1. April 2020

Zoonosen: Was unsere Eingriffe in die Natur mit Corona zu tun haben?

Corona, Sars, Covid-19, Zoonosen und so weiter. Begriffe, die ein Laie noch Anfang des Jahres kaum hätte buch­sta­bieren können oder besten­falls für eine mexi­ka­ni­sche Bier­marke gehalten hätte, gehören mitt­ler­weile fast schon zur Umgangs­sprache. Doch was hat es damit eigent­lich auf sich? 

Das Virus, das gerade die Welt bewegt (bezie­hungs­weise fast zum Still­stand bringt), heißt Severe Acute Respi­ra­tory Syndrome Coro­na­virus 2, kurz SARS-CoV‑2. Es ist die jüngste und bislang bedroh­lichste Erschei­nung einer schon länger bekannten Gruppe von Coro­na­viren (der Name stammt von dem entfernt kronen- oder kranz­ar­tigen Aussehen der Viren in der elek­tro­nen­mi­kro­sko­pi­schen Drauf­sicht). Die Krank­heit, die es auslöst, heißt Corona­virus Disease 2019 oder eben Covid-19 und ist vom Ursprung her eine Zoonose. 

Was sind Zoonosen? 

Zoonosen – vom Grie­chi­schen zoon (Tier) und nosos (Krank­heit) abge­leitet, sind Krank­heiten, die von Tieren auf Menschen und umge­kehrt über­tragen werden können. Zumin­dest der Ursprung der Krank­heit liegt bei Menschen befal­lenden Zoonosen bei einer oder mehrerer Tier­spe­zies; der medi­zi­ni­sche Fach­aus­druck für die Über­tra­gung durch eine Tierart lautet „Vektor“.  Die jewei­ligen Erreger sind außer Viren, Bakte­rien und Proto­zoen (Einzeller) auch mehr­zel­lige Para­siten wie diverse Wurm- oder Milben­arten, para­si­ti­sche Pilze sowie virus­ähn­liche Prote­in­par­tikel (Prionen).  Man kennt über 200 verschie­dene Zoonosen, die aber außer einem Über­tra­gungsweg von einer Spezies zur anderen nicht unbe­dingt viele Gemein­sam­keiten aufweisen müssen. 

Zoonosen springen von Art zu Art
Zoonosen springen von Art zu Art

Dass Krank­heits­er­reger Artgrenzen über­springen, ist zunächst auch nichts Unge­wöhn­li­ches; viele von ihnen plagen die Mensch­heit schon sehr lange. Bekannte Beispiele sind das durch Bisse infi­zierter Tiere über­tra­gene Toll­wut­virus, das über Ratten­flöhe den Menschen befal­lende Pest-Bakte­rium oder die von bestimmten Faden­wür­mern verur­sachte Trichi­nose nach dem Verzehr befal­lenen Schwei­ne­flei­sches. Entspre­chend unter­schied­lich wirken die Infek­ti­ons­me­cha­nismen der jewei­ligen Zoonosen und verläuft ihre geogra­phi­sche Verbreitung. 

Orang-Utans und Corona? 

Bisher wurde welt­weit noch bei keinem Menschen­affen eine Infek­tion mit dem neuen Coro­na­virus fest­ge­stellt (ACHTUNG: Neuer Stand Januar 2021). Das bedeutet aber auch, dass niemand weiß, wie ein Indi­vi­duum der jewei­ligen Spezies  gege­be­nen­falls auf die Krank­heit reagieren würde. Für einen Gorilla zum Beispiel kann ein für Menschen schlimms­ten­falls lästiges Schnup­fen­virus lebens­ge­fähr­lich werden. Man muss davon ausgehen, dass alle Menschen­affen, also auch Orang-Utans, für alle Krank­heiten empfäng­lich sind, die auch Menschen bekommen können. Für die Orang-Utans bei BOS und ebenso für die Mitar­beiter wird auf jeden Fall alles Menschen­mög­liche getan

BOS schützt die Orang-Utans
BOS schützt die Orang-Utans

Wild­tier-Zoonosen

Viele Zoonosen werden durch Nutz- und Haus­tiere über­tragen, jedoch stammen etwa 70 Prozent aller dieser Krank­heiten ursprüng­lich von Wild­tieren. Auch das ist grund­sätz­lich nichts Neues. So liegt beispiels­weise der Ursprung der Malaria nach heutigen Erkennt­nissen bei Gorillas. Auch die HIV-Viren exis­tierten in Popu­la­tionen von Gorillas, Schim­pansen und anderen Primaten, bevor sie welt­weit ihren Weg in die Menschen fanden. 

Schimpanse als Überträger? Copyright: böhringer friedrich / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)
Schim­panse als Über­träger? / Copy­right: böhringer fried­rich / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

Eine andere Tier­gruppe, die gera­dezu ein Reser­voir für Viren darstellt, sind Fleder­mäuse und Flug­hunde. Dadurch, dass diese Tiere meist in großen Kolo­nien ihre Ruhe­zeiten verbringen und ihre Jungen aufziehen, haben sie viel gegen­sei­tigen Körper­kon­takt und begüns­tigen Austausch und Vermeh­rung verschie­dener Viren. Die Fleder­mäuse selbst müssen dabei gar nicht unbe­dingt erkranken – sie fungieren aber als natür­liche Brut­stätte und Evolu­ti­ons­mög­lich­keit der Viren. Dass Fleder­mäuse oft weite Stre­cken im Flug zurück­legen, begüns­tigt dann unter anderem die Ausbrei­tung. Der berüch­tigte Ebola-Virus vor etwa 15 Jahren in Afrika zum Beispiel ging ursprüng­lich sehr wahr­schein­lich auch auf Fleder­mäuse zurück.  Auch von SARS-CoV‑2 nimmt man an, dass es in Fleder­mäusen mutierte, bevor auf die eine oder andere Art der erste Mensch mit ihm infi­ziert wurde. Aller­dings gibt es Anhalts­punkte dafür, dass noch weitere tieri­sche Zwischen­wirte betei­ligt waren, wobei insbe­son­dere das Pangolin vemutet wird

Piekfrosch / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
Pangolin als Zwischen­wirt / Copy­right: Piek­frosch / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

CoVid-19 hatte in den Jahren 2002/2003 eine Art Vorläufer in der SARS-Pandemie des SARS-CoV‑1, das auch zu den Corona-Viren gehörte. Aus verschie­denen Gründen, die mit der Infek­tio­sität dieses Virus sowie der schnellen Entwick­lung von Nach­weis­ver­fahren zusam­men­hängen, verlief diese Pandemie weniger auffällig als die des SARS-CoVid‑2, führte aber dazu, inten­siver über die Verbrei­tung von Corona-Viren in Wild­tieren zu forschen. 

Ökologie der Krankheiten 

Krank­heiten und ihre Erreger sind im Grunde auch Bestand­teil der Gesamt­öko­logie der Erde, was natür­lich nicht bedeutet, sie etwa nicht zu bekämpfen. Im Gegen­teil, gerade um sie wirksam  bekämpfen zu können, benö­tigt man vertiefte Erkennt­nisse um ihre Entste­hungs- und Verbrei­tungs­zu­sam­men­hänge. Dazu gehört vor allem auch das Wissen, wie der Mensch diese „Ökologie der Krank­heiten“ beein­flusst und verän­dert. Unge­fähr 60 Prozent aller den Menschen betref­fenden Infek­ti­ons­krank­heiten sind Zoonosen und mehr als zwei Drittel davon stammen von Wild­tieren ab. Wie kommt es zum Beispiel, dass Viren, die in tropi­schen Fleder­mäusen vermut­lich schon seit Millionen von Jahren exis­tieren, die gesamte Mensch­heit umfas­sende Pande­mien auslösen? Ein Erklä­rungs­an­satz unter vielen ist, dass der Verlust der Wälder, in denen die Fleder­mäuse eigent­lich leben, die Tiere zwingt, in Plan­tagen und sied­lungs­nahen Gebieten ihre Schlaf­plätze zu suchen. Das macht den Kontakt zu Menschen wahrscheinlicher. 

US National Park Service, Lake Mead National Recreation Area, Nevada / Public domain
Fleder­mäuse / Copyright:US National Park Service, Lake Mead National Recrea­tion Area, Nevada / Public domain

Ein mindes­tens so gravie­rendes Problem besteht im – oft ille­galen, aber gedul­deten – Wild­tier­handel. In vielen tropi­schen Ländern werden Wild­tiere aller mögli­chen Arten entweder für den Eigen­ver­zehr oder für den Verkauf auf Märkten gefangen. Darüber hinaus gelten Körper­teile und ‑flüs­sig­keiten diverser Tier­arten oft als Wunder­mittel in soge­nannter tradi­tio­neller Medizin. Dabei besteht dann eben immer auch die Möglich­keit, dass Viren Artgrenzen über­springen, mutieren und schließ­lich auch Menschen befallen. Wenn solche Zoonosen dann von Mensch zu Mensch über­tragen werden können, besteht die Gefahr einer Epidemie oder sogar Pandemie. 

Vorher­sage und Begeg­nung kommender Katastrophen 

Diese und viele andere Enste­hungs­wege und ‑zusam­men­hänge von Zoonosen zu erfor­schen und nach Möglich­keit voherzu­sagen, bemühen sich Forscher welt­weit. So soll ein „globaler Atlas zoono­ti­scher Viren“ erstellt werden, um schneller und effek­tiver in der Lage zu sein, wenigs­tens die größten Bedro­hungen recht­zeitig zu erkennen. In diesem Zusam­men­hang steht auch die neuge­grün­dete Coali­tion for Epidemic Prepa­red­ness (CEPI). In ihr sollen Regie­rungen, Indus­trie, phil­an­thro­pi­sche Einrich­tungen, zwischen­staaat­liche Institi­tu­tionen und Wissen­schaft inter­na­tional zusam­men­ar­beiten, um Impf­stoffe zu entwi­ckeln. Inter­es­san­ter­weise bieten manche Krank­heiten der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie zu wenig Anreize, um allein mit eigenen Mitteln Impf­stoffe zu entwi­ckeln, so dass es ohne öffent­liche Mittel nicht geht (ebenda).

Ein eigent­lich sehr wich­tiger Verbün­deter und Vorreiter in diesen Bemü­hungen wäre das US-ameri­ka­ni­sche Regie­rungs­pro­gramm Predict (Vorher­sage). Leider wurde es von der Trump-Admi­nin­stra­tion im Herbst 2019 passen­der­weise mit Wirkung ab März 2020 bis auf weiteres einge­stellt.

Ausblicke

Im Grunde wussten wir es vorher schon, aber die welt­weite CoVid-19-Kata­strophe müsste nun endgültig allen die Augen geöffnet haben. Wie diese Kata­strophe mensch­lich, sozial und wirt­schaft­lich weiter verlaufen wird, ist noch kaum zu sagen, aber dass diese Pandemie auf das Engste mit der bishe­rigen Art der Globa­li­sie­rung zusam­men­hängt, liegt auf der Hand. Die schnelle Verbrei­tung des Virus durch Reisende, der Handel mit Wild­tieren und Wild­tier­pro­dukten und nicht zuletzt durch globale Kapi­tal­in­ter­essen (oft buch­stäb­lich) befeu­erte Lands­nut­zungs­än­de­rungen haben diese und frühere Pande­mien wesent­lich verur­sacht. Auch die globale Erwär­mung begüns­tigt gerade auch zoono­ti­sche Infek­ti­ons­krank­heiten. Viel­leicht kann auf mitt­lere Sicht eine andere Art globaler Zusam­men­ar­beit die Krise mildern und das Auftreten zukünf­tiger Pande­mien unwahr­schein­li­cher oder wenigs­tens vorher­sag­barer machen. 

Zurzeit aller­dings – und wenn wir so weiter machen wie bisher – haben wir nicht die geringste Garantie, dass die nächste Pandemie nicht jeder­zeit ausbre­chen könnte. Samuel Myers von der ameri­ka­ni­schen Harvard-Univer­sität meint: „Es handelt sich um eine Kombi­na­tion der Größe des ökolo­gi­schen Fußab­drucks des Menschen mit der Globa­li­sie­rung. Wenn ein Krank­heits­er­reger erst den Sprung von Tieren auf Menschen geschafft hat, kann er auch leicht mit dem Flug­ver­kehr rund um den Globus reisen.“ 

Und der Ebola-Forscher und Buch­autor David Quammen ergänzt: „Es gibt Menschen auf der ganzen Welt mit einem verzwei­felten Eiweiß­hunger, die wilde Tiere essen. Es ist nichts, was ich etwa als chine­si­sches Laster dämo­ni­sieren möchte“ (ebenda). Neben Forschung sind somit Habi­tat­schutz, Klima­schutz, eine nach­hal­ti­gere Wirt­schafts­weise, inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit und Armuts­be­kämp­fung die wich­tigsten Funda­mente einer wirk­samen Pandemie-Prophy­laxe. Genau diesen Prin­zi­pien ist auch BOS immer schon beim Orang-Utan-Schutz gefolgt und wird ihnen auch in Zukunft folgen. 

Die Orang-Utans und der Regen­wald brau­chen uns. Gerade jetzt. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.