7. Juli 2017

Orang-Utan, Mensch und der Kulturbegriff

Die letzten Tage auf Borneo waren sehr regne­risch. Viele Bäche sind zu reißenden Strömen geworden und überall hat sich Wasser gesam­melt. Ein Orang-Utan Weib­chen trägt ihr wenige Wochen altes Baby.  Sie stillt es seit seiner Geburt mit voller Hingabe – eine kräf­te­zeh­rende Aufgabe. Da erblickt die durs­tige Mutter einen schmalen Hohl­raum in einem Baum­stamm. Über die letzten Regen­fälle hat er sich mit Wasser gefüllt, viel­leicht ein halber Liter. Flink greift sie sich ein großes Blatt und rollt es zusammen.

Nun sieht es aus wie ein halb abge­schnit­tenes Rohr. Die Orang-Utan Dame geht erfahren mit diesem Werk­zeug um. Routi­niert löffelt sie den kleinen See im Hohl­raum des Stammes leer. Einige hundert Kilo­meter weiter sitzt ein anderer Orang-Utan auf einer Lich­tung. Auch hier regnet es. Und auch er weiß sich zu helfen: Er schnappt sich ein großes Blatt, das er zu einem Schirm umfunk­tio­niert. Orang-Utans benutzen also Werk­zeuge und scheinen dieses Wissen auch irgendwie weiter­geben zu können. Sonst würde es verloren gehen.

Haben also Orang-Utans Kultur?

Das latei­ni­sche „Cultura“ bedeutet so viel wie „Pflege, Bear­bei­tung, Ackerbau“. „Cultura“ grenzt sich somit von „natura“ ab, einem ursprüng­li­chen, unbe­rührten Ort, der ohne den Einfluss des Menschen oder eines anderen mensch­li­chen Lebe­we­sens funk­tio­niert. Kultur prägt also Räume. Orte, die nicht mehr ursprüng­lich sind, sondern bear­beitet wurden. Bewohner dieser Räume entwi­ckeln Regeln für das Zusam­men­leben, ein System zur Nahrungs­suche bzw. ‑anbau und geben dieses Wissen inner­halb ihrer Gruppe und an die Nach­kommen weiter. Durch dieses soziale Lernen geben auch Orang-Utans ihr Wissen an die nächste Genera­tion. Streng genommen besitzen sie also eine rudi­men­täre Tradi­tion. Schließ­lich wird Kultur über Tradi­tion, also der Weiter­gabe von Wissen, über­haupt zu etwas Über­dau­erndem und entwi­ckelbar. Folgende Genera­tionen können somit auch Blätter als Löffel oder Schirme verwenden. Kultur kann sich also entwi­ckeln, doch gibt es auch unter­schied­liche Ausprä­gungen von Kulturen. Vor einigen Jahren sagte einmal der Wirt­schafts­wis­sen­schaftler und Philo­soph Amartya Sen: „Die Annahme, jede Kultur sei homogen, ist ein großer Fehler. Einen „Kampf der Kulturen“ zu konsta­tieren, ist ebenso ein großer Fehler.“

 

Geogra­phi­sche Unter­schiede und kultu­relle Unter­schiede beim Menschen

Kulturen sind also keine homo­gene Masse. Es gibt verschie­dene Ausprä­gungen mensch­li­cher Kultur. Schaut man nur einmal auf die Heimat Amartya Sens Indien. Über 100 verschie­dene Spra­chen werden in den unter­schied­li­chen Regionen Indiens gespro­chen. Der geogra­phi­sche Punkt des Aufwach­sens kann somit entschei­dend die kultu­relle Prägung eines Menschen bestimmen. Doch ist dies auch bei Orang-Utans so? Wird in einigen Regionen Indo­ne­siens ein Blatt als Schirm benutzt, in anderen wiederum nicht? Wird in einer Ecke des Landes ein Stock benutzt um an Samen zu kommen und in anderen Gebieten wiederum Steine für denselben Zweck bei derselben Frucht.

 

Und wie ist es beim Orang-Utan?

Ja! Zu diesem Ergebnis kommt der Anthro­po­loge Carel van Schaik, der schon seit vielen Jahren die Orang-Utans erforscht, um somit Wissens­ge­winne über die Herkunft des Menschen zu erhalten. Dazu wurden vier­räum­lich getrennt Orang-Utan Popu­la­tionen auf Borneo und zwei auf Sumatra unter­sucht. Carel van Schaik und sein Forschungs­team stellten nämlich die Hypo­these auf, dass es einen Zusam­men­hang zwischen der geogra­phi­schen Entfer­nung und den jewei­ligen Verhal­tens­un­ter­schieden zwischen den Popu­la­tionen gebe. Beson­ders Ökologen kriti­sierten zunächst diese These, da sie vor allem ökolo­gi­sche Faktoren für die unter­schied­li­chen kultu­rellen Verhal­tens­weisen verant­wort­lich machten. Ökolo­gi­sche Faktoren wären z.B., dass Orang-Utans in bestimmen Regionen aufgrund von Umwelt­ge­ge­ben­heiten gar nicht in der Lage seien, gewisse Verhal­tens­weisen zu lernen.

Viel­leicht gibt es an einigen Plätzen gar keine harten Stöcke, um damit Früchte aufkna­cken zu können. Daher mussten die Orang-Utans vor Ort zu Steinen greifen. Um also einwand­frei über diese Forschungs­frage berichten zu können, hat Carel van Schaik Verhal­tens­weisen, wie z.B. Blatt als Schirm oder Löffel zu benutzen kate­go­ri­siert. Vor allem Verhalten in Gebieten mit ähnli­chen ökolo­gi­schen Bedin­gungen stand somit im Vorder­grund. Daraus erhoffte er Erkennt­nisse über geogra­phi­sche Unter­schiede in Verhal­tens­weisen gewinne zu können.

 

Geogra­phi­sche Varia­tionen hängen mit kultu­rellen Varia­tionen zusammen

Und in der Tat! Carel van Schaiks Hypo­these konnte bestä­tigt werden. Je weiter Orang-Utan-Popu­la­tionen vonein­ander entfernt leben, desto unter­schied­li­cher ist ihre Kultur. Zum Beispiel haben Orang-Utans in Suaq Balim­bing (Sumatra) eine Werk­zeug­technik mit der sie an die verbor­genen Samen der Neesia-Frucht kommen können, andere Popu­la­tionen haben diese Technik nicht entwi­ckelt. Auch machen Orang-Utans in Suaq Balim­bing lang­same, lange sowie symme­tri­sche Kratz­be­we­gungen. Bei der anderen Orang-Utan Popu­la­tion (Ketambe) konnte eben­falls dieses Verhalten beob­achtet werden, jedoch nur selten. Orang-Utans auf Borneo zeigen dieses Verhalten nicht. Insge­samt konnten in seinen Beob­ach­tungs­stu­dien 36 unter­schied­liche Verhal­tens­weisen auf geogra­phi­sche Varia­tionen unter­sucht werden. Der Groß­teil waren weitere tech­ni­sche Verhal­tens­weisen, wie z.B. das Brechen von abge­stor­bene Ästen, um an Ameisen im Inneren des toten Holzes zu gelangen. Dies konnten auch nicht alle Popu­la­tionen in der glei­chen Inten­sität vorzeigen. Aber beide Popu­la­tionen auf Sumatra sowie die Orang-Utans an der Südküste Borneos in Tanjung Puting zeigten dieses Verhalten flächen­de­ckend. Die drei rest­li­chen Orang-Utan-Gruppen waren hingegen nicht in der Lage, Äste zu brechen, um an Nahrung zu kommen.

Orang-Utan Nest

Zusätz­lich wurden auch soziale Verhal­tens­weisen vergli­chen. Die Orang-Utans in Gunung Paung (Borneo), Tanjung Puting (Borneo) und Leuser Ketampe (Sumatra) bauten extra Nester zum sozialen Spielen und konnten diese von Unter­schlüpfen unter­scheiden. In Kutai (Borneo) konnte dieses Verhalten nur unre­gel­mäßig beob­achtet werden und in Lower Kina­bat­angan (Borneo) gar nicht.

Gleich­zeitig konnte aber ein Effekt des Habi­tats auf das indi­vi­du­elle Lernen nicht nach­ge­wiesen werden. Verschie­dene Orang-Utan-Popu­la­tionen, die mehr im Landes­in­neren leben, haben nicht mehr gemein­same Verhal­tens­weisen, als eine Orang-Utan-Gruppe im Inneren und eine an der Küste. Somit ist der unter­schied­liche Lebens­raum nicht entschei­dend. Dies entkräftet wesent­lich die Kritik, die von manchen Ökologen ange­führt wurde. Dadurch wird die Verwandt­schaft zum Menschen viel deut­li­cher. Auch auf die Verhal­tens­weisen des Menschen gibt es keinen Habitat-Effekt. Menschen, die an der Küste leben, haben grund­le­gend dieselben Verhal­tens­muster, wie z.B. Menschen, welche im Gebirge aufge­wachsen. Auch in einer nicht globa­li­sierten Welt. Zwar gibt es Unter­schiede im Nahrungs­an­gebot oder unter­schied­liche Spra­chen. Unsere Grund­me­cha­nismen sind hingegen nicht ans Habitat geknüpft. Viel­mehr ist die geogra­phi­sche Entfer­nung ausschlag­ge­bend für kultu­relle Verhal­tens­un­ter­schiede, z.B. wie verwandt unsere Spra­chen sind. Doch dies scheint für beide glei­cher­maßen zu gelten, für Orang-Utans und Menschen. Inter­es­sant wäre es in der Zukunft zu schauen, inwie­weit sich viel­leicht bei den Orang-Utans Sprach­fa­mi­lien finden würden und inwie­weit diese mitein­ander verwandt sind. Dank den Erkennt­nissen Carel van Schaiks hat sich ein großes, neues und inter­es­santes Forschungs­feld eröffnet, von dem wir bestimmt bald mehr hören werden.

 

Wir danken Jan Mücher für diesen Beitrag

Lite­ra­tur­ver­zeichnis:

Schaik, C. P. Van, Ancrenaz, M., Borgen, G., Suzuki, A., Utami, S. S., & Merrill, M. (2003). Oran­gutan Cultures and the. Science, 299(January), 102–106. doi: 10.1126/science.1078004
Mensch und Affe teilen kultu­relle Wurzeln. (2011). Scinexx.