachtet. Monitoring-Teams streifen aber auch sonst regelmäßig durch die BOS-Auswilderungsgebiete und werten Sichtungen wissenschaftlich aus. Entdecken die Beobachtungsteams eine ausgewilderte Orang-Utan-Dame mit einem neugeborenen Baby, ist das natürlich immer ein besonderes Highlight für alle BOS-Mitarbeiter – die Auswilderung ist geglückt, eine neue Generation darf in der Freiheit aufwachsen.

Die durch das intensive Monitoring gewonnenen Erkenntnisse nutzt BOS für kommende Auswilderungen und passt – wenn nötig – ihre Abläufe an. Zum Monitoring gehören demografische, ökologische, tiermedizinische und Verhaltens-Studien. Gemessen werden unter anderem Verbreitungsmuster, soziale Interaktionen, Reproduktionsverhalten, Nahrungsverfügbarkeit, Krankheiten, Todesfälle und der Einfluss der Auswilderungen auf das vorhandene Ökosystem. Zur besseren Ortung dienen GPS-Transmitter, die jedem Auswilderungskandidaten in die Nackenfalte gepflanzt wurden. Ihre Reichweite beträgt nur etwa 500 m, weshalb das Monitoring-Team auch regelmäßig „ausschwärmen“ muss.

Orang-Utans wurden zuvor auch von anderen Organisationen ausgewildert, doch mit dem ausgefeilten Programm hat BOS Neuland betreten. Der kostspielige Aufwand hat sich gelohnt: Allein zwischen Februar 2012 und April 2014 konnte BOS über 160 seiner Schützlinge in die Freiheit entlassen. Insgesamt liegt die Todesrate bei den seit Anfang 2012 ausgewilderten Orang-Utans knapp unter acht Prozent und übersteigt damit nicht die Todesrate unter vollständig natürlich Bedingungen. Frühere Auswilderungsbemühungen auch anderer Organisationen wiesen sogar eine Sterberate von 20 bis sogar 80 Prozent  aus. Das macht das Projekt so einzigartig.

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Vom Orang-Utan-Waisenkind zum Waldmenschen. Eine Orang-Utan-Rehabilitation dauert bis zu 7 Jahre lang. Erst dann sind die kleinen fit für die Wildnis.

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