4. November 2021

Welche Bedeu­tung haben die ‘Long Call’ Rufe der Männchen?

Der Evolu­ti­ons­bio­loge James Askew verbrachte mehrere Monate im Regen­wald Borneos, um die Rufe erwach­sener Orang-Utan Männ­chen zu erfor­schen. Gemeinsam mit seinem Team hat er neue Erkennt­nisse über die Bedeu­tung der soge­nannten ‘Long Calls’ gewonnen.

Bisher wurden bei Orang-Utans etwa 32 Laut­äu­ße­rungen iden­ti­fi­ziert (1). Doch nicht alle Rufe kommen in allen Popu­la­tionen vor. Bei manchen Laut­äu­ße­rungen wird vermutet, dass sie sozial erlernt werden, und somit eine weitere Kompo­nente der kultu­rellen Varia­tion zwischen Orang-Utan Popu­la­tionen darstellen könnten. Gene­rell lassen sich die Rufe der Orang-Utans in drei Klassen einteilen. Rufe und Laute die über kurze Distanz hörbar sind (unter 25 Meter), mitt­lere Distanz (250 Meter) und Lang­di­stanz (mehr als 250 Meter).

Der soge­nannte ‘Long Call‘ (zu deutsch „langer Ruf“) gehört zu den Lang­di­stanz Rufen und ist einer der häufigsten Laut­äu­ße­rungen ausge­wach­sener Orang-Utan Männ­chen. Dieser Ruf ist — sogar im dichten Regen­wald — bis zu 1500 Meter weit hörbar. Er besteht aus drei Teilen: Einer Einfüh­rung, die sich wie ein nieder­fre­quentes Grum­meln anhört, einem Höhe­punkt mit mehreren starken Impulsen und blub­bernden Lauten im Abklang (2). Am häufigsten hört man den komplexen Ruf von ausge­wach­senen Männ­chen, die sekun­däre Geschlechts­merk­male wie Kehl­sack und ausge­prägte Wangen­wulste besitzen. Männ­chen ohne diese Geschlechts­merk­male rufen deut­lich weniger. Ein typi­scher ‘Long Call‘ dauert oft über eine Minute an und Abfolgen dieses Rufes können sogar mehr als 10 Minuten andauern (3). Hier ist ein ‘Long Call‘ zu hören.

Ist der ‘Long Call‘ eines Männ­chens von einem anderen unterscheidbar?

Um dieser und anderer Fragen nach­zu­gehen, begab sich James mehrere Monate in den Jahren 2007 bis 2010 in die Sumpf­re­gen­wälder von Sabangau auf Borneo. Es ist nicht einfach, Orang-Utan Männ­chen im dichten Regen­wald ausfindig zu machen. Doch sobald James einen Ruf hörte, begaben er sich sofort in diese Rich­tung, egal wie weit er vom Basis­lager entfernt war. Sobald er den Orang-Utan gefunden hatte, wurde dieser mehrere Tage mit groß­zü­gigem Abstand begleitet und jede Laut­äu­ße­rung mit einem spezi­ellen Mikrofon aufge­zeichnet. Dazu wurde auch die Rich­tung, in der der Ruf abge­setzt wurde und der zuge­hö­rige Kontext notiert, sowie die Reise­route via GPS ermit­telt. So gelang es ihm und dem Forschungs­team im Laufe des Beob­ach­tungs­zeit­raums Daten von knapp 80 ‘Long Calls‘ von drei ausge­wach­senen Männ­chen namens Peter Pan, Jupiter und Salvador zu erhalten (4).

Wie bereits aus anderen Studien in anderen Teilen Borneos und Sumatra bekannt war (5–7), so waren auch die ‘Long Calls‘ der Orang-Utans Peter Pan, Jupiter und Salvador indi­vi­duell unter­scheidbar (4).

Frequenzspektrum der Long Calls
Frequenz­spek­trum der Long Calls

Bild­liche Darstel­lung des zeit­li­chen Verlaufs des Frequenz­spek­trums der ‘Long calls’ der Männ­chen Salvador (obere Grafik) und Jupiter (unten). Man kann hier sehr gut die unter­schied­li­chen Puls­arten der Rufe erkennen (Quelle: Askew & Morrogh-Bernard, 2016).

Ob andere Orang-Utans die den ‘Long call’ hören, den Rufenden iden­ti­fi­zieren können, ist bisher noch nicht eindeutig nach­ge­wiesen. Dennoch spre­chen einige Indi­zien dafür, dass Weib­chen sowie andere Männ­chen wissen, wer der Rufende ist. Wenn Männ­chen aufein­an­der­treffen, so kommt es oft zu Aggres­sion. Beob­ach­tungen zeigen, dass nieder­ran­gige Orang-Utan Männ­chen den Rufen von domi­nanten Männ­chen auswei­chen (5, 8) und sexuell aktive Weib­chen sich den Rufen von domi­nanten Männ­chen annä­hern (9). Weib­liche Orang-Utans mit Jung­tieren dagegen scheinen sich von einem rufenden Männ­chen eher wegzu­be­wegen (7).

Orang-Utan-Mütter scheinen sich von den "Long Calls" der Männchen wegzubewegen
Orang-Utan-Mütter scheinen sich von den ‘Long Calls’ der Männ­chen wegzubewegen

Ändern sich die ‘Long calls’ je nach Kontext, in dem sie getä­tigt werden?

‘Long Calls‘ werden in mehreren Situa­tionen abge­geben. Sie können spontan erfolgen, als Reak­tion auf ‘Long Calls‘ anderer Männ­chen, als Reak­tion auf das Fallen eines Baumes oder andere Störungen und gegen­über Menschen, die ihnen zu nahe­kommen. ‘Long Calls‘, die im aufge­regten Zustand abge­geben werden, sind etwas schneller, haben Pulse von kürzerer Dauer und enthalten mehr Pulse und blub­bernde Laute als spontan abge­ge­bene Rufe (7). Es gibt Hinweise, dass weib­liche Orang-Utans den Unter­schied zwischen einem aufge­regtem ‘Long Call‘, der durch eine Störung hervor­ge­rufen wurde und einem spontan ausge­sto­ßenen ‘Long Call‘ erkennen können: Denn sie scheinen den Ruf zu igno­rieren, der durch eine Störung hervor­ge­rufen wurde (7). Forscher vermuten, dass ‘Long Call‘ Rufe die das Orang-Utan Männ­chen spontan äußert, dazu dienen Weib­chen anzu­lo­cken und andere Männ­chen davon abzu­halten, in die Gegend zu kommen.

Welche Botschaft steckt in der Rufrich­tung der ‘Long calls’?

Aus den Analysen geht hervor, dass Orang-Utan Männ­chen im Sumpf­re­gen­wald von Sabangau ihre ‘Long Calls‘ unter anderem dazu verwenden, um ihre zukünf­tige Reise­rich­tung „anzu­kün­digen“ (4). Dies wurde bereits schon für Sumatra-Orang-Utans gezeigt (10). Dabei wenden sich Orang-Utans der geplanten Reise­rich­tung zu, während sie die Laut­äu­ße­rung von sich geben. In der Studie wurde gezeigt, dass der letzte ‘Long Call‘, der kurz vor dem schlafen abge­geben wurde, eine bessere als zufäl­lige Vorher­sage der Reise­rich­tung bis 16:00 Uhr am nächsten Tag lieferte — also ca. 22 Stunden nach dem abend­li­chen Ruf! ‘Long Calls‘ die unter Tags abge­geben werden, sagen die weitere Reise­rich­tung für viele Stunden voraus, wohin­gegen ein neuer Ruf eine Ände­rung der Haupt­rei­se­rich­tung anzeigen kann (10). Diese Ergeb­nisse deuten darauf hin, dass männ­liche Orang-Utans ihre Reise­pläne lange im Voraus schmieden und sie ihren Artge­nossen ankündigen.

James Askew absol­vierte seinen PhD in Evolu­ti­ons­bio­logie an der Univer­sity of Southern Cali­fornia. Er studiert Verhal­tens­öko­logie und Repro­duk­ti­ons­phy­sio­logie in drei Orang-Utan-Popu­la­tionen auf Borneo und Sumatra.

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Referenzen:

1.    Hardus, M. E., Lameira, A. R., Singleton, I., Morrogh- Bernard, H. C., Knott, C. D., Ancrenaz, M., Utami Atmoko, S. S. & Wich, S. A. 2009: A descrip­tion of the orangutan’s vocal and sound reper­toire, with a focus on geogra­phic varia­tion. In: Oran­gutans: Geogra­phic Varia­tion in Beha­vioral Ecology and Conser­va­tion (Wich, S. A., Mitra Setia, T. & van Schaik, C. P., eds). Oxford Univer­sity Press, Oxford, pp. 49—60.

2.    Galdikas BFM (1983). The orang-utan long call and snag crash at Tanjung Puting Reserve. Primates 24: 371–384.

3.    J. Askew, 2016, Infor­ma­tion stammt aus noch nicht veröf­fent­lichten Daten.

4.    Askew J.A., Morrogh-Bernard H.C. (2016) Acoustic Charac­te­ris­tics of Long Calls Produced by Male Orang-Utans (Pongo pygmaeus wurmbii): Adver­ti­sing Indi­vi­dual Iden­tity, Context, and Travel Direc­tion, Folia Primatol 2016;87:305–319.

5.    Delgado RA (2003). The Func­tion of Adult Male Long Calls in Wild Orang-Utans (Pongo pygmaeus). PhD disser­ta­tion, Duke Univer­sity, Durham.

6.    Delgado RA, Lameira A, Davila Ross M, Husson SJ, Morrogh-Bernard HC, Wich SA (2009). Geogra­phical varia­tion in oran­gutan long calls. In Oran­gutans: Geogra­phic Varia­tion in Beha­vioral Ecology and Conser­va­tion (Wich SA, Utami Atmoko SS, Mitra Setia T, van Schaik CP, eds.), pp 215–224. New York, Oxford Univer­sity Press.

7.    Spill­mann B, Dunkel LP, van Noor­d­wijk MA, Amda RNA, Lameira AR, Wich SA, van Schaik CP (2010). Acoustic proper­ties of long calls given by flanged male orang-utans (Pongo pygmaeus wurmbii) reflect both indi­vi­dual iden­tity and context. Etho­logy 116: 385–395.

8.    Mitani J (1985). Sexual selec­tion and adult male orang-utan long calls. Animal Beha­viour 33: 272–283.

9.    Mitra Setia T, van Schaik CP (2007). The response of adult orang-utans to flanged male long calls: infe­rences about their func­tion. Folia Prima­to­lo­gica 78: 215–226.

10.    van Schaik CP, Dame­rius L, Isler K (2013). Wild oran­gutan males plan and commu­ni­cate their travel direc­tion one day in advance. PLoS One 8: e74896.