Raymond macht Randale

Raymond macht Randale

BOS rettet nicht nur verletzte und verwaiste Orang-Utans. Ein wich­tiger Teil unserer Arbeit besteht auch darin, Mensch-Tier-Konflikte zu verhin­dern. Dazu betreiben wir Bildungs­ar­beit und greifen ein, bevor ein Orang-Utan zu Schaden kommt.

So geschehen im Fall von Raymond, den wir 2016 in unserem Auswil­de­rungs­wald Kehje Sewen frei­ge­lassen haben. Er hatte in einem Dorf immer wieder für Unruhe gesorgt und war den Bewoh­nern und ihren Häusern deut­lich zu nah gekommen. Die Serie von Vorfällen hatte im August 2023 begonnen, als Raymond zusammen mit dem Orang-Utan-Weib­chen Bungan in der Gegend von Pelang­siran auftauchte. Beide waren echte Unru­he­stifter und störten den Dorffrieden.

Die beiden Orang-Utans hatten Glück

In solchen Fällen von Mensch-Tier-Konflikten kommt es leider immer wieder vor, dass die Menschen zuerst versu­chen, die Orang-Utans aus ihren Dörfern oder von ihren Feldern zu verscheu­chen. Wenn ihnen dies nicht gelingt, greifen sie oft zu dras­ti­scheren Maßnahmen, verletzen oder töten gar die Tiere. In diesem Fall jedoch wurden unsere Ranger zur Hilfe gerufen.

Fünf Männer im Regewald Borneos vor Orang-Utan-Transportbox
Die BOS-Task Force hat Erfah­rung darin, Orang-Utans sicher an einen neuen Ort zu bringen

Im September 2023 wurde zunächst Bungan einge­fangen und in die Gegend von Gunung Bagong, weit entfernt von mensch­li­chen Sied­lungen, umge­setzt. Doch obwohl man die beiden getrennt hatte, setzte Raymond seine Aktionen im Dorf fort. Nach einigen Wochen war die Geduld der Bewohner am Ende und sie baten BOS erneut um Hilfe.

Bei Mensch-Tier-Konflikten greift BOS ein

In solchen Fällen bildet unser Post-Release Moni­to­ring-Team eine Task Force, die zunächst einen Ort sucht, an den der Orang-Utan umge­sie­delt werden kann. Dann wird im betrof­fenen Dorf und im Gespräch mit den Bewoh­nern eine Stra­tegie entwi­ckelt, um den Orang-Utan einzu­fangen. Und schließ­lich wird alles vorbe­reitet, was unser Team benö­tigt, um das gefan­gene und sedierte Tier an den neuen Ort zu transportieren.

In Pelang­siran drängte die Zeit, denn die Dorf­be­wohner hatten ein für alle Mal genug von der Orang-Utan-Randale. Glück­li­cher­weise gelang es unserem Team sehr schnell, Raymond aufzu­spüren, denn er hielt sich im Garten eines Dorf­be­woh­ners, direkt hinter dessen Haus, auf.

Ein solches Verhalten ist äußerst unty­pisch für Orang-Utans. Wenn es – wie im Fall von Raymond – doch vorkommt, liegt es sehr wahr­schein­lich daran, dass dieser Orang-Utan im Kindes­alter Erfah­rungen gemacht hat, durch die er seine natür­liche Scheu vor Menschen verloren hat.

Medi­zi­ni­scher Check-Up

Der BOS-Tier­arzt sedierte Raymond und nutzte die Gele­gen­heit für einen raschen medi­zi­ni­schen Check-Up: Er über­prüfte Raymonds körper­liche Verfas­sung, hörte sein Herz und seine Atmung ab und nahm einige Proben.

Dann wurde er sicher in eine Trans­port­kiste gelegt und per Boot in die Perse­maian-Region gebracht. Zügig nach der Ankunft durfte Raymond den Käfig bereits wieder verlassen. Die Umsie­de­lungs­ak­tion war inner­halb eines Tages ohne Zwischen­fälle über die Bühne gegangen. Nun hoffen wir, dass Raymond in seinem neuen Revier gut ankommt und fernab von mensch­li­chen Kontakten ein langes und gesundes Leben führen wird. Alles Gute, Raymond!

Regen­wald­schutz ist Orang-Utan-Schutz ist Arten­schutz. Denn nur wenn wir den Lebens­raum der bedrohten Arten bewahren, können diese gerettet werden. Wir danken Ihnen für Ihr Inter­esse und Ihre Unter­stüt­zung: Jeder Beitrag hilft!

Ein bezau­bernder Blickfang

Ein bezau­bernder Blickfang

Wo auch immer sich dieser Schmet­ter­ling nieder­lässt, zieht er alle Blicke auf sich – so auch in unserem Camp Nles Mamse in unserem Auswil­de­rungs­wald Kehje Sewen. Gerade erst durfte unser Post-Release Moni­to­ring (PRM) Team ein Exem­plar aus der Pier­idae-Familie bewun­dern, das sich auf einer Kinikir Blüte (Cosmos caudatus) nieder­ge­lassen hatte.

Der Name dieses Schmet­ter­lings lautet Gemeiner Wanderer (Pare­ronia valeria). Auf Indo­ne­sisch wird er auch Kembara genannt. Eine Beson­der­heit dieser Art ist, dass sie in zwei Farben vorkommen, entspre­chend ihrem Geschlecht.

Die Flügel der Männ­chen sind von einem klaren Türkis­blau, das durch die schwarze Äderung und Einfas­sung noch auffäl­liger leuchtet. Die Weib­chen hingegen haben eine sehr viel hellere Färbung, manchmal auch ins Hell­gelb gehend. Beide besitzen weiße Flecken an den Rändern ihrer Flügel, die eine Spann­weite von 60–80 Milli­me­tern erreichen.

Der Kembara-Schmet­ter­ling kommt in den tropi­schen Regionen Asiens vor, von Indien bis Südost­asien. Ausschließ­lich auf der Insel Borneo gibt es eine Unterart namens Pare­ronia valeria lute­s­cens.

Der Klima­wandel hinter­lässt Spuren

Wir wissen nicht, wie stark diese Schmet­ter­lingsart bereits vom Aussterben bedroht ist, da die Inter­na­tio­nale Union zur Bewah­rung der Natur (IUCN) noch keine Beob­ach­tung und Einstu­fung vorge­nommen hat. Fest steht jedoch, dass sie eine wich­tige Rolle spielt als Indi­kator der Umwelt­be­din­gungen einer Region. Leider beein­träch­tigt der Klima­wandel bereits jetzt die Blüh­zeiten, was wiederum großen Einfluss hat auf das Nahrungs­an­gebot dieser zarten und doch so starken Insekten und damit auf die Größe ihrer Population.

Unser PRM-Team ist jedesmal glück­lich, wenn sich ein leuch­tend­blauer Schmet­ter­ling auf der Wald­lich­tung rund um unser Camp Nles Mamse niederlässt.

Helfen Sie uns, den Regen­wald und seine Biodi­ver­sität zu schützen! Er ist nicht nur Lebens­raum für Orang-Utans, sondern auch für viele andere Wild­tiere. Jeder Beitrag hilft!

Die Dayak: nach­haltig aus Tradition

Die Dayak: nach­haltig aus Tradition

Die Wehea Dayak und Ngaju Dayak sind indi­gene Volks­gruppen, die in Ost- bezie­hungs­weise Zentral-Kali­mantan zuhause sind und tradi­tio­nell im Einklang mit der Natur leben. Dieser nach­hal­tige Umgang mit der Umwelt wird seit Urzeiten von Gene­ra­tion zu Gene­ra­tion weiter­ge­geben und ist bis in die heutige Zeit fest in ihrer Lebens­weise verankert.

So werden in ihren Dörfern noch immer Riten und Rituale prak­ti­ziert, die spiri­tu­ellen Wesen­heiten huldigen, welche sich, dem Glauben des Volkes gemäß, in der Natur zeigen: in der Erde, Flora und Fauna.

Im Rahmen verschie­dener Programme arbeiten die BOS Foun­da­tion und RHOI mit verschie­denen Gemeinden der Dayak in Ost- und Zentral-Kali­mantan zusammen. Dabei kommt unser Team immer wieder in Berüh­rung mit ihren über­lie­ferten Tradi­tionen und Praktiken.

Der Wald als heiliger Ort und Reis als Quelle des Lebens

So betreiben die Wehea Dayak etwa Land­wirt­schaft in einem Zyklus aus Anbau und Ruhe­zeiten. Nach der Ernte dürfen die Felder einige Jahre lang brach liegen und können sich erholen, ehe sie erneut bestellt werden. Neue Anbau­flä­chen werden durch Brand­ro­dung gewonnen. Dabei gilt der Wald den Wehea Dayak jedoch nicht nur als Ressource. Er ist auch ein heiliger Ort, der durch Rituale geehrt wird, um die Harmonie zwischen Mensch und Land zu erhalten.

Reisernteritual der Dayaks
Tradi­tio­nelle Reis­ernte in einem Dorf der Wehea Dayak

Auch der Reis hat für das indi­gene Volk eine beson­dere, spiri­tu­elle Bedeu­tung. Für die Wehea Dayak ist er nicht nur Grund­nah­rungs­mittel, sondern gilt als Mittel­punkt und Quelle des Lebens. Unser Team durfte zur Reis­ernte an einem Ritual teil­nehmen, das die Reis­göttin ehrt und ihr für ihre Gaben dankt.

Die Zusam­men­ar­beit mit den Gemeinden hat eine Schlüs­sel­rolle in den Anstren­gungen von BOS und RHOI, Orang-Utans zu schützen und den Regen­wald als Lebens­raum, auch für andere Wild­tier­arten, zu erhalten. Ziel der Programme ist es, die Gemeinden darin zu unter­stützen, ihre tradi­tio­nelle Lebens­weise in die Moderne mitzunehmen.

Rituale zum Schutz vor Mensch-Wildtier-Konflikten

Der schwin­dende Lebens­raum, das Bevöl­ke­rungs­wachstum und die dadurch entste­hende Konkur­renz um Ressourcen hat zur Folge, dass die Zahl der Konflikte zwischen Menschen und Wild­tieren zunimmt – mit oftmals tödli­chem Ausgang für die betei­ligten Tiere. Im Rahmen eines Trai­nings, das die BOS Foun­da­tion gemeinsam mit der Natur­schutz­be­hörde BKSDA Zentral-Kali­mantans in zwei Dörfern der Ngaju Dayak durch­führte, erfuhr unser Team von tradi­tio­nellen Bräu­chen, die solche gewalt­samen Ausein­an­der­set­zungen verhindern.

Malaienbär
Begeg­nungen von Menschen und Wild­tieren können auch fried­lich ablaufen

So berich­teten die Einwoh­ne­rinnen und Einwohner aus Tumbang Mantuhe beispiels­weise, dass sie regel­mäßig Malai­en­bären im Wald begegnen. Zu Konflikten führt dies jedoch nicht. Grund dafür sei folgendes Ritual: Wann immer sie im Wald sind, tragen sie die Mittel­rippe der Blätter des Betel­nuss­baumes mit sich, die am Freitag zu Boden gefallen sind. Solange sie dies tun, seien sie vor den Bären geschützt.

Im Rahmen des Trai­nings wurden ergän­zende Schutz­maß­nahmen wie etwa das Mitführen einer Licht­quelle oder die Beglei­tung durch einen Hund erar­beitet. Diese Maßnahmen helfen dabei, es gar nicht erst zu poten­ziell gefähr­li­chen oder gar tödli­chen Begeg­nungen mit Malai­en­bären kommen zu lassen. Am Ende des Work­shops, an dem 52 Bäue­rinnen und Bauern sowie Mitar­bei­tende von Plan­ta­gen­firmen der Holz- und Palm­öl­wirt­schaft teil­ge­nommen hatten, gingen sowohl die Dorf­be­wohner als auch die Projekt­lei­tung mit neuen Erkennt­nissen auseinander.

Tradi­tio­nelle Fisch­teiche für ein nach­hal­tiges Einkommen

Natür­lich beein­träch­tigt die Land­ent­wick­lung auf Borneo, welche mit der Rodung des Regen­waldes für Straßen, Sied­lungen und Plan­tagen einher­geht, auch die Lebens­weise der Dayak, ganz gleich wie abge­schieden ihre Dörfer liegen mögen. Sie beweisen jedoch eine erstaun­liche Wider­stand­fä­hig­keit, indem sie ihr über­lie­fertes Wissen an die neuen Bedin­gungen anpassen.

Menschen vor Fischteich in Kalimantan
Fisch­teiche als Spei­se­kammer, zur Bewäs­se­rung der Äcker und zum Schutz vor Bränden

So betreiben die indi­genen Gemeinden Land­wirt­schaft und Jagd nur in einem Umfang, den sie für ihre eigenen Bedürf­nisse benö­tigen. Ein Beispiel hierfür ist die oben beschrie­bene Nutzung land­wirt­schaft­li­cher Flächen. Auch die Jagd erfolgt bis heute mit tradi­tio­nellen Waffen und Methoden, wodurch die Wehea Dayak nur so viele Tiere erlegen, dass ihr Bestand nicht gefährdet wird.

Die Methode der Ngaju Dayak, Fisch­teiche in natür­lich entstan­denen Regen­was­ser­tüm­peln anzu­legen und dadurch die Versor­gung der Dorf­be­wohner mit frischem Fisch zu sichern, wurde nun Teil eines BOS-Projektes in der Region Mawas.

Was wir von der Lebens­weise der Dayak lernen können

Tradi­tio­nell nutzen die Gemeinden Vertie­fungen, die während der Trocken­zeit durch klei­nere Brände entstehen und während der Regen­zeit durch den nahen Fluss mit Wasser und Leben gefüllt werden. Während des Projektes machten sich die Gemeinden ihr Wissen zunutze und legten größere Fisch­teiche von Hand an. Diese dienen nun nicht mehr nur als Vorrats­kammer für das Dorf selbst. Sie ermög­li­chen den Projekt­teil­neh­mern, mit über­zäh­ligen Fischen Handel zu betreiben. Außerdem halten die größeren Teiche auch in der Trocken­zeit noch Wasser, das für Gärten und Äcker sowie zum Löschen even­tu­eller Brände genutzt werden kann.

Die Zusam­men­ar­beit der BOS Foun­da­tion mit Gemeinden der Dayak macht eines immer wieder deut­lich: In Zeiten des Arten­ster­bens und des Klima­wan­dels ist ihre indi­gene Kultur und ihr über­lie­fertes Wissen um ein Leben im Einklang mit der Natur eine Inspi­ra­tion für unsere „moderne“ Zivilisation.

Unter­stützen Sie uns dabei, die lokalen Gemeinden zu stärken und ihr Wissen zu bewahren: Jeder Beitrag hilft!

Honig von wilden tropi­schen Bienen

Honig von wilden tropi­schen Bienen

Natür­lich süß und geschmack­lich unglaub­lich viel­fältig: Es gibt wohl kaum jemanden, der Honig nicht liebt. Vor Begeg­nungen mit Bienen jedoch haben die meisten Menschen Respekt – das gilt auch für unsere Ranger.

Das Post-Release Moni­to­ring Team im Camp Nles Mamse in Kehje Sewen hat summende Nach­barn bekommen. Plötz­lich waren sie da. Schwirrten hier und dort an unseren Rangern vorbei, die im Camp ihrem Tage­werk nach­gehen. Verirrten sich sogar Mal ins stille Örtchen. Und leider passierte es auch mehr als einmal, dass jemand aus dem Team gesto­chen wurde.

Wer schon Mal einen Bienen­stich hatte, weiß, wie schmerz­haft das sein kann und wie dick der gesto­chene Körper­teil anschwillt. Ganz beson­ders in der tropi­schen Hitze des Regen­waldes von Borneo.

Bienen­völker in der Nähe unseres Post-Release Moni­to­ring Camps

Unser PRM-Team fasste daher einen Plan: Der Bienen­stock sollte aufge­stö­bert und umge­sie­delt werden. Und viel­leicht, sinnierten die Ranger, könnte bei der Gele­gen­heit sogar etwas Honig geerntet werden.

Wie groß war die Über­ra­schung, als unser Team nicht nur einen, sondern gleich mehrere, noch dazu sehr große, Bienen­stöcke in den Bäumen gleich hinter dem Camp entdeckten. Einige von ihnen befanden sich in den Baum­wip­feln, rund 30 Meter über dem Boden. Unmög­lich für unsere Ranger, dort hinaufzugelangen.

Andere jedoch waren in Reich­weite. Und so machte sich das Team daran, die Bienen­völker an einen Ort umzu­sie­deln, der sich weiter weg vom Camp befindet, um die tägli­chen Begeg­nungen und die Gefahr weiterer Bienen­stiche zu reduzieren.

Dabei konnte tatsäch­lich auch Honig geerntet werden — tropi­scher Wildblütenhonig!

Natur­be­las­sener Honig schmeckt intensiv nach den Blüten­pollen und dem Nektar, die die Bienen dafür gesam­melt haben. Er wird in Indo­ne­sien gerne als natür­liche Süße verwendet. Jedoch nicht nur: Die wert­vollen Eigen­schaften der unzäh­ligen Wild­blüten, welche von den Bienen im Regen­wald gesam­melt werden, finden sich auch im Honig wieder. Und so kommt er auch in der tradi­tio­nellen Medizin zum Einsatz.

Wer schon einmal in einem tropi­schen Regen­wald war, kann sich viel­leicht vorstellen, wie wohl Honig schmeckt, der in solch einem Biodi­ver­si­täts­hot­spot gesam­melt wurde. Unsere Ranger, die in der Region aufge­wachsen sind, wissen natür­lich um diese Deli­ka­tesse. Und ließen sich die Chance nicht entgehen, beim Umsie­deln der Bienen­völker auch etwas Honig zu ernten. Was für ein Genuss!

Schützen auch Sie den Regen­wald und seine Biodi­ver­sität, indem Sie unsere Arbeit unter­stützen: Jeder Beitrag hilft!

Orang-Utans verwenden Pflaster

Orang-Utans verwenden Pflaster

Biologen des Max-Planck-Insti­tuts für Verhal­tens­bio­logie, Konstanz und der Univer­sitas Nasional, Indo­ne­sien beob­ach­teten einen männ­li­chen Sumatra-Orang-Utan mit einer Gesichts­ver­let­zung dabei, wie er die klaf­fende Wunde selbst mit einer Heil­pflanze behan­delte. Aus Pflan­zen­brei stellte der Wald­mensch ein medi­zi­nisch wirk­sames Pflaster her, mit dem er die Wunde erfolg­reich versorgte. Nach wenigen Tagen war die Verlet­zung abgeheilt.

Minu­ten­lang kaute der Orang-Utan namens Rakus die Blätter einer Klet­ter­pflanze, die übli­cher­weise nicht auf seinem Spei­se­plan steht, die aber entzün­dungs­hem­mende und schmerz­lin­dernde Eigen­schaften besitzt. Zunächst bestrich er die offene Wunde immer wieder mit dem beim Kauen ausge­tre­tenen Saft der Pflanze. Zum Schluss bedeckte er die gesamte Verlet­zung mit dem zerkauten Pflanzenbrei.

Heil­kunde bei Menschenaffen

Schon länger bekannt ist, dass Menschen­affen bestimmte Pflanzen zur Behand­lung von Para­si­ten­in­fek­tionen verzehren und Pflan­zen­ma­te­rial auf ihre Haut reiben, um Muskel­schmerzen zu lindern. In der jetzt in der Fach­zeit­schrift „Scien­tific Reports“ veröf­fent­lichten Studie konnten die Forsche­rinnen und Forscher – darunter Dr. Isabelle Laumer, die BOS Deutsch­land seit vielen Jahren wissen­schaft­lich begleitet – erst­mals eine aktive Wund­be­hand­lung mit einer biolo­gisch aktiven Substanz bei einem wilden Tier dokumentieren.

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Mehr Infor­ma­tionen
Das Video zeigt den Orang-Utan-Mann Rakus mit der frischen Wunde und im Laufe seiner Behand­lung mit der Heilpflanze

„Seit 1994 beob­achten wir wilde Sumatra-Orang-Utans am Forschungs­standort Suaq Balim­bing, einem geschützten Regen­wald­ge­biet, das haupt­säch­lich aus Torf­sumpf­wald besteht und die Heimat von ca. 150 vom Aussterben bedrohten Sumatra-Orang-Utans ist“, berichtet Isabelle Laumer. „Bei der tägli­chen Beob­ach­tung der in der Gegend lebenden Orang-Utans fiel uns auf, dass der männ­liche Orang-Utan Rakus eine Gesichts­wunde erlitten hatte, höchst­wahr­schein­lich während eines Kampfes mit einem benach­barten männ­li­chen Artgenossen.“

Schmerz­stil­lend und fiebersenkend

Drei Tage nach der Verlet­zung begann Rakus die klaf­fende Wunde mit dem Saft und Pflan­zen­brei der Lianenart Akar Kuning (Fibraurea tinc­toria) zu behan­deln. „Diese und verwandte Lianen­arten sind für ihre schmerz­stil­lende und fieber­sen­kende Wirkung bekannt und werden in der tradi­tio­nellen Medizin zur Behand­lung verschie­dener Krank­heiten wie Malaria einge­setzt“, erklärt Laumer. „Analysen pflanz­li­cher chemi­scher Verbin­dungen zeigen das Vorhan­den­sein von Furano­di­ter­pen­o­iden und Protober­be­ri­nal­ka­lo­iden, von denen bekannt ist, dass sie anti­bak­te­ri­elle, entzün­dungs­hem­mende, anti­my­ko­ti­sche, anti­oxi­da­tive und andere biolo­gi­sche Akti­vi­täten haben, die für die Wund­hei­lung rele­vant sind.“

Männlicher Sumatra Orang-Utan frisst Blätter zur Behandlung einer Wunde
Einen Tag nachdem Rakus sich das Pflaster aus Pflan­zen­brei aufge­tragen hat, verspeist er auch Blätter der Heil­pflanze © Saidi Agam / Suaq-Project

Die Beob­ach­tungen Rakus in den folgenden Tagen zeigten keine Anzei­chen einer Wund­in­fek­tion. Und nach fünf Tagen war die große Fleisch­wunde bereits geschlossen. „Inter­es­san­ter­weise ruhte Rakus auch mehr als sonst, als er verletzt war. Schlaf wirkt sich positiv auf die Wund­hei­lung aus, da die Frei­set­zung von Wachs­tums­hor­monen, die Prote­in­syn­these und die Zell­tei­lung im Schlaf gestei­gert ist“, berichtet die Wissenschaftlerin.

War das Zufall oder Absicht?

Die Frage ist nun, war das Verhalten des Orang-Utans beab­sich­tigt oder doch nur reiner Zufall? „Das Verhalten von Rakus schien absicht­lich zu sein, da er selektiv seine Gesichts­wunde an seinem rechten Backen­wulst mit dem Pflan­zen­saft behan­delte und keine anderen Körper­teile“, erläu­tert Isabelle Laumer und ergänzt: „Das Verhalten wurde mehr­mals wieder­holt, und dabei nicht nur der Pflan­zen­saft, sondern später auch das zerkaute Pflan­zen­ma­te­rial aufge­tragen, bis die Wunde voll­ständig bedeckt war und der gesamte Vorgang nahm eine beträcht­liche Zeit in Anspruch.“

Männlicher Sumatra Orang-Utan mit verheilter Gesichtswunde
Zwei Monate später ist von der Verlet­zung kaum noch etwas zu erkennen © Safruddin / Suaq-Project

Für die Forsche­rinnen und Forscher liefert ihre Studie nicht nur neue Einblicke in das Selbst­me­di­ka­ti­ons­ver­halten bei unseren nächsten Verwandten, sondern auch in die evolu­tio­nären Ursprünge der Wund­me­di­ka­tion. „Die Behand­lung mensch­li­cher Wunden wurde höchst­wahr­schein­lich erst­mals in einem medi­zi­ni­schen Manu­skript aus dem Jahr 2200 v. Chr. erwähnt, das das Reinigen, Pflas­tern und Verbinden von Wunden mit bestimmten Wund­pfle­ge­mit­teln umfasste“, sagt die eben­falls an der Studie betei­ligte Verhal­tens­bio­login Dr. Caro­line Schuppli. „Da Formen der aktiven Wund­be­hand­lung nicht nur beim Menschen, sondern auch bei afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Menschen­affen vorkommen, ist es möglich, dass es einen gemein­samen zugrunde liegenden Mecha­nismus für die Erken­nung und Anwen­dung von Substanzen mit medi­zi­ni­schen oder funk­tio­nellen Eigen­schaften auf Wunden gibt und dass unser letzter gemein­samer Vorfahre bereits ähnliche Formen des Wund­pfle­ge­ver­hal­tens zeigte.“

Weil sie unsere nächsten Verwandten sind. Bitte helfen auch Sie den vom Aussterben bedrohten Orang-Utans.