9. Februar 2018

Bauern­opfer für den Regenwald?

Am 17. Januar dieses Jahres empfahl das Euro­päi­sche Parla­ment dem Rat und der Euro­päi­schen Kommis­sion, ab 2021 keine Entwal­dung verur­sa­chenden Rohstoffe im Agro-Sprit zuzu­lassen, was beson­ders Palmöl betrifft. Schon lange im Vorfeld dieser Empfeh­lung trieb das beson­ders die Regie­rungen Malay­sias und Indo­ne­siens mit Palmöl-Werbe­ver­an­stal­tungen und voll­mun­digen Verlaut­ba­rungen auf die Barrikaden.

Vom Boykott deut­scher Autos, von Handels­krieg, Verschwö­rung und „Ernte-Apart­heid“ war die Rede. Sind beide Länder mit zusammen ca. 85 Prozent der Welt­pro­duk­tion doch die beiden größten Palmölexporteure.

 

Ein Minister meldet sich zu Wort

 

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Im deut­schen Handels­blatt kam am 17. Dezember 2017 der malay­si­sche Minister für Handel und Plan­tagen, Datuk Seri Mah Siew Keong, mit einem Artikel zu Wort, in dem er den aus seiner Sicht zutiefst unge­rechten Bann von Palmöl im Sprit geißelte. Er stellte vor allem darauf ab, dass immerhin 39 Prozent der malay­si­schen Anbau­fläche für Palmöl im Besitz von Klein­bauern seien (in Indo­ne­sien sind die Verhält­nisse ähnlich).

Es sei völlig inak­zep­tabel, diesen Klein­bauern den Weg zu Wohl­stand zu verbauen, indem man ihnen uner­füll­bare Zerti­fi­zie­rungs­pflichten aufer­lege. Der Minister beklagt, dass die Stan­dards inter­na­tio­naler Siegel wie die des RSPO (Round Table of Sustainable Palmoil) von Klein­bauern prak­tisch nicht einzu­halten seien, ihr Bildungs­stand und ihre Möglich­keiten seien dafür einfach zu gering. Dagegen sei für sie einzig das malay­si­sche Zerti­fi­zie­rungs­system MSPO (Malay­sian Sustainable Palm Oil) praktikabel.

Unbe­stritten haben Malaysia und Indo­ne­sien – aus dem ähnliche Töne zu hören sind — ein Recht auf wirt­schaft­liche Entwick­lung. Dass Palmöl auch in Zukunft Bestand­teil und Motor dieser Entwick­lung sein wird, kann man ohne prophe­ti­sche Gabe voraus­sehen. Umso besser, wenn dann auch Klein­bauern davon profi­tieren. Aller­dings ist auch der rela­tive Wohl­stand der Palmöl-Klein­bauern oft genug mit der gewalt­samen und rechts­wid­rigen Enteig­nung und Vertrei­bung anderer Armer sowie der rück­sichts­losen Vernich­tung riesiger Wald­ge­biete erkauft.

Durch das malay­si­sche MSPO-Label soll das alles anders und besser werden, ähnlich wie durch das in Indo­ne­sien regie­rungs­amt­lich propa­gierte ISPO-Zerti­fikat (Indo­ne­sian Sustainable Palm Oil), das noch schwä­cher ist als das unter Natur­schüt­zern ohnehin schon hoch strit­tige Siegel des RSPO. Inter­na­tio­nale Experten verweisen auf die mangelnde Trans­pa­renz des MSPO. Ob über­haupt und wenn ja, in welchem Ausmaß das MSPO Entwal­dung verhin­dern kann, ist reine Speku­la­tion. Die Regie­rung hat bisher keine aussa­ge­kräf­tigen Daten veröf­fent­licht oder viel­leicht auch noch gar keine erhoben. Im Prinzip das Gleiche gilt für die behaup­teten posi­tiven sozialen Auswir­kungen des MSPO. Auch dafür gibt es bis auf Weiteres keine nach­prüf­baren Belege.

 

Darf Europa Länder wie Malaysia und Indo­ne­sien so scharf kritisieren?

Schließ­lich haben wir unsere Urwälder schon vor Jahr­hun­derten verbaut und verfeuert. Dass wir heute immerhin so etwas wie eine gere­gelte Wald­wirt­schaft haben, verdanken wir unter anderem unserem gemä­ßigten Klima, das – anders als in den Tropen – eine stabile Humus­schicht der Wälder ermög­licht. Und was Lobby­ismus angeht, kann das der deut­sche Außen­mi­nister im Notfall genau so gut wie seine Kollegen aus anderen Ländern. Als beispiels­weise China letztes Jahr ankün­digte, in Zukunft stärker auf Elektro-Autos zu setzen, war Sigmar Gabriel sogleich zur Stelle, um Schlim­meres für die deut­sche Auto­in­dus­trie zu verhüten.

Da wir alle uns aber nur einen einzigen Planeten teilen, ist es nicht die allei­nige Sache einiger Staaten, was sie mit „ihren“ Regen­wäl­dern machen – es betrifft das Welt­klima und das Leben der ganzen Erde. Zudem stehen die Abneh­mer­länder des Palmöls in der Mitver­ant­wor­tung, da sie ja erst die Nach­frage erzeugen. So gesehen ist der Beschluss des Euro­päi­schen Parla­ments zur Palm­öl­pro­ble­matik kein Ergebnis „poli­ti­scher Machen­schaften“, wie es der malay­si­sche Minister glaubte nennen zu müssen, sondern verant­wort­li­ches und in der Sache rich­tiges Handeln.

 

Die Produ­zen­ten­länder haben es auch in den eigenen Händen

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Es liegt an den Produ­zen­ten­län­dern selbst, eine Regie­rungs­praxis zu verwirk­li­chen, in der die Worte wirk­lich von Taten und nach­prüf­baren Ergeb­nissen gedeckt sind und es weder zu weiteren Entwal­dungen noch zu Menschen­rechts­ver­let­zungen kommt. Den Palmöl-Klein­bauern vorzu­schieben, ist dagegen wenig hilf­reich, zumal der Löwen­an­teil am Palm­öl­profit durchaus eher großen Global Players als kleinen Bauern zukommt.

Malaysia und Indo­ne­sien sind keine armen Länder. Ginge es ihren Regie­rungen wirk­lich in erster Linie um Armuts­be­kämp­fung, hätten sie viele Möglich­keiten, auch und gerade außer­halb von Palmöl. Aber selbst die Palmöl-Klein­bauern bräuchten bessere Unter­stüt­zung. Wenn der malay­si­sche Handels­mi­nister selbst auf den Mangel an Fertig­keiten bei den Klein­bauern in seinem Land hinweist, zeigt das die Notwen­dig­keit entspre­chender Bildungs­po­litik. Und zumin­dest in Indo­ne­sien liegen die Erträge der Small­holder um bis zu zwei Drit­teln unter denen der Groß­pro­du­zenten. Der Grund dafür ist vor allem Unkenntnis der ertrag­reichsten Sorten und der besten Anbau­me­thoden. Könnten die Klein­pro­du­zenten durch eine entspre­chende Ausbil­dung ihre Möglich­keiten voll ausschöpfen, bedeu­tete dies eine wesent­liche Ertrags­stei­ge­rung auf bestehenden Anbau­flä­chen, das heißt, ohne weitere Wald­ge­biete in Mono­kul­turen verwan­deln zu müssen.

Malaysia und Indo­ne­sien können selbst dafür sorgen, dass auch ihre Palmöl-Klein­bauern eine globale Nach­hal­tig­keits­po­litik, wie sie im Beschluss des EU-Parla­ments zum Ausdruck kommt, nicht als Opfer erfahren.