11. November 2020

Klima­fluch und Klimaflucht

Wie viele Menschen bis zum Jahr 2050 zu Klima­f­lüch­tenden werden, darüber gibt es unter­schied­liche Ansichten. Einige Exper­tinnen und Experten sagen, man könne es heute nicht vorher­sagen. Andere spre­chen von mehreren hundert Millionen, einige sogar von Milli­arden. Wie immer auch die Zukunft aussieht — immer mehr Menschen werden vor dem Klima­wandel flüchten.

Durch das Anheben des Meeres­spiegel sind auf den 17.000 Inseln des Staates Indo­ne­sien schon heute Tausende von Menschen unter­wegs, weil ihre an den Küsten gele­genen Wohn­orte im anstei­genden Wasser verschwinden. „Das Leben allge­mein wird nicht mehr so sein wie wir es heute kennen“, sagt Rahmat Wito­laer, Sonder­be­auf­tragter für Klima­wandel der indo­ne­si­schen Regie­rung. „Es werden Seuchen ausbre­chen. Und das globale Wirt­schafts­wachstum wird gestört werden von erbit­terten Kämpfen — einer gegen den anderen: Um Essen, um Wasser, viel­leicht auch um gute Luft“. Bis zu 170 Millionen Indo­ne­sie­rinnen und Indo­ne­sier könnten schon bald zu Flüch­tenden werden. An anderer Stelle ist es nicht zu viel Wasser, sondern zu wenig Wasser, was die Menschen zur Flucht antreibt. Der Tschad-See in der Sahel-Zone ist seit den 1960er Jahren wegen der zuneh­menden Hitze bereits um 90 Prozent geschrumpft. Im Laufe dieses Jahr­hun­derts wird er wahr­schein­lich ganz verschwunden sein. Die rund 40 Millionen Menschen, die noch immer von ihm leben, wären dann gezwungen, weiter in Rich­tung Süden zu migrieren, dorthin, wo es mehr Regen gibt. Es wurde immer heißer und trockener und Mohammed Ibrahim entschied sich auch, dorthin zu gehen, wo die Tempe­ra­turen nicht so unmensch­lich waren und es noch ein wenig Wasser gab: Vom Niger hinüber in den Tschad und dann immer weiter Rich­tung Süden. Über mehrere Jahre, mit seiner Frau, seinen Kindern und seinen 70 Kamelen. Die Hitze verfolgte Mohammed und seine Tiere, von denen immer mehr verdurs­teten. Jetzt lebt er mit seiner Familie in einem Flücht­lings­camp nahe des Tschad-Sees und nur sieben Kamele sind ihm geblieben. Wie viele Menschen werden bis zur Mitte unseres Jahr­hun­derts gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen? In der Sahel­zone, in Indo­ne­sien und in der russi­schen Tundra, den soge­nannten „Hotspots“ des Klimawandels