Aktu­elle Studie: Wie lernen junge Orang-Utans das komplexe Hand­werk des Nestbaus

Aktu­elle Studie: Wie lernen junge Orang-Utans das komplexe Hand­werk des Nestbaus

Jeden Abend, und manchmal zusätz­lich während des Tages, bauen Orang-Utans ein neues Schlaf­nest – eine stabile Konstruk­tion aus Ästen, Blät­tern und sogar „Komfort­ele­menten“ wie einer Art Kissen. Für Jung­tiere ist der Nestbau eine zentrale Fähig­keit, die sie über viele Jahre hinweg erlernen müssen. Doch wie genau findet dieses Lernen statt? Eine in der Fach­zeit­schrift „Commu­ni­ca­tions Biology“ veröf­fent­lichte Studie liefert nun aufschluss­reiche Antworten.

Über 17 Jahre hinweg beglei­teten die Forschenden 44 Sumatra-Orang-Utans einer Popu­la­tion, die dafür bekannt ist, tempo­räre soziale Gruppen zu bilden. In diesem Setting konnten sie Jung­tiere und ältere Orang-Utans in immer neuen Grup­pie­rungen gemeinsam beob­achten und tausende Momente des Nest­baus doku­men­tieren. Sie hielten fest, wie oft Jung­tiere selbst üben und wann und auf welche Weise sie ihren Müttern oder anderen Orang-Utans dabei zusehen.

Wich­tige Erkenntnis: Nur wer wirk­lich zuschaut, lernt

Ein zentrales Element des Lern­pro­zesses, so die Erkenntnis der Forschenden, ist das soge­nannte Peering: Damit gemeint ist ein aufmerk­sames, fokus­siertes Beob­achten. Junge Orang-Utans übten den Nestbau deut­lich häufiger in der Stunde, nachdem sie anderen beim Bauen zuge­sehen hatten. War ein Jung­tier hingegen in der Nähe seiner Mutter, blickte aber nicht gezielt zu ihr hin, zeigte sich dieser Lern­ef­fekt nicht. Das spricht klar für Beob­ach­tungs­lernen und nicht für bloßes Lernen durch Nähe.

Kluge Orang-Utans: Bei schwie­rigen Hand­griffen steigt die Aufmerksamkeit

Außerdem zeigt die Studie, dass junge Tiere sehr selektiv beob­achten. Sie richten ihre Aufmerk­sam­keit vor allem auf die anspruchs­vollsten Teile eines Nestes: den Bau stabiler Nacht-Nester, Konstruk­tionen aus mehreren Bäumen oder das Hinzu­fügen von Komfort­de­tails wie etwa einem Kissen.

Orang-Utan in Schlafnest
Nestbau ist ein über­le­bens­wich­tiges Hand­werk für Orang-Utans 

Einfache Tag-Nester hingegen lösen deut­lich weniger Beob­ach­tungs­ver­halten aus. Offenbar wollen junge Orang-Utans beson­ders jene Abläufe verstehen, die aus vielen Schritten bestehen.

Die Orang-Utan-Mutter ist die erste Lehrerin

Mit zuneh­mendem Alter verän­dert sich außerdem, von wem sie lernen. Während kleine Orang-Utans fast ausschließ­lich ihren Müttern zuschauen, wenden sich ältere Jung­tiere immer häufiger auch anderen erwach­senen Tieren oder Gleich­alt­rigen zu. So erwei­tern sie ihr Reper­toire und lernen zusätz­liche Tech­niken und Varianten.

Bemer­kens­wert ist zudem, dass Orang-Utans nicht nur lernen, wie man ein Nest baut, sondern auch was man dafür benutzt. Die Studie zeigt: Jung­tiere wählen anfangs dieselben Baum­arten wie ihre Mutter. Sobald sie unab­hän­giger werden und anderen Indi­vi­duen zuschauen, verschiebt sich ihre Auswahl. Dann über­nehmen sie die Baum­arten derje­nigen, die sie beob­achten. Das spricht für eine soziale Weiter­gabe von „Know-what“-Informationen, also Wissen über geeig­nete Materialien.

Nestbau als kultu­relle Tradi­tion der Orang-Utans

Im Erwach­se­nen­alter nähern sich die Tiere schließ­lich wieder den Baum­arten an, die sie von ihren Müttern kennen. Gleich­zeitig zeigt sich, dass verwandte Weib­chen ähnliche Baum­arten nutzen – ein Hinweis darauf, dass diese Vorlieben über Gene­ra­tionen weiter­ge­geben werden und Teil einer kultu­rellen Tradi­tion sein könnten.

Orang-Utan-Waisen lernen im BOS-Rettungszentrum den Schlafnestbau
In der BOS-Wald­schule lernen die jungen Orang-Utans den Nestbau von ihren mensch­li­chen Ersatz­müt­tern | Foto: BPI / Björn Vaughn

Ein span­nendes Detail, das auf die hohe Intel­li­genz und Fähig­keit zu kogni­tiven Entschei­dungen der Primaten hinweist: Bei der Auswahl der Bäume achten Orang-Utans darauf, dass ihre Beschaf­fen­heit für den Nestbau geeignet ist. Dass sie also über gut form­bare Zweige und komfor­table Blätter verfügen und teil­weise sogar pflanz­liche Eigen­schaften besitzen, die stechende Insekten abwehren. Dabei steht die Wahl des Baumes in keiner Rela­tion dazu, wie häufig diese Baumart im Lebens­raum vorkommt. Sie ist also eine bewusst und aufgrund von erwor­benem Wissen getrof­fene Entscheidung.

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So versu­chen sich in der BOS-Wald­schule die jüngsten Waisen am Nestbau

Insge­samt belegt die Studie eindrucks­voll, dass junge Orang-Utans den Nestbau nicht bloß durch Auspro­bieren lernen, sondern in hohem Maße durch gezielte Beob­ach­tung. Dabei wählen sie aufmerksam aus, wen sie beob­achten, welche Elemente sie studieren und behalten dieses Wissen ein Leben lang. Damit zeigt sich einmal mehr, wie stark Kultur und Lernen auch im Leben unserer nächsten Verwandten veran­kert sind.

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Quelle: Permana, A.L., Permana, J.J., Nellissen, L. et al. Obser­va­tional social lear­ning of “know-how” and “know-what” in wild oran­gutans: evidence from nest-buil­ding skill acqui­si­tion. Commun Biol 8, 890 (2025).

Soziales Lernen ermög­licht Orang-Utans umfang­rei­ches Wissen – über Gene­ra­tionen hinweg

Soziales Lernen ermög­licht Orang-Utans umfang­rei­ches Wissen – über Gene­ra­tionen hinweg

Nur mit jahre­langem Trai­ning, viel Geduld und einem sehr guten Gedächtnis lernt ein junger Orang-Utan all die Dinge, die er zum Über­leben im Regen­wald braucht. Dabei ist das Wissen regional unter­schied­lich und wird als kultu­relles Erbe von den Müttern an ihre Kinder weiter­ge­geben. Das konnte jetzt eine Studie zeigen.

Orang-Utans gehören zu den intel­li­gen­testen und lern­fä­higsten Tieren der Welt. Sie sind sogar in der Lage, sich Werk­zeuge zur Lösung von Problemen selbst auszu­denken und herzu­stellen. Dazu sind nur wenige Tier­arten über­haupt in der Lage. Doch junge Orang-Utans lernen das über­le­bens­wich­tige Wissen um das Nahrungs­an­gebot in ihrem Lebens­raum nicht etwa durch Auspro­bieren und Irrtum, sondern in einem lang­jäh­rigen Ausbil­dungs­pro­zess. Genaues Beob­achten und Nach­ahmen der Mutter spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Diesen Lern­pro­zess konnte eine Ende November 2025 erschie­nene Studie nun aufzeigen. Ihr zugrunde liegen Beob­ach­tungs­daten einer wild lebenden Popu­la­tion von Sumatra-Orang-Utans im Gebiet Suaq Balim­bing auf Sumatra, die im Zeit­raum 2007 bis 2019 erhoben wurden.

Durch soziales Lernen entsteht ein kultu­relles Erbe

Die Aneig­nung von Wissen, welche die Wissen­schaft­le­rinnen und Wissen­schaftler in ihrer Studie beschreiben, beginnt bereits in den ersten Lebens­mo­naten. In das Fell der Mutter geklam­mert und dadurch stets an ihrer Seite, beob­achten Orang-Utan-Babys jede Bewe­gung und jede Geste der Mutter.

Diese Beob­ach­tungen werden nach­ge­ahmt und in der Erin­ne­rung gespei­chert. Welche Pflanzen sind essbar und welche giftig? Wann werden bestimmte Früchte reif? Wie lassen sich verbor­gene Nahrungs­quellen wie etwa Termiten oder Honig aufspüren und zugäng­lich machen?

Über Gene­ra­tionen bauen Orang-Utans regio­nales Wissen auf

Denn der Regen­wald bietet zwar tausende von Möglich­keiten, Nahrung zu finden. Er birgt jedoch auch unzäh­lige Gefahren. Pflanzen können giftig sein, während andere heilende Eigen­schaften haben und bei Erkran­kungen verwendet werden können. Manche Früchte sind nur in bestimmten Reife­sta­dien essbar, andere Nahrungs­quellen müssen mit Werk­zeugen geöffnet werden.

Erst nach sechs bis acht Jahren, die das Jung­tier unzer­trenn­lich mit seiner Mutter verbracht hat, beginnt der Nach­wuchs sein semi-soli­täres, unab­hän­giges Leben im Regen­wald. Die außer­ge­wöhn­lich lange Kind­heit eines Orang-Utans ist also entschei­dend für sein späteres Leben und Über­leben im Regen­wald, zeigt die Studie. In dieser Zeit sammelt das Jung­tier fast sein gesamtes Wissen. Zum Zeit­punkt der Abna­be­lung, etwa im Alter von acht Jahren, hat der halb­wüch­sige Orang-Utan, so die Forschenden, ein Reper­toire von rund 250 verschie­denen Nahrungs­quellen erworben.

Orang-Utan-Waisen lernen in der BOS Waldschule
Beob­achten und Nach­ahmen: so erwerben junge Orang-Utans umfang­rei­ches Wissen. In der BOS-Wald­schule lernen sie von Baby­sit­te­rinnen und ihren Mitschülern

Wichtig für das Über­leben und den Artenschutz

Mit ihrer in der Fach­zeit­schrift Nature Human Beha­viour erschienen Studie konnten die Forsche­rinnen und Forscher zeigen, dass Orang-Utans über Gene­ra­tionen hinweg Wissen aufbauen. Damit belegten sie aber­mals eine große Ähnlich­keit zwischen den intel­li­genten Primaten und uns Menschen. Das inter­na­tio­nale Team aus Wissen­schaft­lern konnten darüber hinaus nach­weisen, dass unter­schied­liche Orang-Utan-Popu­la­tionen unter­schied­liche Nahrungs­quellen nutzen. Nicht aufgrund ihres Instinktes, sondern weil es regional spezi­fi­sches Wissen gibt, das diese Popu­la­tionen besitzen und von Gene­ra­tion zu Gene­ra­tion weiter­geben. Damit ähnelt ihre Wissens­wei­ter­gabe mensch­li­chen Kulturformen.

Das kultu­relle Erbe der Orang-Utans muss geschützt werden

Für unsere Arbeit in den BOS-Rettungs­sta­tionen bedeuten die Forschungs­er­geb­nisse eine Bestä­ti­gung unserer Anstren­gungen. Alle Jung­tiere, die wir aufnehmen, haben ihre Mütter verloren. Sie konnten das kultu­relle Wissen ihrer Art noch nicht (ausrei­chend) erlernen. In freier Wild­bahn hätten diese Jung­tiere keine Chance zu überleben.

In unseren Rettungs­zen­tren durch­laufen die Orang-Utan-Waisen daher eine lang­jäh­rige Ausbil­dung in unserer Wald­schule und später in der Wald­uni­ver­sität. Begleitet von erfah­renen mensch­li­chen Ersatz­müt­tern sowie durch Peer-Lear­ning von älteren Artge­nossen können die Orang-Utan-Kinder dennoch ihr „kultu­relle Menü“ erwerben.

Waldschulgruppe Orang-Utans mit Babysitterin
So lernen Orang-Utans in der BOS-Wald­schule © BPI | Björn Vaughn für BOSF

Im Kontext der soeben veröf­fent­li­chen Studie bedeutet das: Wir schützen nicht nur einzelne Tiere, sondern wir schützen auch das kultu­relle Erbe dieser Orang-Utan-Popu­la­tionen. Wir schützen eine vom Aussterben bedrohte Art und bewahren Wissen, das über Jahr­tau­sende erworben und weiter­ge­geben wurde.

Gemeinsam können wir Orang-Utans eine Zukunft geben

Um die jungen Orang-Utans auf ihr selbst­stän­diges, wildes Leben im Regen­wald vorzu­be­reiten, brau­chen Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­tren wie die von BOS auf der Insel Borneo ausrei­chend Zeit, erfah­rene Mitar­bei­tende und große, geschützte Waldareale.

Unter­stützen Sie mit Ihrer Spende jetzt die Ausbil­dung geret­teter Orang-Utan-Kinder! Jeder Beitrag zählt.

Quelle: Howard-Spink, E., Tennie, C., Mitra Setia, T. et al. Culture is critical in driving oran­gutan diet deve­lo­p­ment past indi­vi­dual poten­tials. Nat Hum Behav (2025).

Neue Studie: Orang-Utans im Zoo sind neugieriger

Neue Studie: Orang-Utans im Zoo sind neugieriger

Eine neue Studie zeigt: Orang-Utans im Zoo erkunden ihre Umwelt inten­siver und viel­fäl­tiger als ihre wilden Artge­nossen.

Orang-Utans, die in Zoos leben, zeigen eine deut­lich höhere Neugier im Umgang mit ihrer Umwelt als ihre Artge­nossen in freier Wild­bahn. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Verhal­tens­studie, in der über 12.000 Beob­ach­tungen soge­nannter „explo­ra­tiver Objekt­ma­ni­pu­la­tion“ (EOM) analy­siert wurden – ein Verhalten, das eng mit Lernen, Problem­lösen und kogni­tiver Entwick­lung verbunden ist.

Viel­fäl­tiger und komplexer Umgang mit Objekten im Zoo

Insge­samt wurden 51 Sumatra-Orang-Utans im Alter zwischen sechs Monaten und 76 Jahren unter­sucht – 33 Tiere im indo­ne­si­schen Regen­wald von Suaq Balim­bing und 24 in vier Zoos in Deutsch­land und der Schweiz. Die Zoo-Orang-Utans mani­pu­lierten häufiger, viel­fäl­tiger und mit größerer Komple­xität Gegen­stände in ihrer Umge­bung als ihre wilden Verwandten. Beson­ders auffällig: Sie nutzten öfter Werk­zeuge und konnten sogar mehrere Objekte gleich­zeitig erkunden.

Junger Sumatra-Orang-Utan
Einer der wilden Orang-Utans, der für die Studie beob­achtet wurde | Foto: S. Vilela

„Unsere Studie zeigt, dass Orang-Utans im Zoo nicht nur mehr erkunden, sondern dies auch auf andere Weise tun“, erklärt Dr. Isabelle Laumer, wissen­schaft­liche Bera­terin von BOS Deutsch­land und Erst­au­torin der Studie. „Beson­ders faszi­nie­rend ist, dass zoo-gehal­tene Orang-Utans selbst bei der Erkun­dung glei­cher Objekte ein brei­teres Reper­toire an Verhal­tens­weisen zeigten und häufiger Werk­zeuge nutzten oder mehrere Objekte gleich­zeitig manipulierten.“

Gleiche Entwick­lungs­schritte – aber längere Erkun­dungs­phase im Zoo

Inter­es­san­ter­weise begannen Orang-Utans in beiden Umge­bungen im glei­chen Alter mit explo­ra­tivem Verhalten. Dies weist auf eine ange­bo­rene Abfolge in der Entwick­lung hin. Aller­dings hörten wilde Orang-Utans oft kurz nach dem Abstillen mit inten­siver Objekt-Erkun­dung auf. Vermut­lich, weil Über­le­bens­stra­te­gien wie Nahrungs­suche und Wach­sam­keit mehr Raum einnahmen. In Zoos hingegen blieb die Neugier erhalten – auch im Erwachsenenalter.

Unter­schied­liche Umwelt, unter­schied­li­ches Verhalten

Während wilde Orang-Utans vor allem natür­liche Objekte wie Stöcke, Rinde oder Pflanzen erkun­deten, stand den Tieren in Zoos eine größere Auswahl an Beschäf­ti­gungs­ma­te­ria­lien zur Verfü­gung – darunter Plas­tik­spiel­zeug, Puzzle-Elemente und stapel­bare Gegen­stände, die speziell zur Förde­rung von Mani­pu­la­tion und kogni­tiver Akti­vität entwi­ckelt wurden.

Orang-Utan-Waisen in der BOS-Waldschule
In der BOS-Wald­schule können die Orang-Utan-Kinder ihre Neugier ausleben

Diese Unter­schiede zeigen eindrück­lich, wie stark Umwelt­fak­toren das Verhalten beein­flussen. „Diese Ergeb­nisse unter­strei­chen, wie stark die Umwelt das Verhalten und die kogni­tive Entwick­lung von Tieren beein­flusst“, sagt Dr. Caro­line Schuppli, Senior­au­torin der Studie. „Zugleich eröffnen sie einzig­ar­tige Chancen – durch den Vergleich von wilden und zoo-gehal­tenen Tieren können wir das volle kogni­tive Poten­zial einer Art besser verstehen.“ Kurz gesagt: Zoo-Tiere haben schlichtweg mehr Zeit und Energie, sich intensiv und neugierig mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.

Erkennt­nisse für Forschung und Tierhaltung

Das Forschungs­team betont, dass der Vergleich zwischen wilden und in Gefan­gen­schaft lebenden Tieren wich­tige Einblicke in das kogni­tive Poten­zial von Orang-Utans ermög­licht. Gleich­zeitig machen die Ergeb­nisse deut­lich, wie stark Umwelt­be­din­gungen die Entwick­lung und das Verhalten von Tieren – ähnlich wie beim Menschen – prägen können.

Quelle:
Studie von Dr. Isabelle Laumer

Orang-Utans verwenden Pflaster

Orang-Utans verwenden Pflaster

Biologen des Max-Planck-Insti­tuts für Verhal­tens­bio­logie, Konstanz und der Univer­sitas Nasional, Indo­ne­sien beob­ach­teten einen männ­li­chen Sumatra-Orang-Utan mit einer Gesichts­ver­let­zung dabei, wie er die klaf­fende Wunde selbst mit einer Heil­pflanze behan­delte. Aus Pflan­zen­brei stellte der Wald­mensch ein medi­zi­nisch wirk­sames Pflaster her, mit dem er die Wunde erfolg­reich versorgte. Nach wenigen Tagen war die Verlet­zung abgeheilt.

Minu­ten­lang kaute der Orang-Utan namens Rakus die Blätter einer Klet­ter­pflanze, die übli­cher­weise nicht auf seinem Spei­se­plan steht, die aber entzün­dungs­hem­mende und schmerz­lin­dernde Eigen­schaften besitzt. Zunächst bestrich er die offene Wunde immer wieder mit dem beim Kauen ausge­tre­tenen Saft der Pflanze. Zum Schluss bedeckte er die gesamte Verlet­zung mit dem zerkauten Pflanzenbrei.

Heil­kunde bei Menschenaffen

Schon länger bekannt ist, dass Menschen­affen bestimmte Pflanzen zur Behand­lung von Para­si­ten­in­fek­tionen verzehren und Pflan­zen­ma­te­rial auf ihre Haut reiben, um Muskel­schmerzen zu lindern. In der jetzt in der Fach­zeit­schrift „Scien­tific Reports“ veröf­fent­lichten Studie konnten die Forsche­rinnen und Forscher – darunter Dr. Isabelle Laumer, die BOS Deutsch­land seit vielen Jahren wissen­schaft­lich begleitet – erst­mals eine aktive Wund­be­hand­lung mit einer biolo­gisch aktiven Substanz bei einem wilden Tier dokumentieren.

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Das Video zeigt den Orang-Utan-Mann Rakus mit der frischen Wunde und im Laufe seiner Behand­lung mit der Heilpflanze

„Seit 1994 beob­achten wir wilde Sumatra-Orang-Utans am Forschungs­standort Suaq Balim­bing, einem geschützten Regen­wald­ge­biet, das haupt­säch­lich aus Torf­sumpf­wald besteht und die Heimat von ca. 150 vom Aussterben bedrohten Sumatra-Orang-Utans ist“, berichtet Isabelle Laumer. „Bei der tägli­chen Beob­ach­tung der in der Gegend lebenden Orang-Utans fiel uns auf, dass der männ­liche Orang-Utan Rakus eine Gesichts­wunde erlitten hatte, höchst­wahr­schein­lich während eines Kampfes mit einem benach­barten männ­li­chen Artgenossen.“

Schmerz­stil­lend und fiebersenkend

Drei Tage nach der Verlet­zung begann Rakus die klaf­fende Wunde mit dem Saft und Pflan­zen­brei der Lianenart Akar Kuning (Fibraurea tinc­toria) zu behan­deln. „Diese und verwandte Lianen­arten sind für ihre schmerz­stil­lende und fieber­sen­kende Wirkung bekannt und werden in der tradi­tio­nellen Medizin zur Behand­lung verschie­dener Krank­heiten wie Malaria einge­setzt“, erklärt Laumer. „Analysen pflanz­li­cher chemi­scher Verbin­dungen zeigen das Vorhan­den­sein von Furano­di­ter­pen­o­iden und Protober­be­ri­nal­ka­lo­iden, von denen bekannt ist, dass sie anti­bak­te­ri­elle, entzün­dungs­hem­mende, anti­my­ko­ti­sche, anti­oxi­da­tive und andere biolo­gi­sche Akti­vi­täten haben, die für die Wund­hei­lung rele­vant sind.“

Männlicher Sumatra Orang-Utan frisst Blätter zur Behandlung einer Wunde
Einen Tag nachdem Rakus sich das Pflaster aus Pflan­zen­brei aufge­tragen hat, verspeist er auch Blätter der Heil­pflanze © Saidi Agam / Suaq-Project

Die Beob­ach­tungen Rakus in den folgenden Tagen zeigten keine Anzei­chen einer Wund­in­fek­tion. Und nach fünf Tagen war die große Fleisch­wunde bereits geschlossen. „Inter­es­san­ter­weise ruhte Rakus auch mehr als sonst, als er verletzt war. Schlaf wirkt sich positiv auf die Wund­hei­lung aus, da die Frei­set­zung von Wachs­tums­hor­monen, die Prote­in­syn­these und die Zell­tei­lung im Schlaf gestei­gert ist“, berichtet die Wissenschaftlerin.

War das Zufall oder Absicht?

Die Frage ist nun, war das Verhalten des Orang-Utans beab­sich­tigt oder doch nur reiner Zufall? „Das Verhalten von Rakus schien absicht­lich zu sein, da er selektiv seine Gesichts­wunde an seinem rechten Backen­wulst mit dem Pflan­zen­saft behan­delte und keine anderen Körper­teile“, erläu­tert Isabelle Laumer und ergänzt: „Das Verhalten wurde mehr­mals wieder­holt, und dabei nicht nur der Pflan­zen­saft, sondern später auch das zerkaute Pflan­zen­ma­te­rial aufge­tragen, bis die Wunde voll­ständig bedeckt war und der gesamte Vorgang nahm eine beträcht­liche Zeit in Anspruch.“

Männlicher Sumatra Orang-Utan mit verheilter Gesichtswunde
Zwei Monate später ist von der Verlet­zung kaum noch etwas zu erkennen © Safruddin / Suaq-Project

Für die Forsche­rinnen und Forscher liefert ihre Studie nicht nur neue Einblicke in das Selbst­me­di­ka­ti­ons­ver­halten bei unseren nächsten Verwandten, sondern auch in die evolu­tio­nären Ursprünge der Wund­me­di­ka­tion. „Die Behand­lung mensch­li­cher Wunden wurde höchst­wahr­schein­lich erst­mals in einem medi­zi­ni­schen Manu­skript aus dem Jahr 2200 v. Chr. erwähnt, das das Reinigen, Pflas­tern und Verbinden von Wunden mit bestimmten Wund­pfle­ge­mit­teln umfasste“, sagt die eben­falls an der Studie betei­ligte Verhal­tens­bio­login Dr. Caro­line Schuppli. „Da Formen der aktiven Wund­be­hand­lung nicht nur beim Menschen, sondern auch bei afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Menschen­affen vorkommen, ist es möglich, dass es einen gemein­samen zugrunde liegenden Mecha­nismus für die Erken­nung und Anwen­dung von Substanzen mit medi­zi­ni­schen oder funk­tio­nellen Eigen­schaften auf Wunden gibt und dass unser letzter gemein­samer Vorfahre bereits ähnliche Formen des Wund­pfle­ge­ver­hal­tens zeigte.“

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Haben Menschen­affen Humor?

Haben Menschen­affen Humor?

Bereits im Alter von acht Monaten beginnen Menschen­babys spie­le­risch andere zu necken. Da für dieses Verhalten keine Sprache erfor­der­lich ist, ist es nahe­lie­gend, dass ähnliche Formen des spie­le­ri­schen Neckens mögli­cher­weise auch im Tier­reich zu finden sind. Jetzt haben Kogni­ti­ons­bio­logen und Prima­to­logen spie­le­ri­sches Necken bei allen vier Menschen­af­fen­arten dokumentiert.

Ähnlich wie scher­zendes Verhalten beim Menschen ist das Necken von Menschen­affen provo­kativ, beharr­lich und von über­ra­schenden und spie­le­ri­schen Elementen gekenn­zeichnet. Da alle vier Menschen­af­fen­arten spie­le­ri­sches Necken zeigen, ist es wahr­schein­lich, dass sich die Voraus­set­zungen für Humor vor mindes­tens 13 Millionen Jahren in der mensch­li­chen Abstam­mungs­linie entwi­ckelt haben.

Orang-Utan-Baby zieht seine Mutter an den Haaren
Mit Mutti kann man es ja machen… Junger Orang-Utan neckt seine Mutter

Zu scherzen ist ein wich­tiger Teil mensch­li­cher Inter­ak­tionen. Scherzen erfor­dert soziale Intel­li­genz, die Fähig­keit zukünf­tige Hand­lungen vorher­zu­sehen, und die Fähig­keit die Verlet­zung der Erwar­tungen anderer zu erkennen und zu würdigen. Necken hat viel mit Scherzen gemeinsam und spie­le­ri­sches Necken kann als kogni­tiver Vorläufer des Scher­zens ange­sehen werden. Die ersten Formen des spie­le­ri­schen Neckens beim Menschen sind bereits im Alter von acht Monaten zu beob­achten, noch bevor Babys ihre ersten Worte sagen. Klein­kinder necken ihre Eltern, indem sie spie­le­risch und wieder­holt Gegen­stände anbieten und dann über­ra­schend zurück­ziehen, gegen soziale Regeln verstoßen (soge­nannte provo­ka­tive Nicht­ein­hal­tung) und die Akti­vi­täten anderer stören.

Necken, spielen, provozieren

In einer kürz­lich im Fach­journal ‘Procee­dings of the Royal Society B’ veröf­fent­lichten Studie konnten Wissen­schaftler der Univer­sity of Cali­fornia Los Angeles (UCLA), des Max-Planck-Insti­tuts für Verhal­tens­bio­logie (MPI-AB), der Indiana Univer­sity (IU) und der Univer­sity of Cali­fornia San Diego – darunter Dr. Isabelle Laumer, die BOS Deutsch­land seit vielen Jahren wissen­schaft­lich begleitet – spie­le­ri­sches Necken bei den vier Menschen­af­fen­arten nach­weisen. „Menschen­affen sind hervor­ra­gende Kandi­daten, um spie­le­ri­sches Necken zu studieren, da sie eng mit uns verwandt sind, sich an sozialen Spielen betei­ligen, lachen und ein relativ ausge­prägtes Verständnis über die Erwar­tungen anderer aufweisen“, erklärt Isabelle Laumer, Post­dok­to­randin (UCLA/MPI-AB) und Erst­au­torin der Studie.

Neckischer Orang-Utan-Junge in der BOS-Waldschule
In der BOS-Wald­schule haben es einige Orang-Utan-Waisen faust­dick hinter den Ohren

Das Team analy­sierte spon­tane soziale Inter­ak­tionen von Orang-Utans, Schim­pansen, Bonobos und Gorillas, die spie­le­risch, leicht beläs­ti­gend oder provo­kativ wirkten. Dabei konzen­trierten sie sich auf die Hand­lungen, Körper­be­we­gungen und die Gesichts­aus­drücke der Menschen­affen, sowohl auf die Verhal­tens­re­ak­tionen der geneckten Tiere. Sie beur­teilten auch die Absicht des Neckenden, indem sie nach Beweisen dafür suchten, dass das Verhalten auf ein bestimmtes Tier gerichtet war, dass es anhielt oder sich verstärkte und dass der Neckende auf eine Reak­tion des Geneckten wartete.

Schwer zu ignorieren

Die Forscher fanden heraus, dass alle vier Menschen­af­fen­arten bewusst provo­ka­tives Verhalten zeigten, das häufig von spie­le­ri­schen Elementen begleitet war. Sie iden­ti­fi­zierte 18 unter­schied­liche Neck-Verhal­tens­weisen. Viele dieser Verhal­tens­weisen schienen darauf abzu­zielen, eine Reak­tion hervor­zu­rufen oder zumin­dest die Aufmerk­sam­keit des geneckten Tieres zu erregen. „Es war üblich, dass der neckende Menschen­affe wieder­holt mit einem Körper­teil oder Gegen­stand in der Mitte des Sicht­felds des Geneckten wedelte, ihn stieß oder anstupste, ihm genau ins Gesicht starrte, seine Bewe­gungen unter­brach oder an seinen Haaren zog oder andere Verhal­tens­weisen zeigte, die für den Geneckten äußerst schwer zu igno­rieren waren“, beschreibt Erica Cart­mill, Profes­sorin an der UCLA und IU, und Letz­t­au­torin der Studie.

Lachender Orang-Utan
Das Menschen­affen Humor haben, wiesen Dr. Isabelle Laumer und ihre Kollegen nun in einer Studie nach

Obwohl spie­le­ri­sches Necken eine große Viel­falt an Verhal­tens­formen umfasste, stellen die Autoren fest, dass es sich in mehr­fa­cher Hinsicht vom bloßem Spiel abgrenzen ließ. „Das spie­le­ri­sche Necken der Menschen­affen war einseitig, ging meis­tens während der gesamten Inter­ak­tion vom neckenden Tier aus und wurde selten erwi­dert”, sagt Cart­mill. „Die Menschen­affen verwenden auch selten Spiel­si­gnale, wie das ‘Primaten-Spiel­ge­sicht’, ein Gesichts­aus­druck ähnlich dem mensch­li­chen Lächeln, oder soge­nannte ‘Halt-Gesten’ die ihre Spiel­ab­sicht signalisieren.“

Wie spie­le­ri­sches Necken bei Menschen­affen aussieht, kann man sich hier im Video anschauen.

Spie­le­ri­sches Necken kam vor allem dann vor, wenn die Affen entspannt waren, und hatte Ähnlich­keiten mit Neck-Verhal­tens­weisen beim Menschen. „Ähnlich wie das Necken bei Klein­kin­dern beinhaltet das spie­le­ri­sche Necken von Menschen­affen einsei­tige Provo­ka­tion, ein Tier neckt gezielt ein anderes, das Warten auf die Reak­tion des Geneckten, bei der der neckende Affe direkt nach dem Neck­ver­halten zum Geneckten blickt, wieder­holtes Necken und manchmal über­rascht der Neckende auch sein Ziel­ob­jekt“, erklärt Isabelle Laumer.

Die Forscher erzählen, dass Jane Goodall und andere Feld­pri­ma­to­logen bereits vor vielen Jahren ähnliche Verhal­tens­weisen bei Schim­pansen beob­achtet hatten, diese neue Studie jedoch die erste sei, die spie­le­ri­sches Necken syste­ma­tisch unter­suchte. „Aus evolu­tio­närer Sicht lässt das Vorhan­den­sein von spie­le­ri­schem Necken bei allen vier Menschen­affen und ihre Ähnlich­keiten zu spie­le­ri­schem Necken bei mensch­li­chen Babys darauf schließen, dass spie­le­ri­sches Necken und seine kogni­tiven Voraus­set­zungen bei unserem letzten gemein­samen Vorfahren vor mindes­tens 13 Millionen Jahren vorhanden gewesen sein könnten“, erklärt Isabelle Laumer. „Wir hoffen, dass unsere Studie andere Forscher dazu inspi­rieren wird, spie­le­ri­sches Necken bei anderen Arten zu unter­su­chen. Das wäre wichtig, um die Entwick­lung dieses viel­schich­tigen Verhal­tens besser zu verstehen. Wir hoffen auch, dass diese Studie das Bewusst­sein für die Gemein­sam­keiten, die wir mit unseren nächsten Verwandten teilen, und für die Bedeu­tung des Schutzes dieser vom Aussterben bedrohten Tiere schärft.“

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