1. August 2023
Regenwald Indonesien Luftaufnahme BOS Deutschland

Rück­gang der Entwal­dung in Indo­ne­sien: Eine kontro­verse Debatte über die Defi­ni­tion und die Heraus­for­de­rungen von Abholzung

Die indo­ne­si­sche Regie­rung verkün­dete kürz­lich, dass die Entwal­dungs­rate des Landes bereits im dritten Jahr in Folge gesunken ist und 2021–2022 ein histo­ri­sches Tief erreicht hat. Doch trotz dieses scheinbar posi­tiven Trends wird die Diskus­sion darüber, wie Indo­ne­sien den Verlust von Wäldern defi­niert, seit langem von Kontro­versen begleitet.


Daten des indo­ne­si­schen Minis­te­riums für Umwelt und Forst­wirt­schaft zeigen: Indo­ne­sien, welches die dritt­größten Regen­wälder welt­weit beher­bergt, hat in der Zeit vom 1. Juli 2021 bis zum 30. Juni 2022 insge­samt 104.000 Hektar Wald verloren — eine Fläche von zwei Drit­teln der Größe Londons.
Dies markiert einen Rück­gang von 8,4 % gegen­über den 113.500 Hektar, die im Zeit­raum 2020–2021 abge­holzt wurden. Es bedeutet auch den dritten Rück­gang in Folge bei der indo­ne­si­schen Entwal­dungs­rate und die nied­rigste Zahl seit Beginn der Aufzeich­nungen durch das Forst­mi­nis­te­rium im Jahr 1990.
Die Regie­rung begründet den Rück­gang der Entwal­dungs­raten mit zahl­rei­chen Maßnahmen, darunter das Verbot der Abhol­zung in Torf­moor­ge­bieten oder in Primär­wäl­dern, sowie eine stren­gere Straf­ver­fol­gung von ille­galen Holz­fäl­lern.
Den neuesten Zahlen des Minis­te­riums zufolge verfügt Indo­ne­sien immer noch über 96 Millionen Hektar natür­li­chen Waldes, was 51,2 % der Land­fläche des Landes entspricht. Das ist mehr als die doppelte Größe Kali­for­niens und rangiert welt­weit nur hinter Brasi­lien und der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo.

Regenwald auf Borneo
© Andrew Suryono | BOSF | BOSD


Dennoch bleibt die Defi­ni­tion von Entwal­dung umstritten


Doch der indo­ne­si­sche Staat bezieht sich auf andere Zahlen als viele zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen. Ein Beispiel sind die neuesten Daten zum Verlust der Baum­be­de­ckung der Univer­sity of Mary­land (UMD), verfügbar auf der Platt­form Global Forest Watch (GFW) des World Resources Insti­tute (WRI). Die UMD/GFW-Daten bestä­tigen zwar, dass in Indo­ne­sien in der Zeit von 2020 bis 2022 64 % weniger Primär­wald gerodet wurde als im Durch­schnitt zwischen 2015 bis 2017. Das bedeutet, dass in Indo­ne­sien der Verlust an Primär­wald stärker gesunken ist als in jedem anderen Land. Aller­dings zeigen die UMD/GFW-Daten auch, dass im Jahr 2022 erneut ein leichter Anstieg der Entwal­dungs­rate im Primär­wald verzeichnet wurde. Während 202.900 Hektar Primär­wald im Jahr 2021 abge­holzt wurden, waren es im Jahr 2022 230.000 Hektar – eine Stei­ge­rung von ca. 27.000 Hektar. Dies ist der erste Anstieg seit 2017.


Wie wird Primär­wald definiert?


Die unter­schied­li­chen Zahlen resul­tieren aus verschie­denen Defi­ni­tionen von Primär­wald und von Entwal­dung. UGM und GFW schließen sowohl intakte als auch nicht intakte Primär­wälder ein, da letz­tere, laut GFW, eine wich­tige Rolle bei der Spei­che­rung von Kohlen­stoff und der Bereit­stel­lung wich­tiger Ökosys­tem­leis­tungen spielen, selbst wenn sie etwas frag­men­tiert sind. Die indo­ne­si­sche Regie­rung hingegen bezieht sich bei der Iden­ti­fi­zie­rung von Primär­wäl­dern nur auf intakte natür­liche Wälder. Wälder, die durch Holz­ein­schlag oder andere mensch­liche Akti­vi­täten degra­diert wurden, werden von der Regie­rung als Sekun­där­wälder einge­stuft.
Das bedeutet, dass die Zahlen von UGM und GFW zum Verlust von Primär­wäl­dern in Indo­ne­sien immer höher sein werden als die offi­zi­ellen Zahlen der indo­ne­si­schen Regie­rung. Letz­tere spra­chen für den Zeit­raum von 2021 bis 2022 von einem Verlust an Primär­wald. Ein Groß­teil des Primär­wald­ver­lusts in Indo­ne­sien findet, laut UGM/GFW-Analyse, inner­halb von Gebieten statt, die Indo­ne­sien als Sekun­där­wald und andere Land­nut­zungs­formen klas­si­fi­ziert (darunter z.B. Plan­tagen oder Sträucher).


Auch Baum­be­de­ckung wird unter­schied­lich berechnet


Es gibt auch Unter­schiede in der Art und Weise, wie UMD/GFW den Verlust der Baum­be­de­ckung misst, im Vergleich zur indo­ne­si­schen Regie­rung. Für UMD/GFW ist Entwal­dung die voll­stän­dige Entfer­nung des Baum­kro­nen­da­ches auf einer Fläche von 30 mal 30 Metern. Im Gegen­satz dazu defi­niert die indo­ne­si­sche Regie­rung Entwal­dung als Verlust von Wald­flä­chen, welche durch visu­elle Inter­pre­ta­tion von Satel­li­ten­bil­dern mit einer viel gröberen Auflö­sung von 250 mal 250 Metern iden­ti­fi­ziert werden. Das bedeutet, dass einige durch die UGM/GFW-Analyse erfassten Abhol­zungs­flä­chen nicht in der indo­ne­si­schen Statistik berück­sich­tigt werden.


Ille­gale Abhol­zung noch nicht gestoppt


Trotz der erfreu­li­chen Zahlen und posi­tiven Tendenzen besteht in Indo­ne­sien weiterhin die Heraus­for­de­rung der ille­galen Entwal­dung. Allein im Jahr 2022 wurden im Torf­moor­ge­biet Mawas 199 Fälle von ille­galem Holz­ein­schlag fest­ge­stellt, wie BOS berich­tete.
Klar ist, es müssen zusätz­liche Maßnahmen ergriffen werden, um die ille­gale Abhol­zung zu bekämpfen. Die Schlie­ßung illegal operie­render Säge­werke in Mawas wäre ein wich­tiger Schritt in die rich­tige Richtung. 

Illegale Abholzung
Ille­gale Abholzung

Es ist entschei­dend, dass Indo­ne­sien seine Anstren­gungen zum Erhalt seiner wert­vollen Wälder fort­setzt und weiterhin trans­pa­rente Daten bereit­stellt, um die Diskus­sion über den Wald­schutz voran­zu­treiben. Nur durch umfas­sende und genaue Infor­ma­tionen können wir wirk­lich verstehen, wie wir die Zerstö­rung der Wälder aufhalten und die Arten­viel­falt und das Ökosystem Wald für zukünf­tige Gene­ra­tionen bewahren können.

Quelle: https://news.mongabay.com/2023/07/indonesia-claims-record-low-deforestation-but-accounting-raises-questions/