Jeden Abend, und manchmal zusätzlich während des Tages, bauen Orang-Utans ein neues Schlafnest – eine stabile Konstruktion aus Ästen, Blättern und sogar „Komfortelementen“ wie einer Art Kissen. Für Jungtiere ist der Nestbau eine zentrale Fähigkeit, die sie über viele Jahre hinweg erlernen müssen. Doch wie genau findet dieses Lernen statt? Eine in der Fachzeitschrift „Communications Biology“ veröffentlichte Studie liefert nun aufschlussreiche Antworten.
Über 17 Jahre hinweg begleiteten die Forschenden 44 Sumatra-Orang-Utans einer Population, die dafür bekannt ist, temporäre soziale Gruppen zu bilden. In diesem Setting konnten sie Jungtiere und ältere Orang-Utans in immer neuen Gruppierungen gemeinsam beobachten und tausende Momente des Nestbaus dokumentieren. Sie hielten fest, wie oft Jungtiere selbst üben und wann und auf welche Weise sie ihren Müttern oder anderen Orang-Utans dabei zusehen.
Wichtige Erkenntnis: Nur wer wirklich zuschaut, lernt
Ein zentrales Element des Lernprozesses, so die Erkenntnis der Forschenden, ist das sogenannte Peering: Damit gemeint ist ein aufmerksames, fokussiertes Beobachten. Junge Orang-Utans übten den Nestbau deutlich häufiger in der Stunde, nachdem sie anderen beim Bauen zugesehen hatten. War ein Jungtier hingegen in der Nähe seiner Mutter, blickte aber nicht gezielt zu ihr hin, zeigte sich dieser Lerneffekt nicht. Das spricht klar für Beobachtungslernen und nicht für bloßes Lernen durch Nähe.
Kluge Orang-Utans: Bei schwierigen Handgriffen steigt die Aufmerksamkeit
Außerdem zeigt die Studie, dass junge Tiere sehr selektiv beobachten. Sie richten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die anspruchsvollsten Teile eines Nestes: den Bau stabiler Nacht-Nester, Konstruktionen aus mehreren Bäumen oder das Hinzufügen von Komfortdetails wie etwa einem Kissen.
Nestbau ist ein überlebenswichtiges Handwerk für Orang-Utans
Einfache Tag-Nester hingegen lösen deutlich weniger Beobachtungsverhalten aus. Offenbar wollen junge Orang-Utans besonders jene Abläufe verstehen, die aus vielen Schritten bestehen.
Die Orang-Utan-Mutter ist die erste Lehrerin
Mit zunehmendem Alter verändert sich außerdem, von wem sie lernen. Während kleine Orang-Utans fast ausschließlich ihren Müttern zuschauen, wenden sich ältere Jungtiere immer häufiger auch anderen erwachsenen Tieren oder Gleichaltrigen zu. So erweitern sie ihr Repertoire und lernen zusätzliche Techniken und Varianten.
Bemerkenswert ist zudem, dass Orang-Utans nicht nur lernen, wie man ein Nest baut, sondern auch was man dafür benutzt. Die Studie zeigt: Jungtiere wählen anfangs dieselben Baumarten wie ihre Mutter. Sobald sie unabhängiger werden und anderen Individuen zuschauen, verschiebt sich ihre Auswahl. Dann übernehmen sie die Baumarten derjenigen, die sie beobachten. Das spricht für eine soziale Weitergabe von „Know-what“-Informationen, also Wissen über geeignete Materialien.
Nestbau als kulturelle Tradition der Orang-Utans
Im Erwachsenenalter nähern sich die Tiere schließlich wieder den Baumarten an, die sie von ihren Müttern kennen. Gleichzeitig zeigt sich, dass verwandte Weibchen ähnliche Baumarten nutzen – ein Hinweis darauf, dass diese Vorlieben über Generationen weitergegeben werden und Teil einer kulturellen Tradition sein könnten.
In der BOS-Waldschule lernen die jungen Orang-Utans den Nestbau von ihren menschlichen Ersatzmüttern | Foto: BPI / Björn Vaughn
Ein spannendes Detail, das auf die hohe Intelligenz und Fähigkeit zu kognitiven Entscheidungen der Primaten hinweist: Bei der Auswahl der Bäume achten Orang-Utans darauf, dass ihre Beschaffenheit für den Nestbau geeignet ist. Dass sie also über gut formbare Zweige und komfortable Blätter verfügen und teilweise sogar pflanzliche Eigenschaften besitzen, die stechende Insekten abwehren. Dabei steht die Wahl des Baumes in keiner Relation dazu, wie häufig diese Baumart im Lebensraum vorkommt. Sie ist also eine bewusst und aufgrund von erworbenem Wissen getroffene Entscheidung.
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So versuchen sich in der BOS-Waldschule die jüngsten Waisen am Nestbau
Insgesamt belegt die Studie eindrucksvoll, dass junge Orang-Utans den Nestbau nicht bloß durch Ausprobieren lernen, sondern in hohem Maße durch gezielte Beobachtung. Dabei wählen sie aufmerksam aus, wen sie beobachten, welche Elemente sie studieren und behalten dieses Wissen ein Leben lang. Damit zeigt sich einmal mehr, wie stark Kultur und Lernen auch im Leben unserer nächsten Verwandten verankert sind.
Nur mit jahrelangem Training, viel Geduld und einem sehr guten Gedächtnis lernt ein junger Orang-Utan all die Dinge, die er zum Überleben im Regenwald braucht. Dabei ist das Wissen regional unterschiedlich und wird als kulturelles Erbe von den Müttern an ihre Kinder weitergegeben. Das konnte jetzt eine Studie zeigen.
Orang-Utans gehören zu den intelligentesten und lernfähigsten Tieren der Welt. Sie sind sogar in der Lage, sich Werkzeuge zur Lösung von Problemen selbst auszudenken und herzustellen. Dazu sind nur wenige Tierarten überhaupt in der Lage. Doch junge Orang-Utans lernen das überlebenswichtige Wissen um das Nahrungsangebot in ihrem Lebensraum nicht etwa durch Ausprobieren und Irrtum, sondern in einem langjährigen Ausbildungsprozess. Genaues Beobachten und Nachahmen der Mutter spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Diesen Lernprozess konnte eine Ende November 2025 erschienene Studie nun aufzeigen. Ihr zugrunde liegen Beobachtungsdaten einer wild lebenden Population von Sumatra-Orang-Utans im Gebiet Suaq Balimbing auf Sumatra, die im Zeitraum 2007 bis 2019 erhoben wurden.
Durch soziales Lernen entsteht ein kulturelles Erbe
Die Aneignung von Wissen, welche die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Studie beschreiben, beginnt bereits in den ersten Lebensmonaten. In das Fell der Mutter geklammert und dadurch stets an ihrer Seite, beobachten Orang-Utan-Babys jede Bewegung und jede Geste der Mutter.
Diese Beobachtungen werden nachgeahmt und in der Erinnerung gespeichert. Welche Pflanzen sind essbar und welche giftig? Wann werden bestimmte Früchte reif? Wie lassen sich verborgene Nahrungsquellen wie etwa Termiten oder Honig aufspüren und zugänglich machen?
Über Generationen bauen Orang-Utans regionales Wissen auf
Denn der Regenwald bietet zwar tausende von Möglichkeiten, Nahrung zu finden. Er birgt jedoch auch unzählige Gefahren. Pflanzen können giftig sein, während andere heilende Eigenschaften haben und bei Erkrankungen verwendet werden können. Manche Früchte sind nur in bestimmten Reifestadien essbar, andere Nahrungsquellen müssen mit Werkzeugen geöffnet werden.
Erst nach sechs bis acht Jahren, die das Jungtier unzertrennlich mit seiner Mutter verbracht hat, beginnt der Nachwuchs sein semi-solitäres, unabhängiges Leben im Regenwald. Die außergewöhnlich lange Kindheit eines Orang-Utans ist also entscheidend für sein späteres Leben und Überleben im Regenwald, zeigt die Studie. In dieser Zeit sammelt das Jungtier fast sein gesamtes Wissen. Zum Zeitpunkt der Abnabelung, etwa im Alter von acht Jahren, hat der halbwüchsige Orang-Utan, so die Forschenden, ein Repertoire von rund 250 verschiedenen Nahrungsquellen erworben.
Beobachten und Nachahmen: so erwerben junge Orang-Utans umfangreiches Wissen. In der BOS-Waldschule lernen sie von Babysitterinnen und ihren Mitschülern
Wichtig für das Überleben und den Artenschutz
Mit ihrer in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour erschienen Studie konnten die Forscherinnen und Forscher zeigen, dass Orang-Utans über Generationen hinweg Wissen aufbauen. Damit belegten sie abermals eine große Ähnlichkeit zwischen den intelligenten Primaten und uns Menschen. Das internationale Team aus Wissenschaftlern konnten darüber hinaus nachweisen, dass unterschiedliche Orang-Utan-Populationen unterschiedliche Nahrungsquellen nutzen. Nicht aufgrund ihres Instinktes, sondern weil es regional spezifisches Wissen gibt, das diese Populationen besitzen und von Generation zu Generation weitergeben. Damit ähnelt ihre Wissensweitergabe menschlichen Kulturformen.
Das kulturelle Erbe der Orang-Utans muss geschützt werden
Für unsere Arbeit in den BOS-Rettungsstationen bedeuten die Forschungsergebnisse eine Bestätigung unserer Anstrengungen. Alle Jungtiere, die wir aufnehmen, haben ihre Mütter verloren. Sie konnten das kulturelle Wissen ihrer Art noch nicht (ausreichend) erlernen. In freier Wildbahn hätten diese Jungtiere keine Chance zu überleben.
In unseren Rettungszentren durchlaufen die Orang-Utan-Waisen daher eine langjährige Ausbildung in unserer Waldschule und später in der Walduniversität. Begleitet von erfahrenen menschlichen Ersatzmüttern sowie durch Peer-Learning von älteren Artgenossen können die Orang-Utan-Kinder dennoch ihr „kulturelle Menü“ erwerben.
Im Kontext der soeben veröffentlichen Studie bedeutet das: Wir schützen nicht nur einzelne Tiere, sondern wir schützen auch das kulturelle Erbe dieser Orang-Utan-Populationen. Wir schützen eine vom Aussterben bedrohte Art und bewahren Wissen, das über Jahrtausende erworben und weitergegeben wurde.
Gemeinsam können wir Orang-Utans eine Zukunft geben
Um die jungen Orang-Utans auf ihr selbstständiges, wildes Leben im Regenwald vorzubereiten, brauchen Rehabilitationszentren wie die von BOS auf der Insel Borneo ausreichend Zeit, erfahrene Mitarbeitende und große, geschützte Waldareale.
Eine neue Studie zeigt: Orang-Utans im Zoo erkunden ihre Umwelt intensiver und vielfältiger als ihre wilden Artgenossen.
Orang-Utans, die in Zoos leben, zeigen eine deutlich höhere Neugier im Umgang mit ihrer Umwelt als ihre Artgenossen in freier Wildbahn. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Verhaltensstudie, in der über 12.000 Beobachtungen sogenannter „explorativer Objektmanipulation“ (EOM) analysiert wurden – ein Verhalten, das eng mit Lernen, Problemlösen und kognitiver Entwicklung verbunden ist.
Vielfältiger und komplexer Umgang mit Objekten im Zoo
Insgesamt wurden 51 Sumatra-Orang-Utans im Alter zwischen sechs Monaten und 76 Jahren untersucht – 33 Tiere im indonesischen Regenwald von Suaq Balimbing und 24 in vier Zoos in Deutschland und der Schweiz. Die Zoo-Orang-Utans manipulierten häufiger, vielfältiger und mit größerer Komplexität Gegenstände in ihrer Umgebung als ihre wilden Verwandten. Besonders auffällig: Sie nutzten öfter Werkzeuge und konnten sogar mehrere Objekte gleichzeitig erkunden.
Einer der wilden Orang-Utans, der für die Studie beobachtet wurde | Foto: S. Vilela
„Unsere Studie zeigt, dass Orang-Utans im Zoo nicht nur mehr erkunden, sondern dies auch auf andere Weise tun“, erklärt Dr. Isabelle Laumer, wissenschaftliche Beraterin von BOS Deutschland und Erstautorin der Studie. „Besonders faszinierend ist, dass zoo-gehaltene Orang-Utans selbst bei der Erkundung gleicher Objekte ein breiteres Repertoire an Verhaltensweisen zeigten und häufiger Werkzeuge nutzten oder mehrere Objekte gleichzeitig manipulierten.“
Gleiche Entwicklungsschritte – aber längere Erkundungsphase im Zoo
Interessanterweise begannen Orang-Utans in beiden Umgebungen im gleichen Alter mit explorativem Verhalten. Dies weist auf eine angeborene Abfolge in der Entwicklung hin. Allerdings hörten wilde Orang-Utans oft kurz nach dem Abstillen mit intensiver Objekt-Erkundung auf. Vermutlich, weil Überlebensstrategien wie Nahrungssuche und Wachsamkeit mehr Raum einnahmen. In Zoos hingegen blieb die Neugier erhalten – auch im Erwachsenenalter.
Während wilde Orang-Utans vor allem natürliche Objekte wie Stöcke, Rinde oder Pflanzen erkundeten, stand den Tieren in Zoos eine größere Auswahl an Beschäftigungsmaterialien zur Verfügung – darunter Plastikspielzeug, Puzzle-Elemente und stapelbare Gegenstände, die speziell zur Förderung von Manipulation und kognitiver Aktivität entwickelt wurden.
In der BOS-Waldschule können die Orang-Utan-Kinder ihre Neugier ausleben
Diese Unterschiede zeigen eindrücklich, wie stark Umweltfaktoren das Verhalten beeinflussen. „Diese Ergebnisse unterstreichen, wie stark die Umwelt das Verhalten und die kognitive Entwicklung von Tieren beeinflusst“, sagt Dr. Caroline Schuppli, Seniorautorin der Studie. „Zugleich eröffnen sie einzigartige Chancen – durch den Vergleich von wilden und zoo-gehaltenen Tieren können wir das volle kognitive Potenzial einer Art besser verstehen.“ Kurz gesagt: Zoo-Tiere haben schlichtweg mehr Zeit und Energie, sich intensiv und neugierig mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.
Erkenntnisse für Forschung und Tierhaltung
Das Forschungsteam betont, dass der Vergleich zwischen wilden und in Gefangenschaft lebenden Tieren wichtige Einblicke in das kognitive Potenzial von Orang-Utans ermöglicht. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, wie stark Umweltbedingungen die Entwicklung und das Verhalten von Tieren – ähnlich wie beim Menschen – prägen können.
Biologen des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, Konstanz und der Universitas Nasional, Indonesien beobachteten einen männlichen Sumatra-Orang-Utan mit einer Gesichtsverletzung dabei, wie er die klaffende Wunde selbst mit einer Heilpflanze behandelte. Aus Pflanzenbrei stellte der Waldmensch ein medizinisch wirksames Pflaster her, mit dem er die Wunde erfolgreich versorgte. Nach wenigen Tagen war die Verletzung abgeheilt.
Minutenlang kaute der Orang-Utan namens Rakus die Blätter einer Kletterpflanze, die üblicherweise nicht auf seinem Speiseplan steht, die aber entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaften besitzt. Zunächst bestrich er die offene Wunde immer wieder mit dem beim Kauen ausgetretenen Saft der Pflanze. Zum Schluss bedeckte er die gesamte Verletzung mit dem zerkauten Pflanzenbrei.
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Das Video zeigt den Orang-Utan-Mann Rakus mit der frischen Wunde und im Laufe seiner Behandlung mit der Heilpflanze
„Seit 1994 beobachten wir wilde Sumatra-Orang-Utans am Forschungsstandort Suaq Balimbing, einem geschützten Regenwaldgebiet, das hauptsächlich aus Torfsumpfwald besteht und die Heimat von ca. 150 vom Aussterben bedrohten Sumatra-Orang-Utans ist“, berichtet Isabelle Laumer. „Bei der täglichen Beobachtung der in der Gegend lebenden Orang-Utans fiel uns auf, dass der männliche Orang-Utan Rakus eine Gesichtswunde erlitten hatte, höchstwahrscheinlich während eines Kampfes mit einem benachbarten männlichen Artgenossen.“
Schmerzstillend und fiebersenkend
Drei Tage nach der Verletzung begann Rakus die klaffende Wunde mit dem Saft und Pflanzenbrei der Lianenart Akar Kuning (Fibraurea tinctoria) zu behandeln. „Diese und verwandte Lianenarten sind für ihre schmerzstillende und fiebersenkende Wirkung bekannt und werden in der traditionellen Medizin zur Behandlung verschiedener Krankheiten wie Malaria eingesetzt“, erklärt Laumer. „Analysen pflanzlicher chemischer Verbindungen zeigen das Vorhandensein von Furanoditerpenoiden und Protoberberinalkaloiden, von denen bekannt ist, dass sie antibakterielle, entzündungshemmende, antimykotische, antioxidative und andere biologische Aktivitäten haben, die für die Wundheilung relevant sind.“
Die Beobachtungen Rakus in den folgenden Tagen zeigten keine Anzeichen einer Wundinfektion. Und nach fünf Tagen war die große Fleischwunde bereits geschlossen. „Interessanterweise ruhte Rakus auch mehr als sonst, als er verletzt war. Schlaf wirkt sich positiv auf die Wundheilung aus, da die Freisetzung von Wachstumshormonen, die Proteinsynthese und die Zellteilung im Schlaf gesteigert ist“, berichtet die Wissenschaftlerin.
War das Zufall oder Absicht?
Die Frage ist nun, war das Verhalten des Orang-Utans beabsichtigt oder doch nur reiner Zufall? „Das Verhalten von Rakus schien absichtlich zu sein, da er selektiv seine Gesichtswunde an seinem rechten Backenwulst mit dem Pflanzensaft behandelte und keine anderen Körperteile“, erläutert Isabelle Laumer und ergänzt: „Das Verhalten wurde mehrmals wiederholt, und dabei nicht nur der Pflanzensaft, sondern später auch das zerkaute Pflanzenmaterial aufgetragen, bis die Wunde vollständig bedeckt war und der gesamte Vorgang nahm eine beträchtliche Zeit in Anspruch.“
Für die Forscherinnen und Forscher liefert ihre Studie nicht nur neue Einblicke in das Selbstmedikationsverhalten bei unseren nächsten Verwandten, sondern auch in die evolutionären Ursprünge der Wundmedikation. „Die Behandlung menschlicher Wunden wurde höchstwahrscheinlich erstmals in einem medizinischen Manuskript aus dem Jahr 2200 v. Chr. erwähnt, das das Reinigen, Pflastern und Verbinden von Wunden mit bestimmten Wundpflegemitteln umfasste“, sagt die ebenfalls an der Studie beteiligte Verhaltensbiologin Dr. Caroline Schuppli. „Da Formen der aktiven Wundbehandlung nicht nur beim Menschen, sondern auch bei afrikanischen und asiatischen Menschenaffen vorkommen, ist es möglich, dass es einen gemeinsamen zugrunde liegenden Mechanismus für die Erkennung und Anwendung von Substanzen mit medizinischen oder funktionellen Eigenschaften auf Wunden gibt und dass unser letzter gemeinsamer Vorfahre bereits ähnliche Formen des Wundpflegeverhaltens zeigte.“
Bereits im Alter von acht Monaten beginnen Menschenbabys spielerisch andere zu necken. Da für dieses Verhalten keine Sprache erforderlich ist, ist es naheliegend, dass ähnliche Formen des spielerischen Neckens möglicherweise auch im Tierreich zu finden sind. Jetzt haben Kognitionsbiologen und Primatologen spielerisches Necken bei allen vier Menschenaffenarten dokumentiert.
Ähnlich wie scherzendes Verhalten beim Menschen ist das Necken von Menschenaffen provokativ, beharrlich und von überraschenden und spielerischen Elementen gekennzeichnet. Da alle vier Menschenaffenarten spielerisches Necken zeigen, ist es wahrscheinlich, dass sich die Voraussetzungen für Humor vor mindestens 13 Millionen Jahren in der menschlichen Abstammungslinie entwickelt haben.
Mit Mutti kann man es ja machen… Junger Orang-Utan neckt seine Mutter
Zu scherzen ist ein wichtiger Teil menschlicher Interaktionen. Scherzen erfordert soziale Intelligenz, die Fähigkeit zukünftige Handlungen vorherzusehen, und die Fähigkeit die Verletzung der Erwartungen anderer zu erkennen und zu würdigen. Necken hat viel mit Scherzen gemeinsam und spielerisches Necken kann als kognitiver Vorläufer des Scherzens angesehen werden. Die ersten Formen des spielerischen Neckens beim Menschen sind bereits im Alter von acht Monaten zu beobachten, noch bevor Babys ihre ersten Worte sagen. Kleinkinder necken ihre Eltern, indem sie spielerisch und wiederholt Gegenstände anbieten und dann überraschend zurückziehen, gegen soziale Regeln verstoßen (sogenannte provokative Nichteinhaltung) und die Aktivitäten anderer stören.
Necken, spielen, provozieren
In einer kürzlich im Fachjournal ‘Proceedings of the Royal Society B’ veröffentlichten Studie konnten Wissenschaftler der University of California Los Angeles (UCLA), des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie (MPI-AB), der Indiana University (IU) und der University of California San Diego – darunter Dr. Isabelle Laumer, die BOS Deutschland seit vielen Jahren wissenschaftlich begleitet – spielerisches Necken bei den vier Menschenaffenarten nachweisen. „Menschenaffen sind hervorragende Kandidaten, um spielerisches Necken zu studieren, da sie eng mit uns verwandt sind, sich an sozialen Spielen beteiligen, lachen und ein relativ ausgeprägtes Verständnis über die Erwartungen anderer aufweisen“, erklärt Isabelle Laumer, Postdoktorandin (UCLA/MPI-AB) und Erstautorin der Studie.
In der BOS-Waldschule haben es einige Orang-Utan-Waisen faustdick hinter den Ohren
Das Team analysierte spontane soziale Interaktionen von Orang-Utans, Schimpansen, Bonobos und Gorillas, die spielerisch, leicht belästigend oder provokativ wirkten. Dabei konzentrierten sie sich auf die Handlungen, Körperbewegungen und die Gesichtsausdrücke der Menschenaffen, sowohl auf die Verhaltensreaktionen der geneckten Tiere. Sie beurteilten auch die Absicht des Neckenden, indem sie nach Beweisen dafür suchten, dass das Verhalten auf ein bestimmtes Tier gerichtet war, dass es anhielt oder sich verstärkte und dass der Neckende auf eine Reaktion des Geneckten wartete.
Schwer zu ignorieren
Die Forscher fanden heraus, dass alle vier Menschenaffenarten bewusst provokatives Verhalten zeigten, das häufig von spielerischen Elementen begleitet war. Sie identifizierte 18 unterschiedliche Neck-Verhaltensweisen. Viele dieser Verhaltensweisen schienen darauf abzuzielen, eine Reaktion hervorzurufen oder zumindest die Aufmerksamkeit des geneckten Tieres zu erregen. „Es war üblich, dass der neckende Menschenaffe wiederholt mit einem Körperteil oder Gegenstand in der Mitte des Sichtfelds des Geneckten wedelte, ihn stieß oder anstupste, ihm genau ins Gesicht starrte, seine Bewegungen unterbrach oder an seinen Haaren zog oder andere Verhaltensweisen zeigte, die für den Geneckten äußerst schwer zu ignorieren waren“, beschreibt Erica Cartmill, Professorin an der UCLA und IU, und Letztautorin der Studie.
Das Menschenaffen Humor haben, wiesen Dr. Isabelle Laumer und ihre Kollegen nun in einer Studie nach
Obwohl spielerisches Necken eine große Vielfalt an Verhaltensformen umfasste, stellen die Autoren fest, dass es sich in mehrfacher Hinsicht vom bloßem Spiel abgrenzen ließ. „Das spielerische Necken der Menschenaffen war einseitig, ging meistens während der gesamten Interaktion vom neckenden Tier aus und wurde selten erwidert”, sagt Cartmill. „Die Menschenaffen verwenden auch selten Spielsignale, wie das ‘Primaten-Spielgesicht’, ein Gesichtsausdruck ähnlich dem menschlichen Lächeln, oder sogenannte ‘Halt-Gesten’ die ihre Spielabsicht signalisieren.“
Spielerisches Necken kam vor allem dann vor, wenn die Affen entspannt waren, und hatte Ähnlichkeiten mit Neck-Verhaltensweisen beim Menschen. „Ähnlich wie das Necken bei Kleinkindern beinhaltet das spielerische Necken von Menschenaffen einseitige Provokation, ein Tier neckt gezielt ein anderes, das Warten auf die Reaktion des Geneckten, bei der der neckende Affe direkt nach dem Neckverhalten zum Geneckten blickt, wiederholtes Necken und manchmal überrascht der Neckende auch sein Zielobjekt“, erklärt Isabelle Laumer.
Die Forscher erzählen, dass Jane Goodall und andere Feldprimatologen bereits vor vielen Jahren ähnliche Verhaltensweisen bei Schimpansen beobachtet hatten, diese neue Studie jedoch die erste sei, die spielerisches Necken systematisch untersuchte. „Aus evolutionärer Sicht lässt das Vorhandensein von spielerischem Necken bei allen vier Menschenaffen und ihre Ähnlichkeiten zu spielerischem Necken bei menschlichen Babys darauf schließen, dass spielerisches Necken und seine kognitiven Voraussetzungen bei unserem letzten gemeinsamen Vorfahren vor mindestens 13 Millionen Jahren vorhanden gewesen sein könnten“, erklärt Isabelle Laumer. „Wir hoffen, dass unsere Studie andere Forscher dazu inspirieren wird, spielerisches Necken bei anderen Arten zu untersuchen. Das wäre wichtig, um die Entwicklung dieses vielschichtigen Verhaltens besser zu verstehen. Wir hoffen auch, dass diese Studie das Bewusstsein für die Gemeinsamkeiten, die wir mit unseren nächsten Verwandten teilen, und für die Bedeutung des Schutzes dieser vom Aussterben bedrohten Tiere schärft.“
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