17. Dezember 2019

Küss mich! Lass das! Hau doch ab! Orang-Utans reden Tacheles

Orang-Utans können nicht spre­chen wie Menschen. Dennoch sind sie in der Lage, recht komplex mitein­ander zu kommu­ni­zieren. Sie bedienen sich dabei einer Reihe von Lauten und Gesten. Von afri­ka­ni­schen Menschen­affen war das schon länger bekannt. Von Orang-Utans dagegen hatte man es zunächst nur vermutet. 

Mitt­ler­weile konnten Forscher aber auch bei einigen wild­le­benden Orang-Utans solche Verstän­di­gungs­mittel nach­weisen, die einem Artge­nossen eindeu­tige Botschaften über­mit­teln. Das belegt eine neue Studie, die gerade im Inter­na­tional Journal of Prima­to­logy veröf­fent­licht wurde. Dabei zeich­neten Forscher etwa 1.000 Signale im Torf­wald von Sabangau in Südwest-Borneo auf, die zwischen 16 Indi­vi­duen der Unterart Pongo pygmaeus wurmbii ausge­tauscht wurden. Beob­achtet wurden elf verschie­dene Laut­äu­ße­rungen und 21 Gesten. Dabei benutzten die erwach­senen Tiere Laute und Gesten etwa gleich häufig, während sich die jüngeren über­wie­gend auf Gesten verließen. 

Viele Stunden Material 

Ausge­wertet wurden fast 700 Stunden Video- und Audio­ma­te­rial, die das Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten der Orang-Utans doku­men­tieren. Dabei wurden zahl­reiche Einzel­heiten fest­ge­stellt, die so vorher noch nicht bekannt waren. Zum Beispiel agierten die Signal gebenden Tiere deut­lich inten­siver, wenn sie bemerkten, dass der Empfänger sie tatsäch­lich wahr­nahm. Dabei gesti­ku­lierten sie eher mit Armen und Händen als mit ihren Beinen und Füßen, waren aber in der Wahl der Glied­maßen flexi­bler als beispiels­weise Schim­pansen in den glei­chen Kommunikationssituationen. 

Orang-Utans äußern sich 

Die Laut­äu­ße­rungen reichten von verschie­denen Kuss- oder Schmatz­ge­räu­schen bis hin zu dumpfen, guttu­ralen oder auch höheren Tönen. Ein rauhes, sich rasch wieder­ho­lendes Geräusch erin­nerte die Forscher sogar an eine star­tende Maschine. Ein auch den Mitar­bei­tern der BOS Foun­da­tion bekannter Laut ist beispiels­weise ein spezi­fi­sches Kuss­ge­räusch, der soge­nannte Kiss Squeak, das Abnei­gung (z.B. gegen mensch­liche Anwe­sen­heit) ausdrückt. Der weithin schal­lende, unver­we­chel­bare „Long Call“ eines revier­be­an­spru­chenden domi­nanten Männ­chens war jedoch nicht Teil der Studie. Diese umfasste ledig­lich Weib­chen mit ihren Jung­tieren sowie halb­erwach­sene Orang-Utans.

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Die Bedeu­tungen der verschie­denen Laute und Gesten reichte von „Küss mich!“ über „Lass mich in Ruhe!“, „Spiel doch weiter mit mir!“, „Komm jetzt mit!“ (Mutter zu Kind), „Gib das her!“, „Hör auf damit!“ bis hin zu „Ok, kletter hier vorbei!“ oder schlicht „Geh weg!“. 

Weiterhin viel Forschungsbedarf 

Die Studie umfasste nur wenige Tiere und war, was das Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten wild­le­bender Orang-Utans angeht, zunächst nur ein Anfang. Orang-Utans syste­ma­tisch zu beob­achten ist schwie­riger als bei afri­ka­ni­schen Menschen­affen, da Orang-Utans nicht in festen Gruppen, sondern mehr oder weniger solitär leben. Außerdem halten sie sich viel seltener am Boden auf als Schim­pansen, Bonobos oder Gorillas. „Die Erfor­schung der Kommu­ni­ka­tion wilder Orang-Utans ist nicht einfach. Orang-Utans erfahren weniger soziale Inter­ak­tionen als andere nicht­mensch­liche Menschen­af­fen­spe­zies“ heißt es in der Studie. Daher gibt es noch viel Forschungs­be­darf, sicher auch, inwie­weit die kommu­ni­ka­tiven Laute und Gesten ange­boren sind oder erlernt werden, also mögli­cher­weise Teil einer Art Kultur­bil­dung darstellen. 

Quelle: Inter­na­tional Journal of Prima­to­logy (2019) 40:393416

https://doi.org/10.1007/s10764-019–00095‑w

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