18. April 2018

Land­wirt­schaft und Arten­viel­falt – ein auflös­barer Gegensatz?

Moderne Land­wirt­schaft und Arten­viel­falt sind meist nicht die besten Freunde. Überall auf der Welt, wo Land­wirt­schaft in großem Stil betrieben wird, beschränken ausge­dehnte, maschi­nen­ge­eig­nete Anbau­flä­chen das Leben auf dem Acker im Wesent­li­chen auf die ange­bauten Nutz­pflanzen. Dazwi­schen: nichts. Keine Hecken oder Gehölze, nicht einmal kleine Feuchtbiotope.

Palmölplantagen auf Sumatra
Palm­öl­plan­tagen auf Sumatra

Die Belas­tung der Böden, des Grund­was­sers und der umlie­genden Gewässer durch Dünge­mittel und Pesti­zide tut ein Übriges zur Verrin­ge­rung der Arten­viel­falt. In tropi­schen Ländern fallen zudem riesige Wald­ge­biete der Anlage von Ölpalmen- und anderen Plan­tagen zum Opfer. Auch das ist Landwirtschaft.

Global gesehen erscheint dies zunächst mehr oder weniger unver­meid­lich. Schließ­lich gilt es welt­weit Milli­arden von Menschen zu ernähren, vom zuneh­menden Durst nach Agro­sprit ganz abgesehen.

Doch es gibt noch Hoffnung

Wissen­schaftler verschie­dener Forschungs­in­sti­tute aus Göttingen, Leipzig, Jena und Münster haben eine Studie[i] erstellt, die genau diese Frage­stel­lung zum Thema hat.

Die Autoren schätzen, dass der globale Biodi­ver­si­täts­ver­lust auf land­wirt­schaft­li­chen Flächen bis 2040 im Vergleich zum Jahr 2000 welt­weit etwa 11 Prozent betragen wird. Sie zeigen aber auch, dass dieser durch die Inten­si­vie­rung der land­wirt­schaft­li­chen Produk­tion verur­sachte Verlust um 88 Prozent verrin­gert werden könnte. Dazu bedarf es aller­dings inter­na­tional koor­di­nierter Land­nut­zungs­pla­nung. Entspre­chende, konse­quente Konzep­tionen allein auf natio­naler Ebene würden den erwar­teten Rück­gang an Arten­viel­falt immerhin noch um 61 Prozent abmildern.

Der Schlüssel dieser Stra­te­gien wäre, Auswei­tungen land­wirt­schaft­li­cher Akti­vität in Areale mit ohnehin schon geringer Arten­viel­falt zu lenken, so dass Gebiete hoher Biodi­ver­sität eher geschont würden.

Die Gebiete mit hoher Biodi­ver­sität sind in zehn Ländern konzentriert

Zum größten Teil konzen­triert sich dieses Poten­tial auf zehn Länder, darunter Brasi­lien, Indien und Indo­ne­sien. Wenn allein diese Staaten ihre Land­wirt­schaft, einschließ­lich Plan­tagen, so konzep­tio­nieren würden, dass Gebiete mit hoher Biodi­ver­sität weit­ge­hend erhalten blieben, könnten etwa 33 Prozent des global erwar­teten Arten­schwundes vermieden werden. Für Ölpalmen-Länder bedeu­tete dies, „nur“ die bestehenden Plan­ta­gen­flä­chen sowie gege­be­nen­falls stark degra­dierte Flächen nach­haltig und umwelt­ver­träg­lich zu nutzen und von weiteren Wald­zer­stö­rungen strikt abzusehen.

Proble­ma­tisch dabei ist aller­dings, dass die besagten Länder auch zu den insge­samt zwanzig Ländern mit dem welt­weit verhee­rendsten Arten­schwund zählen. Mitautor Carsten Meyer, Univer­sität Leipzig, erklärt: „Leider sind diese Länder zudem auch oft durch heimi­sche Land­nut­zungs­kon­flikte und relativ schwache regelnde Insti­tu­tionen charak­te­ri­siert. Beides behin­dert gegen­wärtig Landnutzungsverbesserungen.“

Die Wirt­schaft dieser Länder hängt meist auch sehr stark von Land­wirt­schafts- und Plan­ta­gen­pro­dukten ab, einschließ­lich Palmöl. Eine unter Arten­schutz­ge­sichts­punkten opti­mierte Land­nut­zungs­ver­tei­lung würde gerade sie ökono­misch zu Verlie­rern machen. „Globale Opti­mie­rung beinhaltet, dass arten­reiche Länder, haupt­säch­lich in den Tropen, stärker in der Verant­wor­tung für den Schutz der natür­li­chen Ressourcen des Planeten sind – und dies auf Kosten ihrer eigenen wirt­schaft­li­chen Entwick­lung. Wenn solche im Wider­spruch stehenden natio­nalen Inter­essen nicht irgendwie in inter­na­tio­nale Nach­hal­tig­keits­po­litik einge­bettet werden, erscheint globale Koope­ra­tion unwahr­schein­lich und dürfte neue sozio­öko­no­mi­sche Abhän­gig­keiten schaffen“, erklärt der Haupt­autor der Studie, Lukas Egli von der Univer­sität Göttingen.

Reflek­tiert man die zusam­men­ge­fassten, zentralen Ergeb­nisse dieser Studie, kann man nur zu dem wenig über­ra­schenden Schluss kommen, dass gerade den tropi­schen Ländern mit ihrer beson­deren biolo­gi­schen Viel­falt auf die eine oder andere Weise Kompen­sa­tion durch die inter­na­tio­nale Gemein­schaft zusteht. Letzt­lich ließen sich eine produk­tive Land­wirt­schaft und der Erhalt der Arten­viel­falt zumin­dest weit­ge­hend mitein­ander versöhnen, wenn nur inter­na­tional der poli­ti­sche Wille dafür vorhanden wäre.

Die inter­na­tio­nale BOS-Gemein­schaft setzt auf ihre Weise und im Rahmen ihrer Arbeit die Empfeh­lungen der Studie seit jeher um: durch Einbe­zie­hung der lokalen Bevöl­ke­rung in alle Schutz­be­mü­hungen und Schaf­fung alter­na­tiver Einkom­mens­quellen — tragende Säulen der BOS-Aktivitäten.

Werden auch Sie zum BOS-Unter­stützer. Mit Ihrer Spende helfen Sie den Orang-Utans, dem Regen­wald und damit auch unserem Klima. Jeder Beitrag hilft. 

 

[i] Egli L, Meyer C, Scherber C, Kreft H, Tscharntke T. Winners and losers of national and global efforts to recon­cile agri­cul­tural inten­si­fi­ca­tion and biodi­ver­sity conser­va­tion. Global Change Biology, Febr. 2018.