5. April 2021

Drei Orang-Utan-Babys gerettet

UPDATE — 23.04.2021: ***Unter 1.400 Namens­vor­schlägen, die bis gestern Nach­mittag aus der ganzen Welt einge­gangen sind, haben wir uns für den schönen Namen Aiko entschieden.***

Drei neue Orang-Utan-Waisen leben jetzt im Schutz­zen­trum Nyaru Menteng. Sie wurden seit Mitte Februar von BOS in Zentral-Kali­mantan gerettet. Drei Babys bedeuten: Drei tote Orang-Utan-Mütter; drei trau­ma­ti­sierte Waisen; drei Babys, die den langen Weg der Reha­bi­li­ta­tion noch vor sich haben. Aber auch: Drei Orang-Utan-Leben, die dank BOS eine Zukunft haben. 

Die Babys sind zwischen sechs und zehn Monaten alt und damit noch voll­kommen hilflos. Sie werden jetzt im BOS-Schutz­zen­trum Nyaru Menteng betreut. Hier erhalten sie nicht nur die notwen­dige medi­zi­ni­sche Versor­gung, sondern lernen in einem mehr­jäh­rigen Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess all das, was ihnen sonst in der Wildnis ihre Mutter beigebracht hätte. Wenn alles gut geht, sind sie nach sieben bis zehn Jahren Ausbil­dung bereit für die Auswilderung. 

Onyer erholt sich im BOS-Rettungszentrum

Der zehn Monate alte männ­liche Säug­ling Onyer wurde von der indo­ne­si­schen Natur­schutz­be­hörde BKSDA im Dorf Dahian Tambuk, Gunung Mas Regency in Zentral-Kali­mantan beschlag­nahmt und am 15. Februar an das BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng übergeben. 

Onyer ist mit zehn Monaten der älteste der drei Neuankömmlinge
Onyer ist mit zehn Monaten der älteste der drei Neuankömmlinge

Der Dorf­be­wohner, der das Orang-Utan-Baby bei sich hatte, behaup­tete, Onyer allein in einem Wald­ge­biet unweit seines Feldes gefunden zu haben. Wir gehen davon aus, dass seine Mutter getötet wurde. Denn keine Orang-Utan-Mutter würde ihr Baby zurücklassen.

Bei der Erst­un­ter­su­chung in Nyaru Menteng attes­tierten unsere Tier­ärzte Onyer eine gute Gesund­heit. Noch befindet er sich in Quaran­täne und unter regel­mä­ßigen Gesund­heits­kon­trollen. Das ist bei jeder Orang-Utan-Rettung üblich, um keine Krank­heiten ins Rettungs­zen­trum einzu­schleppen. Unter COVID-19 sind die Quaran­tä­ne­maß­nahmen noch strenger. Sobald Onyer die Quaran­täne durch­laufen hat, wird er in die Baby­gruppe von Nyaru Menteng aufgenommen.

Onyer
Onyer

An seinem ersten Tag in Nyaru Menteng war Onyer sehr nervös. Das ist verständ­lich, wenn man bedenkt, dass er sich plötz­lich in einer neuen Umge­bung mit lauter unbe­kannten Gesich­tern befand. Nachts war er sehr unruhig und weinte jedes Mal, sobald seine Baby­sit­terin aufstand – vermut­lich aus Angst, wieder allein gelassen zu werden.
Zum Glück hat Onyer einen recht guten Appetit, trinkt gerne seine Soja-Milch und frisst Obst. Aktuell leidet er an einem leichten grip­palen Infekt, den unser medi­zi­ni­sches Team mit Inha­la­tionen behan­delt, auf die er gut anspricht.

Onyers Lieblingsplatz ist die Schaukel
Onyers Lieb­lings­platz ist die Schaukel

Am liebsten spielt Onyer auf der Schaukel. Auch an ersten Klet­ter­übungen auf nied­riger Höhe hat er sich schon versucht. 

Ramangai war fast am Ende seiner Kräfte

Am 1. März wurde der sechs Monate alte Ramangai von BOS in Zusam­men­ar­beit mit der BKSDA gerettet. Sieben Stunden dauerte die Fahrt des Rettungs­teams in den Unter­be­zirk Marikit, Katingan Regency in Zentral-Kali­mantan, wo Ramangai drin­gende Hilfe benötigte.

Ramangai bei seiner Rettung
Ramangai bei seiner Rettung

Nach Angaben des Dorf­be­woh­ners, der ihn gefangen hielt, hatte der Ramangai im Wald entdeckt, als er auf Vogel­jagd war. Der Dorf­be­wohner sagte, er sei scho­ckiert gewesen, als er plötz­lich ein Orang-Utan-Baby von einem Baum fallen sah, ohne jede Spur von seiner Mutter. Er habe nicht gewusst, was er tun solle, denn es wäre beschwer­lich, das Baby den langen Weg aus dem Regen­wald bis zu ihm nach Hause zu bringen. Doch er habe es nicht übers Herz gebracht, das Orang-Utan-Baby allein zurück­zu­lassen. Da der Jäger wusste, dass Orang-Utans gesetz­lich geschützt seien, beschloss er, das Baby doch mitzu­nehmen. Da er sich tief in einem entle­genen Wald­ge­biet befand, habe der Jäger Ramangai drei Tage lang tragen müssen, ehe er zuhause war, und ihn auf dem Weg nur mit Kaffee und Bananen füttern können. 

Der Säugling war stark dehydriert
Der Säug­ling war stark dehydriert

Das hatte zur Folge, dass das Orang-Utan-Baby stark dehy­driert und geschwächt war. Als er zu Hause ankam, gab ihm der Dorf­be­wohner gesüßte Kondens­milch, in der Hoff­nung, Raman­gais Zustand würde sich verbessern. 

Er meldete seinen Fund der Natur­schutz­be­hörde BKSDA in Zentral-Kali­mantan, die sich sofort mit einem BOS-Rettungs­team auf den Weg machte. Schon auf dem Weg ins Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng haben wir Ramangai über eine Infu­sion mit Flüs­sig­keit versorgt, da er extrem schwach und dehy­driert war. 

Ramangai hing zwei Tage am Tropf
Ramangai hing zwei Tage am Tropf

Bei BOS wurde das Baby sofort auf der Quaran­tä­ne­sta­tion intensiv betreut. Ramangai war vor allem nachts sehr unruhig. Er ist schwer trau­ma­ti­siert vom Verlust seiner Mutter, den zurück­lie­genden Erleb­nissen und davon, plötz­lich in eine neue Umge­bung voller fremder Menschen gestoßen worden zu sein. Nach zwei Tagen der Behand­lung konnte Ramangai der Tropf entfernt werden, da sich sein Flüs­sig­keits­haus­halt norma­li­siert hatte. Aller­dings hat er immer noch leichtes Fieber, und steht unter unserer strengen und fürsorg­li­chen tier­ärzt­li­chen Bewa­chung. Und ganz vielen Kuschel­ein­heiten von seiner Babysitterin.

Die Trauer ist Ramangai anzusehen
Die Trauer ist Ramangai anzusehen

Im Gegen­satz zu Onyer, sitzt Ramangai lieber ruhig in einem Korb. Die Trauer, den Verlust seiner Mutter und die trau­ma­ti­sie­renden Erleb­nisse der zurück­lie­genden Tage hat der Kleine noch lange nicht verar­beitet. Doch mit viel Liebe und Fürsorge hoffen wir, dass es für ihn leichter wird.

Dürfen wir Aiko vorstellen?

Am 23. März wurde uns ein drittes Orang-Utan-Baby von der Natur­schutz­be­hörde BKSDA über­geben. Noch hat das neun Monate alte Weib­chen keinen Namen erhalten. Ein Bauer aus dem Dorf Muroi, Kapuas Regency in Zentral-Kali­mantan hatte das Baby entdeckt. Der Bauer behaup­tete, den Säug­ling gefunden zu haben, als er beim Fischen war. Er habe sich etwa eine Woche um das Orang-Utan-Mädchen geküm­mert und sie mit Milch­pulver gefüt­tert, ehe er sie frei­willig der Behörde übergab. 

Das kleine Mädchen ist neun Monate alt
Aiko ist neun Monate alt

Unsere Tier­ärzte stellten fest, dass sich der kleine Orang-Utan in einem guten Gesund­heits­zu­stand befand – mit einem großen Appetit auf Bananen und Milch. Das Mädchen befindet sich jetzt im BOS-Rettungs­zen­trum Nyaru Menteng mit Onyer und Rawang in Quaran­täne. Einige Test­ergeb­nisse aus dem Labor stehen noch aus. Und natür­lich auch die Namensgebung.

Der Lebens­raum wird immer knapper

„Die drei Orang-Utan-Babys, die wir jetzt in wenigen Wochen aufge­nommen haben, zeigen, dass die Abhol­zung und unver­ant­wort­liche Ausbeu­tung der Waldöko­sys­teme auf Borneo immer noch anhalten“, sagt Denny Kurniawan, Program-Manager des Rettungs­zen­trums Nyaru Menteng. „Denn die Zerstö­rung ihrer Lebens­räume ist es, die wilde Orang-Utans dazu zwingt, auf der Suche nach Nahrung in mensch­liche Gärten und Felder zu wandern – was zu Mensch-Wild­tier-Konflikte führt.“ 

Aus diesem Grund ist die Aufklä­rung der Menschen auf Borneo ein wich­tiger Teil unserer Arbeit. Wenn Orang-Utans auf der Suche nach Nahrung auf den Feldern der Bauern auftau­chen, müssen diese wissen, was zu tun ist. Nämlich BOS oder die Behörden infor­mieren, statt zur Waffe zu greifen, um ihr Einkommen oder die Versor­gung ihrer Familie zu schützen. 

Mit Aufklärung Orang-Utans schützen
Mit Aufklä­rung Orang-Utans schützen

„Keiner der drei geret­teten Orang-Utans hatte körper­liche Verlet­zungen wie Stich- oder Schuss­wunden“, berichtet Dr. Agus Fahroni, Tier­arzt in Nyaru Menteng. „Ramangai litt jedoch unter einer schweren Dehy­drie­rung, da die Menschen, die ihn gefunden hatten, nicht wussten, wie man einen Orang-Utan richtig versorgt.“ Jetzt erholen sich der Säug­ling und die beiden anderen Babys hoffent­lich bald von ihrem erlit­tenen Trauma. Ein Heilungs­pro­zess der lange dauern kann. „Ange­sichts ihres stabilen körper­li­chen Zustands und ihres gesunden Appe­tits sind wir zuver­sicht­lich, dass sie nach Been­di­gung ihrer Quaran­täne den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess durch­laufen können“, meint Dr. Agus Fahroni hoffnungsvoll. 

Das kleine Mädchen hat zum Glück Appetit
Aiko hat zum Glück Appetit

„Die Nach­richt der drei­fa­chen Rettung erzeugt in mir Freude und Trauer zugleich: Freude, dem Arten­sterben drei Leben entrissen zu haben – Trauer, weil die Wahr­heit dahinter immer drei getö­tete Orang-Utan-Mütter bedeutet“, sagt Daniel Merdes, Geschäfts­führer von BOS Deutsch­land. Und Denny Kurniawan ergänzt: „Mit bestehenden Einschrän­kungen unserer Arbeit, zu denen uns die COVID-19-Pandemie noch immer zwingt, brau­chen wir zuneh­mend Unter­stüt­zung von allen Seiten und aus allen Berei­chen, um unsere Bemü­hungen zum Schutz der Orang-Utans und ihres Lebens­raums fort­führen zu können.”

 

Tiere in Not kennen keinen Lock­down. Sie wollen helfen, Orang-Utans vor dem Aussterben zu bewahren? Jeder Beitrag hilft.