Erinnern Sie sich an die Geschichte von Sally und ihrem kleinen pelzigen Freund? Diese einfache Geschichte öffnet tatsächlich ein weiteres Fenster zu unserem Verständnis des Sozialverhaltens von Orang-Utans. Denn obwohl Orang-Utans ein Leben als semi-solitäre Primaten führen, besitzen sie dennoch das Bedürfnis nach sozialen Interaktionen – und auch die Fähigkeiten dazu. Und zwar nicht nur mit ihrer eigenen Art, sondern auch mit anderen Spezies.
Orang-Utans und ihre anpassungsfähige Sozialkompetenz
Die meisten Primatenarten sind äußerst sozial. Orang-Utans unterscheiden sich dadurch in gewisser Weise, da sie ein überwiegend semi-solitäres Leben führen. Diese Eigenschaft zeigt sich am deutlichsten bei erwachsenen Männchen: Sie haben üblicherweise große Streifgebiete und verbringen einen Großteil ihrer Zeit alleine. Im Gegensatz dazu sind Weibchen und Jungtiere immer noch häufig in soziale Interaktionen verwickelt. Sie spielen, lernen oder beobachten das Verhalten anderer Individuen in ihrer Umgebung.
Orang-Utan Winey auf der Vorauswilderungsinsel
Dieses angeborene Verhalten verschwindet auch dann nicht, wenn sich Orang-Utans in Rehabilitationszentren befinden.
Besonders spannend daran ist, dass sich die sozialen Interaktionen nicht nur auf Artgenossen beschränken. Bei mehreren Gelegenheiten wurden Orang-Utans auch dabei beobachtet, wie sie mit anderen Arten interagierten. Ein solches Beispiel ist die Interaktion zwischen Koko und Winey mit Langschwanzmakaken (Macaca fascicularis) auf der Vorauswilderungsinsel Badak Kecil.
Orang-Utan Koko teilt sein Essen mit einem LangschwanzmakakenOrang-Utan Winey auf der Vorauswilderungsinsel Badak Kecil
Von Koko und Winey über artübergreifende Interaktion lernen
Während Orang-Utan-Dame Koko auf der Insel Badak Kecil Früchte an der Fütterungsplattform fraß, beobachten die BOS Ranger, wie sie ihre Snacks mit einem Langschwanzmakaken teilte. Und nicht nur das: Koko zeigte faszinierende Verhaltensweisen wie etwa das Eintauchen und Abreiben von Früchten wie Melonen und Bananen in den Fluss vor dem Verzehr, als ob sie die Früchte waschen wollte.
Die Anwesenheit des Makaken in ihrer Nähe schien Koko nicht zu stören. Das Orang-Utan-Weibchen bediente sich am Zusatzfutter der Fütterungsplattform, nahm jedoch nur so viel, wie sie tatsächlich benötigte. Den Rest überließ sie bereitwillig dem Makaken.
Gemeinsames Spiel und geteiltes Futter
Zu einem anderen Zeitpunkt wurde auch Winey dabei beobachtet, wie sie mit Langschwanzmakaken auf der Insel Badak Kecil “feierte”. Winey und die Makaken wurden dabei beobachtet, wie sie aktiv gemeinsam von einem Baum zum nächsten schwangen.
Zuvor war Winey bereits während ihrer Zeit in der BOS-Waldschule von Nyaru Menteng bei Interaktionen mit Langschwanzmakaken beobachtet worden. Obwohl sie dafür bekannt ist, gegenüber anderen Orang-Utans sehr wachsam zu sein, zeigte sich Winey tolerant gegenüber der anderen Primatenart und die Interaktion blieb ohne Konflikte.
Warum sind diese sozialen Interaktionen für Orang-Utans wichtig?
Soziale Interaktion spielt eine entscheidende Rolle im Lernprozess von Orang-Utans. Durch Beobachtung und Nachahmung lernen die Tiere adaptive Verhaltensweisen zu erkennen, die für das Überleben wesentlich sind, wie etwa das Auswählen und Suchen von Nahrung, das Identifizieren potenzieller Bedrohungen und das Interpretieren ihrer Umgebung.
Interaktionen, einschließlich solcher mit anderen Arten, tragen auch zur Entwicklung kognitiver und emotionaler Fähigkeiten bei, wie etwa Toleranz, Emotionsregulation und die Fähigkeit, soziale Grenzen zu verstehen.
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Darüber hinaus dienen frühe soziale Interaktionen als natürliche Simulation der Komplexität von Waldökosystemen. In freier Wildbahn teilen Orang-Utans ihren Lebensraum mit vielen anderen Arten, was die Fähigkeit, sich an die Anwesenheit anderer Tiere anzupassen, zu einem wichtigen Teil ihrer Vorbereitung auf das Leben im Wald macht.
Orang-Utans, die flexible und kontextgerechte soziale Interaktionen zeigen, spiegeln eine Verhaltensentwicklung hin zur Unabhängigkeit wider. Dieser ist ein wichtiger Indikator dafür, dass ein Individuum zunehmend bereit für die Auswilderung und ein eigenständiges Leben in seinem natürlichen Habitat.
Soziale Interaktion als Teil eines langen Anpassungsprozesses
Die Geschichten von Koko, Winey, Sally und ihren speziellen Interaktionen mit anderen Arten zeigen, dass Rehabilitationszentren nicht nur Orte für die physische Erholung sind, sondern auch lebenswichtige Räume für soziales Lernen. Artübergreifende Interaktionen sind Teil des natürlichen Prozesses zur Formung des Verhaltens von Orang-Utans, bevor sie in ihre natürlichen Lebensräume zurückkehren.
Durch die kontinuierliche Beobachtung und das Verständnis dieser Verhaltensweisen werden wir daran erinnert, dass es beim Schutz von Orang-Utans nicht nur darum geht, Individuen zu retten. Ebenso wichtig ist es sicherzustellen, dass sie mit den notwendigen Verhaltenskompetenzen ausgestattet sind, um als Teil eines vollständigen und funktionierenden Waldökosystems zu leben.
Genau wie Menschen durchlaufen Orang-Utans verschiedene Lebensphasen: von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenalter. Das Erwachsenwerden kann bis zu acht Jahre dauern. Wie bei Menschen ist auch bei Orang-Utans jede Phase durch besondere Verhaltensmerkmale geprägt. Die Adoleszenz ist eine der faszinierendsten Phasen, denn die Orang-Utans beginnen hier, selbstständig zu leben – sie lösen sich allmählich von ihren Müttern und erkunden auf eigene Faust den Wald, erproben dabei ihr erlerntes Wissen.
Gestern noch ein Baby, heute ein cleverer Teenager
Indie kam im Jahr 2020 im Schutzwald von Bukit Batikap auf die Welt. Sie ist die dritte Tochter von Inung, einer Langzeit-Bewohnerin des Schutzwaldes, in den sie im November 2013 ausgewildert wurde. Indie ist außerdem die ältere Schwester von Indro, der im Sommer 2024 als erster Sohn von Inung das Licht der Welt erblickte.
Orang-Utan Indie auf Entdeckungsreise im Regenwald
Im Schutzwald von Bukit Batikap in Zentralkalimantan ist unser Post-Release-Monitoring-Team (PRM) kürzlich Inung mit ihren beiden Sprösslingen begegnet. Die Ranger schätzen ihre Tochter Indie auf mittlerweile etwa sechs Jahre. Es ist ein spannendes Alter, das den Beginn der Adoleszenz markiert. Nun beginnen die jungen Orang-Utans, ihre Unabhängigkeit zu entwickeln. Mit ihrer noch geringen Körpergröße bewegte sich Indie vor den Augen der Ranger äußerst wendig und blitzschnell von Ast zu Ast. Ihre Geschwindigkeit war dabei oft so hoch, dass das PRM-Team Mühe hatte, den jungen Orang-Utan im dichten Blätterdach zu verfolgen. Um Indies Verhalten genauer beobachten zu können, waren sie daher auf Ferngläser und Kameraausrüstung angewiesen.
Anzeichen beginnender Autonomie
Orang-Utan Indie baut ihre ersten NesterOrang-Utan Indie entfernt sich auf sicherem Abstand von ihrer Mutter
Bei den Beobachtungen wurden verschiedene natürliche Verhaltensweisen dokumentiert. So fraß Teenager Indie mit Begeisterung junge Blätter, Blüten und sogar Baumrinde. Sie bewegte sich zwischen den Bäumen fort, indem sie äußerst agil mit allen vier Gliedmaßen schwang und kletterte. Dabei zeigte sie die klassischen Baumbewohner-Fähigkeiten ihrer Art. Interessant war für das PRM-Team auch die Beobachtung, dass Indie sich getrennt von Mama Inung und Bruder Indro, wenn auch in ihrer Nähe, ein eigenes Schlafnest baute.
Teenager in freier Wildbahn
Als wild geborenes Individuum zeigt Orang-Utan-Teenager In die geradezu idealtypische Verhaltensweisen. Während ihres Aufwachsens erlebte sie keinerlei menschliche Eingriffe, sodass sie ihre Überlebensfähigkeiten instinktiv in ihrem natürlichen Lebensraum entwickeln konnte. Wie es die Natur vorgesehen hat, hat Indie all ihre Fähigkeiten direkt von ihrer Mutter Inung gelernt – durch Nachahmung und Beobachtung ihrer Umgebung. Inung jedoch ist im BOS Rettungszentrum aufgewachsen, wo sie im Alter von zwei Jahren aufgenommen wurde. Sie hat den größten Teil ihrer Fähigkeiten wie Nahrungssuche, Nestbau und Schutz vor Gefahren in der BOS Waldschule gelernt.
Orang-Utan-Mutter Inung genießt einige Minuten Ruhe
Die Beobachtung von Tieren wie Indie ist essenziell für die Orang-Utan-Forschung wie auch für die Rehabilitationsarbeit BOS Foundation. Denn der aktuelle Forschungsstand zeigt wichtige Verhaltensunterschiede zwischen wild geborenen und aufgewachsenen Orang-Utans auf der einen Seite und mutterlosen, geretteten Tieren, die in Rehabilitationszentren auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet werden, auf der anderen. Eine wichtige Aufgabe der PRM-Teams ist es, diese Unterschiede zu beobachten, zu dokumentieren und erforschen. So verbessert die BOS Foundation den Rehabilitationsprozess für verwaiste Orang-Utans in ihren beiden Rettungszentren kontinuierlich. Das Ziel: ausgewilderten Orang-Utans die bestmöglichen Überlebenschancen mit auf den Weg zu geben.
Ein Symbol der Hoffnung in einem geschützten Wald
Teenager Indie und all ihre erlernten Kompetenzen sind ein Beweis, dass Orang-Utan-Schutz trotz aller Widrigkeiten eine Erfolgsgeschichte sein kann. Sie beweist: Wenn Wälder geschützt und Lebensräume intakt bleiben, können Orang-Utans gesund heranwachsen, auf natürliche Weise lernen und eine neue Generation widerstandsfähiger wilder Tiere hervorbringen. Jede ihrer Bewegungen in den Wipfeln spiegelt eine Zukunft wider, die durch Naturschutz möglich wird. Eine Zukunft, in der Mensch und Natur im Gleichgewicht miteinander leben.
Es ist spät am Nachmittag im Bukit Batikap Schutzwald. Mit einem Langboot fährt ein Team von Post-Release Monitoring (PRM) Rangern den Joloi Fluss hinunter, zurück ins Camp. Sie haben den Tag damit verbracht, ausgewilderte Orang-Utans zu tracken und beobachten. Der Tag hat für sie vor Sonnenaufgang begonnen, für heute ist die Arbeit getan.
Doch dann entscheiden sie, vom Camp aus noch ein Stück Fluss abwärts zu fahren. Solche Entscheidungen gehören zum Alltag der BOS-Ranger. Denn wer Orang-Utans im dichten Regenwald folgt, weiß: Die wichtigsten Momente lassen sich nicht planen. Am Vortag hatten sie kurz das Signal des Senders eines ausgewilderten Orang-Utans flussabwärts empfangen, ihn jedoch wieder verloren. Nun hoffen sie auf eine erneute Begegnung.
Feldforschung im Regenwald: BOS-Ranger beobachten Orang-Utan-Mutter mit Baby
Und tatsächlich entdecken sie nach kurzer Zeit am Flussufer eine Bewegung hoch oben im Blätterdach. Sie drosseln den Bootsmotor, nehmen die Ferngläser an die Augen, suchen die Bäume am Ufer ab – und entdecken einen Orang-Utan, der sich ruhig von Ast zu Ast bewegt.
Sisi ist Mama geworden! Die Ranger nennen das Baby Sijalu
Erst auf den zweiten Blick machen die Ranger eine aufregende weitere Entdeckung: Ein Baby klammert sich in das Fell des Orang-Utans! Es ist noch sehr jung, höchstens ein Jahr alt. Und wer ist die Orang-Utan-Dame? Die Ranger gleichen die körperlichen Charakteristika des Tieres und seine Gesichtszüge mit der digitalen Kartei der ausgewilderten Tiere ab und können sie zweifelsfrei als Sisi identifizieren.
Orang-Utan-Waise wird selbst Mutter: Sisis Geschichte bei BOS Deutschland
Sisi kam im Alter von etwa zweieinhalb Jahren in das BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng, nachdem sie mutterlos in der Nähe einer Stadt in Südkalimantan, Borneo, aufgefunden worden war. Das war Ende des Jahres 2003. Im Oktober 2019, nach 16-jähriger Rehabilitation, war sie bereit für die Auswilderung im Bukit Batikap Schutzwald.
Sisi kurz vor der Auswilderung im Oktober 2019
Und allem Anschein nach hat sie sich seitdem bestens in ihr neues, freies Leben eingewöhnt. Doch wird sie auch in der Lage sein, ihre im Rettungszentrum erlernten Fähigkeiten an ihr Baby weiterzugeben – so wie es die Natur eigentlich vorgesehen hat, wie es Sisi selbst jedoch verwehrt blieb?
Post-Release Monitoring: Wie BOS Deutschland ausgewilderte Orang-Utans begleitet
Genau um diese Frage zu beantworten, beobachten die BOS-Ranger Sisi und ihr Baby, dem sie den Namen Sijalu gegeben haben, drei Tage lang. Sie sind die ganze Zeit dabei: Von Sonnenaufgang, wenn die beiden ihr Schlafnest verlassen, bis zum Sonnenuntergang, wenn Sisi für sich und ihr Kleines an einem neuen Ort ein frisches, gut gepolstertes Schlafnest baut.
Sisis Speiseplan ist vielseitig – sie hat sich bestens an ihr Leben in Freiheit gewöhnt
Die Ranger bleiben dabei auf Abstand. Sie beobachten und dokumentieren, was sie sehen, jedoch ohne zu stören. Es sind drei faszinierende Tage, die tiefe Einblicke geben in das besondere Verhältnis von Mutter und Kind.
Wie Orang-Utan-Babys im Regenwald überleben lernen
Für Sisis Baby ist die Welt noch klein. Sie besteht aus warmem Fell und sicheren Armen, der schützenden Nähe der Mutter. Doch während das Kleine aus dieser Sicherheit heraus die Welt um es herum beobachtet, beginnt bereits der wichtigste Lernprozess seines Lebens. Denn alles, was Sisi tut, ist eine Lektion für Sijalu. Welche Pflanzen sind essbar? Wann ist etwas reif? Wie erreicht man die besten Stellen im dichten Blätterdach? Auch die Ranger sehen genau hin. Wie verhält sich Sisi? Womit verbringt die Orang-Utan-Mutter den Tag? Was frisst sie? Wie groß ist die Vielfalt ihres Speiseplans? Am Joloi-Fluss findet die Orang-Utan-Mutter besonders viele Nahrungsquellen. Die Nähe zum Wasser sorgt für eine große Vielfalt an Pflanzen und diese kostet Sisi aus. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sie sich gut in freier Wildbahn zurecht findet.
Während sie in einem ruhigen Tempo durch die Baumwipfel klettert und immer wieder inne hält, um Früchte zu pflücken und zu fressen, bleibt Sijalu in das Fell der Mutter geklammert. Am ersten Beobachtungstag ist Muttermilch die einzige Nahrung, die das Baby immer wieder trinkt. Am zweiten Tag jedoch löst sich Sijalu ab und zu aus der sicheren Umarmung, um selbständige erste kleine Kletterversuche zu unternehmen. Das Jungtier ahmt dabei auch seine Mutter nach und probiert einige Bissen wilder Früchte wie Saluoi, Sangkuang und Lisum.
Ein Moment, der zeigt, was Artenschutz bewirken kann
Was hier vor den Augen des PRM-Teams geschieht, wirkt ganz ruhig und selbstverständlich. Doch was am Ende eines langen Arbeitstages als Begegnung am Joloi Fluss begann, ist mehr als nur ein schöner Moment: Es das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Es ist der Beweis dafür, dass Auswilderung funktionieren kann. Und dafür, dass ein gerettetes Individuum Hoffnung für eine weitere Generation Orang-Utans im Regenwald bedeutet.
Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Sisi und Sijalu unterstützen. Jeder Beitrag hilft.
Im geschützten Wald von Tuanan leben noch rund 2.500 wilde Orang-Utans. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Tuanan Orang-Utan Forschungsprogramms beobachten ihr Verhalten, um Erkenntnisse für den Schutz der gefährdeten Spezies sowie auch für die Rehabilitation und Auswilderung geretteter Individuen zu gewinnen. Hier berichten sie von einer aufschlussreichen Begegnung.
Eines Nachmittags im Februar war es wieder einmal so weit: Dayak tauchte ganz in der Nähe der Forschungsstation auf. Mit beeindruckender körperlicher Präsenz bewegte er sich durch die Baumwipfel. Dabei strahlte er Ruhe und Kraft aus, hangelte geschickt und trotz seiner Größe anmutig von Ast zu Ast. Dayak ist ein dominantes Männchen. Davon zeugen seine prächtigen Backenwülste und der imposante Körperbau. Und das beweist auch die große Narbe, die quer über seine Lippe führt: Sie ist bei Kämpfen mit anderen Männchen um Revier und Weibchen entstanden. Die Wissenschaftler des Tuanan-Forschungszentrumserkennen das Männchen mit der Narbe jedes Mal sofort wieder. Genauso wie seinen durchdringenden „Long Call“, mit dem er sein Revier markiert, Rivalen warnt und Weibchen anlockt, ist charakteristisch und deutlich zu erkennen.
Orang-Utans werden auch „Gärtner des Waldes“ genannt
An diesem Tag hielt sich Dayak eine lange Zeit in Sichtweite der Forschenden auf und gab ihnen reichlich Zeit, sein Verhalten zu beobachten. Sorgfältig wählte das Männchen seine Nahrung aus dem üppigen Angebot des Regenwaldes aus. Jeden Bissen aß er in Ruhe, ehe er sich zum nächsten oder übernächsten Baum weiter bewegte.
Imposante Erscheinung: das dominante Männchen Dayak im Wald von Tuanan
Orang-Utans führen ein semi-solitäres Leben im Regenwald und legen bei ihrer Futtersuche täglich weite Strecken zurück. Das macht sie zu einer Schlüsselspezies, denn sie besuchen eine Vielzahl unterschiedlicher Futterpflanzen und verteilen wiederum Samen dieser Pflanzen auf enormen Flächen. So sorgen sie für eine natürliche Regeneration des Ökosystems.
Orang-Utans sind eine Schlüsselspezies für das Ökosystem Regenwald
An diesem Beobachtungstag überraschte Dayak die Forschenden, denn er begann bereits am Nachmittag mit dem Bau seines Schlafnestes. Eigentlich hätte er noch einige Stunden Zeit gehabt bis zum Einbruch der Dämmerung – jene Zeit des Tages, zu der Orang-Utans normalerweise mit den Vorbereitungen für die Nachtruhe beginnen. Doch statt sie mit Fressen zu verbringen, baute Dayak sein Nest. Die Forschenden konnten dabei zusehen, wie er geschickt Äste, kleinere Zweige und Blätter miteinander verflocht. Stück für Stück entstand so ein Ruhekissen, auf dem der große und schwere Orang-Utan stabil und sicher liegen konnte.
Spüren Orang-Utans Wetterveränderungen?
Für die Forschenden besonders spannend, neben der frühen Uhrzeit, war das dichte Blätterdach, das Dayak oberhalb seines Nestes baute. Kurz nachdem sich der Orang-Utan in seinem bequemen Nest zur Ruhe gebettet hatte, begann es zu regnen. Könnte es sein, fragten sich die Forschenden, dass der kluge Waldbewohner den nahenden Regen gespürt und seine Nestbauaktivität danach ausgerichtet hatte? Die Beobachtungen erinnern uns wieder einmal daran, wie tief verbunden das Leben dieser majestätischen Spezies mit ihrem Lebensraum, dem Regenwald, ist. Es macht uns Artenschützer ein ums andere Mal demütig und erinnert uns an unsere wichtige Aufgabe, die letzten Orang-Utans vor dem Aussterben zu bewahren. Denn ohne diese Schlüsselspezies, ohne die „Gärtner des Waldes“ gerät das gesamte Ökosystem Regenwald in Schieflage.
Bitte helfen Sie uns dabei! Jede Spende hilft uns, die letzten ihrer Art zu schützen.
Fünf Monate lang kümmerte sich ein Dorfbewohner um den kleinen Orang-Utan-Jungen, den er beim Angeln mutterlos im Wald gefunden hatte. Jetzt hat er den kleinen Roy in unsere Hände gegeben – ins Rettungszentrum Nyaru Menteng.
Das ist Roy. Der etwa zweijährige Orang-Utan-Junge lebt seit kurzem im BOS-Rettungszentrum Nyaru Menteng. Roy liebt süßes Obst und Milch – und weil er davon in den letzten Monaten bei seinem Halter reichlich naschen durfte, hat er sich ein wenig Übergewicht angefuttert. Besonders unter seinen Achseln haben Sich deshalb kleine, drollige Fettpölsterchen gebildet.
Der Orang-Utan-Junge Roy: von Beginn an ein starker Charakter
Wie der kleine Orang-Utan mutterlos im Wald gefunden wurde?
Roy ist ein Findelkind. Ein Bewohner des Dorfes Jalan Merdeka in der Gegend von Palangka Raya entdeckte den kleinen Orang-Utan verlassen und allein im Kahayan Hulu Muroi Wald, als er dort angeln ging. Nachdem er gründlich nach der Orang-Utan-Mutter Ausschau gehalten hatte, entschloss sich der Mann, den Kleinen mit nach Hause zu nehmen und dort zu versorgen.
Doch die Wochen gingen schnell ins Land und aus einer kurzfristigen Lösung wurden fünf Monate. Währenddessen lebte das Orang-Utan-Baby bei dem Mann und wurde mit Dosenmilch und süßen Früchten gefüttert. Am 16. Januar 2026 informierte der Mann schließlich die Naturschutzbehörde von Zentral Kalimantan (BKSDA) und übergab den kleinen Orang-Utan in professionelle Hände. Kurze Zeit später konnten wir Roy in unserem Rettungszentrum willkommen heißen, wo er sich aktuell noch in der obligatorischen dreimonatigen Quarantäne befindet.
Warum soll jedes Orang-Utan-Baby möglichst schnell an die Naturschutzbehörde gemeldet werden?
Bei seiner Ankunft wurde Roy gründlich untersucht. Die gute Nachricht: Roy war gesund und in einem guten körperlichen Zustand. Mit einer Ausnahme: Der kleine Orang-Utan-Junge war übergewichtig. Leider konnte Roy die ersten Tage kaum artgerechtes Futter vertragen. Zu sehr war der Kleine schon an die gezuckerten Speisen gewöhnt. Nachdem er eine etwas saurere Frucht probiert hatte, bekam er prompt Durchfall.
Bei seiner Ankunft im BOS-Rettungszentrum wird Roy gründlich untersucht
Unsere Babysitterinnen werden Roy jetzt behutsam daran gewöhnen, neue und gesunde Nahrung zu probieren. Wie gut, dass die Ersatzmütter im Rettungszentrum genau dafür bekannt sind. Sie haben eine Engelsgeduld mit unseren Schützlingen und schenken ihnen mütterliche Wärme und Geborgenheit — sind aber auch unnachgiebig. Vor allem wenn es um die Gesundheit der Orang-Utan-Kinder geht. Das ist schließlich eines unserer Erfolgsrezepte.
Roys Schicksal zeigt uns leider zum wiederholten Mal, dass mutterlose Orang-Utan-Babys sofort der Naturschutzbehörde gemeldet werden sollten — auch wenn die findende Person es nur gut meint. Die Rettung, Fürsorge und Rehabilitation einer Orang-Utan-Waise bedarf jahrelange Erfahrung und Expertise. Und diese kann dem Tier nur in einem Rettungszentrum geboten werden. Deshalb gehört zu unserer Arbeit auch die Sensibilisierung der lokalen Gemeinden. Wir klären auf, was im Falle einer Orang-Utan-Begegnung zu tun ist.
Ein Orang-Utan-Kind, das erste Zeichen der Autonomie zeigt
Trotz des Traumas, das Roy bereits als Baby erleiden musste, zeigt er sich schon jetzt als mutiger, aktiver und bewegungsfreudiger Orang-Utan. Mit scheinbar endloser Energie hangelt er durch die Bäume im Quarantänebereich. Roy ist dabei so schnell unterwegs, dass seine Ersatzmütter ihn schon so manchmal zurückrufen mussten, damit er sich nicht zu weit entfernt. Obwohl Orang-Utan-Kinder in den ersten sechs bis acht Jahren unzertrennlich mit ihren Müttern zusammenbleiben, ist Roy bereits jetzt erstaunlich unabhängig. Während sich gleichaltrige Orang-Utan-Kinder im Rettungszentrum noch häufig an ihre Ersatzmütter kuscheln und deren Nähe suchen, mag es Roy nicht besonders, im Arm gehalten zu werden. Auch die Windel, die die Kleinen nachts im Rettungszentrum tragen, kann er nicht leiden und zieht sie sich immer wieder aus.
Bis auf sein Übergewicht geht es dem kleinen Orang-Utan-Jungen zum Glück gut
All das macht unser Team sehr zuversichtlich, dass Roy allerbeste Chancen auf ein erneutes Leben in der Freiheit des Regenwaldes hat. Bis dahin muss Roy jedoch noch viel lernen. In der Waldschule wird er bald Lektionen in Futtersuche, Nestbau und anderen überlebensnotwendigen Fähigkeiten bekommen.
Mit kleinen Schritten in die Freiheit
Bald bedeutet: Sobald die Quarantäne überstanden ist. Wir freuen uns schon darauf, Roy ein Stück seines Lebensweges zu begleiten. So lange bis er ein ausgewachsenes Orang-Utan-Männchen geworden ist, das hoffentlich dann die Regenwälder von Borneo durchstreifen kann.
Danke, dass Sie unsere Arbeit für Tiere wie Roy unterstützen. Jeder Beitrag hilft.
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