Waldschutzgebiete

Tiere zu retten und sie in Stationen zu rehabilitieren reicht nicht, um eine Art vor dem Aussterben zu retten. Wer nachhaltigen Artenschutz betreiben will, muss auch den Lebensraum schützen. Die BOS Foundation hat sich deshalb auch dem langfristigen Schutz der letzten Regenwälder Borneos verschrieben.

Palmöl-, Bergbau- und Holzkonzerne verwandeln die letzten verbliebenen Tropenwälder in Mono-Plantagen, Sandwüsten oder öde Grassteppen. Um den rehabilitierten Orang-Utans langfristig eine Zukunft schenken zu können, müssen die letzten Regenwälder unter Schutz gestellt werden. Lange hat die indonesische Regierung ihre Augen verschlossen vor den dramatischen ökologischen und sozio-ökonomischen Folgen der Rodungen. Umweltschutzinitiativen haben ihnen nun die Augen geöffnet, jetzt, wo nicht mehr zu leugnen ist, dass der Großteil der Urwälder für immer vom Erdboden verschwunden ist. BOS gründete 2009 eigens eine Firma (PT RHOI), um die ersten Schutzkonzessionen in der indonesischen Geschichte zu erwerben. Heute verfügt die BOS Foundation neben dem Wiederaufforstungsgebiet Samboja Lestari über zwei Schutzgebiete, in die regelmäßig rehabilitierte Orang-Utans ausgewildert werden. Sie heißen Kehje Sewen und Murung Raya.

Um einen Orang-Utan auszuwildern, bedarf sehr umfangreicher und kostspieliger Vor- und Nachbereitungen. Die von BOS betreuten Tiere müssen zunächst über mehrere Jahre auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet werden. Hierfür bekommen sie in den sogenannten Waldkindergärten und Waldschulen der Auffangstationen von menschlichen Pflegemüttern alles beigebracht, was sie für ein eigenständiges Leben im Regenwald können müssen. Haben die jungen Menschenaffen ihre Ausbildung abgeschlossen, können sie ausgewildert werden.

Ein Waldgebiet, das für Auswilderungen in Frage kommt, muss langfristig geschützt sein, darf keine bereits vorhandene größere Orang-Utan-Population aufweisen, muss im ursprünglichen Verbreitungsgebiet der jeweiligen Unterart liegen und es muss es genügend Nahrung geben, vor allem eine hohe Dichte an Flügelfruchtbäumen. Für die Begleitung des Auswilderungsprogramms ist außerdem eine gewisse Infrastruktur vor Ort im Auswilderungsgebiet notwendig. Dazu gehört natürlich Personal, eine Forschungs- und Basisstation, Zugangswege, Fahrzeuge, sowie die Anschaffung und Installation von Kommunikationseinrichtungen.

Die eigentlichen Auswilderungen orientieren sich an den Richtlinien der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) und erfolgen unter strenger veterinärmedizinischer Kontrolle. Nach einem ausführlichen Gesundheitscheck werden die Orang-Utans betäubt und von der Station mit einem Flugzeug oder Hubschrauber in die entlegenen Gebiete gebracht. In der Wildnis angekommen, werden sie noch mindestens ein Jahr in regelmäßigen Abständen beobachtet und es wird dokumentiert, wie sie sich in ihrer neuen Umgebung zurechtfinden.

Kehje Sewen – „Großer Affe“ in der Sprache der Dayaks - ist ein insgesamt 86.000 Hektar großes Regenwaldgebiet im Nordwesten der Provinz Ost-Kalimantan. Für dieses Gebiet hat die BOS Foundation im Jahr 2010 vom Staat eine auf mindestens 60 Jahre (mit der Option einer Verlängerung um zunächst 30 Jahre) angelegte Ecosystem Restoration Concession (ECR) erworben, um Orang-Utans auszuwildern.

Von den 860 km² Gesamtfläche sind jedoch nur etwa 390 km² als Auswilderungsgebiet geeignet, nämlich jene, die unter 900 Metern Höhe liegen. Darüber wird das Nahrungsangebot zu knapp. Kehje Sewen ist per Jeep zu erreichen, was von Samboja Lestari aus immerhin ca. 15 Stunden dauert. Das restliche Stück zum Basis-Camp muss zu Fuß zurückgelegt werden. Bedingt durch seine Topographie lohnte sich der kommerzielle Holzeinschlag nicht, darum besteht das Gebiet noch zu weiten Teilen aus nahezu unberührtem Primärwald. Die Bevölkerung der umgebenden Dörfer besteht aus alteingesessenen Dayak, die ihre Traditionen noch sehr stark leben und Migranten von anderen Teilen Indonesiens. Da ein Teil des Gebietes den Dayak traditionell als heilig gilt, es dafür jedoch keine schriftlichen Belege gibt, sind die Dayak BOS dafür dankbar, dass dieses Gebiet nun einen verbrieften Schutzstatus genießt.

Insgesamt können dort ca. 130 Orang-Utans (aus Samboja Lestari) freigelassen werden, was seit April 2012 auch erfolgreich geschieht.

Murung Raya ist der entlegenste Landstrich Zentral-Kalimantans und liegt im nordöstlichsten Zipfel der Provinz. Zentrum des Bezirks ist das Städtchen Puruk Cahu. Dort befindet sich eine Zwischenstation, in der die Orang-Utans die letzte Nacht vor ihrer Freilassung verbringen. In den dichten Dschungel weiter nördlich können sie von dort aus nur mit einem Hubschrauber gebracht werden. Murung Raya bietet Platz für eine Population von 400 Orang-Utans.

Die Quellflüsse des gewaltigen Barito prägen das Gebiet. Im Gegensatz zum Umland der anderen großen Flüsse Borneos ist der Oberlauf des Barito aufgrund seiner Unzugänglichkeit nur dünn besiedelt. Ein großer Teil des Gebietes ist mit den für Orang-Utans so wichtigen Dipterocarpaceen-Wäldern (Flügelfruchtbäume) bewachsen.

Die Menschen von Murung Raya kommen von überall her – neben den alteingesessenen Dayaks, von denen es allein in Zentral-Kalimantan mindestens 20 verschiedene Sprachgruppen gibt, leben dort Händler, Wald- und Mienenarbeiter aus ganz Indonesien. Bis auf einzelne Männchen gibt es keinen Hinweis auf Orang-Utan-Vorkommen östlich des Joloi-Flusses. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie in früheren Zeiten intensiv von den Punan, einem Dayak-Volk, gejagt wurden. Heute jedoch kann sich keiner der dort lebenden Menschen erinnern, je einen Orang-Utan gesehen zu haben. Bildung, Mitarbeit bei den Auswilderungen und Programme zur ländlichen Entwicklung sollen dazu beitragen, dass die alte Jagdtradition nicht wieder auflebt. 

Im Bezirk Murung Raya stehen drei Auswilderungsgebiete zur Verfügung – Murung Ulu, Sungai Busang und Bukit Batikap. In Bukit Batikap wurden bereits im Februar und März 2012 die ersten Orang-Utans in die Freiheit entlassen. Mittlerweile streifen mehr als 150 ehemalige BOS-Orang-Utans von der Station Nyaru Menteng durch die gigantischen Baumwipfel (Stand 2015).

In Zentralborneo liegt Mawas (1°59′S 114°39′E), ein über 300.000 Hektar großes Gebiet mit 80 Prozent tropischen Torfmoorwäldern. Diese Wälder sind unglaublich wertvoll für das biologische Gleichgewicht. Mit 5.000 bis 8.000 Jahren gehören sie zu den ältesten der Welt und besitzen gigantische Kohlenstoffspeicher. Allein in Mawas leben schätzungsweise 3.000 wildlebende Orang-Utans, eine der größten Populationen auf Borneo. Sie sind auch Namensgeber dieses Gebiets, denn „Mawas“ bedeutet übersetzt in der Sprache der indigenen Bevölkerung nichts anderes als „Orang-Utan“.

Von der Fläche her ist Mawas das größte Projekt der BOS Foundation. Im Forschungszentrum Camp Tuanan studieren indonesische und internationale Wissenschaftler u. a. das Verhalten der roten Menschenaffen.

1996 ließ der ehemalige Diktator Indonesiens Suharto sein Mega-Rice-Projekt auch in diesem Wunderwerk der Natur anlegen. Mawas wurde Teil seiner „1 Mio. ha für Reisfelder“ initiative. Unproduktive und wenig bewohnte Torfmoorwälder sollten in Reisfelder umgewandelt werden, um den Nahrungsbedarf der indonesischen Bevölkerung zu decken. Es wurde gerodet, geholzt, botanische Erkenntnisse vor ihrer Entdeckung unwiederbringlich vernichtet und gewildert – bis man bemerkte, dass das Land nicht für den Reisanbau geeignet war. Bewässerungskanäle für die Reisfelder waren schon längst angelegt, der natürliche Wasserhaushalt der Wälder wurde dadurch ins biologische Chaos gestürzt.

Raffgier und planlose Politik zerstörten dieses Wunderwerk der Erde in weiten Teilen. Zusammen wollen wir Mawas wieder zu dem machen was es einmal war – Ein tropischer Hotspot, lebenswert für Flora und Fauna.

In vielen Jahrtausenden haben sich in Mawas Torfschichten gebildet, die bis zu 18 Meter dick sind. In ihnen ist so viel Kohlenstoff gespeichert, dass bei ihrer Verbrennung rund 3,5 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre entweichen würde. Insgesamt liegt ein Drittel der Kohlenstoff-Reserven der Erde in Torfsümpfen fest, von denen etwa die Hälfe in Indonesien zu finden ist.

Die Zerstörung dieser Wälder trägt weltweit mit mehr als 3 Mrd. Tonnen CO2 pro Jahr zum Klimawandel bei. Davon 2 Mrd. Tonnen allein in Südostasien und davon 90 % aus Indonesien.

 

Die Flora

Das Mawas Gebiet auf Borneo soll wieder Immergrün, reichhaltig und lebendig werden. Dafür bäumen wir uns auf. Für den Regenwald. Für die Orang-Utans. Für uns. Für eine grüne Lunge dieser Erde. 

Die gepflanzten Bäume im Mawas-Gebiet sind eine Kombination aus Obstbäumen und anderen lokalen Baumarten, die natürliches Habitat für die dortige Tierwelt sind. Durch diese Mischung entsteht nach und nach ein artenreicher Regenwald – und damit wertvoller Lebensraum für Orang-Utans und unzählige andere Tiere, die sich auf Borneo zuhause fühlen. Allein im Dezember 2015 haben wir dort schon 3.347 Bäume gepflanzt. Diese bilden nun die ersten ca. 3ha Lebensraum. Geplant ist eine Wiederaufforstung von 70.000 Hektar zerstörtem Regenwald mit 1 Mio. Bäumen in den nächsten Jahren. Erreichen wir das Ziel, vergrößern wir somit das Mawas Schutzgebiet und schaffen zusätzlich Lebensraum für weitere 2.000 Menschenaffen. 

 

Herausforderungen im Naturschutz – Rantau Upak

Mawas ist aufgeteilt in fünf Gebiete. Eines davon ist Rantau Upak, ein 1.000 Hektar großes Areal, das durch Trockenlegung, illegale Abholzung und Waldbrände schwer belastet wurde. Ein wichtiges Vorhaben ist es, die veralteten Bewässerungskanäle zu sperren, um den Wasserhaushalt der Torfwälder ohne Unterbrechung zu gewährleisten. Dadurch können die tropischen Torfmoorwälder wieder vernässt werden und so überhaupt gesunde Pflanzen gedeihen. Das sogenannte „canal blocking“ ist eine Notmaßnahme um den natürlichen Wasserhaushalt im zerstörtem Ökosystem Mawas wiederherzustellen. Auf Borneo wurden im Rahmen des Mega-Rice-Projekts Kanäle von einer Gesamtlänge von ca. 4000 Kilometer angelegt. Allein während dieser zerstörerischen Phase ist der Waldbestand der betroffenen Gebiete von 64.8% auf 45.7% gesunken. Nach Schätzungen kann BOS durch jeden „geblockten“ Kanal eine Wiedervernässung von 200-320 ha Torfmoorwald möglich machen – eine große Aufgabe für ein großes Projekt.

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Video zum Thema

Die Auswilderung von Orang-Utans in den Regenwald des BOS-Schutzgebiets Kehje Sewen

Audio zum Thema

Regenwaldgeräusche aus Zentral-Borneo mit Gibbon-Gesängen

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