Vorbereitungen auf ein Leben in freier Wildbahn

Ein Einblick in das Ernährungstraining in der Waldschule von Dr. Isabelle Laumer

Datum

Mittwoch, 22. September 2021 - 9:00

Eines der wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Auswilderung ist, sich in freier Wildbahn selbstständig ernähren zu können. Normalerweise lernen Orang-Utan-Kinder diese wichtige Überlebensfertigkeit von ihrer Mutter. Unsere Waisenkinder in den BOS-Rettungszentren nehmen daher am mehrjährige Waldschulprogramm teil.

Je nach Verbreitungsgebiet und Waldbeschaffenheit ernähren sich Orang-Utans von etwa 100 bis zu knapp 400 verschiedenen Pflanzenarten (1). Dabei verzehren sie – je nach Gebiet – auch oft unterschiedliche Teile der Pflanzen, wie etwa Frucht, Blüten, Blätter, Rinde oder Mark (1). Orang-Utans fressen primär Früchte – falls diese verfügbar sind. Zu den bevorzugten Waldfrüchten gehören zum Beispiel Mangos, verschiedene Feigenarten, Zibetfrüchte, Litschipflaumen und Jabon Früchte.


Wald-Mango

Wald-Mango

Neben Früchten werden auch Blätter, Blattsprossen, Ameisen, Termiten, Raupen, Grillen und andere Insekten, mineralhaltige Erde, Honig, gelegentlich sogar Vogeleier und kleine baumlebende Wirbeltiere (2) gefressen. In Zeiten von Fruchtknappheit verbringen Orang-Utans weniger Zeit damit, im Regenwald umherzustreifen. Dann investieren sie mehr Zeit in die Nahrungsaufnahme. Man kann sie oft dabei beobachten, wie sie die Rinde von speziellen Baumarten entfernen, um an das Baumkambium – eine nährstoffreiche Schicht direkt unter der Rinde – heranzukommen.

Wie lange dauert es in freier Wildbahn, bis das Jungtier all das Know-how der Nahrungsbeschaffung erlernt hat?

Bis das Jungtier ein ähnliches Nahrungsspektrum wie das der Mutter entwickelt hat, dauert es etwa acht Jahre (siehe Grafik; 3).


Es dauert acht Jahre, bis das volle Nahrungsspektrum erreicht ist

 

 

Wie lernen Orang-Utan-Kinder?

Orang-Utan-Mütter unterrichten ihren Nachwuchs nicht aktiv, sondern Jungtiere lernen durch Zuschauen und selbstständiges Ausprobieren. Im Laufe ihrer Entwicklung bis zum Alter von etwa 15 Jahren, kommt es zu ca. 9.000 - 38.000 Zuschau-Sequenzen in denen Jungtiere ihren Müttern ganz genau bei Nahrungswahl, Werkzeuggebrauch und Nestbau zuschauen (4). Weibliche Jungtiere orientieren sich bei der Nahrungswahl vor allem an ihren Müttern oder anderen Weibchen. Männliche Jungtiere wählen, wenn sie älter werden, zunehmend fremde ausgewachsene Männchen als Vorbilder (5). In unseren Auffangstationen übernehmen die speziell dafür ausgebildeten Pfleger:innen diese langjährige, komplexe Aufgabe, um die Orang-Utan-Waisenkinder bestmöglich auf ein Leben in freier Wildbahn vorzubereiten. Eine Studie, die in unserem Rettungszentrum Nyaru Menteng durchgeführt wurde (6), hat gezeigt, dass die Waldschüler insgesamt mit über 100 verschiedenen Nahrungsmitteln konfrontiert werden. Über 80 davon kommen natürlich im Wald vor.


eine ausgewogene Ernähung schützt das Immunsystem

Eine ausgewogene Ernährung schützt das Immunsystem

Orang-Utans säugen ihr Junges bis zu neun Jahre lang – länger als alle Affen der Welt (7). Dies ist vermutlich eine natürliche Anpassung an Zeiten, in denen Nahrung knapp ist. Orang-Utans leben in Wäldern, die durch Dürreperioden gekennzeichnet sind und in denen Früchte nur zu bestimmten Zeiten reif werden. Um das benötigte Kalorien- und Nährstoffpensum des Jungtiers auszugleichen, säugt die Mutter das Junge daher zusätzlich über viele Jahre hinweg. Im ersten Lebensjahr besteht die Nahrung ausschließlich aus Milch, dann kommen nach und nach andere Nahrungsmittel hinzu. Auch unsere Waisenkinder bekommen, abhängig von ihrem Alter, Milchersatz von den Pfleger:innen angeboten. Junge Orang-Utans unter einem Jahr werden mit einem, auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse angepassten, Vollmilchersatz aus der Flasche gefüttert. Diese Milch ist für menschliche Säuglinge gemacht und enthält Molkenprotein, Laktose, Soja, Mineralstoffe, Spurenelemente, Antioxidantien, Vitamine und Probiotika. Ältere Orang-Utans, die schon gezahnt haben und feste, pflanzliche Kost zu sich nehmen können, bekommen lokal hergestellte Sojamilch als Ergänzung. Sojaeiweiß hat eine hohe biologische Wertigkeit und ist daher eine wertvolle Proteinquelle.


Orang-Utan Babys bleiben rund acht Jahre bei ihrer Mutter

Das Junge wird bis zu neun Jahre lang gesäugt

Früchte. Das Jungtier muss lernen, welche Früchte essbar sind, wo und zu welcher Jahreszeit man sie findet und wie man sie frisst. Ganze, weiche Früchte wie wilde Feigen und Guaven zu essen ist einfach. Unsere fortgeschrittenen Waldschüler müssen lernen, wie sie Früchte mit harter Schale, wie zum Beispiel Durian Früchte, bearbeiten müssen. In der Waldschule lernen sie Techniken, auch hartschalige Früchte zu knacken, zu schälen und aufzubrechen, um an das Fruchtfleisch und die Samen heranzukommen. Im Regenwald befinden sich die Früchte oft in zehn bis 15 Metern Höhe. Daher werden die Tiere von den Babysitterinnen immer wieder ermuntert, sich die Nahrung selbst vom Baum zu holen. Dazu werden Äste mit Früchten bespickt und diese auf höher im Baum gelegenen Nahrungsplattformen verteilt oder auf Obst-Spieße verteilt, die in die Höhe gehalten werden. Oder sie werden zu Früchte tragenden Bäumen im Wald geführt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Kletterfähigkeiten zu verfeinern und diese selbst zu pflücken.

Baumkambium. Das Baumkambium, eine saftige Schicht unter der Rinde eines Baumes, ist während der Trockenzeit eine wichtige Nahrungsquelle für Orang-Utans. Ihre Zähne sind kräftig und gut geeignet, die Rinde von bestimmten Bäumen aufzubrechen und das Kambium herauszuschälen. In der Waldschule zeigen unsere Pfleger:innen den Orang-Utans, wie sie an das Kambium herankommen.

Insekten. Orang-Utans fressen Insekten. Auf dem Speiseplan stehen zum Beispiel Termiten, Ameisen, Bienen, Gallwespen, Grillen, Raupen und Heimchen. Je nach Beobachtungsgebiet sind sie etwa vier bis 14 Prozent der Zeit, die sie mit Fressen verbringen, damit beschäftigt, die proteinreichen Krabbeltierchen aus dem Holz zu schälen oder zu angeln (8, 9). Dabei verbringen die Männchen mehr Zeit damit, bodenbewohnende Termiten zu fressen, als Weibchen oder junge Orang-Utans, die kaum Zeit in Bodennähe verbringen (8). In der Waldschule wird den Waisen zum Beispiel gezeigt, wie man verrottende Holzstücke ablöst, um an die darin lebenden proteinreichen Leckerbissen zu gelangen.

Wasser. Wasser nehmen Orang-Utans aus Blatt- und Blütenkelchen oder Baumlöchern zu sich. Sie tauchen dazu ihre Hand in das Loch und saugen dann das Wasser auf, das von den behaarten Armen tropft. Auch das muss gelernt sein!

Pflanzenmark. Das Abschälen des schützenden Äußeren einer Pflanze legt ihr weiches, inneres Mark frei. Das Mark vieler Pflanzenarten ist eine wichtige, immer verfügbare Nahrungsquelle für Orang-Utans.

Blätter. Eine Analyse hat ergeben, dass Orang-Utans in freier Wildbahn bevorzugt proteinreiche, junge Blätter fressen (10). In der Waldschule lernen die jungen Orang-Utans von den Babysitterinnen, welche Blätter und Pflanzenteile essbar sind und wo sie zu finden sind.

Nach der Waldschule ab auf die Insel! Nachdem die Waldschüler das mehrjährige Training absolviert haben, verbringen sie circa ein bis drei Jahre auf einer der Vorauswilderungsinseln. Diese Zeitspanne ist nötig, um ihr Verhalten zu analysieren und ihre erlernten Fähigkeiten zu überprüfen, ehe sie in den Regenwald zurückgebracht werden können. Im Durchschnitt dauert der gesamte Rehabilitationsprozess, vom Ankommen in der Station bis zur Auswilderung etwa zehn Jahre.


Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, mehr Regenwaldflächen zu erwerben und zu Schutzwald für unsere Orang-Utans umzuwandeln. Helfen auch Sie, diesen faszinierenden Lebensraum und seine gewaltige Artenvielfalt zu erhalten und zu schützen. Jeder Beitrag hilft.

 

Ein Beitrag von Dr. Isabelle Laumer

 

Referenzen:
1.    Anne E. Russon, Serge A. Wich, Marc Ancrenaz, Tomoko Kanamori, Cheryl D. Knott, Noko Kuze, Helen C. Morrogh-Bernard, Peter Pratje, Hatta Ramlee, Peter Rodman, Azrie Sawang, Kade Sidiyasa, Ian Singleton and Carel P. van Schaik (2009). Geographic variation in orangutan diets. In book: Orangutans: Geographic Variation in Behavioral Ecology and Conservation (pp.135-156) Publisher: Oxford University Press.

2.    Sugardjito, J., Nurhuda, N. Meat-eating behaviour in wild orang utans, Pongo pygmaeus . Primates 22, 414–416 (1981).

3.    Schuppli C, Forss SI, Meulman EJ, Zweifel N, Lee KC, Rukmana E, Vogel ER, van Noordwijk MA, van Schaik CP. Development of foraging skills in two orangutan populations: needing to learn or needing to grow? Front Zool. (2016) Sep 29;13:43.

4.    Schuppli, C and van Schaik, C (2019). Social learning among wild orangutans: is it affective? In Clément, F and Dukes, D (eds), Foundations of Affective Social Learning: Conceptualising the Transmission of Social Value. Cambridge: Cambridge University Press.

5.    Ehmann B, van Schaik CP, Ashbury AM, Mo¨rchen J, Musdarlia H, Utami Atmoko S, et al. (2021) Immature wild orangutans acquire relevant ecological knowledge through sex-specific attentional biases during social learning. PLoS Biol 19(5): e3001173.

6.    Adams, L. Social learning opportunities in orangutans. Unpubl. Master’s Thesis, York Univ. Toronto. (2005).

7.    Smith T.M., Austin C., Hinde K., Vogel E., Arora M. (2017) Cyclical nursing pattern in wild orangutans. Science Advances, 3: e1601517.

8.    Galdikas, B. M. F. 1988. Orangutan diet, range and activity at Tanjung Putting, Central Borneo. International Journal of Primatology 9:1-35.

9.    Rijksen, H.D. 1978. A field Study of Sumatran Orangutan (Pongo pygmaeus abelii Lesson 1827): Ecology, Behavior, and Conservation. Netherlands: Veenan and Zonen.

10.  Dierenfeld, E.S. (1997) Orangutan Nutrition. In: Orangutan SSP Husbandry Manual. C. Sodaro Ed. Orangutan SSP and Brookfield Zoo, Brookfield, Illinois

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