31. Oktober 2016

Orang-Utan imitiert spontan mensch­liche Laute

Neben der non-verbalen Kommu­ni­ka­tion, die mindes­tens fünfzig Prozent der Kommu­ni­ka­tion zwischen Indi­vi­duen einnimmt, hat die verbale Kommu­ni­ka­tion einen erheb­li­chen Anteil am gegen­sei­tigen Verständnis.

Verbale Kommu­ni­ka­tion besteht aus stimm­haften und stimm­losen Lauten. Bei ersteren werden die Laute mithilfe der Stimm­lippen produ­ziert, z. B. /a/ oder /u/. Stimm­lose Laute werden unab­hängig der Stimm­lippen gebildet. Sie werden viel­mehr durch Bewe­gungen der Zunge, der Lippen und des Kiefers beein­flusst (Lameira, Maddieson, & Zuber­bühler, 2014).

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Schon seit Längerem ist sich die Forschung des Laut­re­per­toires der Primaten bewusst. Sowohl stimm­hafte, als auch stimm­lose Laute kommen in der Kommu­ni­ka­tion der Menschen­affen vor. Über­durch­schnitt­lich ist jedoch ihre Fähig­keit und Reich­hal­tig­keit stimm­lose Laute zu bilden. Klicken, Schnalzen, Kuss­ge­räu­sche und Knacken gehören somit zur alltäg­li­chen Kommu­ni­ka­tion in den Prima­ten­po­pu­la­tionen. Durch Studien des engli­schen Forschers Serge Wich (Wich et al., 2009) konnte soziales Lernen inner­halb der Kommu­ni­ka­tion der Orang-Utans nach­ge­wiesen werden. Es konnten beim Nestbau der Sumatra-Orang-Utans andere Laute beob­achtet werden, als bei den Popu­la­tionen der Borneo-Orang-Utans. Andere Popu­la­tionen auf beiden Inseln waren hingegen still bei der Errich­tung neuer Nester. Wiederum unter­scheiden sich einige Laute frei­le­bender Orang-Utans von Artge­nossen in der Gefan­gen­schaft. Dies liefert klare Evidenzen für die These, dass Orang-Utans und andere Primaten (vor allem Schim­pansen) in der Lage sind, durch soziales Lernen ihre vokalen Fähig­keiten zu modi­fi­zieren und fast schon zu revolutionieren.

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Alle Studien zu diesem Thema waren bisher geprägt durch inten­sives mensch­li­ches Trai­ning. Umso erstaun­li­cher ist die erste nach­ge­wie­sene Imita­tion mensch­li­cher Laute ohne dieses Trai­ning. Sie geschah aus dem Nichts – spontan. Das Orang-Utan-Weib­chen Bonnie lebt seit 1983 in einem Zoo in Washington D.C.. Nachdem bisher unbe­kannte Laute in ihrem Rufver­halten beob­achtet worden sind und auch das Orang-Utan-Weib­chen Indah ähnliche atypi­sche Laute von sich gab, begannen die Wissen­schaftler um Serge Wich den Fall Bonnie zu unter­su­chen. Leider war bei Indah keine empi­ri­sche Unter­su­chung mehr möglich, da sie bereits verstorben war und in einem anderen Zoo unter­bracht war. Indah war neben Bonnie die zweite belegte Orang-Utan-Dame, die Laute des Menschen spontan imitieren konnte. Bonnie wurde in den 2000er-Jahren mehreren Tests unter­zogen. Zuerst wurde ihre Laut­se­quenz aufge­nommen und digi­ta­li­siert, um ein auswert­bares Spek­tro­gramm zu erhalten. Es handelte sich dabei um eine Art Pfeifen. Daraufhin wurde die Sequenz bezüg­lich der nied­rigsten, höchsten und maxi­malen Frequenz über­prüft und die Dauer des jewei­ligen Pfei­fens analy­siert. In der Folge fanden zehn Tests statt, in denen es unter­schied­lichste Formen mensch­li­cher Inter­ven­tion gab, z. B. gab es die Auffor­de­rung „Bonnie can you make a whistle?“ oder eine mensch­liche Pfeif-Sequenz wurde einge­spielt. Die Ergeb­nisse zeigen, dass sich Bonnie durchaus von der mensch­li­chen Sequenz beein­flussen ließ. Waren die mensch­li­chen Pfiffe länger, waren auch ihre Pfiffe im Anschluss signi­fi­kant länger. Auch produ­zierte sie eher zwei­fache Pfiffe, wenn in der mensch­li­chen Spur zwei­fache Pfiffe vorkamen.

Zwar lässt sich durch diese Studie von Wich und Kollegen eine Beein­flus­sung durch den Menschen auf die Sequenz des Orang-Utans empi­risch belegen, jedoch nicht, dass er für das Lernen der Laute bei Bonnie verant­wort­lich war. Sie sind also in der Lage auf mensch­liche Laute zu reagieren und ihre Dauer sowie die Anzahl der Pfiffe zu kopieren. Aber dieses Kopieren kann nicht geschehen, so lange ein Orang-Utan nicht die Fähig­keit erlernt hat, mensch­liche Laute zu produ­zieren. Seit 1983 wurde dies nie mit Bonnie trai­niert. Es handelt sich also um eine Form des indi­vi­du­ellen Lernens. Auch findet die Produk­tion dieser Laute nicht nur im kommu­ni­ka­tiven Prozess mit Menschen statt. Bonnie zeigte nämlich auch mensch­liche Laute, wenn sie nur für sich war. Eine Inter­ak­tion ist dafür nicht notwendig gewesen. Auch beim Orang-Utan-Männ­chen Rocky konnten 2012 nach der Auswer­tung von 12.000 Stunden Video­ma­te­rial mensch­liche Laute nach­ge­wiesen werden (Lameira et al., 2016).

Das erste Mal in Deutsch­land wurden derar­tige Laute beim Orang-Utan-Weib­chen Tilda 2014 nach­ge­wiesen. Verhal­tens­for­scher um Lameira fanden neben Pfiffen, auch menschen­ähn­liche Vokal­laute und Zungen­klicks (Lameira et al., 2015).

Bisher konnten die mensch­li­chen Laute bei Orang-Utans nur in der Gefan­gen­schaft nach­ge­wiesen werden. Inter­es­sant bleibt es zu erfor­schen, ob diese Laute durch mensch­li­chen Kontakt bedingt sind. Zwar scheint kein Trai­ning notwendig zu sein, könnte doch aber der tägliche Umgang mit Menschen das Erlernen dieser Fähig­keit begüns­tigt haben. Inwie­weit der Effekt des sozialen Lernens genau eine Rolle spielt, kann nur durch eine Vergleichs­studie mit Orang-Utans in freier Wild­bahn bewiesen werden. Die Zukunft wird zeigen, ob derar­tige Studien möglich sind. Doch führen uns die jetzigen Erkennt­nisse vor Augen, dass wir uns noch ähnli­cher sind, als wir dachten.

Jan Mücher