20. August 2019

„So Kind, wir gehen jetzt weiter!“

Was machen Orang-Utan-Mütter, wenn sie obige Auffor­de­rung an ihr Kleines richten wollen? In Worte können sie ihre Absicht ja schlecht fassen. Ihr Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel ist so einfach wie verblüf­fend: Sie kratzen sich „über­trieben“ laut und auffällig, was dann die gewünschte Aufmerk­sam­keit des Jungen findet. 

Kratzen gehört norma­ler­weise zu dem, was die Wissen­schaftler self-directed beha­vior (auf sich selbst gerich­tetes Verhalten) nennen. Dies ist bei vielen Primaten üblich, wozu außer Kratzen auch Berüh­rungen im eigenen Gesicht oder Pflege des eigenen Fells gehören. Inwie­fern solche Verhal­tens­weisen aber auch kommu­ni­ka­tiven Zwecken dienen, wird seit einigen Jahren unter Fach­leuten debat­tiert. Forscher der Univer­sität Zürich haben dazu kürz­lich Sumatra-Orang-Utans beob­achtet.

Fast lautlose Kommunikation
Wie Orang-Utan-Mütter sprechen
 

Kommu­ni­ka­tion im Regenwald 

Aufbauend auf früheren Studien an Schim­pansen versuchten sie, die These zu unter­mauern, dass lautes und auffäl­liges Kratzen beson­ders in der Mutter-Kind-Bezie­hung ein absicht­lich einge­setztes Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel des Weib­chens sei, um ihr Junges zu führen. Tatsäch­lich konnten auch die Forscher solches Kratzen aus bis zu 15 Metern Entfer­nung hören, während „normales“ Kratzen sehr viel unauf­fäl­liger und leiser ist.  Das Weib­chen wandte sich dabei offenbar bewusst ihrem Jungen zu und lenkte so dessen Aufmerk­sam­keit zusätz­lich auf sich. Es wurde deut­lich, dass das scheinbar über­trie­bene „Kommu­ni­ka­tions-Kratzen“ haupt­säch­lich dann einge­setzt wurde, wenn das Weib­chen mit seinem Jungen aufbre­chen wollte. Der junge Orang-Utan folgte dann seiner Mutter, die auf diese Weise ihren Weg durch den Wald mit dem Jungen koordinierte. 

Ob auch Borneo-Orang-Utans dieses Verhalten regel­mäßig zeigen, kann man noch nicht mit Gewiss­heit sagen, aber die Annahme, dass sie es tun, liegt sehr nahe. Auch Schim­pansen und Bonobos kommu­ni­zieren mit ihren Jungen auf ähnliche Weise. 

Mutter und Kind verstehen sich ohne Worte
Mutter und Kind verstehen sich ohne Worte
 

Menschen­affen allge­mein zeigen ein reiches Reper­toire an kommu­ni­ka­tiven Lauten und Gesten, die sie kontext­ab­hängig einsetzen und auch wech­seln können, wenn sie von ihren Artge­nossen nicht verstanden werden. Beispiels­weise bei Orang-Utans in Gefan­gen­schaft wurde dies häufig beob­achtet. Wild­le­bende Orang-Utans aller­dings setzen Laute nur selten zur direkten Kommu­ni­ka­tion ein, viel­leicht um Präd­a­toren oder fremde Orang-Utans nicht auf sich aufmerksam zu machen. Die Kratz­laute sind zwar auch zu hören, aber weniger weit als Rufe. Inso­fern stellen sie eine Auffor­de­rung der Mutter an das Junge dar, die nicht unmit­telbar dring­lich ist. 

Biologie oder Kultur – weiterer Forschungsbedarf 

Die oben skiz­zierten Forschungs­er­geb­nisse basieren ledig­lich auf sieb­zehn Indi­vi­duen. Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen darauf hin, dass noch sehr viel Forschungs­be­darf besteht, um alle Einzel­heiten der Kommu­ni­ka­tion unter Menschen­affen allge­mein und Orang-Utans im Beson­deren zu verstehen. Gerade auch Menschen­affen zeigen Ansätze von Kultur­bil­dung. Ob das beschrie­bene Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten ange­boren oder sozu­sagen kultu­rell vererbt wird, ist daher für die weitere Forschung von beson­derem Inter­esse. Dafür müssen in Zukunft mehr und größere Popu­la­tionen beob­achtet werden, um etwaige Unter­schiede und Gemein­sam­keiten festzustellen. 

Mutter Teresa und Sohn Berani
Mutter als Lehrmeisterin

Das Beson­dere bei Orang-Utans ist zudem, dass sie anders als andere Primaten nicht in dauer­haften Verbänden leben, sondern in aller Regel nur als Mutter-Kind-Gruppen anzu­treffen sind. Erlerntes Verhalten wird also zum aller­größten Teil über die Mutter weiter­ge­geben. In welchem Maß wilde Orang-Utans auch von anderen Indi­vi­duen als ihrer Mutter lernen und das Erlernte weiter­geben, ist eben­falls eine inter­es­sante Frage. Die von BOS ausge­wil­derten Tiere haben ja immer ihre mensch­li­chen Pfle­ge­rinnen und ihre etwa gleich­alten Artge­nossen als Vorbilder. 

So nah man bei BOS den Orang-Utans auch ist, die wilden Vertreter ihrer Art haben immer noch ihre Geheim­nisse. Sie zu erfor­schen mag auch helfen, die Arbeit von BOS noch weiter zu verbessern. 

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