14. April 2020

Tiere aus Kali­mantan: Das Sunda-Pangolin

Kali­mantan ist der indo­ne­si­sche Name für die Insel Borneo, der dritt­größten der Welt nach Grön­land und Neuguinea. Kali­mantan ist auch die Heimat der Borneo-Orang-Utans, die sie sich mit unzäh­ligen anderen Tier­arten teilen. Viele von ihnen sind nicht minder bedroht als unsere rothaa­rigen Vettern. Wir stellen hier in loser Reihen­folge immer wieder einige dieser faszi­nie­renden Geschöpfe vor. 

Das Sunda-Pangolin (Manis java­nica

Pango­line oder Schup­pen­tiere erin­nern irgendwie an wandelnde Tannen­zapfen und gehören vom äußeren Erschei­nungs­bild her wohl zu den selt­samsten Säuge­tieren. In acht Arten bilden sie in Afrika und Asien einen Bestand­teil der einhei­mi­schen Fauna, wo sie je nach Spezies in Steppen, Savannen und Wäldern leben. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie sich nahezu ausschließ­lich von Termiten und Ameisen ernähren und an diese Lebens­weise hoch­gradig ange­passt sind. Und natür­lich tragen sie alle das namens­ge­bende Schup­pen­kleid, dass sie so auffällig unter den Säugern macht. 

Ihre Schuppen sind nicht etwa Über­bleibsel der repti­li­schen Vergan­gen­heit aller Säuge­tiere, sondern eine evolu­tio­näre Neuerschei­nung. Sie haben sich aus — sozu­sagen — zusam­men­ge­klebten Haaren entwi­ckelt und bilden zusammen mit der Fähig­keit der Pango­line, sich bei Bedro­hung eng zusam­men­zu­rollen, einen wirk­samen Schutz gegen Präd­a­toren (Fress­feinde). Selbst Groß­katzen finden keine rechte Möglich­keit eine solche Kugel aufzu­bre­chen, zumal sie sich an den scharfen Schup­pen­kanten verletzen können. 

Nachtaktives Säugetier - das Pangolin
Nacht­ak­tives Säuge­tier — das Pangolin

Parallel-Evolu­tion 

Pango­line haben auffal­lende Ähnlich­keiten mit den südame­ri­ka­ni­schen Amei­sen­bären und dem afri­ka­ni­schen Erdferkel. Erstere Tier­gruppen besitzen keine Zähne mehr (die Erdferkel nur noch rudi­mentär), aber dafür extrem lange, kleb­rige Zungen, mit denen sie engste Gänge errei­chen und ihre Insek­ten­nah­rung aufnehmen können. Alle tragen an den Vorder­füßen große, kräf­tige Krallen, mit denen sie auch harte Termi­ten­nester aufbre­chen. Bis in die 80er Jahre fasste man sie zu den soge­nannten Zahn­armen zusammen, bis sich durch mole­ku­lar­ge­ne­ti­sche Unter­su­chungen diese ange­nom­mene Verwandt­schaft als irrig erwies. Alle drei Gruppen gehören ganz verschie­denen Säuge­tier­ord­nungen an; ihre gemein­samen Merk­male haben sich jeweils unab­hängig entwi­ckelt. Ähnliche Lebens­be­din­gungen bringen bei Tieren und Pflanzen oft sehr ähnliche Anpas­sungen und Lebens­weisen hervor, auch wenn die jewei­ligen Spezies nicht weiter mitein­ander verwandt sind. Man nennt dies konver­gente oder auch Parallel-Evolution. 

Heim­liche Lebensweise 

Das 75 bis 120 cm große (wobei etwa die Hälfte auf den Schwanz entfällt) und bis zu 10 kg schwere Sunda-Pangolin gehört zu den vier asia­ti­schen Vertre­tern der Pango­line und bewohnt außer Borneo und den anderen Großen Sunda­in­seln auch noch die Malai­ische Halb­insel und benach­barte Fest­land­ge­biete. Sein eigent­li­ches Habitat sind primäre Regen­wälder, es kommt aber auch in Sekundär- und degra­dierten Wäldern, Gärten und sogar Plan­tagen vor. Viel­leicht mit bedingt durch seine nächt­liche Lebens­weise ist über sein Verhalten im Einzelnen jedoch nur sehr wenig bekannt. Den Tag verbringt es in vorge­fun­denen oder selbst gegra­benen Höhlen, während die Nacht der Suche nach Ameisen- und Termi­ten­bauten gewidmet ist. Dabei bewegt es sich nicht nur am Boden, sondern auch geschickt in den Bäumen, wobei ihm sein langer Greif­schwanz gute Dienste leistet. Sein hervor­ra­gender Geruchs­sinn ist bei der Nahrungs­suche das wich­tigste Sinnesorgan. 

Bedro­hung 

Im Jahr 2014 setzte die IUCN das Sunda-Pangolin auf die höchste Bedro­hungs­stufe, das heißt, es ist unmit­telbar vom Aussterben bedroht! Den übrigen sieben Pango­li­narten geht es entweder nicht besser, oder sie sind zumin­dest eben­falls bedroht. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: 

Da ist zum einen, wie so oft, der Verlust an Lebens­raum durch Wald­ver­nich­tung. Zwar lebt das Sunda-Pangolin auch in vom Menschen beein­flussten Habi­taten, aber um sich hinrei­chend fort­zu­pflanzen, braucht es dann doch ursprüng­li­chere Wald­ge­biete, die genü­gend Versteck- und Nahrungs­mög­lich­keiten bieten. Zum anderen aber ist das Sunda-Pangolin wie kaum ein anderes Tier durch fort­ge­setzte Wilderei bedroht. 

Die Schuppen bildeten sich aus verklebtem Haar
Die Schuppen bildeten sich aus verklebtem Haar

Ein ille­gales Wirtschaftsgut 

Seit dem Jahr 2000 ist durch das Washing­toner Arten­ab­kommen (CITES) der Handel mit lebenden Pango­linen sowie ihren Körper­teilen verboten. Dennoch sinkt seitdem der Bestand stetig und drama­tisch, so dass Sunda-Pango­line in weiten Teilen ihres eigent­li­chen Verbrei­tungs­ge­bietes ausge­rottet sind. Sie werden als Haus­tiere gehalten, als Deli­ka­tesse verzehrt und ihre Schuppen gelten in der soge­nannten tradi­tio­nellen chine­si­schen Medizin als Heil­mittel für alles Mögliche von Potenz­schwie­rig­keiten bis Geld­sorgen. Ein Kilo Schuppen soll auf dem Schwarz­markt mehrere tausend Dollar wert sein. Pango­lin­schuppen bestehen wie die eben­falls hoch gehan­delten Nashorn-Hörner aus Keratin. Ihr Konsum, in welcher Form auch immer, ist somit so wenig heil­kräftig wie das Kauen von Finger­nä­geln. Trotzdem floriert dieser ille­gale Handel global, und Pango­line werden bejagt wie heut­zu­tage wahr­schein­lich keine zweite Tierart. 

Corona und das Sunda-Pangolin 

Aller­dings hat das Angebot an Pango­lin­schuppen und ‑fleisch offenbar auch für den Menschen harte Konse­quenzen. Einschlä­gige Studien lassen es immer wahr­schein­li­cher werden, dass gerade das Sunda-Pangolin ein entschei­dender Zwischen­wirt für einen Virus war, das heute als SARS-CoV‑2 die Welt beschäf­tigt. Covid-19 ist eine Zoonose, eine ursprüng­lich durch Tiere auf Menschen über­tra­gene Krank­heit. Aufgrund mole­ku­lar­ge­ne­ti­scher Analysen geht man mitt­ler­weile davon aus, dass das Virus bezie­hungs­weise eine Vorform von ihm über Feder­mäuse auf Sunda-Pango­line über­tragen wurde und von dort aus auf Menschen über­ging. Die Pango­line mögen zum Beispiel bei der Nahrungs­suche unbe­ab­sich­tigt Fleder­mauskot aufge­nommen haben. Viel­leicht war es sogar nur ein einziges unse­liges Tier, das dann mit seinem unsicht­baren Gast lebend auf einem der wet markets, der Tier­märkte in der Stadt Wuhan landete. Den genauen Verlauf wird man vermut­lich nie rekon­stru­ieren können, aber dass die rück­sichts­lose Ausbeu­tung der Tier­welt die ganze Mensch­heit beein­träch­tigt, ist mitt­ler­weile hoffent­lich unstrittig. In Erwei­te­rung des bekannten BOS-Mottos kann man sagen: Nicht nur Orang-Utan‑, auch Pangolin-Schutz ist Menschenschutz.

Die Orang-Utans und der Regen­wald brau­chen uns. Gerade jetzt. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.