7. Dezember 2021

Haben Orang-Utans ein dem Menschen ähnli­ches Gedächtnis?

Bis vor kurzem wurde noch von manchen Forschern argu­men­tiert, dass Tiere “stuck in time” wären, also nicht fähig, die Welt in voller zeit­li­cher Komple­xität mit Vergan­gen­heit und Zukunft wahr­zu­nehmen. Jedoch gibt es mitt­ler­weile einige Studien, die dies wider­legen. Menschen­affen haben eine sehr gute Erin­ne­rungs­fä­hig­keit. Sie können viele Jahre zuvor erlernte Infor­ma­tionen und Fähig­keiten abrufen, wie beispiels­weise die Technik, um ein bestimmtes Werk­zeug herzu­stellen (1). Doch was für Formen von Gedächtnis gibt es über­haupt? Und wie versu­chen Forscher, dieses bei unseren nächsten Verwandten nachzuweisen?

Gedächtnis bezeichnet die Fähig­keit — bewusst oder unbe­wusst — Infor­ma­tionen umzu­wan­deln, zu spei­chern und sie wieder abzu­rufen. Dabei werden Infor­ma­tion entweder kurz­zeitig im Kurz­zeit­ge­dächtnis, oder für einen längeren Zeit­raum im Lang­zeit­ge­dächtnis abge­spei­chert. Eine Subkom­po­nente des Lang­zeit­ge­dächt­nisses ist das Episo­dische Gedächtnis. In diesem kann abge­rufen werden, „was“, „wo“ und „wann“ passiert ist. Da Tiere uns nicht verbal mitteilen können, an was genau sie sich erin­nern können, sind erfah­rene Kogni­ti­ons­bio­logen und Prima­to­logen gefragt.

In Bezug auf das „wann“, so konnte gezeigt werden, dass ein Gorilla namens King sich daran erin­nern konnte, was er vor kurzem (vor ca. 7 Minuten) und 24 Stunden zuvor gegessen hatte (2). King erhielt von der Forscherin entweder einen Apfel, eine Banane, eine Birne, eine Orange oder Wein­trauben. Nach dem Zeit­in­ter­vall reichte ihm der Tier­pfleger, der bei der Fütte­rung nicht anwe­send war, fünf verschie­dene Symbol­karten, die das jewei­lige Futter darstellten. King konnte sich sowohl nach der kurzen, als auch nach der längeren Zeit­dauer an das jewei­lige Obst erin­nern. Auf die Frage „Was hast du gegessen?“, gab er dem Pfleger die rich­tige Karte zurück. Und er konnte sich sogar an die jewei­lige Person erin­nern, die ihm das Obst gegeben hatte. Auf die Frage „Wer hat dir das Futter gegeben?“ wählte er nach der kurzen, sowie nach der langen Zeit­spanne die rich­tige Symbol­karte für einen der zwei Forscher aus.

Orang-Utans teilen 97 Prozent ihrer DNA mit uns Menschen
Orang-Utans teilen 97 Prozent ihrer DNA mit uns Menschen

In einer weiteren Studie konnten Orang-Utans, Schim­pansen und Bonobos beob­achten, wie zwei Lecker­bissen, eine Wein­traube und Fruchteis („was“), getrennt vonein­ander versteckt wurden (“wo“; 3). Nach fünf Minuten konnten die Menschen­affen zwischen den beiden Verste­cken wählen. Nach dieser kurzen Zeit­dauer entschieden sie sich für das schnell schmel­zende Fruchteis. Nach einer Stunde Warte­zeit („wann“) wählten sie das Versteck mit der Wein­traube. Eine kluge Entschei­dung, denn das Fruchteis war zu diesem Zeit­punkt längst geschmolzen und nicht mehr verfügbar.

Spon­tane episo­dische Erin­ne­rungen, sind Erin­ne­rungen an persön­liche vergan­gene Ereig­nisse, die spontan ins Gedächtnis gerufen werden, ohne dass die Infor­ma­tion vorher abge­rufen wurde (4). Zum Beispiel kann ein einziger Hinweis, wie etwa ein Duft oder eine andere Wahr­neh­mung bei uns Menschen eine spon­tane auto­bio­gra­fi­sche Erin­ne­rung an etwas Vergan­genes auslösen. Ist das bei Menschen­affen auch der Fall?

Orang-Utans und Schim­pansen des Leip­ziger Zoos erin­nerten sich nach drei Jahren an ein bestimmtes Werk­zeug-Versteck Ereignis, als sie mit derselben Wissen­schaft­lerin, am selben Ort mit einer Werk­zeug­auf­gabe konfron­tiert wurden, die sie drei Jahre zuvor schon einmal erlebt hatten: ein Bana­nen­stück auf einer Platt­form außer­halb des Innen­ge­heges (5). Ziel­strebig suchten sie sofort in einem der Neben­räume in einer von zwei mögli­chen Boxen nach einem langen Stab, mit dem sie vor drei Jahren ein Stück Banane von genau dieser Platt­form angelten. Dann trans­por­tierten sie es zur Platt­form, um das Werk­zeug zu verwenden und an den Lecker­bissen heran­zu­kommen. Und dies, obwohl sie in den vergan­genen drei Jahren an anderen Aufgaben mit derselben Forscherin teil­ge­nommen hatten. Erst die spezi­elle Werk­zeug­auf­gabe löste dieses erstaun­liche Verhalten aus, bei dem anschei­nend die Erin­ne­rung an das lang zurück­lie­gende Verste­ck­ereignis getrig­gert wurde (5).

 Martin-Ordas et al., 2013).
Grafi­sche Darstel­lung der Aufgabe. Ein Schim­panse verwendet den Stab um an ein Stück Banane heran­zu­kommen. (Bild: Martin-Ordas et al., 2013).

Zusam­men­fas­send legen diese Ergeb­nisse nahe, dass mindes­tens zwei Menschen­af­fen­arten, Orang-Utans und Schim­pansen, sich für eine lange Zeit­dauer an bestimmte Ereig­nisse erin­nern und diese Erin­ne­rung spontan abrufen können, um ein bestimmtes Problem zu lösen (5). Drei Jahre ist eine sehr lange Zeit­spanne – nicht nur für Menschen­affen, sondern auch für uns Menschen.

Eines unserer wich­tigsten Ziele ist es, mehr Regen­wald­flä­chen zu erwerben und zu Schutz­wald für unsere Orang-Utans umzu­wan­deln. Helfen auch Sie, diesen faszi­nie­renden Lebens­raum und seine gewal­tige Arten­viel­falt zu erhalten und zu schützen. Jeder Beitrag hilft.

Text: Dr. Isabelle Laumer

Refe­renzen:

1.    Vale, G. L., Flynn, E. G., Pender, L., Price, E., Whiten, A., Lambeth, S. P., Kendal, R. L. (2016). Robust reten­tion and transfer of tool cons­truc­tion tech­ni­ques in chim­pan­zees (Pan troglo­dytes). Journal of Compa­ra­tive Psycho­logy, 130(1), 24–35.

2.    Schwartz B.L., Colon, M.R., Sanchez I.C., Rodri­guez I.A., Evans S. (2002) Single-trial lear­ning of “what” and “who” infor­ma­tion in a gorilla (Gorilla gorilla gorilla): impli­ca­tions for episodic memory. Animal Cogni­tion, DOI 10.1007/s10071-002‑0132‑0.

3.    Martin-Ordas G., Haun D., Colmenares F., Call J (2010) Keeping track of time: evidence for episodic-like memory in great apes. Anim Cogn 13:331–340.

4.    Berntsen, D. (1996). Invol­un­tary auto­bio­gra­phical memo­ries. Applied Cogni­tive Psycho­logy, 10(5), 435–454.

5.    Martin-Ordas G., Berntsen D., Call J. (2013) Memory for distant past events in chim­pan­zees and oran­gutans. Current Biology 23, 1438–1441.